WuchternttZeitung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 56 Samstag, den 13. Juli 1901. 52. Jahrgang.
IUfh>lhtt1AM1 auf die „Schlüchterner Zeitung" merben noch fortwährend von allen ■ "~- Postanstalten und Landbriesträgern, sowie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
Berlin. Von der Nordlandsfahrt des Kaisers wird gemeldet, daß die Jacht „Hohenzollern" bis zum Sonnabend in Odde verbleiben wird. — Die Kaiserin hat sich am Mittwoch mit ihren Kindern von Rügen nach Warnemünde begeben.
— Das Geschenk des Sultans Zehn werthvolle marokkanische Hengste trafen als Geschenk des Sultans von Fez und Marokko für den Kaiser in Potsdam ein. Die Thiere wurden von zwei Arabern begleitet. Ein Stallmeister des Kaisers mit zehn Marstallbediensteten brächte die sehr scheuen und muthigen Pferde in größeren Abständen nach dem Kutschstall am Neuen Markt, wo sie in der früher für die Pferde des Kronprinzen reservierten Abtheilung untergebracht wurden.
— Schlechte Ernteaussichten. Petersburger Blätter schreiben u. a.: Den Gouvernements Saratow und Stamara droht ein schweres Schicksal; fast aus allen siebzehn Kreisen treffen Nachrichten ein, daß sowohl die Wintergetreide, wie die Sommersaaten endgültig verloren sind und auch keinerlei Hoffnung auf eine Besserung bestehe, selbst wenn reiche Niederschläge eintreten. Es wird infolgedessen eine sehr schlechte Getreideernte erwartet, während auf einen Heuertrag gar nicht mehr gerechnet wird Seit Mitte Mai herrscht eine Temperatur von 45 Grad Reaumur ohne einen Tropfen Regen, sodaß die Bäche und kleinen Flüsse alle ausgetrocknet sind. Schon gegenwärtig ist es mit der Ernährung des Viehs sehr schlecht bestellt, da auf den Wiesen längst kein grüner Halm mehr zu finden ist und kein einziger Bauer an ein Einsammeln von Futterreserven gedacht hat oder denkt. Was die Getreidevorräthe betrifft, so sind sie bei den Bauern und Gutsbesitzern längst erschöpft und jeder Überschuß ist verkauft. Unter dem Einfluß dieser Thatsachen steigen die Getreidepreise rapid. Ganz ähnlich lauten die Meldungen aus dem Gouvernement Kasan. Auch dort befürchtet man bereits, daß Niederschläge die Ernte nicht mehr retten können. Unter diesen Umständen wird Rußland nicht viel Getreide über die Grenze exportieren können, und da auch bei uns in diesem Jahre die Ernteaussichten theilweise außergewöhnlich ungünstig sind, so erscheint die Sorge, daß wir einem theuren Winter entgegengehen, nur allzu begründet. — Auch in Indien, dem Lande der chronischen Hungersnoth, droht wieder eine fürchterliche Hungersnolh auszubrechen, da infolge der entsetzlichen Trockenheit eine schwere Mißernte bevorsteht.
