WüchternerKitung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
X 58. Samstag, den 20. Juli 1901. 52. Jahrgang.
^ftolhttlrtotl auf die .Schlüchterner Zeitung" xklklklllkll^tll werden noch fortwährend von allen ---=- Postanstalten und Landbriesträgern, sowie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
Berlin, 17. Juli. Von der Nordlandsreise des Kaisers wird aus Gudwangen berichtet: Bei gutem Wetter ging der Kaiser gestern früh 6 Uhr von Bergen aus in See und traf Nachmittags 4 Uhr in Gudwangm tin. Im Laufe des Vormittags hatte der Kaiser Vortage entgegen genommen. — Dem Vernehmen nach trifft ter Kaiser am 27. oder 29. Juli in Wilhelmshöhe ein, irofelbft er einige Tage verweilen und dann nach Kiel fahren wird.
L — Postieferendar, Posiassessor. Die Wünsche, welche Beamten der höheren Postlaufbahn zur Erlangung dieses Titels geltend gemacht haben, scheinen aussichtsvoll zu sein. Die kommissarischen Berathungen haben mit den betheiligten Ressorts Anfang dieses Monats im Reichs-Postamt stattgefunden und bisher einen für die p-lionierenden Beamten günstigen Verlauf genommen.
- Zur Finanzkrise. Dem Krach der Leipziger Bank folgen noch Tag für Tag Zahlungseinstellungen. Dem Zusammenbruch der Spinnereimaschinenfabrik Popp ist die Konkursanmeldung der Geraer Garnspinnerei Nmmerkel auf dem Fuße gefolgt. Auch die Finanzkreise der Weichselgebiets sind durch die Leipziger Affaire vielfach in Mitleidenschaft gezogen. Obwohl die Nürnberger Elektricitätsgesellschaft Schuckert u. Co. in diesem Jahre statt der angekündigten 10 Proz. überhaupt keine Divi- dmde zahlt, so vermochten sich deren Aktien dennoch zu erholen. Man meinte vielfach, das Institut habe nur vorsichtig gehandelt, und die Interessenten seien in Wirk lichkeit nicht geschädigt, wenn in diesem Jahre eine Divi- dendenvertheilung auch nicht stattfände. Dem gegenüber warnt das „B. T." vor jedem Optimismus, indem es trtlärt, daß sich die ganze Angelegenheit des Dividendenausfalls bei näherer Betrachtung der begleitenden Umstände in einem immer ungünstigeren Lichte barftelle. Es liegen noch schwere Unklarheiten vor, zu deren Aufhellung die schleunigste Einberufung einer neuen Generalversammlung wunschenswerth erscheine. In der Chemnitzer Maschinen- inbufirie haben weitere Arbeitseinschränkungen statifindcn muffen, da Aufträge nur spärlich eingeben. Ungünstige Nachrichten liegen auch vom rheinisch westfälischen Kohlen- unb Eisenmarkt vor. Auf dem gerammten Julandsmarkt fv heißt es in einem Bericht der „Köln. Ztg ", zeigt sich Unlust zum Kaufen; man bestellt nur das nothwendigste. Die großen Werke beginnen deshalb lebhafter Arbeit zu suchen mit dem unvermeidlichen Druck auf die Preise. Ebenso trübe lautet der Bericht vom Kohlenmarkt, auch in diesem ist nur von Feierschichten, Preisrückgängen und verminderter Nachfrage die Rede.
— Das Bank- und Wechselgeschäft Theoder Löwen- Herg in Berlin, Leipziger Straße 113, ist zusammenge- brochen, Löwenberg ist seit acht Tagen aus Berlin verschwunden und wird von der Kriminalpolizei gesucht Löwenbergs Kundschaft setzte sich namentlich aus dem Mittelstände und kleinen Leuten zusammen. Wie hoch sich der Fehlbetrag beläuft, läßt sich zur Zeit noch nicht Wellen. Dagegen wird der Zusammenbruch mit dem
Leipziger Bank in Verbindung gebracht.
