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ZchlüchternerMtung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 99. Mittwoch, den 12. December 1900. 51. Jahrgang.

Deutsches Reich.

Berlin. Der Kaiser, der Freitag spät Abends von ' der Jagd in Königs-Wusterhausen nach dem Neuen ; Palais bei Potsdam zurückkehrte, hörte am Sonnabend s Vormittag militärische Vorträge und empfing Mittags die Mitglieder des neuen Neichsmilitärgerichts.

Der interimistische Feldmarschallstab, den der Kaiser dem König Albert von Sachsen übersandt hat, ist ein ganz neues militärisches Ehrenzeichen, das dem Kaiser seine Entstehung verdankt. Während der Feldmarschall­stab nur bei Paraden oder feierlichen Gelegenheiten ge, tragen wird, findet der interimistische Feldmarschallstab, der etwa die Form einer Reitgerte hat, auch während Manöver, bei Truppenbesichtigungen u. s. w. Verwendung. I Der Kaiser hat ihn bereits bei den Mannövern in Pommern benutzt; derKreuzztg." zufolge besitzen diesen Jnterimsstab zur Zeit außerdem nur der König von Sachsen und Graf Waldersee.

Das Befinden des Generalfeldmarschalls Grafen Blumenthal ist zur Zeit nicht zufriedenstellend. Der greise Marschall ist seit einiger Zeit bettlägerig und recht schwach. Der Sohn des Marschalls, welcher in Cassel Kommandeur des Husaren-Regiments Nr. 14 ist, traf zum Besuch seines Vaters ein.

Unter dem Titeldie polnische Gefahr" veröffent­licht die amtliche Berliner Korrespondenz längere Mit­theilungen über das Wachsthum der polnischen Agitation, die tn folgenden Sätzen ausklingen:Nach den vor­stehenden Darlegungen kann an dem Vorhandensein einer polnischen Gefahr" nicht gezweifelt werden. Da diese Gefahr die nationalen Interessen unseres Volks bedroht, so ist die Polenfrage in Preußen nicht eine spezifisch preußische, sondern in eminenten Sinne eine deutsche Frage. D'e preußische Regierung ist sich bewußr. den Lebensinteressen des deutschen Volkes und des Deutschen Reiches zu dienen, wenn sie Alles, was in ihrer Macht steht, zu thun entschlossen ist, damit der Charakter des preußischen Staates als eines deutschen gewahrt werde. Sie wird jedem Versuch, diesen Charakter zu gefährden, mit Entschiedenheit entgegentreten. Ebenso wird sie alle erforderlichen Maßregeln ergreifen, um die Position des Dentschthums, wo dieses gegen polnische Uebermacht um seine Existenz zu sümpfen hat, nach Möglichkeit zu stärken. Diese Haltung der Regierung kann aber nur dann Erfolg versprechen, wenn auch die deutsche Bevölkerung in ihrer Gesammtheit sich immer mehr des Ernstes bewußt wird, mit dem der ihr aufgebningene nationale Kampf noth­wendig geführt werden muß. Es würde den Deutschen allerdings schlecht anstehen, dem polnischen Deutschen­haß mit entsprechendem Polenhaß zu begegnen; wohl aber hat sich das Deutschthum mit derjenigen nationalen Energie zu wappnen, die allein in einem Kampfe Erfolg verspricht, bei dem es sich um die Erhaltung der höchsten idealen Güter der Nation handelt." Diese Auslassung scheint eine Verschärfung der Polenpolotik und das baldige Erscheinen neuer Gesetzentwürfe zur Bekämpfung des PoloniSmus ai z kündigen.

DerDoppelmörder Gönczi ist am Freitag Morgen 7'/« Uhr auf dem Hofe des Gefängnisses in Plötzcnsee hingerichtet worden.

