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lK 61. Mittwoch, den 31. Juli 1901. 52. Jahrgang.
"B^lhtttnotl auf bie -Schlüchterner Zeitung" I pH/JltUllliyi'll werden noch fortwährend von allen j D—-ü-üü" '■ Postanstalten und Landbriefträgern, Die von der Expedition entgegen genommen.
i Deutsches Reich.
i Berlin. Die kaiserliche Familie wird nach den bis jcht getroffenen Bestimmungen Schloß Wilhelmshöhe bei i Lasset am 28. August verlassen. Die Ankunit des ! Kaisers wird am 13. August erwartet. — Prinz Oskar, der fünfte Sohn des Kaiserpaares, beging am Sonn i abend seinen 13. Geburtstag.
— In Bundesrathskreisen hört man die feste Ucber- zeugung äußern, daß der Entwurf des Zolltarrfgesetzes und der Tarif s lbst in der veröffentlichten Form die Zustimmung des Bui desraths nicht finden, daß dieser vielmehr wesentliche Aenderungeen beschließen werde, zumal auch der Kaiser unter allen Umständen den Abschluß neuer Handelsvertäge wünsche.
* — Die Ernteaussichten haben sich gegen Juni verschlechtert für Hafer, Kartoffeln und Futter. Bayern erwartet für Winterroggen eine sehr gute oder doch gute Ernte. Fast alle Staaten außerhalb Preußens dürfen eine nahezu gute Ernte erwarten, ausgenommen Anhalt, die beiden Mecklenburg, die hanseatischen Gebiete, Braun schweig und Meiningen. Innerhalb Preußens sind ebenso günstig wie in Süddeutschland die Aussichten in Hohenzollern, dem Rheinland, Hessen Naffan und einigen Theilen der Provinz Hannover. In Winterweizen sind die Ernteaussichten auch von dem Rest der um rund 726,000 Hektar oder um 38,1 pCt. geminderten Anbaufläche keine günstigen, die Reichsnote beträgt nur 3,5. Die günstigsten Aussichten bieten die Kartoffeln.
- Es bestätigt sich, daß der Zoll für Roggen auf I 6, für Weizen auf 6'/», für Hafer auf 6 und für Gerste auf 4 Mark erhöht werden soll, und daß für diese 4 Positionen ein Doppeltarif insofern vorgesehen ist, als ausdrücklich bestimmt wird, daß bei Handels Verträgen nicht unter gewisse Beträge, und zwar bei Roggen nicht unter 5, bei Weizen nicht unter 5'/,- bei Hafer nicht unter 5 und bei Gerste nicht unter 3 Mk. gegangen werden darf, gegen 3,50 Mk. für Roggen und Weizen, 2,80 Mk, für Hafer und 2 Mk. für Gerste in den jetzigen Handelsverträgen. Auch für Vieh und Fleisch werden erhebliche Zollerhöhungen vorgeschlagen, während frische Kartoffeln und Küchengewächse, frische Aepfel und Birnen wie bisher zollfrei bleiben. - Die Zollsätze für Vieh sollen betragen: für Kühe das Stück 25 Mk, Stiere das Stück 25 Mk,, Jungvieh das Stück 15 Mk., Schweine das Stück 10 Mk., Eier per ICO Kilogramm 6 Mk, Butter per 100 Kilogramm 30 Mk., Speck per 100 Kilogramm 35 Mk., frisches Fleisch per 100 Kilogramm 30 Mk., Wurst per 100 Kilogramm 45 Mark und Käse per 100 Kilogramm 30 Mk.
— Die Beschäftigung in den Eisengießereien und Maschinenfabriken, so wird der „Voss. Zeitung" von einem Fachmanne geschrieben, hat leider in den letzten Monaten eine weitere Verschlechterung erfahren, und es haben sich bereits wesentliche Vorräthe an Maschinen angesammelt, welche fast um keinen Preis an den Mann zu bringen sind. Insbesondere trifft dies bei den Werkzeug MaschinenfabriktN und bei denjenigen Firmen zu. welche speziell Maschinen für die Textilindustrie, z. B. Webstühle rc. bauen. 'Die Entlassung von Arbeitskräften teufte bisher so lange als möglich hinausgeschoben, jedoP ist dieser Schritt bei vielen Firmen jetzt unver- wcidtlich,-da auf eine baldige Besserung in diesen Branchen nicht- zu rechnen ist.
