Kchluchterner Zeitung
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U 47. Mittwoch, den 12. Juni 1901. 52. Jahrgang.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser und die Kaiserin trafen am swnabend Mittag in Heiligengrabe (Ostpriegnitz) ein Zecks Ueberreichung des Aebtissinnenstabes an die lkbtissin des dortigen Klosters. Der Kaiser hielt dabei ine Ansprache, worin er sagte, er habe im Jubiläums- ihre des preußischen Königthums des Stiftes Heiligenrabe nicht vergessen können, welchem seine Ahnen Be nise treuer Fürsorge gegeben hätten. Er habe, der lkberlieferung seines Hauses folgend, den .18. Januar enutzt, dem Stifte einen neuen Beweis seiner königlichen juld durch Verleihung des Aebtissinnenstabes zu geben.
— Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht eine aus siraßburg vom 10. Mai datierte Urkunde betreffend die Stiftung einer Denkmünze für die an den kriegerischen freignissen in Ostasien betheiligt gewesenen deutschen Streitkräfte. Die Denkmünze wird in Bronze oder riahl verliehen, zeigt auf der Vorderseite einen Adler, itr einen Drachen unter seinen Fängen hält, auf der Wseite den kaiserlichen Namenszug, darüber die Kaiser- irone und bei der bronzenen die Inschrift: Den siegreichen Streitern in China 1900/01, bei der stählernen: „Ver- dienst um die Expedition nach China." Die Denkmünze Mb auf der linken Brust an einem orangefarbenen, mißgeränderten, mit einem roth und schwarzen Streifen durchzogenen Bande getragen. Die Denkmünze kann und) Angehörigen der außerdeutschen, mit den deutschen Truppen verbündet gewesenen Kontignente verliehen werden.
— Wie die „Köln. Ztg." aus Kiel berichtet, erfordert die Heimkehr der Linienschiffsdivision eine Fahrtdauer M 75 Tagen, während die Ausreise von Wilhelms- fifen nach Wusung nur 54 Tage beanspruchte. Diese Verzögerung wird durch die Verlängerung des Reise mges und des Aufenthaltes in den Anlaufhäfen und durch die lange Stationirung der Schiffe in den chinesi- ichen Gewässern bedingt, wo nur die nothwendigsten Ju- siandhaltungsarbeiten ausgeführt werden konnten. Auf her Fahrt von Colombo nach den Seychellen passiren die Linienschiffe den Aequator. Es ist das erste Mal, daß eine deutsche Panzerschiffsdivision die Linie überschreitet und südliche Breiten befährt. Die Seychellen gelten als Erholungsstation für unsere afrikanischen Kreuzer. Die Durchquerung des indischen Oceans wird die Tropenhitze mildern und die Besatzungen für die Fahrt durch die Gluthitze des Rothen Meeres kräftigen.
— Die Einnahmen der Reichs-Post- und Telegrapheu- Berwaltung im Jahre 1900 betragen 394542576 Mk., also 20 908 695 Mk. mehr als im Vorjahre; die Em- mihmen der Reichseisenbahnverwaltung belaufen sich im gelaufenen Rechnungsjahre auf 89 745190 Mk., das sind 2 8 48 431 Mk. mehr als im Vorjahre.
— Der Rückgang der Pachterträge. Entgegen der Behauptung, daß die Aussicht auf eine Getreidezollerhöhung den Werth der Güter jetzt schon lebhaft gesteigert habe und Güter kaum noch zu kaufen oder zu pachten fein erklärt die „Deutsche Tagesztg.", daß gerade das Gegentheil der Fall sei. Der preußische Domänenrath fest schon seit mehreren Jahren fortwährend Minder- linnahmen an Pachterträgen auf. Dieser Umstand ist um so mehr als ein deutliches Zeichen für die allgemein M fortgesetzt rückgängige Konjunklur im landwirth- ifeftlid)en Gewerbe anzusehen, als die Pachtung einer Staatsdomäne wohl von den meisten jungen Landwirthen, hu sich selbstständig machen wollen, bevorzugt wird. Die Göttingen gelegene Domäne Eddigehausen, die bisher
einen jährlichen Pachtzins von über 13 000 Mark ^gebracht hatte, konnte vor einigen Tagen überhaupt uicht wieder verpachtet werden, da sich nur vier Pacht- muige eingefunden hatten und das Höchstgebot nur "000 Mark betrug. Durch eine angemessene Zollerhöhung feste wenigstens der rapid fortschreitenden Entwerthung ”£r Landwirthschaflsbetriede Einhalt geboten werden.
