Schlüchterner Mtunl
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
4. Samstag, den 12. Januar 1901. 52. Jahrgang.
SUftdhtttst^tt °uf die „Schlüchterner Zeitung" MtßltUUkhUk»» werden noch fortwährend von allen ...........= / ; Postanstalten und Landbriefträgern, sowie von der Expedition entgegen genommen.
Amtliches.
J.-Nr. 65. K>A. Dem bei dem Domainenpächter Keiser in Steinau in Dienst stehenden Pferdeknecht Johannes Engelhard zu Steinau ist für langjährige treue Dienstzeit eine Prämie von 10 Mark aus Kreismitteln bewilligt worden.
Schlächtern, den 7. Januar 1901.
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses: Roth.
J.-Nr 62 K.»A. Dem auf dem Schloßgut Ramholz in Dienst stehenden Pferdeknecht Caspar Dorn von Gundhelm ist für langjährige treue Dienstzeit eine Prämie von 10 Mark aus Kreismitteln bewilligt worden.
Schlächtern, den 7. Januar 1901.
Der Vorsitzende des Kreisausschusses: Roth.
Großstadt-Elend und Landflucht.
Die Volkszählung am 1. Dezember hat ein mächtiges Wachsen der großen Städte gegenüber der vor 5 Jahren »«•genommenen Zahlung ergeben. Berlin beispielsweise hat in der Zeit um mehr als 200 000 Seelen zugc- nommen. Auf dem Lande ist die entgegengesetzte Erscheinung zu beobachten. Im großen und ganzen ist hier die Bevölkerungsziffer gleich geblieben, vielfach ist sie kleiner geworden, ein erschreckender Beweis, welchem Umfang die Landflucht, der Zug in die Städte, angenommen hat.
Die Folge des schnellen Wachsens der großen Städte ist eine empfindliche Wohnungsnoth. Vor einigen Tagen lasen wir in Berliner Blättern eine Notiz, die diesen Uebelstand anschaulich schilderte. Es hieß du: „Ueber 200 000 Einschreibebriefe sind auf der Post Berlins am 27. Dezember aufgegeben worden, weit über dje Hälfte waren Stadtbriefe und dürfen zweifellos Kündigungen und Miethssteigerungen enthalten haben. Die Steigerungen betragen 17 bis 50 v. H. der Jahresmiethen, ja sie gingen in einzelnen Fällen noch über den genannten Prozentsatz hinaus. Schon jetzt häuft sich die Zahl der Exmissionsklagen, weil die Miether nicht in der Lage sind, den Miethspreis pünktlich zu entrichten. Ebenso ungünstig wie in Berlin liegen die Wohnungs-Verhält- nisse in den Vororten. In Reinickendorf, Schöneberg, Rixdorf und Charlottenburg haben ebenfalls namhafte Steigerungen stattgefundcn. Leerstehende Wohnungen sind in diesen Ortschaften so gut wie gar nicht zu haben, und die Bauthätigkeit ist in denselben z. Z. außerordentlich schwach, sodaß auf längere Zeit hinaus an eine Aenderung dieses Zustandes nicht zu denken ist".
So weit bte Notiz der Berliner Blätter. Auch in andern Städten wird über die Wohnungsnoth geklagt. Unaufhörlich steigen die Miethen, getrieben von den „Hausbesitzern", welche oft nichts weiter sind, als die geplagten Opfer der wahren Besitzer, der Hypotheken- Gläubiger. Wer nicht' jeden Winkel seiner Wohnung an Schlafburschen und sonstige Nachmiether abgegeben und sich dadurch seines eigenen Heims und jeder Gemüthlich, keit begeben will, der muß einen bedeutenden Theil seines Einkommens allein für die Wohnung au wenden und an anderen Lebensbedürfnissen sparen oder in Spelunken ziehen, mo rs an Luft und Licht mangelt.