— Nachdem über die z. Zt. bestehenden Nothstandstarife für landwirthschastliche Artikel vielfach im Publikum Mißverständnisse ausgetreten sind, theilen wir behufs etwaiger Aufklärung unserer Leser mit, daß für den Verkehr mit den östlichen Provinzen vom 1. Juli d. Js. ab zwei besondere Nothstands Ausnahmetarife bestehen: a) der eine für Futter- und Streumittel, sowie für Saatgut ist zur Linderung des in den Provinzen Posen und Westpreußen aus den Verheerungen der Winterfröste in Verbindung mit den Schäden der vor jährigen Mißernte eingetretenen und noch zu erwartenden außergewöhnlichen Nothstandes bestimmt. Unter den in diesem Ausnahmetarif vorgesehenen Bedingungen werden in der Zeit vom 1. Juli ds. Js. bis dahin 1902 für Futtermittel die Frachtlätze des Spezialtarifs III., für Streumittel die Sätze des Rohstoffstarifs um 50% er= mäßigt, ferner für die Zeit vom 1. Juli bis einschl. den 15. Oktober ds. Js. für Saatgut in Wagenladungen an Stelle der Sätze des Spezialtarifs 1 die billigeren des Spezialtarifs II berechnet und für Saatgut in Stück
gutsendungen die Sätze des Spezialtarifs für bestimmte Stückgüter um 25% ermäßigt; b) der andere Aus- Nahmetarif für Futter- und Streumittel ist an Stelle des Ausnahmetarifs vom 6. Februar d. Js. getreten und hat Gültigkeit vom 1. Juli bis einschließlich den den 30. September d. Js. Vor dem Ansnahmetarif dom 6. Februar d. Js. unterscheidet er sich hauptsächlich darin, daß die Provinzen Posen und Westpreußen, weil ihnen in Rücksicht auf ihre außergewöhnlich große Nothlage die durch den unter 1 bezeichneren Ausnahmetarif gewährten weitergehenden Frachtermäßigungen gewährt werden, in dem neuem Ausnahmetarifs unter den Nochstands-
Wirken nicht mehr ausgeführt sind. Inhaltlich beider Selbstverständlich ist es schwierig, jedes derselben auf
Ausnahmetarife gelten jedoch nunmehr für den Handel künftig die gleichen Anwendungsbedingungen, wie für landwirthschafiliche Genossenschaften und sonstige Empfänger die den landwirthschaftlichen Betrieb nicht selbstständig ausüben.
— Für die Kommandirung von Soldaten zu Erntearbeiten wird jetzt amtlich bekannt gemacht, daß die den maßgebenden Kommandos zur Einsicht und Begutachtung vorzulegenden Gesuche der Landwirthe um Gestellung von Ernteurlaubern" als Anlage einer Bescheinigung bedürfen entweder des zuständigen Landraths- amtes oder der Kreisdirektion. Diese Bescheinigung muß den Vermerk enthalten, daß der betreffende Landwirth keine Landarbeiter bekommen konnte und daher nur mit militärischer Hilfe einernten kann. Gerade in diesem Jahre soll auf Anordnung des Kaisers in dieser Beziehung den Landwirthen das größte Entgegenkommen bezeigt werden, da durch die Expedition nach China viele junge Landarbeiter ihrem Berufe entzogen werden mußten. In Folge dessen wird fast ausschließlich jedes Gesuch genehmigt, welches die oben erwähnte Bescheinigung auf- weist. Maßgebend ist ferner, daß der Landwirth den Leuten ein angemessenes Quartier, ausreichende Beköstigung und den ortsüblichen Tagelohn gewähren kann. Von letzterem fließt gewöhnlich ein Viertel in die Truppen- Unterstützungskasse, um im Manöver, bei Festen oder sonstigen Anlässen Verwendung zu finden.
— Der Prozeß der Militäranwärter gegen die Reichspost wegen zu geringe Tagegelder ist nunmehr in der obersten Instanz für die Ersteren entschieden. Den Militäranwärtern wurden als „Beihilfe zum Lebens-
unterhalt" 2,25 ihnen dreiviertel Stellung und den Anwärtern
bis des ein
von
2,75 Mk. täglich gewährt, während Mindestgehaltes ihrer demnächstigen Wohnunqsgeldzuschuß zustand/ wie den Regimentern bekannt gegeben
worden war. Diese Angelegenheit greift bis auf das
i Jahr 1882 zurück. Nachdem nun einige Militäranwärter i jüdischem Jargon geschriebenen Brief, in dem Berger die Berechtigung ihrer Ansprüche durchgedrückt haben, dem Angeklagten mittheilt, er habe die Gitel Turteltaub,
die Berechtigung ihrer Ansprüche durchgedrückt haben,
hat sich die Postbehörde bereit erklärt, die übrigen einschlägigen Forderungen ohne Weiteres zu begleichen.