/Esse«, 27. Juli. Die Bergwerksgesellschaft „Hibernia" thkitlt mit, daß sich in einer von Bergen versetzten Vor- richnungsstrecke eines isolierten Stückes des Flötzes 19 Brixpderscheinungen zeigten Die Baue sind sofort ab- 8edä»mmt word n. Eine Beeinflussung der Förderung haU^nicht stattgefunden.
^Hauuover, 26. Juli. Der „Hannov. Kur." schreibt: Dne Sparkasse der Kapitalversicherungsanstalt wird seit Stetem von Hunderten bestürmt, die ihr Geld zurück iu/rlangen. Die Beruhigungen waren bisher nutzlos. We Dinklion läßt jeden Betrag gleich auszahlen, ohne E die Kündigungsfrist sich zu berufen und hat jetzt bnrM öffentlichen Anschlag Folgendes bekannt gemacht: Die« über unsere Sparkasse in der Stadt verbreiteten GeMchte sind völlig unwahr. Die Kasse hat nicht eine R«k Verlust gehabt und ist jederzeit in der Lage, ihren
Verpflichtungen nackzukommen. Die bei ihr eingezahlten 34 Millionen Mark einschließlich des Reservefonds von rund 2,700,000 Mark sind in mündelsicheren Werthen angelegt, nämlich gegen erste Hypotheken von rund 25,700,000 Mark, gegen mündelnchere, sofort realisir bare Effekten von rund 9,700,000 Mark und gegen Unterpfand (Lombarddarlehen) von rund 300,000 Mark. Daneben hat sie ein augenblicklich verfügbares Bankgut haben von rund 1,000,000 M., in Summa 36,700,000 Mark. Die Sparkasse ist unbedingt sicher. Heute Vormittag erklärten hiesige Banken und Bankfirmen sich bereit, jedes Sparkassenbuch der Anstalt zu diskontieren.
Gotha, 25. Juli. Ein Prozeß, der zur Zeit beim hiesigen Amtsgericht gegen die Gemeinsame Ortskrankenkasse Gotha angestrengt ist, betrifft ein Objekt von 10 Pfennig. Der Sachverhalt ist folgender: Der Kläger zahlte für sein Dienstmädchen seit geraumer Zeit Beiträge an genannte Kasse, ohne daß ihm für Quittungsaus- stellung eine besondere Gebühr berechnet worden ist Im Mai d. I. wurde dem Kläger seitens der Kasse schriftlich eröffnet, daß er fortan für jede Quittung 10 P'g. zu entrichten habe. Das will sich der Kläger nicht gefallen lassen und hat daher beim Amtsgericht beantragt, durch Urtheil festzustellen, daß die Beklagte nicht berechtigt ist, für jedesmalige Empfangsbescheinigung eine Gebühr von 10 Pfennige von ihm zu verlangen.
