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M 73.

Mittwoch, den 11. September 1901.

52. Jahrgang.

Deutsches Reich.

Berlin. Die Kaisertage im Osten haben am Freitag Abend mit der Ankunft des Kaiserpaares in Königsberg ihren Anfang genommen. Beide Majestäten hatten Frei­tag früh 8 Uhr die Wildparkstation bei Potsdam ver­lassen und trafen Abends in der siebenten Stunde in Königsberg ein. Auf dem Bahnhöfe fand großer mili­tärischer Empfang statt, worauf der Kaiser und die Kaiserin ins Schloß fuhren. Am Sonnvbend fand die Parade des 1, Armeekorps vor dem Kaiser statt.

Einer Gefahr glücklich entgangen ist, wie die Staatsbürgerzeitung behauptet, der Kaiser mit seinem Gefolge auf seiner letzten Nordlandreise. Die Herr­schaften hatten sich die Zeit mit Fischfang vertrieben und die erlangte Beute gleich räuchern lassen. Sämmt­liche Herren sind dann gleich nach dem Genuß erkrankt, zum Theil in der heftigsten Weise. Auch der Kaiser war von starkem Unwohlsein ergriffen worden. Doch ist er bald nach seiner Rückkehr wieder hergestellt worden, während von dem Gefolge noch heute einige an den Folgen zu leiden haben.

Der kleine KreuzerWacht" ist bei den Flotten­manövern in der Ostsee infolge Zusammenstoßes mit dem PanzerschiffSachsen" gesunken. Die Mannschaft sonnte rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden, sodaß Niemand verunglückte.

Zur Gumbinner Mordaffäre von Krosigk gehen derD. W." folgende Meldungen zu: Im Hinblick auf die widersprechenden Nachrichten von der Wiederverhaftug des Sergeanten Hickel ist zu konstatiren, daß eine solche bisher noch nicht erfolgt ist. Hickel ist deshalb vom Manöver zurückgeblieben, weil er infolge der langen Untersuchungshaft und der ansgestandenen Seelenqualen um sein Schicksal, sein Weib und sein Kind krank ge­worden ist. Wachtmeister Marten ist deshalb nicht ms Manöver ausgerückt, weil er der älteste Unteroffizier des Regiments ist. Der Dragoner Marten befindet sich nach wie vor im Gumbinner Arrestgebäude, das inmitten der Stadt liegt und durch Posten des 33. Infanterie-Regi­ments bewacht wird; er wird nicht nach Danzig gebracht werden. Alle Mittwoch Nachmittag darf er seine Eltern auf eine Stunde zum Besuch empfangen, aber stets nur in Gegenwart eines Offiziers, der das Gespräch zu über­wachen und aufzupassen hat, daß dem M. nichts zu gesteckt wird. Die Zuschriften aus dem Volke, welche sämmtlich von großen Sympathien zeugen, hat er nur theilweise ausgehändigt erhalten. Von Seiten der Ver­theidigung ist Beschwerde geführt worden über das ge­setzwidrige Oeffnen von Briefen, welche Marien und Hickel in der Untersuchungshaft von ihren Rechtsbeiständen empfingen. Sollte die Revision durchgehen, und hiermit ist nach privaten Aeußerungen höherer Militärpersonen ziemlich sicher zu rechnen, so soll ein hervorragender Berliner Vertheidiger herangezogen werden. Zahllose Bürger wollen sich an einer etwaigen Sammlung zur Aufbringung des Honorars betheiligen. In der Affäre selbst wird unausgesetzt Material zur Aufklärung der dunklen Mordsache gesammelt.