— Das neue Waarenhaussteuergesetz in Preußen, auf der Umsatzsteuer aufgebaut ist, bewährt sich uur wenig und wird wahrscheinlich einer Umgestaltung Erzogen werden müssen. In ganz Berlin hat die ^arenhaussteuer nur einen Betrag von 530 000 Mark ^bcn, ein Ergebniß, das auch hinter den bescheidensten ^Wartungen weit zurück bleibt.
— Den deutschen Flottenverein, der seit 2 Jahren mit ^chiig geschwellten Segeln einherfuhr, seine Mttgl'eder-
lo im Handumdrehen auf Hunderttausende brächte W soviel Geld bekam, daß er in Verlegenheit war, was
er damit anfangen sollte, verfolgt neuerdings zunehmendes Pech. Das Malheur, das ihn mit der von seinem Kanzler eigenmächtig eingerichteten Chinanachrichten-Agentur, deren Erfolge zu den Kosten in umgekehrten Verhältniß standen, sowie die dadurch im Vorstände hervorgerufenen Mißhelligkeiten traf, ist bekannt. Das ganze patriotische Werk schien gefährdet zu sein. Es gelang aber schließlich, die Gefahr zu beschwören und diejenigen, die sie herbeigeführt hatten, auszuschiffen, so daß das Fahrzeug wieder im Gleichgewicht zu sein schien. Nun aber kommen neue Hiobsposten! Die Marine-Begeisterung droht nachzulassen und gerade in den Kreisen, auf die man die schönsten Hoffnungen gesetzt hatte, bei der deutschen Jugend. Wie berichtet wird, hat der in Eisenach abgehaltene 20. außerordentliche Burschenschaftlertag einstimmig beschlossen, daß der Burschen- schaftenverband als solcher aus dem Flottenverein aus- zutreten habe, womit auch der jährliche Beitrag von 1000 Mark wegfällt. Die Betheiligung an den Bestrebungen des Flottenvereins sei den einzelnen Burschenschaften anheimgegeben.
— Zeitungsberichte melden die unerfreuliche Thatsache, daß deutsche Fabriken ersten Ranges, nämlich die Firma Meister, Lucius & Brüning in Höchst a. M. und die rheinische Metallwaren- und Maschinenfabrik Düsseldorf, erstere mit einem Kapital von 400 000 Mark, letztere mit einem solchen von 60 Millionen Mark in Manchester und Woolwich in England Fabriken anzulegen und sie zum Theil mittelst deutscher Arbeiter und Ingenieure zu betreiben beabsichtigen. Obgleich nun zwar sich auch englisches Kapital bei den Unternehmungen angeblich betheiligen wird, so bleibt doch die Verpflanzung wichtiger deutscher Industriezweige nach England unverständlich und bedauerlich. Hchte England ähnlich wie Rußland hohe, die Einfuhr, deutscher Erzeugnisse sehr erschwerende Schutzzölle, so ließ sich die Verlegyng von Fabriken dahin wohl entschuldigen. England aber huldigt immer noch dem Freihandel und es ist auch nicht zu erwarten, daß es bei Erzeugnissen, wie es obige Firmen liefern, davon abweichen wird. Die Auswanderung deutscher Arbeiter, Ingenieure und deutschen Kapitals nach England bedeutet eine Stärkung der englischen Konkurrenz, eine Schwächung deutscher Steuerkraft und Industrie und deutschen Ansehens, und beweist wieder einmal, daß das Kapital nicht vaterländisch, sondern international ist, und daß die festesten Stützen des Reiches ein gesunder Bauern- und Bürgerstand und nicht die Großindustrie ist.
