GWerner Zeitung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
75. Mittwoch, den 18. September 1901. 52. Jahrgang.
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9^PT <>tit|> nnkrhrrsfinnn tn ^^ Zustellung unserer Zeitung durch die Post beim bevorstehenden Quartalswechsel vermelden will, der wolle dieselbe 4VII lUll MlUlimlllly so bald wie möglich bei dem betreffenden Postamte bestellen. Nur diejenigen auswärtigen Postabonnenten, welche bis spätestens 28. September unsere Zeitung wieder bestellt haben, können verlangen, daß ihnen unsere Zeitung vom 1. Oktober ab pünktlich von der Post geliefert wird. Wer später bestellt, muß nach den amtlichen Bestimmungc i für Nachlieferung der ersten Nummern des neuen Quartals eine besondere Gebühr von 10 Pfg bezahlen. — Jede Postanstalt und jeder Landbriefträger ist verpflichtet, Abonnements-Bestellungen anzunehmen.
Zu recht zahlreichen Bestellungen auf das mit 1. Oktober 1901 beginnende neue Vierteljahr ladet freundlichst ein
die Expedition der „Schlüchterner Zeitung".
Deutsches Reich.
Danzig, 14. Sept. Der Kaiser ist am Vormittag nach 10 Uhr hier eingetroffen. Er nahm am Artushof den Ehrentrunk der Stadt Danzig entgegen und führte, nachdem er auf die Ansprache des Oberbürgermeisters erwidert hatte, die Leibhusaren in die Kaserne zu Lang- fuhr, wo im Casino das Frühstück eingenommen wurde. Die Ansprache des Oberbürgermeisters bei Darbietung des Ehrentrunkes beantwortend sagte der Kaiser: „Ich komme soeben von der hochbedeutsamen Begegnung mit meinen Freunde, dem Kaiser von Rußland, welche zu Unser beider vollsten Zufriedenheit verlaufen ist, und durch welche hinwiederum die Ueberzeugung unerschütterlich befestigt wird, daß für lange Zeiten der europäische sieben für die Völker erhalten bleibt. Dieses Faktum macht auch mir das Herz leichter, wenn ich in dir Mauern dieser alten, schönen Handelsstadt einziehe." Der Kaiser drückte seine Freude aus, daß es ihm nach hartem Stoße gelungen sei, die Schwierigkeiten zu üderwinden, welche namentlich der Finanzirung Wegei der Fortentwickelung Danzigs entgegenstanden, und versprach die Fortdauer des Interesses, hinzusetzend: „Sie werden mich lange genug kennen, um zu wissen, wenn ich mir etwas vorgenommen habe, so führe ich es auch bind)!Der Kaiser trank auf das Wohl der Stadt Danzig (Brausende Hochrufe.)
— Gegen den Anarchismus. Wie die „Köln Ztg. meldet, sind von jetzt ab alle anarchistischen Versammlungen in Deutschland verboten, ferner sollen alle Anarchisten-Klubs aufgehoben werden. Das anarchistische Organ in Berlin hat bis auf weiteres sein Erscheinen eingestellt. — Haussuchungen wegen anarchistischer Verbindung haben in letzter Z it auch in den westfälischen Jndustrieorten Gelsenkirchen, Schalke und Wanne statt- gefunden.
— Zur wirthschaftlichen Krisis. Auch im bergischen Judustriebezirk läßt sich nach Mittheilungen aus Rem- icheid ein allgemeiner wirthschaftlicher Niedergang in Ertgesetzt steigendem Grad wahrnehmen. In den letzten Tagen sind mehrere Firmen, darunter ein Großbetrieb, in Zahlungsschwierigkeiten gerathen. Die Zahl der Fabriken, die Arbeiterentlassnngcn vornehmen, mehrt sich fortgesetzt. Einige Werke ließen zehn vom Hundert Lohnverminderungen eintreten. Weitere Herabsetzungen iollen folgen.
Aus Sachsen. Die arme Reichsbank. Die Reichs- öa»k hatte sich, wie wir in der „Deutschen Tageszeitung"
für ihre Nebenstelle in der Stadt Doebeln im Königreich Svchsen Befreiung von den städtischen Steuern Asbedungen. Daraufhin erklärte die Kreishauptmann- Mft Leipzig, daß das Eingehen solcher Bedingung nicht isietzlich sei, und das Ministerium hatte verfügt, es Der "Echte ebenfalls keine genügende Veranlaffung zur Dis- ^nsation von dem betreffenden Paragraphen der Städte- «rdnung zu entdecken. Die Rcichsbankyauptstelle in ^pzig erwiderte darauf, daß das ihr von der Stadt Mein gemachte Zugeständniß durch die Entscheidung ^Ministeriums nicht berührt werde. Der Rath möge Mel und Wege finden, um, wenn auch indirekt, den W erworbenen Ansprüchen der Reichsbank zu genügen.
