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Nüchterner Zeitung

Erscheint Mittwoch u.. Samstag. - Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 59.

Mittwoch, den 24. Juli 1901.

52. Jahrgang.

MNhtttflOtl ouf bic »Schlüchterner Zeitung" werden noch fortwährend von allen ^--- Postanstaltenur L-ndbriefträgern,

! smie von der Expedition entgegen t, 'sannen.

Leipzig Cassel.

Die großen Bankhäuser, die für das Publikum fast unentbehrlich geworden sind, haben in den letzten Jahren vielfach gezeigt, daß sie manche Ersparnisse zu Grunde richten können, die sauer erworben worden sind. Die Vorgesetzten einer solchen Bank nehmen es mit ihrem Amt nicht mehr genau, sie vergessen, daß das Vermögen nicht ihnen allein gehört, sondern vielen Hunderten von Menschen, und die Direktoren sozusagen nur als Ver­walter bestellt sind. Der Fall in Leipzig und früher in anderen Städten hat zur Genüge bewiesen, daß die Männer an der Spitze sich nicht als Verwalter eines solchen Vermögens befähigt erwiesen, wenigstens nicht im 'Sinne der Gerechtigkeit. Zu einer jeden Ausführung gehört doch Ueberlegung, und man darf wohl hier die Frage aufwerfen, ob die Direktoren bei ihrer Creditge- Währung an die Casseler Treber Gesellschaft wirklich mit Ueberlegung und in Wahrung aller Interessen der Bank- Icheiligten gehandelt haben? Ob sie eine solche hohe Credit-Gewährung auch später in einer Generalversamm­lung mit gutem Gewissen verantworten konnten? 87 Millionen auf ein Unternehmen auszuleihen, das hätte der Direktor als Privatmann, wenn er es in Mitteln gehabt, doch jedenfalls auf keinen Fall gethan, bei fremden Geld aber, unter seiner Verwaltung stehend, schien ihm die Sicherheit nicht gefährdet, da er die Einleger der Bank nicht berücksichtigte. Die Leipziger Bank galt als eine der angesehendsten Banken im deutschen Reiche; durch dieses Ansehen, das die Aktien genossen, bekam die Ver­waltung eine Unmenge Geld in die Hände, und wenn das Geschäft ja in einem Jahre etwas zurückblieb, oder Verluste zu verzeichnen hatte, gab die Bank ein Jahr etwas weniger Dividende und der Ausgleich war fertig. Mit der Zeit schienen sich die Verhältnisse infolge des fortwährenden Saugens der Casseler Gesellschaft aber zu ändern, und sie griffen, da die Geldquelle nicht mehr so lieferte wie früher, zu dem letzten Zugmittel, sie ge­währten am Jahresschluß eine hohe Dividende, obwohl sie die Bank gar nicht herausgewirthschaftet hatte, und täuschten so das Publikum, um die Kassen wieder zu füllen und das Mittel war nicht fehlgeschlagen. Das Casseler Unternehmen schöpfte aber immer weiter und das konnte auf die Dauer die Leipziger Bank nicht aus­halten und sie ging ihrem Ruin entgegen. Die Concurs- eröffnung wurde beantragt und wenige Tage darauf fallierte auch die Treber-Trocknungs Gesellschaft in Cassel.

