WüchtemerZeitung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
U 50. Samstag, den 22. Juni 1901. 52 Jahrgang.
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Zu recht zahlreichen Bestellungen auf das mit 1. Juni 1901 beginnende neue Vierteljahr ladet freundlichst ein
die Expedition der „Schlüchterner Zeitung".
Deutsches Reich.
Berlin. Am 22. d. M. vollzieht der Kaiser auf der iserlichen Werft in Kiel die Taufe des großen Kreuzers 3“ und am 24. d. M. wird das Wettrndern um die r Fähnriche z. S., Seecadetten und Schiffsjungen ge- steten Wanderpreise stattfinden.
— Die Reichsbank setzte den Wechsel Diskont auf und den Lombard Zinsfuß auf 4'/, Prozent herab.
— Kurssturz von Jndustriewerthen. Wer sich der lkenntniß, daß unsere Industrie gegenwärtig einen be- trfbaren Tiefstand erreicht hat, mit Gewalt verschließen ollte, dem müßte doch ein Blick auf die Kursnotirungen iserer industriellen Werthe an den Börsen die Augen fnen. Da wurden an der gestrigen Börse wieder Pa- m, auf deren Stabilität man geschworen hätte, um 5, ja um noch mehr Prozente geworfen. Wenn das och so fortgeht, dann ist eine allgemeine wirthschaftliche nse ganz unvermeidlich. — Die allgemeine deutsche leinbahngesellschaft laboriert gleichfalls unter dem Rück- ang der industriellen Unternehmungen, so daß sie bei eitern nicht die Dividende zahlen kann, die ihre Ak- onäre früher bezogen haben.
— Ueber Mißernten laufen von den verschiedenen leiten bittere Klagen ein. In den östlichen Provinzen !s Königreichs Preußen ist der Schaden, den der am iltenbe Frost den Saaten zugefügt, bekanntlich so g* §, 16 der Staat zu einer Hülfsaktion großen Stils hat breiten müssen. In Ungarn hat die lange Trockenheit it Ernte aufs äußerste gefährdet, so daß auch von dort ich« viel zu erwarten ist. Und nun kommen auch noch liobspoften aus Rußland. Nach neueren Berichten ist blid) in allen Theilen des Weichselgebietes mit Aus ahme eines Theils des Gouvernements Lublin eine alh Meine Mißernte zu befürchten. Die starken Fröste im Rärj und April haben Schäden angerichtet, die sich auf ich Millionen belaufen. Wir gehen also bitter theuren jäten entgegen, darüber kann kein Zweifel mehr bestehen.
* — Im Interesse der Volksgesundheit ist in Preußen m Aerzten in der Ausübung ihrer Praxis auch die Benutzung der Güterzüge lediglich gegen Lösung einer fthrkarte III. Klasse neuerdings gestattet worden.
Dortmund. Das Dortmunder Schwurgericht hat "eben in außerordentlicher Tagung gegen eine Anzahl Verbrecher verhandelt, die als Spezialität Straßenraub
trieben, indem sie Bergleute, die sich mit ihrer Löhnung 1(>il) Hause begeben wollten, überfielen und ausraubten, M wenn sie Widerstand leisteten, einfach todtschlugen. £18 Gericht verhängte insgesammt 30 Jahre Zuchthaus. M Haupt der Gesellschaft, der Kesselheizer Leimann, shielt 15 Jahre Zuchthaus. Derselbe Leimann wird ich demnächst von neuem wegen Raubmordes zu ver- 'ntoorten haben. Er überfiel nämlich einen Bergmann, mordete ihn und schleppte die Leiche, nachdem er sie ^geraubt hatte, auf das Bahngeleise. Die Bande bil- Me den Schrecken des gesamten Kohlenreviers. Zählte Mitglieder harren noch ihrer Aburthellung.
Bom Harz, 16. Juni. Zu den Sehenswürdigkeiten Harzes gehören bekanntlich auch mehrere außerordent- b große Höhlen, so zum Beispiel die Barbarossa-Höhle, Baumanns- und Hermanns Höhle und andere. In ^h'ter Zeit wird man daran gehen, eine neue große We, die an Umfang alle anderen übertreffen soll, zu "Wetzest. Die Höhle liegt in der Nähe von Stolberg führt die Bezeichnung „Heimkehle". Es hat sich °"eits ein Komitee gebildet, das die Erschließung der vdhle sich zur Aufgabe macht.
Kahla. Der Direktor des verkrachten Kahlaer Vor Mtzvcreins Jecke erhielt vom Altenburger Landgericht sgni Veruntreuung, Urkundenfälschung, Unterschlagung wreue und einfachen Bankerotts 7 Jahre Zuchthaus, ? Jahre Ehrverlust und 1000 Mk. Geldstrafe. Nun '^n dem Herrn blos noch 150 Stockprügel.