Bei der Verleihung des Titels Sanitätsrath und Geheimer Sanitätsrath soll nach einer im Einverständ- uiß mit dem Finanzminister getroffenen Verfügung des Kultusministers fortan der bisher auf Grund des Stempelsteuergesetzes eingeforderte Stempel im Betrage von 300 Mk. nicht mehr erhoben weiden. Die Wei­gerung des Dr. Steffan in Marburg, die nach der Ver­leihung des Sanitätsrathstitels von ihm eingeforderten 300 Mk Stempelgebühren zu zahlen, hat also nun doch einen Erfolg gehabt. Der Kultusminister begründet den Verzicht auf die Einziehung der Siempelgebühr bei der Verleihung des Sanitätsrathstitels damit, daß die Stel­lung, welche der ärztliche Stand und seine Mitglieder nach der neuen Gesetzgebung in gesundheitlichen Fragen einnehmen, das erhöhte Maß, in welchem sie an der Lösung der Aufgaben der öffentlichen Gesundheitspflege gegen früher betheiligt werden, sowie eine Reihe öffent- fechtlicher Befugnisse und Verpflichtungen, welche ihnen w Bezug auf die Ermittelung und Bekämpfung der ^steckenden Krankheiteu auferlegt sind, es rechtfertigen, »auch die nichtbeamteten Aerzte nicht mehr als Privat- Monen im Sinne des Stempelsteuergesetzes anzusehen, Pudern anzunehmen, daß sie auf dem Gebiete der Ge­sundheitspflege, wie die Rechtsanwälte auf dem der Rechts-

eine eigenartige Stellung öffentlich-rechtlichen Charakters bekleiden."

Kinderarbeit. Eine Vorlage über die anderweite Regelung der Kinderarbeit im Hausgewerbebetrieb wird insbesondere auch die Beschäftigung schulpflichtiger Kinder mit ins Auge fassen. Dabei kommts wesentlich darauf an, zu verhindern, daß in den Großstädten Kinder in schulpflichtigem Alter des morgens vor der Schule zum Austragen von Backwaaren und Zeitungen verwandt werden.

Die zunehmende Arbeitslosigkeit. Zuverlässigen Privatmeldungen derFrankfurter Zeitung" aus dem rheinisch-westfälischen, sowie dem Siegerländer Industrie­gebiet zur Folge nehmen die Betriebseinschräukungen und Feierschichten auf den Zechen wie auf den industriellen Werken zu. Auf den westfälischen Stahlwerken bei Bochum wird in der Satzdreherei wegen Absatzmangel während der nächsten elf Tage gefeiert. Auf zahlreichen Zechen fallen bereits zwei Feiertage auf eine Woche. Die Berg­werksgesellschaft Dahlbusch ließ Ende der vorigen Woche den Betrieb auf vier Schächten ruhen. Da die Maga­zine stark mit Vorräthen angefüllt sind, wird die Zahl der Feierschichten sich wohl weiter erhöhen. Verschiedene Ortschaften sind durch die umfangreichen Arbeiterent­lassungen berits stark in Mitleidenschaft gezogen.

Essen. Die bis dahin größte Landgemeinde in Preußen, die Gemeinde Altendorf, ist bekanntlich am 1. August d. I. in die Stadt Essen eingemeindet. An ihre Stelle als größte preußische Landbürgermeisterei und auch als größte Verwaltungseinheit von Landge­meinden im ganzen Deutschen Reiche ist die zwischen Essen und Gelsenkirchen liegende, aus 8 Einzelgemeinden be­stehende Landbürgermeisterei Stoppenberg getreten. Sie zählt gegenwärtig über 60 000 Seelen; es sind in ihr 180 Lehrer und Lehrerinnen angestellt, es praktiziren 15 Aerzte und es sind 5 Apotheken vorhanden. Der Gemeindehaushalt schloß im vorigen Jahre in Einnahme und Ausgabe mit 2 232 000 Mark ab. Die Gemeinde­verwaltung verfügt außer dem Bürgermeister über einen Verwaltungsapparat von 12 Sekretären, 6 Technikern, 7 Kasfenbeamten, 48 Pölizeibeamien und Gendarmen, 1 Wasserleitungsbeamten, 1 Nahrungsmitteltechniker und 8 Wegeaufsichtspersonen.