Der Direktor dieses Werkes, Schmidt, der das Weite gesucht hat und sich in Dortmund bei Verwandten auf­halten soll, gründete außer dem Casseler Unternehmen »och mehrere Tochter-Gesellschaften im Auslande, kaufte große Wälder an, und was er da für Pläne gehabt, das wissen anscheinend die Götter. Jedenfalls trägt dieser Mann durch sein fortwährendes Geldverlangen die Haupt- schuld mit an dem Zugrundegehen der Leipziger Bank. Bei Schmidt konnte man das Wort nicht anwenden: »woher nehmen und nicht stehlen", er wußte ganz genau wo er Geld holen konnte und auch dort nie mit leeren Händen fortging. Mit diesem letzteren Unternehmen flohen nun allerdings mehrere Brauereien in Verbindung, und die große Sumpfische Bierbrauerei in Caffel wurde Weift das Opfer des Concurses. Wie verlautet, hängt nun eine Anzahl Gastwirthe von letzterer ab und so dürften die weniger gut dastehenden in eine gewisse Be- drängniß gerathen sein. Mehrere kleinere Geschäftsleute haben ihre Läden schließen müssen und wer weiß, was alles noch Nachfolgen kann. Es ist dringend zu wünschen Wb zu hoffen, daß die Schäden bald ausgeglichen werden Und das Publikum bei einer großen Dividenden-Gewähr- ung Vorsicht gebraucht und die Frage zu erwägen lernt, dient die Dividende als Lockspeise oder nicht, beruht das fragliche Unternehmen auf einer festen Grundlage. Letzteres lfl jedoch schwer zn erfahren. Wenn der Mammon die Herrschaft über den Menschen gewonnen hat, dann ist's demselben schlecht bestellt, zumal wenn er für sein Vermögen nichts kann. Er traut seiner Umgebung nicht und geräth in eine völlige Angst, das Trachten "ach immer größerem Reichthum schwächt die Nerven und vlche Leute gehen am ersten in die hohe Dividenden- schlinge, von welcher sie aber in letzter Zeit nur Ver- Klögensverlustr zu erwarten hatten.

Deutsches Reich.

Berlin. Der Kaiser wird mit dem Grafen Waldersee zusammen am 10. August in Hamburg eintreffen.

Ueber die bevorstehenden Besuche fremder Sou­veräne bei unserem Kaiser kann dieKöln. Zig." jetzt in Bestätigung früherer Meldungen definitiv feststellen, daß König Eduard von England und der Großherzog von Hessen mit dem Kaiser der großen Truppenschau bei Mainz am 14. August beiwohnen werden. Der Zar kommt erst Mitte September nach Deutschland.

Der Verkehr mit Kraftfahrzeugen, den sogenannten Automobilen, hat schon wiederholt den Gegenstand von Erwägungen seitens der zuständigen Behörden gebildet. Das wahnsinnig schnelle Fahren dieser Fahrzeuge, die durch das ParisBerliner Wettrennen den allgemeinen Unwillen auf sich gezogen haben, hat schon viel Unheil angerichtet. Die ministerielleB. C." giebt nunmehr bekannt, daß diesen Fahrzeugen das Recht, in Straßen von Städten zu verkehren, überhaupt genommen werden wird, wenn sie nicht in einem Tempo gefahren werden, das eine Gefährdung des Publikums ausschließt.

Die Schulpflicht für ganz Preußen soll jetzt ge­setzlich geregelt werden. In Bezug auf Anfang und Ende der Schulpflicht bestehen für die einzelnen Landes­theile Preußens noch verschiedene Bestimmungen. Z. B. erstreckt sich die Schulpflicht in Schleswig-Holstein für Knaben bis zur Vollendung des 16. Lebensjahres, in Ost- und Westpreußen aber hört die Schulpflicht mit dem Tage auf, wo das Kind das 14. Lebensjahr vollendet, ganz abgesehen davon, ob das Schuljahr abgeschlossen ist oder nicht. Die sich nicht selten widersprechenden Bestimmungen haben auch in der Rechtsprechung wieder­holt zu eigenartigen Folgerungen geführt.

Die Kosten des neuen Fürsorge-Erziehungsgesetzes, das sich in ganz Preußen auf etwa 40- bis 50 000 Kinder erstrecken wird, werden nach angestellten Be­rechnungen einen Jahresaufwand von 8 bis 12 Millionen Mark erfordern, wovon zwei Drittel der Staat und ein Drittel die einzelnen Gemeinden zu tragen haben.