— Der frühere Kommandeur der südwestafrikanischen Schutztruppe, Hauptmann v. Francois, der Jahre hindurch sein Kommando in jener „verrufenen" Sandbüchse inne hatte, ist jetzt nach dort mit seiner Familie als Ansiedler übergesiedelt. Aus seiner genauen Kenntniß von Land und Leuten schöpft Herr v. Francois die besten Hoffnungen. Es kann also dort wohl nicht so miserabel aussehen, wie man vielfach annahm. In Ostafrika hat sich der Hauptmann Prince bereits als Ansiedler in der Landschaft Uhehe angestedelt.
— Der ermordete Rittmeister v. Krosigk, der bei seinen Dragonern bekanntlich außerordentlich unbeliebt gewesen ist, ist, wie das „Berl. Tgbl." erfährt, zu zwei Jahren Festung verurtheilt gewesen, weil er im Jähzorn seinen Burschen erschlagen hatte. Der betreffende Bursche war der einzige Sohn schlichter Bauersleute, die über den Verlust untröstlich waren. Nachdem Herr v. Krosigk 9 Monate seiner Strafe verbüßt hatte, wurde ihm der Rest in Gnaden erlassen, aber unter Zurücksetzung im Avancement.
* — Die Gehaltsverhältnisse der Gendarmerie sind nunmehr neu geregelt oder aufgebessert worden, wovon die Gendarmen dieser Tage benachrichtigt worden sind. Der Gehalt beträgt nach der neuen Gehalts-Festsetzung 1200 Mk., er steigt nach 3 Jahren auf 1230 Mk., nach 6 Jahren auf 1360 Mk., nach 9 Jahren auf 1440 Mk., nach 12 Jahren auf 1520 Mk. und nach 15 Jahren auf 1660 Mk. Außerdem erhalten die Gendarmen Mieths-Entschädigung, freie Uniform und DienstaufwandsEntschädigung.
Strndal. Ueber das Geschlecht v. Bismarck giebt ein kürzlich erschienenes Werk von Valentin v. Bismarck Aufschluß. Danach sind seit dem Jahre 120) bis zur Gegenwart 480 Stammesgenossen — die eingeheirateten Frauen, 136 an der Zahl, sind in dieser Zahl nicht einbegriffen — zu verzeichnen, wovon 270 männlichen und
210 weiblichen Geschlechts sind. Im vergangenen 19. Jahrhundert bestand das Geschlecht aus 249 Stammesgenossen und zwar 103 männlichen, 105 weiblichen und 41 eingeheirateten Frauen. Zur Zeit — nach dem Tode des Grafen Wilhelm — leben 124 Träger und Trägerinnen — 52 männliche, 45 weibliche, 27 eingeheiratete Frauen (wovon 12 Wittwen) — des Namens von Bismarck, von denen Fürst und Fürstin Herbert, 8 Grafen und 11 Gräsinnen von Bismarck hervorzu- heben sind.
Borsfelde (Braunschweig), 7. Juni. Das Amtsgericht hat gestern den seit 20 Jahren hier bestehenden Spar- und Vorschußverein geschlossen und die Geschäftsräume amtlich versiegelt. Es wurden am Abend des 1. Juni, während Vorstand und Aufsichtsrath des Vereins in einem Gasthause das 20jährige Bestehen der Kasse feierten, mittelst Einbruchs 12 000 Mark Baargeld gestohlen und zwar unter Benutzung der richtigen Schlüssel zum Geldschrank, die der Kassirer im Geschäftslokal zurückgelassen hatte. Der verhaftete Kommis des Kassirers leugnet die That. Die Schließung des Vereins erregt großes Aufsehen.
