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M 17.
Mittwoch, den 27. Februar 1901.
52. Jahrgang.
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$MWhtMA0t1 °"f die „Schlüchterner Zeitung" werden noch fortwährend von allen - Postanstalten und Landbriefträgern, sowie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
Berlin. König Eduard von England traf am Montag Vormittag zum Besuche seiner schwerkranken Schwester, der Kaiserin Friedrich, im Cronberg im Taunus ein. Von besonderen Empfangsfeierlichkeiten wurde auf der ganzen Reise abgesehen. Montag Mittag war eine Galatafel, an welcher der König, der deutsche Kaiser und das beiderseitige Gefolge theilnahmen. Die Kaiserin Friedrich hatte alle Vorbereitungen zum Empfvnge selbst geleitet. Man befürchtet nicht, daß der Kaiserin die Aufregung des Wiedersehens mit ihrem Bruder schaden werde. — Wie dem „B. T." milgetheilt wird, kehrt die China-Division im Frühjahr nach Deutschland zurück.
— Jubiläumsdenkmünzen. Wegen der starken Nachfrage nach Denkmünzen, die .aus Anlaß des zweihundert- jährigen Bestehens des Königreichs Preußen geprägt sind, ist angeordnet worden, daß nachträglich noch für 5 000 000 Mark hergestellt werden, und zwar für Mk. 1,800,000 Fünfmarkstücke und für M. 2,200,000 Zweimarkstücke.
— Noch ein Hunnenbrief. In einem aus Festung Ost-Fort Paotingfu, 2. Dezember datirten, an Verwandte in Krimmitschau gerichteten Brief, den der dortige . Anzeiger' veröffentlicht, schreibt ein Sachse voll Entrüstung: „Heute erhielt ich Euren Brief. Die beigelegten Zeitungsausschnitte haben mich sehr interessirt, und der nach Deutschland gesandte Brief von dem betreffenden Soldaten konnte mich aufs höchste empören, da doch die Wahrheit vollständig ausgeschlossen ist. Von einem Hin- : schlachten der Weiber und Kinder ist meines Beachtens : nach noch keine Rede gewesen." — Dann fährt der Bririschfeibrr bei der Schilderung eines am 23. November s bei Pans li mit etwa 600 Boxern ausgefochtenen Kampfes ■ fort: „Hierbei sei nun noch gleich erwähnt, daß ebenfalls Frauen und Kinder, die den Boxerfamilien on- gehörten, mit flüchteten, aber nicht weiter konnten und, um sich vor uns zu schützen, in Löchern und Höhlen sich verborgen hielten. Die kleinen Kinder schrieen jämmerlich, aber kein Mann von mir durfte sich an einem Weib oder einem Kind vergreifen. Die Frauen knieten nieder und küßten die Erde u. s. w. Ich bin ’ sogar vom Pferde gestiegen und habe die kleinen Kinder durch Streicheln und dergleichen beruhigt. Da umringten ; sie mich alle, die Frauen warfen sich auf die Knie. und hätten sie Deutsch gekonnt, würden sie mir herzlich gc- f dankt haben! Soviel Sittsamkeit und Ehrgefühl wird I gewiß ein jeder deutsche Soldat im Leibe haben um nicht Grausamkeiten an Frauen und Kindern zu verüben, wie jener Soldat nach Deutschland geschrieben hat. Das ist ein Lappen (Lump) in meinen Augen. Die I erste Kugel gehörte diesem!--Gruß, Karl."
