SchluchternerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich I Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 22 " Samstag, den 16. März 1901. 52. Jahrgang.
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Wer M UMM
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Zu recht zahlreichen Bestellungen auf das mit 1. April 1901 beginnende neue Vierteljahr ladet freundlichst ein
die Expedition der „Schlüchterner Zeitung."
Deutsches Reich.
Berlin. In dem Befinden des Kaisers hält die Besserung an. Die Gesichtsschwellung läßt zusehends nach, irgend welche anderen Komplikationen infolge der Verwundung haben sich nicht bemerkbar gemacht. Allgemeinbefinden, Schlaf und Apetit lassen nichts zu wünschen übrig. — Der Sicherheitsdienst um den Kaiser wird infolge des Bremer Vorfalles erheblich verstärkt werden. Berliner Kriminalbeamte werden den Monarchen hinfort auf allen seinen Reisen begleiten und nach ihren Angaben werden die Maßnahmen der Lokalbehörden erfolgen; auch die Absperrungen werden eine Verschärfung erfahren. Aus freiem Antriebe werden aber die Bewohner der von dem Kaiser besuchten Städte den Sicherheitsdienst der Polizei unterstützen, sodaß der Kaiser und sein Haus wie das deutsche Volk in Zukunft vor Ereignissen bewahrt bleiben, wie sie in Breslau und jetzt in Bremen zu beklagen waren.
— Die Ehrung des Prinz Regenten Luitpold durch den Reichstag stellt sich insofern als eine über den Rahmen derartiger Höflichkeitsakte hinausgehende Kund gebung dar, als auch die Sozialdemokratie daran theil- nahm. Die Parteigewaltigen Bebel und Singer waren zwar nicht erschienen, aber der Bayer v. Vollmar und Sachse Stolle betheiligten sich bereitwillig an der Ehrung, die der Reichstag dem Prinz-Regenten darbrachte. Es ist das erste Mal gewesen, daß sich sozialdemokratische Abgeordnete im Reichstage an der Ehrung eines regierenden Fürsten betheiligten. Es liegt nichts daran, wenn Sozial- demokraten die Huldigung verweigern, bringen sie sie aus freien Stücken dar, so verdient das nach mehr als einer Richtung hin bemerkt zu werden und ist sicherlich auch bemerkt worden.
— Behufs schleuniger Besetzung freier Lehrerstellen soll zum bevorstehenden Ostertermin in einigen Regierungsbezirken ein Ausnahmeverfahren angewendet werden. Da zur Zeit die ihr Jahr obdienenden und am 1. April zur Entlassung kommenden Schulamtskandidaten nicht in der Lage sind, sich um eine erledigte Lehrerstelle zu bewerben, haben einzelne Bezirksregierungen, wohl infolge höherer Verfügung, beschlossen, für die baldige einst weilige Anstellung dieser Lehrkräfte so weil wie möglich selbst zu sorgen. In der Annahme, daß die schnellere Wiederbesetzung der am 1. April vakannt werdenden Lehrerstellen dem Interesse der betheiligten SLulgemein- den entspricht, sollen tue Ortsschulinspcktoren baldigst den Schulvisitatorien diejenigen Lehrerstellen bezeichnen, bezüglich deren für diesmal auf das Wahlrecht Verzicht geleistet wird, damit die Regierung für die ordnungsmäßige Besetzung Sorge tragen kann.
— Die Lage auf dem heimischen Arbeitsmarkt ist zur Zeit keine erfreuliche. Namentlich in der rheinischwestfälischen Industrie macht sich, wie wir der Bochumer Zeitung entnehmen, die schlechte Konjunktur bemerkbar. Bon allen Seiten werden Lohnherabsetzungen, Arbeiter- eutlassungen, Feierschichten gemeldet, nicht die Eisenindustrie allein, auch die Kohlenindustrie sieht sich zu Maßnahmen veranlaßt, die den Arbeitern unerwünscht kommen. Abgesehen vom Bochumer Verein, der gut be schäftigt ist, klagen die meisten Eisenwerke über mangelnde Beschäftigung. Der schlechte Geschäftsgang der Eisenindustrie übt natürlich auch einen Einfluß auf die Kohlen- industrie aus. Zechen, die ausschließlich für die Werke arbeiten, von denen sie angckauft worden oder mit denen sie verbunden sind, haben zu umfangreichen FörderungsEinschränkungen greifen müssen. Die Aussichten für die Industriearbeiter sind somit zur Zeit keine günstigen; ihre Lage hat sich zu einer solchen gestaltet, daß sie eine baldige Besserung der Verhältuisse dringend wünschen. Aber auch in manchen Handwerksbetrieben ist die Lage eine zu Lohnherabsetzungen nöthigende. Namentlich die Baugewerbe werden durch die ungünstige Konjunktur betroffen. Wenn sich nun auch Anzeichen bemerkbar machen, daß sich eine Gesundung des Wirthschaftslebens
in der । über ist.
