Einzelbild herunterladen
 

SchlüchtemerAttun

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 18

Samstag, den 2. März 1901

52. Jahrgang

^ftoIhtttrtOM auf dieSchlüchterner Zeitung" werben nod? fortwährend von allen Postanstalten und Landbriefträgern, sowie von der Expedition entgegen genommen.

Deutsches Reich

Berlin. Das Kaiserpaar ist jetzt wieder nach Berlin zurückgekehrt. Der Kronprinz leidet an einer Erkältung und muß das Zimmer hüten.

Das Gesammtergebnis der Volkszählung im Deutschen Reiche vom 1. Dezember 1900 liegt vor. Es waren 56 344 014 Personen, davon 2 7,7 Mill. männ­liche und 28,6 Mill. weibliche. Auf Preußen entfallen 34,5, Bayern 6,2, Sachsen 4,2, Württemberg 2,3 Mill. In den Großstädten, d. h. Städte mit 100 000 und mehr Einwohnern, deren es jetzt 33 im Reiche giebt die größte davon Berlin (1884151), die kleinste Cassel (106001) wohnen 16,17 vom Hundert der Reichs- bevölkerung, nämlich 9108814 Personen. Die Ein­wohnerzahl des Reiches ist seit 1895 um 4 065113 oder 7,78 vom Hundert Personen gewachsen, seit 1871 um 15,2 Mill oder 37,22 vom Hundert. Was die anderen

wichtigen Kulturstaaten betrifft, Bevölkerung nur von Rußland europäischen Rußland und von Mill. Einwohner übertroffen.

so wird Deutschlands mit 106,2 Mill. im Nordamerika mit 76

Ueber das Ergebniß der letzten Viehzählung wird berichtet, daß in Preußen seit 1873 sich die Pferde um 27,6 Prozent auf einen Bestand von 2,9 Millionen Stück, das Rindvieh um 25,8 Prozent auf 10,8 Mill., die Schweine um 155 Prozent auf 11 Millionen, die Ziegen um 39.9 Prozent auf 2 Millionen, die Bienen­stöcke um 4 Prozent auf 1,5 Millionen, das Federvieh um 5,36 vom Hundert auf 38,4 Millionen Stück ver­mehrten. Dagegen verminderten sich die Sch^e um 64,5 Prozent auf 7 Millionen Stück. Bei der Pferde­zucht steht Ostpreußen obenan Gegen die Hälfte der Rinder entfällt auf Schlesien, Rheinland, Hannover und Ostpreußen. In der Schafzucht behauptet den ersten Platz Pommern. Der vierte Theil sämmtlicher Schweine befindet sich in Hannover und Sachsen. Vom Federvieh besitzen je ein Zehntel Hannover, Rheinland, Sachsen Brandenburg und Schlesien.

| Maßregeln zur Förderung des einheimischen Obstbaues erscheinen dringend erforderlich. Nach dem Ergebniß der Obstbaumzählung vom 1. Dezember v. J. sind in Preußen 90,220,375 Obstbäume ermittelt worden. Diese Zahl ist überraschend klein und macht es, da in den übrigen Bundesstaaten die Lage vielfach eine ähn­liche sein wird, erklärlich, daß während der Jahre 1895 bis 1899 im deutschen Reiche jährlich durchschnittlich 2 Millionen Doppelcentner frisches, getrocknetes und ein­gemachtes Obst im Werthe von 50 Millionen Mk. ein­geführt wurden.

* Die Liebhaber von Jubiläumsdenkmünzen werden sich noch einige Wochen gedulden müssen, da die weitere Ausprägung von 360,000 Fünf- und 1,600,000 Zwei­markstücken so lange auf sich warten lassen dürfte. Es ist nämlich in der königlichen Münze die Ordre bezüg­lich der Weiterprägung der Jubilänmsmünzen noch nicht ringegangen, und außerdem mangelt es auch an dem nothwendigen Silbermetall. Erst wenn diesen Mängeln abgeholfen ist, wird die Münzdirektion den neuen Auf­trag in Angriff nehmen können, um ihn dann aber auch mit gewohnter Präzision zu erledigen. Die Vertheilung an die verschiedenen Staatskassen geht dann rasch von Stätten.