i — Wie die „Tägl. Rundsch." nach zuverlässigen Informationen mittherlen kann, liefert die Berliner Firma August Loh Söhne, Aktiengesellschaft für Militäraus rüstungen, entgegen dem mehrseitig im Reichstag und auch von der Regierung ausgesprochenen Wunsche auf Umwegen nach wie vor Kriegsmaterial in bedeutendem Umfange an die englische Regierung. Die Firma steht augenblicklich wieder in Unterhandlung wegen Lieferung von etwa 30000 Stück Sättel für die neu aufzustellenden englischen Kavallerie-Regimenter, die so schnell als mög lich nach Südafrika abgesandt werden sollen. 20000 I Pfund Dörrgemüse liefert eine Firma in Münsterburg in Schlesien, Seidel u. Co., in 2000 Blechdosen zu je 10 Pfund an die britische Heeresverwaltung. Das ist k keine erfreuliche Erscheinung. Die Regierung hat Schritte gethan, um die Lieferung von Geschützen für das britische I Heer zu verhindern; sie sollte auch ihren Einfluß auf A bieten, um solche Proviantlicferungrv. zu hintertreiben. | Dieselben entsprechenden ganz und gar nicht den Grundsätzen einer strengen Neutralität in dem Kriege zwischen England und den Buren.
— Ein nachahmenswerthes Beispiel. Das bayerische Ministerium des Innern hat jüngst sämmtliche Kreis- i vegierungen angewiesen, angesichts der sich verschlechternden Geschäftslage das Augenmerk der staatlichen und ge- : meindlichen Organe darauf zu lenken, wie möglichst viele , Gelegenheiten zum Verdienen zu schaffen seien. Es sei sür die Beschleunigung von Straßen- und sonstigen Arbeiten zu sorgen. Das gleiche soll den Gemeindebehörden
Zusammenstellung Ende 1899 Spareinlagen im Betrag von 60 Millionen Mk. gemacht gewesen. Das ergiebt bei einer Bevölkerung von 135000 Personen einen so außerordentlich hohen Betrag, wie er sich in dieser Höhe auch nur annähernd in keinem der deutschen Bundesstaaten findet. Auf den Kopf der Bevölkerung sind es 445,60 Mk., während z. B. in Preußen nur 160,10 Mk. Spareinlagen auf den Kopf der Bevölkerung entfielen.
In Altenburg wollte dieser Tage ein Bürger eine Rechnung bezahlen; der Geschäftsinhaber, um höflich zu sein, sagte dem Kunden: „Das war ja nicht so eilig!" worauf der Kunde sofort das schon anfgezählte Geld wieder einstrich mit dem Bemerken: „Das freut mich, ich habe heute noch andere Ausgaben!" und verschwand. Die Geschäftsleute sollten sich den Ausdruck: „Es ist ja nicht so eilig" abgewöhnen.
Leipzig, 17. Febr. Daß die Noth der Arbeitslosen nicht immer eine so entsetzliche ist, wie die ArbeitSlosen- Statistik sozialdemokratischer Blätter es hinzustellen bezieht, zeigt folgender Fall, über den sächsische Blätter einstimmend berichten. In einer Mitte Januar in der Fabrikstadt Crimmitschau abgehaltenen Versammlung von Arbeitslosen, in welcher der sozialdemokratische Stadtverordnete Jäckel als Referent sprach, wurde an den Stadtrath das Ersuchen gerichtet, die Betreffenden durch Arbeit oder Geld zu unterstützen; außerdem wurden die Namen der Arbeitslosen fcstgesteUt und ihre Liste dem Rathe übermittelt. Die alsbald auf dem städtischen Bauhofe eingerichtete Arbeitsstelle wurde aber nur von — sieben Personen benutzt, und von diesen kehrten sechs sehr bald der Arbeit wieder den Rücken! Auch Geldunterstützung zu geben war der Rath bereit. Kam derselbe also in loyalster Weise den Wünschen der Arbeitslosen entgegen, so mußte er andererseits zu seinem nicht geringen Erstaunen davon Kenntniß nehmen, daß nach einer Meldung der Sicherheitspolizei zwei der Arbeitslosen an einem kürzlich abgehaltenen öffentlichen Maskenbälle thrilge- nommen haben und der eine ob seiner schönen Maske ptämiirt wurde! Dabei ist aber auch festgestellt worden, daß nicht etwa der Wirth die Kosten getragen hat.