In Berlin giebt es über 20000 Wohnungen, die nur aus einem heizbaren Zimmer bestehen und 6 und mehr als 6 Bewohner haben; in Breslau hat man 5000 Wohnungen dieser Art gezählt. Man vergegenwärtige sich die Luft in einem solchen Raume! Und welche Gefahren für Gesundheit und Sitte bergen solche Höhlen! In Hamburg, der reichen Hansa- und Handelsstadt, gab es 5991 Wohnungen, die entweder gar kein heizbares Zimmer oder nur ein einziges enthielten. In solchen „Wohnungen" waren 47 370 Menschen gezwungen, zu hausen und zwar je sechs oder mehr Personen beider Geschlechter zusammen in einem Zimmer. Darf man sich wundern, daß dort die Cholera gut vorbereitete Brutstätten fand und Tausende jener Unglücklichen ihr zum Opfer fielen? Mit Recht sagt das Sprichwort: „Trautes Heim, des Glückes Keim'; aber auch das Umgekehrte ist wahr: „Schlechtes Wohnen, halbes Sterben".
Glückliche Landbewohner, bleibt auf eurer Scholle, bei Licht und Lust, Grün und Sonnenschein, den unersetz
Deutsches Reich.
Berlin. Die Reise nach Weimar zur Beisetzung des Großherzogs Karl Alexander bat nach dem „Berl. L.-Anz." der Kaiser in Folge seiner Erkältung aufgegeben. Von anderer Seite heißt es, der Kronprinz werde seinen Vater bei der Feierlichkeit vertreten. Dagegen meldet die „Voss. Zig.", der Kaiser reise nach Weimar.
— Goldene Dienstboten-Kreuze. Die Kaiserin bat im Jahre 1900 goldene Dienstboten-Kreuze mit Diplome an weibliche Dienstboten für vierzigjährige Dienste in derselben Familie verliehen: In der Rheinprovinz 31, Schlesien 29, Ostpreußen 22, Brandenburg 18 (darunter 6 Berlin), Hessen-Nassau 12, Elsaß-Lothringen 11, Pommern 9, Schleswig-Holstein 9, Sachsen 7, Westfalen 7, Posen 6, Hannover 6, Westpreußen 4.
— Donnerstag Mittag fand im Weißen Saale des Schlosses die Eröffnung des Landtages statt. Vorher waren Gottesdienste abgehalten. Die Abgeordneten waren nicht allzuzahlreich erschienen. Kurz nach 12 Uhr betraten die Mitglieder des Ministeriums den Saal, voran Bülow, welcher sodann vor den Thron trat und die Thronrede verlas und den Landtag für eröffnet erklärte. Präsident des Herrenhauses von Wied brächte das Kaiserhoch aus.
— Auf ein längeres Verweilen des deutschen Expeditionskorps in China richtet sich die Militärverwaltung ein. Sie denkt bereits daran, die deutschen Chinatruppen für den Sommer in entsprechender Weise auszustatten. So sind, wie der „Konf." erfährt, in den letzten Tagen große Aufträge in Unterkleidern, Strumpfwaaren, leichteren Uniformstücken u. s. w. ertheilt worden.
— Stattliche Summen werden in Staats-Anleihen deutscher Bundesstaaten, an der Spitze Bayern jetzt zum Jahresbeginn neu zu leihen gesucht. Das Reich kommt mit dem Chinakredit bekanntlich hinterher. Bayern giebt 4-prozeatige Anleihen aus, für welche ein Zeichnungspreis von etwas über 100 in Aussicht genommen ist. So haben sich die Zeiten in wenigen Jahren geändert.
— Mehr als 600 Brände in Berlin wurden in den letzten acht Tagen bei der Feuerwehr, der Polizei und der Feuersozietät gemeldet, davon hatte die Feuerwehr rund 200 zu löschen, das heißt mehr als 20 pro Tag.