Jede preußische Volksschule, auch die des platten Landes, hat in Folge des am 1. April in Kraft getretenen Kreisarztgesetzes gewissermaßen einen Schularzt erhalten. Laut Dienstanweisung sind dem Kreisarzt alle öffent­lichen wie auch die privaten Schulen seines Bezirks in gesundheitlicher Beziehung unterstellt. In gewissen Zwischen- räumen hat der Kreisarzt im Sommer und im Winter jede Schule seines Bezirks in Bezug auf die baulichen Einrichtungen und den Gesundheitszustand ihrer Schüler zu besichtigen. Von besonderer Wichtigkeit ist auch die Bestimmung, daß die Kreisärzte gelegentlich der Kreis­lehrer Konferenzen mit den Lehrern Fragen aus dem Gebiet der Schulgesundheitspflege erörtern sollen.

Erfolge der Rettungshauserziehung. Pastor Roth in Groß-Rosen (Schlesien) hat mit großer Sorgfalt die Erziehungsresultate von 25 schlesischen evangelischen Rettungshäusern festgestellt. Nachfrage ist nach 1626 früheren Zöglingen gehalten worden, die in den Jahren 1883 bis 1892 entlassen sind, jetzt also im Alter von 20 bis 30 Jahren stehen. Von diesen 1626 Zöglingen wurden 1307 ermittelt, und bei diesen ergab sich, daß die Erziehungsresultate um so günstiger sind, je früher die Anstaltserziehung begonnen hat. Gut oder befrie digend war die Führung bei 81,04 pCt., mittelmäßig bei 6,05 pCt. und schlecht bei 12,69 pCt. Dabei haben 16,92 pCt. einen auskömmlichen Erwerb.

Kiel. Der flüchtige Postdirektor Flemming aus Flensburg, welcher wegen Amtsunterschlagung steckbrieflich verfolgt wird, soll sich neuerdings in Hannover oder den angrenzenden Provinzen aushalten. Er hat, wie es in der gerichtlichen Mittheilung heißt, den Bart am Kinn auseinander gekämmt und die Brille vermuthlich ganz abgelegt. Da Flemming sich aus Liebhaberei mit Tischlerarbeiten beschäftigt und geschickt in diesem Hand­werk ist, so wird vermuthet, daß er bei einem Tischler oder in einem Möbelgeschäft Stellung gesucht und ge­funden hat. Auf die Ergreifung des Flüchtigen und die Beschlagnahme der in seinem Besitz befindlichen Gelder ist eine Belohnung von 1500 Mark ausgesetzt worden.

Leipzig. Sachsen will neben dem theuersten Bahn­hof der Welt, dem neuen Hauptbahnhof zu Dresden, nun auch noch den größten Bahnhof in Deutschland haben. Nach langem vergeblichen Bemühen ist eine Einigung zwischen den beteiligten sächsischen, bayerischen und preußischen Eisenbahnverwaltungen erzielt worden,

in Leipzig einen Centralbahnhof zu errichten. In diesen sollen künftig alle Linien einlaufen, die bisher in je einen sächsischen und einen bäuerischen und drei preußische Bahnhöfe in Leipzig mündeten. In der Anlage sollen der Anhalter Bahnhof in Berlin und der Centralbahnhof in Frankfurt a. M. zum Müller genommen werden.

Am Bau des Burschenschaftsdenkmals auf der Göpelskuppe in Eisenach stürzte ein Kapitälstein von 35 Zentnern beim Hochziehen mit der Bauwinde aus einer Höhe von 15 Meter herunter, glücklicherweise ohne Schaden an Menschenleben zu verursachen. Die vier an der Winde beschäftigten Leute fingen sich noch recht­zeitig an dem Schutzgeländer. Die Ursache war das Reißen eines starken Taues. Bei genauer Untersuchung der Bruchstelle stellte sich heraus, daß von Frevlerhand Messereinschnitte derart gemacht waren, daß sie von den Werkleuten übersehen werden konnten, aber den Unfall unbedingt herbeiführen mußten. Am nächsten Tage fanden sich bei genauer Untersuchung des Taues vor der Benutzung wieder neue Schnitte. Nach dem Ur­heber des Frevels wird eifrigst gefahndet.