Danzig. Vor kurzem starb in einem Danziger Krankenhause nach längerem schwerem Leiden eine Dame, deren elegante Erscheinung seit Jahren stadtbekannt wa . Wie die ärztliche Untersuchung festgestellt hat, ist die Dame einer Verkrüppelung innerer Organe erlegen, welche sie sich durch unausgesetztes zu starkes Schüren rugezogen hatte.

, Leipzig. Zu der Verhaftung der Leipziger Knaben- wörder wsird folgendes berichtet: Dieselben sind über- kaschendeffweise zwei ganz jugendliche, mit ihrem Opfer etwa gleichaltrige Burschen: der 17jährige Arbeitsbursche Friedrich August Ernst und der erst vierzehn Jahre alte SchulknaHe Max Willy Kroß aus Thonberg. Beide waren mist dem Ermordeten befreundet und gestehen ein, dir That (begangen zu haben, um den Otto seines Wochenlohines von 8,50 Mk. zu berauben. Sie trafen ihn in d«r HoSpitalSgasse und überredeten dann ihr

Opfer, ihnen nach Thonberg, hinter dem neuen Johannis- friedhof, zu folgen. Dort überfielen sie den Nichts­ahnenden, versetzten ihm in bestialischer Weise 20 Messer­stiche und Hammerschläge obendrein und schnürten ihm ihm noch, weil er geschrieen hatte, mit einem Lederriemen den Hals zu. Dann beraubten sie ihn. Der Leder- riemen ist an den Unholden zum Verräther geworden

Eisfeld, 21. Febr. Der 17jährige Mörder Leipold aus Eisfeld, welcher nach einem Maskenball am letzten Sonntag dem Karl Fischer von hier aufgelauert und ihn buchstäblich geschlachtet hat, wurde heute Mittag 12'/3 Uhr nach Meiningen ins Untersuchungsgefängniß eingeliefert. Der rech. die Unholde haben dem Unglücklichen den Hals bis aus die Wirbelsäule durchschnitten und ihm ein Brech­eisen in die Kehle gestoßen.

Bayreuth, 27. Februar. Im Kulmbacher Bierkouleur- Prozeß wurden die Angeklagten, 20 Branereibesitzer und Direktoren, wegen fortgesetzten Vergehens der Nahrungs­mittelfälschung, rechtlich zusammenfließend mit Vergehen gegen das Malzaufschlagsgesetz, zu Geldstrafen von 190 bis 800 Mark verurtheilt. Vier Kaufleute, welche die Farbstoffe geliefert hatten, erhielten wegen Beihilfe Geld­strafen von 50 bis 200 Mark.

Stuttgart. Die Einführung der Kastenfächer für abzuholende Briefe im Bereiche der Reichspostverwaltung hat der süddeutschen Presse Veranlassung gegeben, darauf hinzuweisen, daß es sich hier wiederum um eine Ein richtung handelt, die man beispielsweise in der württem- bergischen Postverwaltung längst hatte, dabei aber be­sonders hervorzuheben, daß die Einrichtung der Kasten­fächer in Württemberg für das Publikum völlig gratis ist, während im Gebiete der Reichspost hierfür 12 bis 18 M-rk jährliche Benutzungsgebühr erhoben werden sollen. Bei diesem Anlässe werden alsdann noch mehrere weitere bemerkenswerthe Vorzüge der württembergischen gegenüber der Reichspostverwaltung hervorgehoben, aber noch längst nicht alle. Die vor längeren Jahren erfolgte Einrichtung von Schreibgelegenheiten in den Vorräumen bet Reichspostanstalten ist aus Württemberg übernommen.