Spandau. Ein viel umworbener Posten war in Spandau seit Jahrzehnten der des Kantinenwirthcs der kgl. Gewehrfabrik. W>nn hier Vollbetrieb war, so arbeiteten ungefähr 4000 Mann, von dennn die meisten 8—10 Mk. täglich verdienten. Dann machte der Wirth ein glänzendes Geschäft, denn gegen 30 Tonnen Bier nebst gewaltigen Mengen anderer Getränke und viele Speisen wurden von ihm täglich abgesetzt. Nach wenigen Jahren war der Kantinenwirth ein vermögender Mann. Während der Zeitabschnitte 85—88 und 88—92, in denen zwei neue Gewehrarten hergestellt wurden, erwarben zwei Inhaber je ein Vermögen von mehr als 200 000 Mk , der eine von ihnen war vorher Feldwebel im Elisabethregiment gewesen. Er zog, nachdem er die Kantine 4 Jahre gehabt hatte, als Rentier nach Charlottenburg. Seitdem ist das Einkommen des Kantinenwirthcs indeffen beschnitten worden, da ihm Abgaben von dem Umsatz auferlegt wurden, die in eine Arbeiterunterstützungskasse fließen. Am 1. Januar hat nun der bisherige Inhaber die Wirthschaft abgegeben, weil er nichts mehr verdienen konnte; sein Nachfolger ist wieder ein ehemaliger Feldwebel vom Elisabethregiment.
AuS Konitz wird gemeldet: Kleidungsstücke des ermordeten Gymnasiasten Ernst Winter sind von Soldaten
lichen Gütern, die der Großstädter fast immer entbehren muß. Meidet das unsichere, nervöse Treiben der Groß, städte, in denen zwar nach außen Glanz, nach innen aber desto mehr Elend und Verzweiflung zu finden ist. Ein wahrer Ozean von Elend flutet durch die moderne Großstadt. Ein annäherndes Bild die'er dunklen Flut ergiebt sich, wenn man erfährt, daß von 1870 —1886, also in 16 Jahren, zusammen 1,4 Millionen obdachlose Männer und 308 497 obdachlose Frauen in der Reichshauptstadt gezählt wurden.
Wo und wie mögen diese Opfer der Großstadt geendet haben? Wie viel Tausende mögen unter ihnen gewesen sein, die, gleißenden Lockungen folgend, ihr Heim auf dem Lande verließen, um das Glück in Berlin zu suchen. Arme bemitleidenswerthe Ossier der Landflucht, möge euer Schicksal wenigstens manchem eine Warnung sein!
des 14. Infanterie-Regiments im Stadtwäldchen, unweit der Fundstelle des Kopfes, gefunden worden. Die Soldaten, welche neuerdings im Schützenhause einquartirt sind, machten einen Spaziergang und stießen dabei auf ein Bündel, das den Schlips, Jacket und Weste des Ermordeten erhielt. Bäckermeister Lange sowie Gymnasiasten rekognoszirten die Kleidungsstücke, welche erst vor einigen Tagen an dem Fundort niedergelegt sein können, weil die Gegend wiederholt abgesucht worden ist.
Ausland
Petersburg, 5. Jan. Der Zar leidet an einem Lungenübel, das ja leider in der Zaren-Familie nicht unbekannt ist. In russischen Hofkreisen herrscht deswegen große Besorgniß.