, — Die Einführung der Lohnzahlungsbücher für minderjährige Arbeiter ist ohne die beabsichtigte Wirkung geblieben Es haben sogar einzelne junge, recht fleißige Reiter, die bisher einen Theilbetrag ihres verdienten Lohnes den Eltern verschwiegen und vorenthalten hatten uach Einführung dieser Bücher im Fleiße erheblich nach lassen, was sie damit begründeten, daß sie, da ihnen Uunmehr die Freude an der freien Verwendung jenes Teilbetrages genommen sei, auch keine Veranlassung zu angestrengtem Fleiße hätten.
, Spandau. Eine bemerkenswerth günstige Stellung Mnrmt die Stadt Spandau ein als Centralsitz der Militär ^ttMtten. Während in den vielen Jndustrieorten Be fnebseinschränkungen und Arbciterentlassnngen vorkommen, W in Spandau fortdauernd reichlich Arbeitsgelegenheit Schanden. Dies ist für alle städtischen Verhältnisse von ^ßter Wichtigkeit, weil neun Zehntel der Bevölkerung Arbeiter und deren Angehörige sind. Die in der Stadt einigen Jahren ansässige umfangreiche Privatindustrie, 7 von dem Rückgang der Konjunktur auch nicht unbe- geblieben ist, hat bei der weit überragenden Be
deutung der militärischen Werkstätten nur geringen Einfluß auf die gewerbliche Lage der Bevölkerung, zumal die etwa arbeitslos werdenden Leute bei dem fortgesetzten Bedarf an Arbeitskräften in den Königlichen Fabriken jederzeit Beschäftigung finden. Es ist daher von Arbeitslosigkeit und deren traurigen Folgen in Spandau nichts zu spüren.
Gumbinnen. Ueber den ermordeten Rittmeister von Krosigk hieß es bekanntlich, Krosigk sei ein Soldatenschinder gewesen. Eine Reihe der tollsten Geschichten waren darüber im Umlauf. Die Militärbehörde hat nun über alles gewissenhafte Untersuchungen angestellt und die ministerielle Korrespondenz veröffentlicht nun deren Ergebniß: 1 „Krosigk habe als Leutnant bei den 10. Husaren 1866 einen Mann derart mißhandelt, daß dieser sich vor Verzweiflung entleibt habe." Das ist unwahr. Krosigk war bis 1893 zwölfter Dragoner, an der Miß Handlung und an dem Selbstmord ist kein Wort wahr. 2. „Krosigk habe den Wachtmeister Marien so lange Kehrt machen lassen, bis er umgefallen sei." Nach Mariens eigener Aussage ist dergleichen nie passiert. 3. „Ein anderer alter Wachtmeister einer von Krosigk geführten Schwadron habe einen Bleistift auf Befehl dreißig Mal hintereinander von der Erde aufheben müssen." Sämmtliche Wachtmeister, die je unter Krosigk gedient hatten, sind vernommen worden und keiner weiß etwas von dieser Räubergeschichte. 4. „Der Rittmeister von Krosigk sei wegen Soldatenmißhandlung zu mehrmonat- licher Gefängnißstrafe und zur Dienstentlassung verur- theilt gewesen, dann aber zu Festung begnadigt worden." Das ist aus der Luft gegriffen. Krosigk hat vier Monate Festung gehabt, zu denen er aber direkt verurtheilt worden war. Und so geht die Aufzählung weiter. Es ergiebt sich daraus, daß mit den böswilligen Gerüchten über den Ermordeten geradezu Unfug getrieben ist. Krosigk war in der Behandlung seiner Untergebenen gewiß nicht vorbildlich; aber dazu, dem Todten den Prozeß zu machen, statt seinem Mörder, liegt nicht die geringste moralische Veranlassung vor.