Häite Deutschland die Sache allein gemacht, so stände sie heute auf einem anderen Fleck. So aber war der deutsche Oberbefehlshaber genöthigt, die Leiden eines Coalitionskrieges gründlich auszukosten. Entsprechend der Unentschlossenheit und theilweisen Schwäche, mit der die Chinaaktion geführt wurde, wird auch der schließliche Erfolg kein völlig befriedigender sein. Die Chinesen nehmen sich offenbar noch immer viel zu viel heraus. — Gcneralfeldmarschall Graf Waldersee meldet aus Peking den 10. März: Kolonne Ledebur hat am 8. das Thor der großen Mauer westlich vom Antsuling-Paß (130 Km. westlich Paotingfu) erstürmt und 4 Geschütze genommen. — Zur Besetzung des Chungliuu-Passes durch deutsche Truppen meldet der Korrespondent der „Morning Post" noch, daß das Gefecht durch ein bayerisches Bataillon entschieden wurde, welches zweihundert Kilometer von Poatingfu durch gebirgiges Terrain und hauptsächlich auf Maulthierpfaden innerhalb vier Tagen zurück- legte. Die Chinesen, die die anscheinend uneinnehmbare Stellung an der großen Mauer auf der höchsten Stelle des Passes besetzt hielten, waren mehrere Tausend Mann stark und verfügten über Artillerie aller Art. Die
Deutschen griffen mit 600 Mann und zwei
Haubitzen an. Die Umgehung über beinahe unpassir- bares Terrain dauerte sieben Stunden. Die Aktion wird eine ausgezeichnete Wirkung auf die Chinesen haben, die ihren befestigten Berggürtel für uneinnehmbar hielten. — Der Mißerfolg der europäischen Machte in China wird jetzt ohne Schminke selbst von konservativen Blättern eingestandeu Jetzt, wo der monatelange „ Feldzug' viele Menschenleben und — wenn man die Ausgaben aller Mächte zusammenzählt — weit über eine Milliarde gekostet hat, an der Deutschland allein mit 272 Millioneu Mark beteiligt ist, lieft man in einem Berliner konservativen Blatte wörtlich Folgendes: „Verschiedene Anzeichen lassen darauf schließen, daß in den maßgebenden Kreisen der chinesischen Regierung der Geist des Widerstandes und der Feindschaft gegen die Verbündeten im Wachsen begriffen ist. Der kaiserliche Hof scheint seinen Sitz abermals verlegen und ihn dem Einflußgebiet der europäischen Truppen noch mehr entrücken zu wollen. Ein Mandschurist bringt die Nachricht nach Paotingfu, daß der chinesische Hof Vorbereitungen für die Einrichtung einer neuen Hauptstadt Honanz am Gelben Fluß trifft. Diese Meldung wird scheinbar durch die Verlegung des Provinzialschatzes von Tschili nach dem im äußersten Süden der Provinz gelegenen Taming bestätigt. — Die Boxerbewegung lebt überall wieder auf. Die chinesischen Machthaber nehmen einen unverschämten Ton in ihrem Verkehr mit den Verbündeten an." Die „Einigkeit der Mächte" kann eben leider den Chinesen nicht imponiren. Damit das Fiasko nicht noch größer werde, thäten die Betheiligten gut, so bald wie möglich die Chinesen sich allein zu überlassen und die Missionen nach Hause zu bitten, wo sie unter den heimischen Boxern ein reiches Arbeitsfeld finden würden. — Nach Berichten aus der Prov uz Schansi construiren die Chinesen umfassende Befestigungen an der Grenze und mobilisiren große Truppenkörper dort, um den Vormarsch der Ausländer zu verhindern. Ebenso wie Waldersee Kiautschou, wird General Gaselee demnächst Schanghai besuchen, feiner von beiden will jedoch China verlassen.