Transvaal. In Marseille ist Oberst Nicholson, ein Mitglied des Kitchenerschen Generalstabes, angekommen, um im besonderen Auftrage seines Chefs nach London zu gehen. Er erklärte dort etwas unvorsichtig mehreren Offizieren, der englische Generalstab sei durch den Einfall der Buren in die Kopkolonie vollständig überrumpelt worden, da ein solcher Einfall als vollständig unausführbar gegolten habe. Die Lage sei äußerst kritisch. DaS ist ein hübsches Eingeständniß! — Die Zahl der Buren, welche im Westen der Kapkolonie eingedrungen sind, nimmt jeden Tag zu. Die Mehrzahl dringt nach Süden vor, indem sie der Eisenbahn folgt. Die Buren gebrauchen, wie es heißt, Gewaltmaßregeln gegen bie» jenigen Holländer, die sich weigern, sich ihnen anzuschließen. Ihre Zahl wird jetzt bereits auf 18,000 geschätzt. Sie sind mit guten Pferden versehen und haben große Vorräthe an Kriegsmunition. Wie es heißt, stehen Aufklärungs Patrouillen der in die Kolonie eingedrungenen Buren 20 Meilen von Piquetberg entfernt. — Das ganze Kaplund scheint am Vorabend der Massenerhebung, des allgemeinen Kampfes um seine Unabhängigkeit zu stehen. Sollte die Welt eine Wiederholung des amerikanischen Freiheitskrieges in Südafrika erleben, sollten die Tage des Chamberlain-Rhodesschen Systems dort schon gezählt sein? Die englischen Behörden befürchten das jedenfalls, denn am ganzen Südrande der Kolonie rüsten sie sich zum Widerstände und machen sich auf das Aeußerste gefaßt. Beschlagnahmen von Einfuhrwaaren in den Hafen haben gezeigt, daß der Waffenschmuggel der Afrikaner bereits großen Umfang angenommen hat, und die Erhebung von langer Hand vorbereitet wurde. Mittlerweile sucht England durch Anwerbung von Freiwilligen in Ungarn seine gegenüber der neuen Gefahr versagenden Streitkräfte zu stärken. Die österreichisch ungarischen Behörden, die durch Zulassung der englischen Pferdeankäufe die Neutralitätspflichten gröblich »erlebten, beginnen aber jetzt, wo ihnen Kräfte der eigenen Landesvertheidigung entzogen werden sollen, doch ungemüthlich zu werden und diese Anwerbungen zu verhindern.
Kapstadt. Die Lage in der Kapkolonie verschlimmert sich für die Engländer forgesetzt. Die Kapholländer machen ganz offen gemeinschaftliche Sache mit den Buren, unterstützen sie in jeder denkbaren Weise, schließen sich ihnen an und dienen ihnen als Wegführer. Eine kleine Truppe von etwa 200 Buren, die bis dicht vor Kapstadt vorgedrungen, wurde von Kapholländern geführt. Ueber Haupt tauchen im südlichen Kaplande aller Orten sichere Burenabtheilungen auf, was ganz ausgeschlossen wäre, wenn die Kapkolonisten den stamm- und blutsverwandten Buren nicht überall hilfreich entgegenkämen. Lord Kitchener wagt es nicht, Transvaal zu verlassen und zum Schutze der Kapkolonie heranzurücken, da er Voraussicht, daß dann alle in den beiden Republiken errungenen Erfolge verloren gehen würden. Der englische Generalissimus, dessen Kavallerie zu nichts zusammengeschmolzcn ist und dessen Fußtruppen marschunfähig geworden sind, beschränkt sich darauf, in Pretoria auf die Ankunft von Verstärkungen zu warten. Je länger diese ausbleiben, um so besser für die Buren. Und da Lord Kitchener wenigstens noch 40 000 Mann frischer Truppen zur Unterwerfung der Buren für erforderlich hält, die natür» ich nicht so ohne Weiteres auf die Beine zu bringen ind, so kann ganz Kapland im Aufruhr sein, ehe die £nglänber eine wirkungsvolle Aktion ausüben können.
Peking, 7. Januar. Eine deutsche Rekognoszirungs- Abtheilung traf im nördlichen Distrikt bei Szchaikon, 20 Meilen nordwestlich der Kreuzung der Großen Mauer, auf 3000 Chinesen. Die Deutschen zogen sich auf Luipinpu zurück, wo sie durch eine Expedition verstärkt