Vom Harz. Als ein Zeichen der Zeit ist wohl das Sinken der Nutzholzpreise, insbesondere der fichtenen Bauhölzer, zu bezeichnen. Im vergangenen Jahre wur­den ca. 50 Prozent über die Taxe bezahlt, zu Anfang dieses Jahres nur noch 1020 Prozent. In den in letzter Zeit abgehaltenen Auktionen war aber die Nach­frage, besonders nach starken Hölzern, so gering, daß oft unter der Taxe verkauft wurde.

Gotha, 2. September. Das Ergebniß der Rein- hardsbrunner Jagden waren 72 kapitale Hirsche, dazu kommt noch der seit einiger Zeit andauernde und noch weiter fortgesetzte Abschuß von Mutterwild.

Darmstadt. DieHessischen Schulblätter" brachten eine interessante Zusammenstellung über die Betheiligung der Hessen am Universitätsstudium gegenüber derjenigen aus anderen deutschen Staaten. Darnach stellt Hessen im Verhältniß die meisten Studenten. Unter den 32,952 deutschen Studenten, die im abgelaufenen Sommersemester. 1901 die deutschen Universitäten besuchten, waren 994 Hessen. Auf je 100,000 Einwohner kommen bei uns also 81 Studenten, während Preußen in gleichem Ver­hältnis nur 56, Bayern 62, Württemberg 60, Sachsen 68 und Baden 65 aufweist. Hessen steht mit seinen 8 8 Studierenden pro 100,000 Einwohner noch mit 30 über der Durchschnittszahl von Deutschland, welches je 58 Studierende auf je 100,000 Einwohner hat.

Gießen, 5. Sept. Vorgestern fand im Nebeschen Guts­hofe dahier die Versteigerung der vom landw. Provinzial- verein aus der Schweiz importierten Bullen, Rinder und Ziegen statt. Es waren 16 Bullen, 25 tragende Rinder und 17 Ziegen angekauft worden, die unter die Besteller zur Versteigerung gelangten. Für einzelne Thiere wurden sehr hohe Preise gelöst, bis 1400 M. Gegen den Einkaufs­preis wurden an 14 Bullen ca. 2700 M. mehr erlöst. Auch bei Kalbinnen wurden an den 25 Thieren bei der Ver­steigerung über 4000 Mark mehr erzielt, als wie sie gekostet hatten. Der Durchschnittspreis für sämmtliche Kalbinnen betrug 667 Mark. Einzelne Thiere wurden mit 1200 Mk. bezahlt, während andere nur 450 Mark erbrachten. Auch bei den Ziegen wurde bei der Ver­steigerung mehr erzielt, als was sie gekostet hatten. Der gesammte Mehrerlös betrug 6857 Mk., der aber den Steigerern im Verhältniß zum Steigpreis wieder zugute

kommt. Ein folgenschwerer Zwischenfall trug sich vor­gestern auf einem Gutshofe bei Gießen zu. Ein Knecht gerieth nach einem kurzen Wortwechsel mit einem Mit« knechte, dem Verwalter und seinem eigenen Brotherrn in Streit. Er versuchte sogar, sich an seinem eigenen Brotherrn zu vergreifen. Der Verwalter und der an­dere Knecht eilten ihrem Herrn zu Hilfe. Bei dieser Gelegenheit erhielt der Angreifer mit einem Melkstuhle einen so wuchtigen Schlag auf den Kopf, daß er zu- sammenstürzte und eine ziemlich bedeutende Wunde am Kopfe davontrug. Nachdem er das Bewußtsein wieder erlangt hatte, bewaffnete er sich mit einem Revolver, und drang in die Wohnung des Arbeitgebers ein. Dieser ergriff zu seiner Vertheidigung ebenfalls einen Revolver, der scharf geladen war, und feuerte auf den Eindringling zwei Schüsse ab, die diesen in Hals und Wange trafen. Der Verletzte wurde in die hiesige Klinik übergeführt.