Glatz. Das Bankhaus Louis Schott in Glatz sieht sich gezwungen, die Zahlungen cinzustellen. Genannte Firma hat für ihren Kundenkreis angeblich große Stimmen an Differenzen verauslagt resp, in Baar bezahlt. Eine der angesehensten und reichsten Firmen in Glatz hat die für sie von dem Bankhause Schott verauslagten bedeutenden Differenzen nicht nur nicht zurückgezahlt, sondern hat sogar auf Herausgabe der bereits vorher von ihr geleisteten Einzahlungen geklagt, auch ein obsiegendes Urtheil erstritten, und sämmtliche Einigungsoersuche schroff zurückgcwiesen. Da nun auch Andere aus dem Kundenkreise diesem eklatanten Beispiele zum Theil Folge leisteten, zum Theil zu befürchten ist, daß es noch geschehen wird, hat genanntes Bankhaus, um nicht die übrigen Gläubiger zu schädigen, sich für insolvent erklärt.
Ulm, 10. Juli. Wegen Verfälschung von Bier ist der Brauereibesitzer, frühere Apotheker, Karl Schöllkopf aus Ulm zu drei Monaten Gefängniß verurtheilt worden. Er ließ alle Bierreste in seinem Restaurant sammeln, in Fässer füllen und verkaufte die Brühe als „feines ausgezeichnetes" Bier. Die chemische Untersuchung ergab, daß dem Bier Zigarrenstummel, Zigarrenasche, Haare, Brot und Speisereste, Insekten :c. beigemengt gewesen waren und Vorgefundene Spuren von Schleim lassen noch andere, nicht eben appetitliche Beigaben vermuthen.
Mainz, 11. Juli. In Finten war das dreijährige Kind eines Arbeiters, welcher infolge eines Unfalles zu Bette lag, verbrannt. Die Mutter begab sich auf die Bürgermeisterei, um den Todesfall zu melden, vermochte jedoch vor Erregung nicht ihren Namen zu schreiben. Der Bürgermeister schickte hierauf das Aktenstück mit der Frau nach Hause, wo es der zu Bette liegende Mann unterschrieb. Die hiesige Strafkammer erblickte hierin eine falsche Beurkundung nnd vcrurtheilte dicserhalb den Bürgermeister von Finten heute zu einem Monat Gefängniß.
Vom Rhein, l5. Juli. Die Kirschenernte am Rhein und der Mosel, sowie der Versand gehen zu Ende; es war ein guter Ertrag. Die Preise erreichten 38 - 40 Pfg. im höchsten und 4-6 P g. im niedrigsten Falle. Wie bedeutungsvoll der Ausfall der Kirschenernte auf die Verhältnisse der Dörfer wirkt, läßt sich daraus er messen, daß Heuer auf das Moseldorf Lay 80,000 Mk., Moselweiß und Guls 120000 M., auf die Rheindörfer Salzig und Kamp noch höhere Summen entfallen.
Ausland.
Transvaal. Lord Kitchener scheint ein Phantast zu sein. Er beabsichtigt nämlich, Londoner Blättermeldungen zufolge, Vorkehrungen zu treffen, um einen vollständigen Wechsel in der Kriegsführung eintreten zu lassen. Beim Beginn des Herbstes sollen nicht weniger als 70,000 Mann aller Truppen Südafrika verlassen und durch 50,000 Mann frischer, auserlesener Truppen ersetzt werden, die dann in drei fliegenden Korps gegen die drei bedeutsamsten Burenkommandos energisch operieren sollen. Sie sollen sich den Buren an die Fersen heften und sie niemals verlassen. Nach welcher Richtung die Buren auch fliehen, sollen sie von den britischen Berittenen ver olgt werden. Der Kavallerie soll eine starke Infanterie-Nachhut folgen, deren Aufgabe darin besteht, die strategisch wichtigsten Punkte zu besetzen und stets für frische Remonten zu sorgen. Durch diese drastischen Maßregeln hofft Lord Kitchener den Krieg bis Ende Oktober zum Abschluß zu bringen. Wo das Londoner Kriegsamt diese 50 000 Mann auserlesener berittener Truppen hernehmen soll, ist eine Frage, die wohl auch Lord Kitchener nicht wird beantworten können. — Der „Standard" meldet aus Brüssel: Die Hinrichtung mehrerer Kaprebellen verursachte große Aufregung in den hiesigen Burenkreisen. In der Umgebung des Präsidenten Krüger ist man der Meinung, daß Botha jetzt berechtigt sei, Repressalien zu ergreifen und britische Kriegsgefangene erschießen zu lassen. Der Generalissimus der Buren richtetesan Kitchener einen Protest gegen die Hinrichtung der Rebellen.