der Stadtverordneten-Versammlung zu Doebeln er- die Weigerung großen Unwillen; es wurde erklärt, st. sei unverständlich, wie ein Institut, daß den Aktio- Men H Prozent Dividende abwerfe, darauf bestehen P^, eine Vergünstigung zu verlangen, die gesetzlich "»zulässig sei. Der vom Stadtrath eingegangene Vertrag »slpreche nicht dem Gesetze, infolgedessen sei er nichtig. ^ Versammlung beschloß, den Räch anzuweisen, den Spruch der Reichsbank abzulehnen. So die „Deutsche ^Seszestung", der wir die volle Verantwortung über
Angaben überlassen müssen. Das agrarische Blatt wartet eine Debatte im Reichstage über die von ihm chttheilte Angelegenheit um t tt‘ Eine feine Familie. Die Bonner Polizei Mute gestern den 48jährigen Heizer Freiwald aus
Ohligs sowie dessen beide Schwestern. Zu den letzteren hat Freiwald, welcher verheiratet ist und dessen Frau in Bonn wohnt, 20 Jahre hindurch in unerlaubtem Verkehr gestanden. Aus diesem Umgänge sind 12 Kinder hervorgegangen, von welchen jedoch nur eins am Leben ist. Die übrigen 11 starben alle kurz nach der Geburt. Einem Gerücht zufolge wären diese Kinder auf gewaltsame Weise ums Leben gebracht worden und zwar durch Eintreiben von Nadeln in die Schädeldecke. Die Verhafteten sind in Amerika geboren. Der Vater ist Deutscher, während die Mutter eine Negerin ist. Freiwald hat unzählige Male seine Wohnung gewechselt, da sein Lebenswandel des Oefteren Anstoß erregte. Die beiden Schwestern wohnten, als sie verhaftet wurden, in Beul.
Bad Nauheim, 11. Sept. Ein hier vorgekommener Doppel-Selbstmord hat heute unsere Stadt in nicht geringe Aufregung versetzt. Ein Liebespärchen ertränkte sich in der letzten Nacht gegen Morgen im Großen Teich und wurde heute früh zwischen 9 und 10 Uhr durch die Polizei geländet. Das Mädchen heißt Elise Stark aus Ockstadt und ist erst 16 Jahre alt, der junge Mann ist der 24jährige Heinrich Steuernagel von hier. Dem Selbstmord dürfte ein Kampf voraus- gegangen sein, denn man fand den Boden am Ufer, sowie den Platz vor einer nahen Bank zerstampft. Neben der Bank lagen zwei Briefe, in dem offenen sagte der Selbstmörder, sie dürften sich nicht heirathen und suchten deshalb zusammengebunden den Tod. In der That fand man auch eine starke Schnur am Ufer. Dicht am User hing an einer Wurzel das junge Mädchen, während der junge Mann auf dem Grunde in der Nähe ruhte und erst nach längerem Suchen gefunden wurde.
Ausland.
Frankreich. Ende dieses Monats werden alle Jesuiten bis auf den letzten Mann Frankreich verlassen haben. Ein Theil derselben begibt sich nach Holland, England und Belgien, andere nach Madagaskar, wo ein Iesuiten- kollegium gegründet wird. Die Unterrichtsanstalten der Jesuiten werden in Frankreich fortbestehen, aber das Lehrpersonal durch weltliche Lehrer ersetzt werden. — Ein ungemein bitteres Urtheil über die Manöver im südwestlichen Frankreich bringt die nationalistische „Siberte". Ihr Leitartikel ist überschrieben: Das Ende der Disziplin. Paul Belon, der die Manöver als Berichter statter verfolgte, findet es besonders bedenklich, daß eine einzige Brigade, die dem 18. Armeekorps angehörende 69., 700 Mann als untauglich entlassen mußte. Die Division, der sie angehört, zählt 1000 Mann zu wenig an Bestand. Die anderen Regimenter desselben Armeekorps zogen mit 1800 Mann aus und behielten davon im Durchschnitt nur 16C0. Das sei ein deutlicher Beweis, daß die Soldaten nicht zur Ausdauer erzogen würden. Ueber die Disziplin sagt ein Bataillonschef dem Berichterstatter wörtlich: „Es gibt Tage, wo ich nicht auf die Straßen zu gehen wage, weil ich fürchte, von meinen Soldaten nicht gegrüßt zu werden! Das ist das Ergebniß des abscheulichsten Feldzuges der kollektivistischen Presse gegen uns. Wir können keinen Mann mehr bestrafen, ohne daß sich ein Abgeordneter hineinmischt, und da dieser meist der Mehrheit angehört, so beeilt sich der Kriegsminister, ihm recht zu geben. Sie haben das Ergebniß dieses Verfahrens gesehen. Meine Kameraden und ich sind tief entmuthigt. Es ist Zeit, daß es ein Ende nehme!" Zur Bestätigung erzählt Paul Belon ein Erlebniß, das dem Generalissimus Brugöre selbst zustieß. Als er nachts 3 Uhr auf seinem Automobil durch ein Dorf fuhr, fand er das einzige Wirthshaus von Soldaten des 18. Korps gefüllt, die eine Orgie feierten. Brugcrs gab ihnen einen derben Verweis und jagte sie fort; aber kaum war er verschwunden, sö kehrten sie zurück und tranken bis zum frühen Morgen. Bcim Ausbruche mußte drei Viertel
der Soldaten als marschunfähig zurückgelassen werden. Die „Rtzpublique" M6lines gibt den Artikel ber „ßiberte" wieder und fordert Maßregeln gegen die revolutionäre Propaganda in den Kasernen. Wenn der Kriegsminister nicht von selbst das Nöthige thue, so müsse ihn die Kammer an seine Pflicht mahnen, denn der ganze militärische Organismus sei mit Fäulniß bedroht.