Null gegen 30 pCt. Dividende im Vorjahr ist das Resultat des abgelaufenen Geschäftsjahres bei den Hasper Eisen- und Stahlwerken in Haspe. Die Schuckert- Gesellschaft in Nürnberg hat also schon einen Genossen im Unglück gefunden, und es steht zu befürchten, daß die schlechte Geschäftslage in unserer gesammten Industrie noch eine ganze Anzahl solcher traurigen Ergebnisse herbeiführt.

Stiege i. Harz, 21. Juli. Gestern sind im Harz furchtbare Gewitter niedergegangen. Ungefähr an 30 Stellen hat der Blitz eingeschlagen. In §affelfelbe wurde eine ganze Straße eingeäschert. Alle Telegraphen­leitungen wurden zerstört.

Ein eigenartiges Verbrechen fand vor dem Schwur­gericht in Elbing feine Sühne. Der Knecht Heinrich Schindler, der früher bei dem Gutsbesitzer Palm in Rosenhain diente, hatte sich wegen versuchter Tödtung zu verantworten. Der Angeklagte schlief mit dem Knechte Kosanke in einem Raume. Am 27. Dezember vor. I. kam der Angeklagte spät in angetrunkenem Zustande nach Hause. Muthmaßlich bei einem Versuche, Licht zu machen, entstand im Stalle Feuer. Der Stall bräunte nieder, 41 Kühe und 10 Pferde verbrannten mit. Der Angeklagte Schindler wurde von der Rosenberger Straf­kammer wegen fahrlässiger Brandstiftung zu einem Jahr Gefängniß verurtheilt. Bei dem Brande hat Schindler seinen schlafenden Mitknecht nicht geweckt, lief vielmehr aus dem Stalle, verschloß die Thüre von außen und öffnete auch nicht, als Kosanke um Hilfe schrie. Es ge­lang Kosanke schließlich, die Thür mit Gewalt zu sprengen und so dem Feuertode zu entgehen. Die Anklage legt dem Schindler zur Last, die Thür deshalb verschlossen zu haben, um den schlafenden Kosanke verbrennen zu lassen. Die Geschworenen bejahten denn auch die Schuld­frage wegen versuchter Tödtung, ließen dem Angeklagten aber mildernde Umstände zu Gute kommen, woraus er zu vierjähriger Gefängnißstrafe verurtheilt wurde.

Ausland.

Paris, 18. Juli. Die Meldungen über lenkbare Luftschiffe neuester Konstruktionen mehren sich jetzt. In Valenciennes (Norddepartemeut) unternahm der Luft- schiffer Delgarde eine Auffahrt mit einem von ihm er­fundenen lenkbaren Luftballon. Delgarde fuhr zuerst in gerader Linie, beschrieb sodann mit dem Ballon einen Halbkreis und landete dann in Maresches.

Lyon, 17. Juli. Wie ein hiesiges Blatt meldet, er­reichte gestern Morgen eine ganze Kompagnie Alpenjäger in voller Ausrüstung unter der Führung des Hauptmanns Tabonis den Gipfel des Mont Blaue. In Chamounix wurde das glückliche Gelingen der Besteigung mit Böller­schüssen gefeiert.

Ueber die Straßenkümpse in Saragossa werden die folgenden Einzelheiten gemeldet: Gegen die beabsichtigte Juviläums-Prozession hatten Republikaner und Freidenker einen Aufruf erlassen. Andererseits waren die Katholiken, besonders die Carlisten, entschlossen, Gewalt mit Gewalt zurückzuschlagen. Sie versahen sich daher mit Knütteln und Revolvern. Kaum war die Prozession von der ^Kathedrale abgegangen, als ein furchtbares Pfeifen und die Rufe:Nieder mit den Jesuiten!" erschollen. Die Prozession wurde durch dazwischen geschobene Karren entzwei geschnitten. Ein furchtbarer Kampf entwickelte sich. Die Damen flüchteten. An der Spitze des Zuges