Der in den Jahren 1894—95 auf dem l^^Mbe von Gravelotte erbaute und am 18. August im Beisein ungezählter Veteranen eingeweihte Ge-
die Bezeichnung „Heimkehle". Es hat sich
denkthurm ist gesprengt worden, um an einer andere» Stelle des Schlachtfeldes wieder aufgebaut zu werden. Die Versetzung des Thurmes war unabweisbar, weil an seinem bisherigen Standorte ein Fort erbaut wird.
Ausland.
Petersburg, 18 Juni. Die Kaiserin Alexandra ist von einer Tochter entbunden worden. (Hiernach ist die Hoffnung auf einen Thronerben wieder vergebens gewesen. Die neugeborene Großfürstin hat bekanntlich schon drei Schwestern.)
Paris, 18. Juni. In Fontainebleau wurde ein junger Mann, welcher von der Staatsforstveiwaltung zur Ucberwachung des Waldes von Fontainebleau ange- stellt war, dabei betroffen, als er Feuer anlegen wollte. Der Mann gestand, bereits siebenmal Feuer angelegt zu haben, um sich bei den Löscharbeiten heroorthun zu können. Der Brandstifter wurde verhaftet.
Spanien. Die Nachrichten, - daß in dem Bergwerk Lugo in Galizien bedeutende Goldlager entdeckt wurden, bestätigen sich. „Jmparcial" läßt sich melden, daß bei Becerrea durch ein englisch französisches Syndikat Bohrarbeiten gemacht worden seien, bte nunmehr zu alle Hoffnungen übersteigenden Ergebnissen geführt hätten. I Der französische Ingenieur Felix Prot erklärt, die Lager feien so bedeutend wie die in Transvaal. Bei einer ! Ausbeute von 200 Tonnen Erz täglich sei Erz für drei I Jahrhunderte vorhanden. Die ganze Gegend ist in einem Freudentaumel. — Den armen Hidalgos wäre eine kleine Freude wohl einmal zu gönnen!
Transvaal. Der Burensieg bei Middelburg, den Lord Kitchener jetzt ganz und gar nicht ableugnen kann, g estaltete sich in Wirklichkeit für die Buren viel glänzender, als es der Bericht des englischen Generalissimus zu erkennen giebt. Die Zahl der todten und verwundeten Engländer betrug nämlich in Wirklichkeit nicht weniger als 84 Mann und nicht weniger als 205 Mann ge- riethen in Gefangenschaft. Die Kunde von diesem Erfolge aber hat südlich des Oranjeflusses, im nördlichen Kaplande, eine große Wirkung ausgeübt. Wie nämlich aus Norwalspont gemeldet wird, schließen sich die Kapholländer wieder in großer Zahl den Buren an. Noch einige Erfolge der Buren und das Kapland erklärt seinen Abfall von England, wodurch Großbritannien mit einem Schlage in ganz Südafrika unmöglich gemacht werden würde. Wie recht hat der alte Krüger unter diesen Umständen, daß er sich auf keinerlei Friedensoerhand- lungen einläßt, es sei denn auf der Basis der vollständigen Unabhängigkeit der südafrikanischen Republiken. Und schließlich wird diese Bedingung, wie man schon wiederholt behauptet hat, von den Engländern doch gewährt werden müssen. In ganz England macht sich eine kaum noch zu unterdrückende Friedenssehnsucht geltend. Die Ereignisse der letzten Woche haben auch in den Kreisen, die bisher an der unbedingten Fortsetzung des Krieges festhielten, die Erkenntnis zum Durchbruch gebracht, daß England sich entweder selbst ruinieren oder in den sauren Apfel der Kriegseinstellung unter Anerkennung der Buren-Autonomie willigen müsse. Das letztere Uebel ist das kleinere und wird daher über kurz oder lang gewählt werden. — Die „Rhein.-Wests. Ztg." veröffentlicht den Bericht eines Gewährsmannes, der von Frau Botha die Mittheilung erhielt, daß General French zweimal gefangen genommen und ehreuwortbrüchig geworden sei. Er sollte erschossen werden, Lord Kitchener intervenierte jedoch, worauf French gegen 1000 in Zimonstown gefangene Buren ausgeliefert wurde. Frau Botha versicherte wiederholt, ihr Gatte werde bis zum letzten Mann, bis zur letzten Patrone fechten, sämmtliche Buren würden, wenn es nöthig sei, Jahre lang weiter fechten. England sei jedoch Friedensbedürftig, da der ganze Zustand in Südafrika unhaltbar geworden sei.
Lokales unB Provinzielles * Schlüchtern, 21. Juni.