Buffalo, 14. Septbr. Der Präsident der Vereinigten Staaten Mac Kinley ist heute Morgen 2'/i Uhr gestorben. Die Hoffnung, sein Leben zu retten, hat sich nun also als trügerisch erwiesen und die Kugel des Mörders hat ihr Opfer gefordert. — William Mac Kinley wurde am 28. Juni 1844 in Niles (Ohio) geboren, war 1877 republikanisches Mitglied des Kongresses und der Urheber des schutzzöllnerischen Mac Kin- ley-Bill vom 6. Okt. 1890. Im Jahre 1891 wurde Mac Kinley Gourverneur des Staates Ohio und am 3. November 1896 erfolgte seine erste Wahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten, im vorigen November feine Wiederwahl. Gegenkandidat Mac Kinleys war Bryan. Die Präsidentschaft nimmt jetzt der Verfassung gemäß Dicepräsident Roosevelt. — Zu dem Tode des Präsidenten wird noch gemeldet, daß die Krisis im Zustande Mac Kinley's auf Darmentzündung zurückzu- führen ist, die eine Fortsetzung der künstlichen Ernährung unmöglich machte, so daß die Auflösung nur eine Frage kurzer Zeit war. Seine Familie umstand das Sterbebett. In der Stadt herrscht gewaltige Aufregung. — Ueber die Herkunft des Attentäters Czolgoß melbrt der „Dziernik Posznanski": Die Familie Czolgoß stammt aus Cerkwice bei Znaim in der Provinz Posen. Von dort sind drei Brüder mit Vornamen Josef, Leon und Franz vor einigen 20 Jahren nach Amerika ansgewandert; ein vierter Bruder befindet sich noch in Znaim.
Chicago, 14. Sept. Die Wogen der Entrüstung g-gen die Anarchisten gehen hier hoch. Folgende Proklamation wurde über die Stadt vertheilt: „Falls Präsident Mc. Kinley vor Sonntag stirbt, so mögen uns hunderttausend gute amerikanische Bürger innerhalb einer Stunde nach seinem Tode bei dem Cook County-Ge- fängniß treffen und uns jeden Anarchisten hängen helfen, einschließlich Emma Goldmann. Gezeichnet Charles Weiland. John L. Pierce. Edward Hufers." In Buffalo sind die Straßen um das Gefängniß, worin Czolgosz sitzt, mit Stricken abgesperrt. Bei der Todesnachricht versuchte die Menge das Gefängniß zu stürmen, wurde aber von der Polizeireserve zu Pferd und Fuß zurückgetrieben. Das 65. und 64. Regiment werden in ihren Kasernen bereit gehalten, falls die Menge den Angriff erneuert. Der Mörder ist übrigens von Buffalo nach Eriec gebracht worden, aus Furcht, daß der Pöbel gewaltsam den Zugang zum Gefängniß erzwingen möchte. — Präsident Roosevelt hat die Absicht, sofort Maßregeln zur Ausrottung des Anarchismus zu ergreifen. — Der Anarchist Maggo wurde in Silvercity (Neu- Mexiko) gelyncht, weil er öffentlich bedauerte, daß nicht ihm die Hinrichtung Mac Kinley's obgelegen habe.
Transvaal. „Daily Mail" meldet aus Johannesburg: Unter den Papieren des der Spionage angeschuldigten Exstaatsanwalts Bröckmann in Pretoria wurde eine Proklamation Bothas gefunden, welche Kitchener, dessen Stab und alle Offiziere und Soldaten der britischen Armee für vogelfrei erklärt und den Bürgern anempfiehlt, alle bewaffneten Engländer, welche nach dem 15. September gefangen genommen werden, zu erschießen. — „Daily Mail" meldet aus Kapstadt vom 28. August: Die Lage in der Kapkolonie ist höchst düster. Im Inneren des Landes schließen sich ganze Feldkornetschaften dem Feinde an. Heute trifft die Nachricht ein, der ganze Nordwesten, also Theile der Bezirke Fraserburg, Williston, Suther- land, Carnarvon, Vanrhynsdorp und Clanwilliam befinden sich im offenen Aufruhr. — Lord Kitchener und seine Getreuen hatten sich gewaltig geirrt, als sie von hrem Auftrage an die gefangen gehaltenen Burenfrauen, ihre Männer zur Einstellung der Feindseligkeiten zu