Butzbach, 25. Juli. Während Heuer die Stein- und insbesondere die Kernobst Ernte manches im diesseitigen Bezirke zu wünschen übrig läßt, sind die Nußbäume mit Früchten geradezu überschüttet. Die reichbehangenen Bäume, mitunter mächtige Baumriesen, gewähren in ihrer gewaltigen Anzahl einen herzerfreuenden Anblick. Der Fremde, welcher die Gegend zum erstenmal durchwandert, ist entzückt über den überreichen Fruchtansatz und erfreut über die in enormer Zahl vorhandenen Nußbäume, die zu einem günstigen Schluß auf die Intelligenz unserer Landwirthe berechtigen. In manchen anderen Gegenden, am Main, am Rhein, an der Bergstraße :c„ fallen alljährlich viele Nußbäume der Axt zum Opfer: ihre Stämme wandern in die Gewehrschaftenfabriken. Wenn dort die Landwirthe 50 bis 80 Mark pro Stamm erhalten, glauben sie ein gutes Gelegenheitsgeschäft gemacht zu haben und hauen aus, was sich eben nicht wehren kann. Daß sie aber dabei ganz falsch kalkulieren, beweist uns ein Bauersmann, welcher seit 25 Jahren den Jahresertrag eines seiner Nußbäume gewissenhaft buchte. In diesen 25 Jahren erntete der Mann nur sechsmal von dem Baume gar nichts; zehnmal nahm er über 50 Mk. und neunmal unter 50 Mk. ein, im Ganzen vereinnahmte er rund 1260 Mk. oder durchschnittlich 50 Mk. pro Jahr. Der Baum repräsentiert somit einen Werth von 1000 Mark. Das kann kühn von jedem gesunden und ertragsfähigen Nußbaum mittlerer Größe behauptet werden. Wer den Werth der Nußbäume kennen und schätzen lernen will, der besuche die gesegnete Wetterau und ihre spekulativen Bewohner.
Ausland.
Oesterreich. In dem ersten Halbjahr 1901 sind in Oesterreich nicht weniger als 6148 Personen aus der katholischen Kirche ausgetreten; die meisten Uebertritte fanden in Böhmen statt. Im Pfarrsprengel Aussig ist soeben der tausendste Uebertritt zum Protestantismus erfolgt.
Rußland. Je mehr die transsibirische Eisenbahn im Bau fortschreitet, desto größer wird der Andrang russischer Auswanderer nach dem äußersten Osten Sibiriens. Wie sibirische Blätter melden, befinden sich gegenwärtig nicht weniger als 50,000 Personen auf der Durchreise in Sretensk, dem vorläufigen östlichen Endpunkte der Bahn, von wo jetzt noch Kähne und Dampffchiffe zur Weiterfahrt benutzt werden müssen. Alle diese Auswanderer gedenken sich im Uffurigebiet (um Wladiwostok herum) anzusiedeln.
Batum, 25. Juli. Heute Mittag fand im dichtbevölkerten Zentrum eine Explosion statt, wobei viele Personen getödet wurden. Mehrere Offiziere werden vermißt. Einzelne Häuser sind zerstör». An der Unglücksstätte wurden abgerissene Gliedmaßen gefunden. Die Zahl der Opfer läßt sich bisher nicht annähernd angeben. Das Zentrum der Stadt liegt in Trümmern.
Griechenland. Die Ansichtspostkarten sind ein Staatsmonopol geworden — in Griechenland. Dort werden von der Post nur die staatlichen Bildpostkarten befördert.
Es sind ihrer im Ganzen 64 erschienen, die ein gutes Zeugniß ablegen von der Leistungsfähigkeit der dentschen Industrie, denn die griechischen Ansichtspostkarten sind in Deutschland hergestellt.
London, 26. Juli. Der Korrespondent der «Daily Mail" meldet aus Cadix. er habe aus einer maurischen Quelle erfahren, daß vor einigen Tagen zwischen den Franzosen und den Mauren in der Nähe von Figuig eine große Schlacht geschlagen worden sei. Der Zusammenstoß wäre in Folge einer Bewegung der französischen Truppen entstanden, welche die Unterwerfung der Stämme südlich vom Atlas und die Besetzung der Oase Tafilet bezweckte. Die Verluste auf beiden Seiten sollen bedeutend gewesen sein. Die Franzosen blieben Sieger. Die Mauren behaupten, daß jetzt ca. 9000 Franzosen an der Grenze von Marokko stehen.