Der an sensationellen Ueberraschungen so reiche Prozeß Sternberg hat durch das Geständniß des Crimi- bal-Commissars Thiel eine Wendung genommen, welche die Blicke wieder auf die Zustände in der Criminalpolizei concentrirt. Die Vernehmung des CriminabCommissars Thiel erfolgte in der Verhandlung vom 3. November. Damals bcstritt der Criminalkommissar ganz entschieden die von dem Criminalschutzmann Stierstädter gegen ihn erhobenen Beschuldigungen. Thiel sollte Stierstädter zur Feier seines Geburtstages eingeladen und ihn dann bei Erörterung des Falle« Stcrnbcrg gefragt haben, ob er denn gar nicht auf andere Gedanken zu bringen sei. Man müsse doch ein menschliches Gefühl haben. Dabei babe Thiel von 200 000 Mark und einer Villa am Genfer See gesprochen. Ein andermal hatte Thiel vor- geschlagen, Stierstätter solle vor Gericht aussagen, es sei to^l anf die Woyda zu Ungunftcn Sternbergs eingewirkt, dann sollten 30 000 Mark gezahlt werden, 15000 Mk für Stierstädter und 15 000 Mark für Thiel. Im Falle tiner Freisprechung solle Stierstädter 75 000 - 125000 Mk. erhalten. Mit Stierstädter confrondirt, beftritt Thiel Punkt für Punkt diese Beschuldigungen, die Stierstädter Punkt für Punkt aufrecht erhielt. Thiel war sehr auf- ^regt und mußte mehrfach ermähnt werden, seine Ruhe

zu bewahren. Die Glaubwürdigkeit Stierstädters erschien, obwohl ihm der Kommissar v. Treskow ein sehr gutes Leumundszeugniß ausgestellt hatte, freilich auch keines Wegs über große Zweifel erhaben. Deshalb wurden beide Beamte vorläufig vom Amte fuSpenbirt. Durch das jetzige Geständnis Thiels erscheint die ganze Sach läge in einem völlig andern Licht.

1884 335 Einwohner hat die Reichshaupt'tadt Berlin nach der jüngsten Volkszählung. Seit dem Jahre 1895 ist eine Zunahme von 207 041 Seelen zu verzeichnen.

Kiel. Mit dem LloyddampferKöln" treffen im Ganzen 987 Mann am Sonntag ober Montag in der Heimath ein. Es ist der erste größere Transport, der aus Ostasien zurückkehrt. Fast sämmtliche Mannschaften haben in den schweren Tagen des Juni, Juli und August, als die blutigsten Zusammenstöße mit den Chinesen stattfanden, vor dem Feinde gestanden. Die Heim- kchrenden gehörten den Besatzungen 18 verschiedener Kriegsschiffe und Torpedoboote, den Seebataillouen und dem ostasiatischen Expeditionskorps an. Von der Helden - müthigen Besatzung desIltis" treffen 45 Mann ein.

Münster i. W, 2. Dezember. Ein niederträchtiger Streich wurde hier einem Bauer gespielt, der an etliche Bürger Milch lieferte. Seine Kundschaft hatte wieder­holt Klage darüber geführt, daß die Milch rasch sauer werde. Der Lieferant stand vor einem Räthsel, da andere Milchabnehmer stets zu rieden waren. Schließlich fiel ihm auf, daß es auf der Straße, die er hauptsächlich bediente, genau eine Grenze gab. Er ließ nun neulich seine Frau die Lieferung besorgen und folgte in einem gewissen Abstande. Als nun die Frau in ein auf der erwähnten Grenze liegendes Haus ging, um dort Milch abzuliefern, kam aus dem Nachbarhause eine andere Frau und machte sich an der auf der Straße stehenden Kanne zu schaffen. Sofort sprang unser Bauer aus seinem Versteck hervor und nahm die Frau fest. Sie bekannte sich schuldig, wiederholt Essig in bte Milch geschüttet zu haben, um sich die bäuerliche Konkurrenz vom Halse zu schaffen; sie verkaufte selbst auch Milch.

Pritzwalk in der Mark. Anläßlich der mit ber Volkszählung verbundenen Viehzählung ist in dem mär­kischen Städtchen Pritzwalk ein äußerst drolliger Vorfall passiert. Ein Volkszähler wurde auf einem Gehöft von dem Eigenthümer mit den Worten empfangen:Da sehen Sie, das ist Ihr Werk!" Dabei zeigte der Mann auf einen großen Haufen soeben abgeschlachteter Enten und Hühner rc. Es stellte sich heraus, das der Be­treffende geglaubt hatte, er solle das Federvieh behufs Besteuerung in die Zählliste eintragen. Dazu konnte er sich jedoch nicht entschließen und so schlachtete er das Geflügel noch vor Ankunft des Zählers ab.

Die Einwohnerzahl Münchens betrug nach vorläufiger Schätzung am 1. Dezember 498 503, 93 000 mehr als im Jahre 1895.