Die zu wenig gezahlten Gelder werden den Beamten die ersten 10 Jahre mit 4, für die spätere Zeit 3 vom Hundert verzinst. Manche Beamte erhalten zu 800 Mk.
für mit bis
— Die Verschiedenartigkeit des Grüßens der Kriegervereine ist, wie die „Parole," das amtliche Organ des Kriegerbundes, mittheilt, dem Kaiser beim Abreiten der Fronten der Vereine anfgefallen. Die einen schwenken die Kopfbedeckung, die anderen behalten sie auf, nehmen eine gerade Haltung an und legen die Hand an die Hosennaht; die dritten nehmen einfach bei strammer Hal tung die Kopfbedeckung ab. Der Kaiser wünscht eine Einheitlichkeit im Grüßen der Kriegervereine dahin, daß die Kopfbedeckung abgenommen wird.
— Um auf eine möglichst umfassende Rauchverhütung bei gewerblichen Anlagen hinzuwirken, plant die technische Unterrichts-Verwaltung die Einrichtung von Heizerkursen. Es wird beabsichtigt, an verschiedenen Stellen einen auf dem Gebiete erfahrenen Jngenier und einen Lehrheizer anzusiellen und durch diese regelmäßig an geeigneten Orten Wanderkurse abhalten zu lassen. Die theoretische Unterweisung soll dem Jngenier, die praktische dem Lehrheizer zufallen.
— Infolge der jüngsten Bankzusammenbrüche findet, wie das „B. T." erwähnt, beim Ankauf von Privat- diskonten eine sehr scharfe Auswahl statt. Einige öffentliche Institute wie die preußische Seehandlung und die Berliner Sparkasse gehen in ihrer Vorsicht so weit, daß sie den Maklern, die das Geschäft in Privatdiskonten vermitteln, eine Liste derjenigen Firmen gegeben haben, deren Unterschrift das Accept tragen muß, um es zum Ankauf geeignet erscheinen zu lassen. Die Leipzig-Casseler Bankkatastrophe fordert noch täglich Opfer und es ist keine Hoffnung vorhanden, daß die allgemeine Erregung bald zur Ruhe kommen wird.
Leipzig. Durch den Konkurs der Leipziger Bank ist auch die Evangelisch-lutherische Mission zu Leipzig arg in Mitleidenschaft gezogen worden. Dieselbe hatte bet der Bank ein ganz bedeuiendes Guthaben, das nach dem Rechnungsabschluß des 81. Jahresberichts sich mit 67 642,70 Mark bezifferte. — Ueber die Verluste bei
dem Zusammenbruch der Leipziger Bank in Dresden schwirren die mannigfachsten Gerüchte durch die Luft.
seine Echtheit hin zu prüfen, doch wird als positiv bekannt gemacht, daß ein berühmter Sänger die ansehnliche Summe von 800 000 Mk. in Leipziger Bankaktien angelegt hatte, die so ziemlich verloren sein dürfen. Ein hiesiger bedeutender Arzt, der auch am sächsischen Hofe eine einflußreiche Stelle einnimmt und bis vor Kurzem als leitender Arzt an einer hiesigen großen Krankenanstalt thätig war, hatte sein ganzes Vermögen in Kummeraktien angelegt und dürfte ebenfalls Alles verlieren. Der bedauernswerthe Herr, der in Folge seines Alters sich in das Privatleben zurückziehen wollte, steht sich nunmehr genöthigt, eine Privatklinik zu eröffnen. Die hiesige Filiale der Leipziger Bank zählte zu ihren Kunden auch viele hohe Offiziere, die ebenfalls mehr oder weniger betroffen worden, und man befürchtet allgemein, daß die Nachwehen der Katastrophe noch lange fühlbar sein werden.