Vom Erzgebirge. Die hoch am Erzgebirge unweit des Mückculhürmchens gelegene Ortschaft Knöteln ist seit einigen Wochen vollständig eingeschneü; von den Häusern sieht man nur die Rauchfäuge, und der blaue Rauch, der aus ihnen emporsteigt, ist der einzige Beweis des Lebens unter der Schneedecke. Die Bewohner benachbarter Häuser graben einen Tunnel in den Schnee, um zu einander zu gelangen, und da in einem Hause eine Geburt erwartet wird, helfen alle Nachbarn zusammen, um einen Weg zur weisen Frau zu bahnen. Jede Familie hat genug zu thun, denn sie muß einen Tunnel zum Schweinestall, zum Keller, zum Holzschuppen graben und Lustschächte bauen. Obwohl ein so strenger Winter wie der diesjährige zu den Seltenheiten gehört, so ist man doch im Erzgebirge auf solche Zustände, wie sie zur Zeit bestehen, ziemlich gefaßt. Keine „bessere" Familie ist ohne einen neuen Sarg, der auf den Boden steht und in dem einstweilen die gedörrten Aepfelschnitz, Birnen und Pflaumen verwahrt werden, der aber oft genug seiner eigentlichen Bestimmung zugeführt werden muß. Stirbt ein Hausgenosse, so wird er im Sarg vernagelt und kommt auf dem Boden, wo die Leiche gefriert und ungestört liegen bleibt, bis der Frühling ius Land zieht. Dann sieht man oft viele gleichzeitige Begräbnisse — zur letzten Ruhe bettet man diejenigen, die da im Winter im Gebirge itarben.
der größeren Städte n^hegelegt werden, es seien einheimische Arbeiter zu bevorzugen.
— Eine schwere Geldsendung von Bremen nach Berlin. 370 Centner preußische Thalerstücke gingen dieser Tage von Bremen nach Berlin ab. Acht große Verschlußmöbelwogen waren von der Reichsbank-Haupt- stelle in Bremen requirirt, um das „ausgediente" Geld nach dem Bremer Bahnhose zu befördern. wo die Verladung in zwei Eisenbahnwaggons nach Berlin erfolgte. Hier sollen sie eingeschmolzen werden.
— Gegen die Gewerbegerichte hat der Vorstand des deutschen Arbeitgeberbund für das Baugewerbe eine Vorstellung an den Bundesrath und den Reichstag gerichtet. Die Gewerbegerichte „reizten die Arbeiter zur Geltend- machung aller möglichen und unmöglichen Ansprüche", sie ständen in dem Ansehen, „hauptsächlich Einrichtungen im Dienste des wirthschaftlich schwachen Arbeitnehmers zu sein", sie fänden, was höchst verdächtig, die Anerkennung der Sozialdemokraten usw. usw. — „Was insbesondere, so fährt die Eingabe wörtlich fort, „den beantragten Ausbau der Gewerbegerichte als Einigungsämter anlangt, so geht unsere Anschauung dahin, daß der Ausgleich von Streitigkeiten zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern am besten ohne Einmischung Dritter, insbesondere ungebetener Dritter erfolgt. Wenn man aber in den Strikes eine öffentliche Gefahr erblickt und hieraus das Recht des Eingreifens ableitet, dann erschiene es nachgerade als ein sehr eigenartiges Verfahren, die Vorschläge Derer anzunehmen, die an der Häufigkeit der Strikes die Schuld tragen, nämlich der Sozialdemokratie."
Hamburg, 20 Februar. Eine große Anzahl wilder Thiere, darunter verschiedene Löwen, Leoparden, Schakale 20. langte heute mit dem Reichspostdampfer „Bundesrath" in Hamburg au. Es waren sämmtlich ausgesucht schöne und seltene Exemplare. Die Thiere sind dem Afrikaforscher C. v. Erlanger vom König Menelik schenkt worden. Herr v. Erlanger, der mehrere Monate die Gastfreundschaft des Königs Menelik in dessen Re sidenzstadt Avis Abeba genossen, hat die ihm geschenkten Thiere dem zoologischen Garten in Frankfurt a. Main überwiesen. Der junge unternehmende Reisende hat die letzte Nachricht Blüte Dezember vorigen Jahres aus Abarach am Abajasee gesandt, wohin er auf dem Marsche nach seinem Endziele, dem Nudoltsee, glücklich gelangt roar.