* — Morgen, Sonntag, findet das Fahnenweihefest
des Breitenbacher Kriegervereins statt (siehe Inserat).
* — Wegen der am nächsten Mittwoch Morgen unseren Kreis auf der Landstraße von Hanau nach Fulda durchfahrenden Automobilwettfahrt von Paris nach Berlin ist es angezeigt, daß die Anwohner derjenigen Straßen, welche die Motorwagen passieren, ihre kleinen Kinder, sowie Hunde, Gänse, Enten und Hühner am Vormittag von der Straße fernhalten, damit sie nicht überfahren, werden. Auch die Führer von Fuhrwerken mögen scharf Acht geben, um nicht mit den schnell heransausenden Motorwagen zu caramboliren, was für Wagen und Zugvieh gleich gefährlich ist.
* — Das Klingeln der Radfahrer wird von einem Theil des Fußgängerpublikums immer noch falsch aufgefaßt und viele Unfälle und Zusammenstöße sind diesem Umstände zuzuschreiben. Das Glockenzeichen eines Radfahrers soll dazu dienen, dem Fußgänger zu melden: „Vorn oder hinten kommt ein Rad, möglichst auf der rechten Seite des Weges geradeaus gehen!" Viele Fußgänger glauben aber, es heißt: „Weg da, ich komme!" und springen erschreckt zur Seite, natürlich dann meist nach der verkehrten Seile und dem Radfahrer dann gerade vor das Rad. Wie viel Aerger, Schimpfereien und gar Unglücksfälle sind dadurch schon entstanden! Es ist für Fuß. änger und Radfahrer ein Vortheil, wenn 92ie= man';.b':^ Ertönen der Glocke nervös wird, sondern jeder ruy'g, ohne uuj umzusehen, mögllchit auf der rechten Zeile des Weges ruhig weiter geht oder, wenn er quer über die Straße gehen will, einen Augenblick stehen bleibt und den Radfahrer an sich vorüber läßt.
* — Der Landwirthschaftsminister hat in einet Verfügung die Königlichen Regierungen angewiesen, zur Linderung der herrschenden Futternoth das Vieh der Waldanwohner in diesem Jahre nach Möglichkeit zur Waldweidenutzung zuzulassen. Die Verfügung bestimmt ferner, daß ausnahmsweise auch eine Einmicthe für einzelne Monate gestattet werden kann und daß dann das monatliche Weidegeld auf ein Sechstel des für die ganze Weidezeit geltenden Satzes bemessen werden soll. Bei vorliegender Bedürftigkeit sind die taxmäßigen Weidegeld- sätze nach dem Ermessen der Königlichen Regierung bis auf die Hälfte zu ermäßigen.
* — Die Hecken und die Landwirthschaft. Dem sorgsamen Beoabachter wird es nicht entgangen sein, daß die Hecken auf Feldern, Wiesen und an Straßen immer mehr verschwinden. Diese Thatsache ist im Interesse der Landwirthschaft sehr zu bedauern; denn mit der Ausrottung der Hecken wird nicht nur vielen Vögeln, sondern auch anderen Thieren, die Tag und Nacht an der Säuberung der Aecker und Wiesen von schädlic^im Gewürm arbeiten, die Wohnung entzogen. Es ist nam« lid) Thatsache, daß viele Singvögel nur in Hecken und Sträuchern nisten und gerade die dornigsten und verwachsensten Sträucher sind dazu am besten geeignet. Zu diesen Vögeln gehören Braunelle, Grasmücke, Schwarz- blättchen, Goldammer, Hänftling, Naiytigal und Zaunkönig. Außerdem dienen die Hecken dem Igel, der Eidechse und selbst der Kröte zur Unterkunft. Alle diese Thiere vertilgen Insekten, Mäuse und andere der Land- wirthschaft schädlichen Thiere und Würmer und sind daher ebenso nützlich als der Maulwurf. Man sollte daher keine Dornenhecke entfernen und da, wo keine sind, welche anlegen. Besonders an den O:ten, wo sie der Landbestellung Nicht hinderlich sind, wie z. B. an Gräben, Holzwegrändern u. s. w.
— Vom Reichsgericht. Wegen wissentlich falscher Anschuldigung ist am 13. März vom Landgerichte Hanau die ledige Gertrud Frischkorn zu drei Monaten Gefängniß verurteilt worden. Sie ist vor vielen Jahren wegen Verschwendung vom Kreisgerichte Hanau entmündigt worden und lieht unter der Vormundschaft des Bauers L. Sie erschien eines Tages auf der Gerichts- schreiberci des Amtsgerichts Schlüchtern und beschuldigte L.. seit sechs Jahren je 50 Mk. Zinsen von ihrem Der- mögen in seine eigene Tasche gesteckt zu haben. Dieser