In Württemberg existirt die Einrichtung der Briefe, welche gleichzeitig eine Postanweisung darstellen; einfacher Brief und Geldsendung kosten zusammen 20 Pfennig Porto, im Reichspostgebiete, wo Beides von einander gesondert läuft, sind hierfür 30 Pfennig Porto aufzu- wenden. Die württembergische Post kennt für Packet- sendungen innerhalb Württembergs Postpacketadressen nicht und fordert für einfache Briefe innerhalb des Um­kreis von 3 Meilen um den Aufgabeort 5 Pfennig Porto, während dieser niedrige Satz im Gebiete der Reichspost nur für den Aufgabeort selbst gilt Württemberg kennt auch die Zustellungsgebühr von 5 Pfennig nicht, welche im Reichspostgebiete für jede Packetsendung zu entrichten ist. In Württemberg werden Geldbriefe und andere Werthgegenstände durch die Landbriefträger in die ent­legensten Winkel bestellt und den Adressaten ohne Weiteres zugestellt. Im Gebiete der Reichspost müssen die Letz­teren dergleichen Sendungen von der nächstgelegenen Post­anstalt abholen und dazu obenein noch behördliche Legi­timationen beibringen Ein vergeblicher Telephonanruf, der im Reichspostgebiete ebenfalls nach der Taxe eines Gespräches bezahlt werden muß, ist in Württemberg frei. Auch kostet in Württemberg ein Ferngespräch bei mehr als 50 Kilometer für 5 Minuten 50 Pfennig, im Rcichs- postgcbicte aber für 3 Minuten 1 Mark. Es giebt im Gebiete der Reichspostverwaltung hiernach noch manches zu re'ormiren, will man den vielfachen Vorzügen der württembergischen Postverwaltung nachkommen. Gerade auf diese vielerlei Vorzüge aber pocht der Schwabe.

Köln. In der Kölner Sittlichkeits-Affaire, dem von uns erwähnten sogenanntenKölner Sternbergprozeß", sind bisher bereits 14 Personen verhaftet worden. Die Verhaftung von 6 weiteren Personen steht bevor. Der Skandal wurde durch ein anonymes an die Sittenpolizei gerichtetes Schreiben aufgedeckt, das auf die in Köln beobachtete Kinderprostitution hinwies. Die Untersuchung ergab thatsächlich, daß einzelne Kinder bereits aus der Prostitution ein Gewerbe gemacht hatten. Die meisten der von den Angeklagten verführten Kinder sind solche bessersituirter Eltern.

Essen a. R., 25. Februar. Der Landrath Landkreises Essen, Rötger, verläßt den Staatsdienst tritt in das Direktorium der Kuppschen Werke Finanzrath Jcnke will zurücktreten.

des und ein.