Köln. Zum vielbesprochenen Kölner „Sternbergskandal" wird unterm 23. gemeldet, daß in den letzten Tagen eingehende Verhöre vor dem Untersuchungsrichter ftattge unden haben, worauf der Richter die Haftentlassung des in dieser Sache schwerbelasteten Millionärs Commans gegen Stellung einer Kaution von 5000 Mk. anordnete. Commans entfloh sofort nach Rotterdam. Die Kriminalpolizei fand indessen seine Spur auf und führte seine erneute Verhaftung tn Rotterdam herbei. Durch den Selbstmord Bohndorffs ist die Untersuchung sehr erschwert. Doch läßt sich heute deutlich erkennen, daß die Angelegenheit mit noch größerem Raffinement als der Berliner Skandal in Scene gesetzt wurde. Außer zahlreichen kleinen Mädchen sind auch erwachsene Frauenspersonen in die Sache verwickelt, die das schmutzige Treiben der rüden Lebemänner begünstigten. Heute wurde noch ein Portier und ein Kunstmaler verhaftet.
Mainz, 22. Febr. Ein Bettler kam gestern Nachmittag in ein Friseurgeschäft auf der Neubrunnenstraße. Der allein anwesende Gehülfe verweigerte ein Almosen. Der Bettler suchte hierauf die Ladenkasse zu berauben und versetzte dem Gehülfen einen Messerstich in die Brust, worauf er entfloh. Der Gehülfe verfiel in Krämp e und wurde in diesem Zustand später aufgefunden. Erst gegen Abend erlangte er das Bewußtsein wieder. Von dem Gauner fehlt jede Spur.
Aus Rheinhessen, 20. Febr. Der finanzielle Zu- sammenbruch der Zuckerfabrik in Gernsheim hat auch viele Bewohner Rheinhessens in starke Mitleidenschaft gezogen. Wie aus Alzey geschrieben wird, sind aus dortiger Gegend eine ganze Reihe Existenzen durch den Krach der Gernsheimer Zuckerfabnk ruinirt und viele Leute an den Bettelstab gekommen. Ganz besonders chwer in Mitleidenschaft gezogen sind die Gemeinden Hangenweisheim, Bechtolsheim und Framersheim, wo die Leute ausschließlich Rübenbau für die Zuckerfabrik in Gernsheim getrieben haben. In Framersheim verliert ein einziger Mann 15000 Mark.
Detmold. Das sparsamste deutsche Land ist das Fürstenthum Lippe-Detmold. Dort sind nach amtlicher
Ausland
England. Der Schatzkanzler theilt mit, der bisher ausgegebene Betrag an Kriegskosten fei 81500 000 Pfd. Sterling (1 Milliarde 600 Millionen), die wöchentlichen Kosten belaufen sich auf etwa 1250000 Pfund Sterling (25 Millionen). Der Kriegsminister Brodrick erklärt, daß nach einer kürzlich ausgestellten Schätzung die Zahl der im Felde stehenden Buren etwa 20 000 betrage und daß im Januar mehr als 16 000 Buren gefangen in den Händen der Engländer waren; diese Zahl habe sich in letzter Zeit noch erhöht.
— Wie Kitchener mit knapper Noth der Gefangennahme entrann, das wird ausführlicher in folgendem, aus englischer Quelle stammenden Telegramm aus Pretoria geschildert: Der Plan der Buren war sehr gut vorbereitet inb beruhte offenbar auf genauen Informationen über Kitcheners Bewegungen. Eine Anzahl wohlbespannter