Peking, 16. Juli. Die Gesandten geben offen zu, daß die Aussichten auf den Abschluß der Verhandlungen immer düsterer werden. Die Lage ist sehr ernst. Ueber einen Monat befindet man sich auf dem todten Punkte. Der Hauptgegensatz zwischen England und Rußland betrifft Einzelheiten des Planes der Entschädigungszahlung. Alle Gesandten hatten bereits Anfangs Juni, vorbehaltlich der Zustimmung ihrer Regierungen, sich über den Plan geeinigt, als England seine Zustimmung versagte, mit der Begründung, es müsse seine Handelsinteressen schützen. Die Gesandtschaften der neutralen Mächte meinen, England oder Rußland müsse wesentliche Zugeständnisse machen, bevor der Abschluß der Verhandlungen möglich sei. Wenn die finanzielle Frage erledigt ist, können die Verhandlungen in einem Tage zum Abschluß gelangen. Li Hung Tschang forderte die Gesandten dringend auf, einen vollständigen Plan der Friedensbedingungen vorzulegen. China sei bereit, alle vernünftigen Bedingungen anzunehmen, wolle aber endlich wissen, was die Mächte eigentlich verlangen, damit man mit der Erfüllung der Bedingungen beginnen könne. — Ein Pekinger Blatt berichtet über die Selbstmorde der Boxerführer, zu welchen dieselben an Stelle der von den verbündeten Mächten geforderten Hinrichtung im Gnadenwege verurtheilt wurden. Am meisten Schwierigkeiten machte der Tod Tschauschutschians. Er aß Blattgold, hatte aber nicht den gewünschen Erfolg, so daß er mit Opium nachhelfen mußte. Das Blattgold versperrt die Luftwege, so daß der Tod gewöhnlich durch Ersticken eintritt. Prinz Tschwang, dem das Urtheil in Putschonfu, einer größeren Stadt in der Südwestecke Schansis, übermittelt wurde, nahm sich in Gegenwart des Reichskommissars Kopauhwa, der ihm den Befehl des Hofes von Siugansu gebracht hatte, ohne weitere Umstände sofort das Lebe n. Er erhenkte sich in Tempel des Ortsmandarinen, bei dem er wohnte, an der weißfeidenen Schnur, die ihm der Kaiser gesandt hatte als herkömmliches Zeichen des gemilderten Todesurtheils. „Also nur Selbstmord?" hatte er gefragt, als ihm das Urtheil verlesen wurde; „ich wußte längst, daß ich sterben müsse. Ich fürchte, der Kaiser wird auch nicht mehr lange am Leben bleiben." Aungnien, der Vorsitzende des Censorenamtes, erstickte sich mit Erde.
Lokales unv Provinzielles.
♦ Schlüchtern. 19. Juli.
* — Versetzt wurde der Förster Füller zu Alten- gronau nach Jossa und der Straßcnmeister Umbach von Gensungen nach Flieden.
* — Wie es beim Schneefall im Winter heißt: „Gedenket der hungernden Vögel!" so möge jetzt, wo die Hitze gekommen ist, die Mahnung allseitig beherzigt werden: „Vergeßt die schmachtenden Thiere nicht!" Wer für sich selbst einen Labetrunk genehmigt, der besinne sich zu gleicher Zeit darauf, ob auch sein Hausthier oder sein ihm anvertrautes Arbkitsthier versorgt ist,