Schlitz. Der dem Kaiser befreundete Graf Görtz ist von seinem Amte als Direktor der Kunstschule in Weimar zurückgetreten. Der Rücktritt soll darin seinen Grund haben, daß Verpflichtungen in seiner Heimath Hessen, welche ihm einerseits aus der Verwaltung seiner Be­sitzungen, andererseits aus seinen nunmehrigen Sellungen als erster Präsident der Ersten hessischen Städtekammer sowie als Kommendator der hessischen Genossenschaft des Johanniterordens erwachsen, ihn allzu sehr in Anspruch nehmen. Diese Pflichten würden sich mit der Wahr­nehmung seines Amtes als Direktor nicht länger ver­einigen lassen.

München. Ein glücklicher Hausknecht. Gelegentlich eines Civilrechtsstreites zwischen einem Hausknecht und einem Hotelier in München wurde die überraschende Thatsache festgestellt, daß der erste Hausknecht nicht nur keinen Lohn bezog, sondern noch pro Monat an den Hotelier 180 Mk. abzuliefern, die weiteren fünf Unter­hausknechte mit Gehältern von 60 bis 80 Mark pro Monat zu bezahlen und die Straßenreinigung zu be­sorgen lassen hatte. Was muß dieser Mann wohl an Trinkgeldern einnehmen?

Ausland.

Rom. Die Wiener Arbeiterzeitung berichtet, daß das Komite der Bürger von Rom die dem Königspaar aus Anlaß des freudigen Familienereigniffes geschenkte Wiege bisher noch nicht bezahlt hat, so daß sich der König veranlaßt sah, seinem Schatzmeister den Befehl zu geben, die Wiege dem Fabrikanten zu bezahlen.

Transvaal. Aus dem Freistaate laufen Nachrichten ein, nach welchen die Buren keineswegs geneigt sind, am 15. September die Waffen zu strecken. Die englischen Behörden wagen es nicht, die Kapholländer auszurüsten, da sie befürchten, daß dieselben mit Waffen und Muni­tion zu den Buren übergehen. Der Burenkommandant Schepers, welcher in die Kap-Kolonie eingefallen und bereits in der Nähe der südlichen Küste vorgedrungen ist, hat eine weit größere Anzahl holländischer Rekruten vorgefunden, als er braucht. Die Lage in der Kap­kolonie wird durch einen massenhaften Anschluß der Hol- läoder geradezu bedenklich für England. Die Buren haben sich jetzt endlich zur strengen Widervergeltung der englischen Kriegsgebräuche entschlossen. Ein Buren­kommandant hat eine Proklamation erlassen, die erklärt, daß alle Kapholländer, die gegen die Buren thätig sind, wenn sie ergriffen werden, standrechtlich erschossen werden sollen. Dewet erließ eine Proklamation, wonach alle englischen Gefangenen, die nach dem 15. September im Oranjefreistaat gemacht werden, ohne Weiteres nieder­geschossen werden sollen. Im Caplande haben die Buren genau wie es die Engländer in den beiden Repupliken zuvor auch gethan haben, nun auch Farmen niederge- brannt und englische Kundschafter kaltblütig erschossen. Darob natürlich furchtbare Entrüstung in ganz England. Jeder Unbefangene mnß sich aber sagen: Was dem einen recht ist, ist dem anderen billig. Die Buren haben im Grunde genommen viel zu lange gezögert, ehe sie von dem Rechte der Wiedervergeltung Gebrauch machten.

Buffalo, 6. Sept. Aus Präsident Mac Kinley wurde heute Nachmittag zweimal von einem Fremden geschossen. Sein Zustand ist ernst. Der Angreifer heißt Leon Ezol- gosc, ist polnischer Abstammung und wohnt seit einer Woche in Detroit. Er gab nach seiner Verhaftung an, er habe keine Mitschuldigen. Anarchistische Schriften hätten ihn zu der Ueberzeugung gebracht, die Regierung der Vereinigten Staaten sei durchaus schlecht. Das