Köln, 8. Juni. Nachdem die sämmtlichen in der Umgegend von Lechenich bestehenden Raiffeisenvereine, sowie zahlreiche Vertreter im Kreise Mülheim (Rhein) beschlossen haben, ihren Austritt aus der Neuwieder Zentrale des Raiffeisenverbandes zu bewerkstelligen und der Landwirthschastlichen Genossenschaftskasse der Rhein- lande zu Köln beizutreten, sind diesem Beispiele noch weitere gefolgt; so die Vertreter der Vereine in und bei Brühl, aus der Umgegend von Köln, sowie die der Steile Mettmann und Essen. Heute beschlossen 15 Vereine des Kreises Euskirchen ihren Austritt, so daß man wohl vor einer vollständigen Sprengung des rheinischen Raiffeisenverbandes steht.
Gießen, 4. Juni. Wegen vorsätzlicher Gefährdung eines Eisenbahnzuges verurtheilte das Schwurgericht den 41 Jahre alten Dienstknecht Chr. Dörr von Jlmsungen zu fünf Jahren Zuchthaus. Dörr war von seinem Dienstherrn in Nauheim wegen eines Diebsiahls entlassen. Er verlangte unter Drohungen noch Lohn für 14 Tage, der ihm verweigert wurde. Nachts überstieg er den Zaun des seinem ehemaligen Arbeitgeber gehörenden Kohlenlagerplatzes, versuchte das Thor zum Pserdestall zu öffnen, nahm von einem Kohlenwagen ein Rad ab und legte es auf die dicht vorbeiführende Böschung des Bahnkörpers hinauf, wo er es quer über die Schienen legte, damit der Personenzug von Frankfurt das Rad zerstören sollte. Der Locomotivführer sah das Verkehrshinderniß und bremste. Die Maschine schob das Rad etwa 100 Meter vor sich her, dann gerieth es unter die Locomotive in das Gestänge. Nur einem Zufall ist es zu danken, daß die Situation für die zahlreichen Passagiere des Zuges ohne Gefahr geblieben ist.
Ausland.
Antwerpen. Eine gewaltige Feuersbrunst wüthete am Mittwoch Nachmittag in der königlichen Zollniederlage in Antwerpen. Abends 8 Uhr wurde das Feuer auf seinen Herd beschränkt. Von vier Flügeln des Gebäudes sind drei zerstört; ein Theil der verbrannten Waaren war nicht versichert. Bei den Löschungsarbeiten wurden acht Feuerwehrleute uud Pioniere leicht verwundet. Die Höhe des angerichteten Schadens ist bisher nicht abzuschätzen. — Menschenleben sind bei dem Brande nicht zu beklagen. Der Schaden wird insgesammt auf 50 Millionen Mark geschätzt. Vernichtet sind vor Allem 15000 Sack Kaffee im Werthe von einer Million, 900 000 Sack Zucker im Werthe zwei und einer halben Million und für 5 bis 9 Millionen Taback. Man wird beantragen, daß der Fiskus auf alle verbrannten, fast gar nicht versicherten Transitgüter die Zollgebühren fallen läßt, andernfalls sind viele Kaufleute gezwungen, den Konkurs anzumeldeu.
London, 8. Juni. Die Engländer wollen sich auch in Zukunft um das Völkerrecht gegenüber den Buren nicht scheeren. Das ergicbt sich aus der neuesten Verordnung, die, wie die „Times" meldet, jetzt bekannt gemacht worden ist. Das genannte Blatt bringt aus Pretoria darüber folgende Mittheilung: „Eine Prokla- wation, in welcher angekündigt wird, daß nach Ablauf eines Monats alles Eigenthum der auf Kommando befindlichen Buren konfiszirt werden würde, und die Führer, wenn sie gefangen genommen worden feien, mit lebens-