Newyork, 25. Juli. Auf der Brooklyner Brücke rissen von 10 Uhr Morgens bis 6 Uhr Abends gestern 12 Hängeseile, welche an den eigentlichen Brückenkabeln befestigt sind und die nördliche Fahrbahn halten. Der Bruch erfolgte gerade in der Mitte der Brücke, welche sich infolgedessen 6 Zoll senkte. Niemand wußte um den Unfall, bis um halb sieben Uhr die Polizei die Brücke sperrte und 70 000 Menschen an dem Newyorker Ende auf die Fähren verwies, die jedoch bei weitem den Verkehr nicht bewältigen konnten. 200 Polizisten sind an dem Brückenende ausgestellt. Um Mitternacht wurde auf der südlichen Fahrbahn der Verkehr in sehr beschränktem Umfange ausgenommen. Fachmänner erklären die kürz- lichet große Hitze als Ursache des Unfalls. — Die Brooklyner Brücke ist schwer beschädigt. Die Brücke ist für den Fußverkehr n'cht unterbrochen. Die Ursache des Unfalles ist zweifellos die gewaltige Belastung neuerdings durch die Trambahnwagen, welche nicht die vorgeschriebene Distanz von einander einhielten.
Philippinen. Der Papst wies die Mönchsorden auf den Philippinen an, ihre Latifundien zu verkaufen.
Peking, 27. Juli. Hier zirkuliren zahlreiche Gerüchte über Gefechte zwischen chinesischen Truppen und Rebellen. Es handelt sich um Raubzüge, welche im Norden Chinas stattgefunden haben, wo in der That keine chinesische Regierungsverwaltung besteht. Die Gegend, die kürzlich von den verbündeten Truppen duichzogen wurde, wird augenblicklich von Boxerbanden heimgesucht. Die kaiserlichen Truppen haben bei ihrer Rückkehr nach Peking 16 Städte im Süden von Paotingfu geplündert und sobald die kaiserlichen Truppen sich entfernt hatten, mißhandelte die Bevölkerung die Beamten und Mandarinen, zerstörte deren Wohnhäuser und plünderte sie aus.
Lokale- und Provinzielles. * Schlüchtern. 30. Juli.
* — Gericht contra Polizei. Wie wir jüngst berichteten, hatte das Kammergericht eine Verfügung der Regierung in Wiesbaden wegen der Maul- und Klauenseuchevorschriften für ungültig erklärt. Von dem Frankfurter Polizeipräsidium wurde alsdann darauf hingewiesen, daß man trotzdem dieser Verfügung besser Folge leiste, denn das Gericht könne auch einmal anders entscheiden. Nun hat das Kammergericht auch die gleiche in Cassel erlassene Verfügung für ungültig erklärt. Man schreibt darüber: Im Regierungsbezirk Cassel ist ebenso wie im Regierungsbezirk Wiesbaden eine landespolizeiliche Anordnung erlassen worden, durch welche die Maul- und Klauenseuche bekämpft werden soll. Der Viehhändler Speier war auf Grund der für den Regierungsbezirk Cassel erlassenen Anordnung des Regierungspräsidenten zu Cassel angeklagt worden, welche u. a. bestimmt, die Einstellung von Wiederkäuern und Schweinen in fremden Stallungen, während des Transportes zu dem Bestimmungsorte, ist nur mit polizeilicher Genehmigung erlaubt. Speier hatte einem Landwirthe eine Kuh zum Kaufe angeboten und diese in einen Stall des Landwirths gestellt, damit die abwesende Ehefrau des letzteren sich ebenfalls die Kuh ansehen könnte. Ein Ankauf der Kuh erfolgte nicht, hingegen wurde Speier auf Grund der erwähnten landes- polizeilichen Anordnung zu einer Geldstrafe verurtheilt. Diese Entscheidung focht Speier erfolgreich durch Revision beim Kammergericht an, welches den Angeklagten frei' sprach, da die landespolizeiliche Anordnung ungültig er» scheine. Eine derartige Anordnung dürfte nur im Falle und für die Dauer einer bestehenden Seuchengefahr erlassen werden, was vorliegend aber nicht anzunehmen sei.
* — Für die kleinen goldenen Fünfmarkstücke läuft