- Ein trauriges Geschick hatte eine Viktualienhändlerin in Leipzig; ihr wurden im Mai vergangenen Jahres 100 000 Mk., ihr in rastloser Arbeit sauer erworbenes Vermögen, mittels Einbruchs gestohlen. Den Bemühungen der Kriminalpolizei gelang es, die Einbrecher nicht nur, sondern auch das gestohlene Geld zu ermitteln. Die Frau war sich, als die Werthpapiere sich wieder in ihrem Besitz befanden, darüber klar, daß sie das Geld nicht im Kommodenkasten aufbewahren könne, und trug es zur Leipziger Bank. Hier wird sie nun leider den größten Theil der Summe für immer verlieren.
Beuthen. Aus der Verhandlung gegen den internationalen Mädchenhändler Meyerowicz, der, wie wir gemeldet haben, vom Landgericht zu Beuthen wegen versuchter schwerer Kuppelei zu drei Jahren Zuchthaus verurtheilt wurde, sei ein Fall hervorgehoben, der ein Kulturbild aus dem dunkelsten Halbasien darstellt. Es ist der Fall Gitel Tuiteltaub. — Rabbiner Koppstein- Beuthen übersetzt einen in hebräischer Schrift von einem gewesen Jankel Berger an Meyerowicz in polnisch-
seine Nichte, wegtransportiert, er habe aber eine große Angst deshalb. — Der Präsident bemerkt: Diese Gitel Turteltaub, ein siebzehnjähriges Mädchen, die Nichte des Jankel Berger, sei spurlos verschwunden. Es werde vermuthet, daß sie von Jankel Berger und dem Angeklagten in ein Freudenhaus nach Argentinien gebracht worden sei. Der Angeklagte bemerkt wiederholt auf das .Befragen des Präsidenten, daß ihm die Turteltaub unbekannt sei. Es wird ferner eine Auskunft des deutschen Generalkonsuls in Rio de Janeiro verlesen. In dieser heißt es: Der Angeklagte, der sich John Meyerowitsch, alias Streit nennt, wohnt seit 14 Jahren in Buenos Aires. Er habe mehrfach Reisen nach Europa unternommen und stehe im dringenden Verdacht, mit seiner Konkubine Blume Markowitsch und anderen Mädchenhandel in großem Maßstabe zu betreiben. Der Angeklagte stehe auch in Verbindung mit einem Börsenmakler Benjamin Bohm. — Es wird hierauf Grenzkommissar Mädler als Zeuge aufgerufen: Er sei seit zehn Jahren Grenzkommissar. Es sei ihm längst bekannt, daß Mische Händler zumeist jüdisch-polnische Mädchen an sich locken und sie unter allerlei Versprechungen nach Südamerika in dortige Freudenhäuser schaffen. Es sei auch vor etwa zwei Jahren gelungen, eine Reihe solcher Händler in Petrikau zu verhaften, eine Anklage gegen diese Leute konnte aber nicht erhoben werden, da das russische Gesetz gegen solchen Mädchenhandel keine Handhabe zur Bestrafung biete. In einer von der Gesellschaft zur Bekämpfung des Mädchenhandels herausgegebenen Broschüre werde behauptet, daß in einem Jahre 8- bis 10000 Mädchen in südamerikanische Freudenhäuser geschafft werden. Für jedes Mädchen werden 600 bis 10 000 Mark, je nach der Güte der „Waare" gezahlt. Die Mädchen werden fast sämmtlich aus Russisch-Polen nach Kattowitz gebracht und von dort über Breslau, Berlin, London nach Südamerika geschafft. Als Mädchenhändler großen Stils wurden ihm Lasar Schwarz, der Angeklagte und Abraham Fischel bezeichnet. Die Auswanderung der Mädchen geschieht ausschließlich zu Unzuchtszwecken. Selbstverständlich wird den Mädchen der Zweck ihres Transportes nicht mitgetheilt. Es wird ihnen gesagt, daß sie in Argentinien sehr gute, hochbezahlte Stellungen erhalten, oder daß sehr reiche Verwandte, von deren Existenz sie allerdings bisher keine Kenntniß hatten, in Argentinien leben. Ferner erhalten die Mädchen einen Brief, laut welchem sie mit einem jungen Manne in