IMW

Delmenhorst b. Bremen. Vom Schlossergesellen zum Frauenarzt. Herr Dr. v. Ronching aus Bremen war im November v. Js. ein beliebter und namentlich von den weiblichen Fabrikarbeitern der oldenburgischen Fabrik­stadt Delmenhorst viel gesuchter Rathgeber in medizi­nischen Angelegenheiten, und es hatte den Anschein,'als ob es sich für denberühmten Bremer Arzt" wohl lohnen könne, sich in Delmenhorst als Spezialarzt für Frauenkrankheiten niederzulassen. Zu seinem Unglück jedoch wurde die Polizei auf ihn aufmerksam, und als der ehemalige Maschinenschlosser Anglist Knoch, 1857 in Speyer geboren und zweimal wegen Bettelns und Der- letzimg der Wehrpflicht vorbestraft, erschien er auf der An­klagebank. Ein abenteuerliches Leben hat der Herr Dr. hinter sich. Während seine Familie in Bremen wohnte, arbeitete er, bevor er sich seinem ärztlichen Berufe zu- wandte, in Delmenhorst. Vor Gericht wurde festgestellt, daß Knoch völlig wie ein studlrter Arzt ausgetreten ist und namentlich Frauen behandelt hat. Die Vernehmung der 25 Zeugen lieferte auch den Beweis, daß er bei einem größeren Theile der Delmenhorster Bevölkerung thatsächlich als berühmter Bremer Arzt gegolten hat. Er scheute sich nicht, selbst in ungemein gefährlichen Fällen Operationen vorzunehmen. Nach Aussagung der Sachverständigen sind die Rezepte, abgesehen von ortho­graphischen Fehlern, der Form nach richtig, sie treffen auch in vielen Fällen etwas Richtiges, wenn auch die Dosis manchmal zu hoch bemessen war. Die von dem Angeklagten gestellte Diagnose war größtentheills falsch. Einige Zeugen bekundeten, daß sie durch die Behandlung seitens des Angeklagten gebessert, bezw. geheilt seien. Eine Zeugin meinte, wenn sie auchgewußthättc, daßderDoktor" ein Schlossergeselle sei, so hätte sie ihn doch bezahlt, denn sie sei gesund geworden; eine andere meinte,wenn er wieder frei kommt, nehme ich ihn wohl doch wieder." Die Kunst will der Angeklagte aus Büchern, das Abfassen der Re­zepte von einem inzwischen verschollenen Drogisten in Geestemünde erlernt haben. Das Gericht verurtheilte den Angeklagten wegen fortgesetzten Betruges zu einer Gefängnißstrafe von 9 Monaten, wegen falscher Namens­angabe zu acht Tagen Haft. wegen Beilegens des Titels Doktor" undFrauenarzt" zu 20 Mark Geldstrafe event. 4 Tagen Haft, und wegen Ausübung der Heil­kunde im Umherziehen zu 40 Mark Geldstrafe event. 8 Tagen Haft.

Ausland.

Lemberg. 26. Febr. In Lemberg wurde heute Frau Anna Lozinska, welche das elfjährige jüdische Mädchen Golda Reysler entführt hat, um es gegen den Willen der Eltern in ein Kloster zu bringen und taufen zu lassen, von den Geschworenen schuldig gesprochen und vom Gerichtshof zu drei Jahren schweren, durch Fasten verschärften Kerkers verurtheilt.

In Livorno schloß sich auf einem Abort der Millionär Tagiuri ein und verbrannte dort eine Million zweimal- hunderttausend Lire italienischer Eisenbahnobligationen nebst Nummerregister. Er hängte sich dann auf. In einem hinterlassenen Briefe erklärte er, er wolle die von ihm ^u Unrecht angetretene Erbschaft seinen Söhnen nicht hinterlassen, da Armuth besser sei, als der Genuß unredlich erworbenen Besitzes. Bei den angestellten Nachforschungen in den Abzugskanälen fand man 400 000 Ltre unversehrt vor. Die Familie erklärt, Tagiuri habe in den letzten Wochen Spuren von Irrsinn gezeigt.

Peking, 26. Febr. Die Hinrichtung von Tschihsin und Houtschengyu fand gemäß dem kaiserlichen Edikt und den Forderungen der Mächte heute statt. Die Straße, in welcher die Hinrichtung erfolgte, war von deutschen, französischen und amerikanischen Truppen be­setzt. Die vernrtheilten Würdenträger wurden in Karren herangebracht, die von Manischen Truppen eskortirt wurden. Beide trugen die Tracht als chinesische Beamte, aber ohne Abzeichen ihres Rangs. Sie verriethen durch­aus keine Furcht vor dem Tode und waren ruhig und gefaßt.

*

Lokales uns Provinzielles.

* Schlüchtern. 1. März. Matthcis bricht's EiS" die alte Bauern-

rcgel ist in diesem Jahre in vollem Maße zur Wahrheit geworden; mit dem 24. Februar, am Tage des heiligen Mathias, ist der langersehnte Wetterumschlag und damit Thauwetter eingetreten. Der eisige Heilige hat heuer