Kapstadt. Gestern Früh sind wieder 12 neue Pest- fülle vorgekommen. Unter den Erkrankten befinden sich drei Europäer, von denen einer gestorben ist. — Die Kapitulation Botha's ist noch immer nicht erfolgt. Es heißt jetzt, Louis Botha erwartete das Eintreffen DewclS sowie der anderen Burenführer, um sich mit ihnen über die Kapitulationsbedingungen zu berathen. Wenn Dewet ankommt, ist eine Konferenz der Burenführer auf Freitag anberaumt. Man erwartet dann den Abschluß eines Waffenstillstandes, der indessen den Fortgang der kriegerischen Operationen im Osten nicht hindert. — Ueber die Verhandlungen selbst, meldet man jetzt aus London, daß
anbahnt. so wird ein so heftiges Getriebe, wie flotten Zeit, nie wiederkehren. — Von dieser Sachlage mögen besonders die landwirthschaftlichen Arbeiter, die ohne harten Druck auch kritische Zeiten überstehen, Notiz nehmen. Ist ihre Einnahme nicht so hoch, so haben sie doch auch nicht die Aufregung, welche eine jede wechselnde Konjunktur mit sich bringt, Zustände, deren Bitterkeit erprobt werden muß, um zu erkennen, was man mit einem übereilten Verlassen des ruhigen Landlebens verwirkt.
— Der aus Breslan geflüchtete Bankier Holz hat sich und viele annere durch Speculationen ruinirt. Es fehlen an Depots 800,000 Mk. Der Hauptverlust (90000 Mk.) trifft ein dem Defraudanten nahe verwandtes junges Ehepaar, das um sein ganzes Vermögen betrogen ist. Auch andere Verwandte verlieren Beträge bis 80000 Mk. Viele kleine Kaufleute und Kavitalisten büßen bis 10000 Mark ein. Ferner gehören wohlthätige und gemeinnützige Anstalten zu den Leidtragenden.
Bochum. Die Beerdigung von 17 Opfern der Schlagwetterkatastrophe auf der Zeche Konsolidation fand in Bochum unter Theilnahme von über 10,000 Menschen statt. Die Straßen trugen Trauerschmuck. Auf den Friedhöfen, an zwei Massengräbern ereigneten sich erschütternde Scenen. Die Zahl der Todten beträgt schon 19; zwei noch Lebende können als hoffnungslos gelten.
Darmstadt. Nochmals die Erbfolge in Hessen-Darm- stadt. Wie von informirter Seite geschrieben wird, ist auch der neuliche Artikel über diese viel erörterte Frage nicht richtig. Nach dem etwaigen Aussterben der Darmstädter jüngeren Linie des hessischen Fürstenhauses ist zunächst die ältere Linie, und zwar in erster Linie S. K. H. der Landgraf von Hessen zu Rumpenheim und Philippsruhe, erbberechtigt. Die Anektion des Kurlürstenthums und der Vertrag des Landgrafen Friedrich von Hessen mit Preußen im Jahre 1872 hat mit dem der Hess. Familie zustehenden, besonderen Rechten absolut nichts zu thun; der letztere Vertrag bezieht sich nur auf das Fideicommiß des Kurhauses Hessen und setzt die Abfindung hierfür fest. Im Darmstädter Hof- und Staatshandbuch sind stets die Glieder der älteren Linie des Hess. Hauses als Agnaten mit aufgeführt worden und der Großherzog Ludwig IV. von Hessen hat u. A. seine Erbrechte an das Fideicommiß der Kurlinie im Jahre 1881 durch besonderen Vertrag mit Preußen aewahrt, ein Beweis, daß deren Erbrechte auch von Hessen-Darmstadt nie in Zweifel gezogen worden sind.
Ausland.
Haag, 11. März. Präsident Krüger verlangte von Botha telegraphisch Aufklärung über dessen Verhandlungen mit Kitchener. Die Antwort Bothas steht noch aus. Krüger bleibt bei der Ansicht, daß ohne weitgehende Autonomie ein Friedensschluß unmöglich sei.
London, 11. März. Aus Aasvogelkop wird gemeldet : Es ist Dewet gelungen, mit 300 bis 400 Mann nach Norden zu entkommen. Seine Kolonne bewegt sich in forcirten Märschen nach Bullfontein.
Amerika. Das Schatzamt hat die Verordnung aufgehoben, die russischen Schiffen gestattet, ihre Bedürfnisse in amerikanischen Häfen zu kaufen. Damit ist der wirth- schaftliche Krieg zwischen Rußland und Amerika schon sehr weit gediehen und auf andere als wirthschaftliche Gebiete übertragen worden.
China. Trotzdem die Dinge in Peking fortgesetzt recht chinesisch verlaufen, d. h. nur ausnahmsweise einmal ein voller Schritt vorwärts gethan wird, so besteht doch allgemein die Hoffnung, daß das Ende der China- wirren nahe sei, so daß gegen Ende des kommenden Monats mit dem Rücktransport der Truppen begonnen werden könnte. Bei uns wird Jedermann froh sein, wenn dies unerquickliche Schauspiel endlich einmal vor-