Straßburg. DieHunnenbriefe" unserer Soldaten aus China erregen im Elsaß weit weniger Aufsehen und Mißbehagen, als in anderen deutschen Landesthcilen. Im Elfaß leben nämlich noch viele ehemalige französische Soldaten, diedene gäle Kaiwe" mit den Waffen in der Hand gegenübergeftanben haben ^unb die chinesische Kriegssührung kennen. Nach derStraßb. Post" be­tonen diese sachverständigen alten Leute immer und immer wieder, daß man dem heimtückischen Gesindel unter den Bewohnern desHimmlischen Reiches" nur durch schärfste Strenge beikommen könne. Gerade das WortPardon wird nicht gegeben" hat in seiner einzig zulässigen Deu­tung, die sich auf die Boxer bezieht, im Elsaß ein Echo gefunden in der Brust vieler französischer Kriegsoeteranen. Jüstament so hau mir's gemacht, und dhäte es au wieder so mache," meinte ein mit der Chinamedaille beforirter Veteran.

Ludwigshafen a. Rh, 6. Dez. Die am schnellsten emporblühende Stadt im ganzen Reiche darf sich Lud­wigshasen nennen. Vor kaum 50 Jahren gegründet, weist Ludwigshafen heute nach dem soeben vollständig vorliegenden Zählresultate 61,796 Einwohner auf Mannheim überm Rhein hat weit über 137,000 Seelen.

Ausland.

Bei der Liquidation des spanischen Kolonialbesitzes

Hafens von Ceuta, eines Hafens von Galicien und der Ausdehnung des Territoriums von Gibraltar im Gange seien. Das Arangement soll im Zusammenhänge mit der Bewahrung der Neutralität Englands während des panisch-amerikanischen Krieges stehen. Gegen ein der­artiges Abkommen dürfte Frankreich zweifellos Wider­spruch erheben, wenn es den Muth dazu findet.

Haag, 8 Dezember. Ministerpräsident Pierson und der Minister des Auswärtigen bc Beaufort starteten heute Nachmittag dem Präsidenten Krüger einen halbstündigen Besuch ab. Späterhin empfing Krüger eine Abordnung aus Solingen, welche einen Ehrendegen überreichte. Der Libertö" wird aus Holland berichtet, daß dort seit dem Empfang Krügers in Paris die Sympathien für Frank­reich gewaltig gewachsen sind, wozu wohl auch die jüngste Wendung der deutschen Politik beigetragen haben dürfte. Alle hiesigen Blätter weisen auf die Anwesenheit der Herzogin von Albany in Haag hin, die offenbar vom englischen Hof abgeschickt sei, um die Königin Wilhelmina zu überwachen.

Transvaal. Dewets Heer soll zersprengt worden sein, bei Bethusic, bei Lorberg und bei Utrecht wollen die Engländer den Buren erhebliche Verluste beigebracht haben. Da Lord Kitchener im Gegensatz ru seinen Vor­gängern zahlenmäßige Angaben über die Todten und Ver­wundeten macht, so sind wir in den Stand gesetzt, die Erfolge der Engländer nach ihrem wahren Werthe zu be­messen. Mit Ausnahme des zu zweit genannten Ortes waren danach die Burenverluste wirklich zu tragen, es handelte sich um noch kein halbes Dutzend Todter und wenig mehr Verwundeter. So großer Schaden ist den Buren also nicht zugefügt, auch ist Dewet nicht gefangen genommen wnrden. Wie theuer den Engländern ihre Erfolge, von denen soviel Rühmens gemacht worden ist, ha^en bezahlen müssen, das verschweigt Lord Kitchener wohlweislich. Das brutale Vorgehen der englischen Truppen gegen die Buren ist sogar vielen Engländern zu arg. In einer Versammlung der liberalen Liga, der mehrere Parlamentsmitglieder beiwohnten, theilte ein ge­wisser Robertson, der eben e st aus Südafrika zurück­gekehrt war, haarsträubende Dinge über die englische Kriegsführung daselbst mit. Er bekundete, mit eigenen Augen einen Befehl Lord Roberts gesehen zu haben, der die Einäscherung von 40 Farmen anordnete.

Aus Peking liegen heute zwei wichtige militärische Meldungen. vor. Feldmarschall Graf Waldersee sendet unter dem 4. d. M. folgendes Telegramm aus Peking, aus dem hervorgeht, daß noch immer beträchtliche chine­sische Streitkräfte im Felde stehen: In der Provinz Scharrst sollen stärkere reguläre Truppen unter General Ma stehen und die Pässe im Gebirge an der Grenze von Tschili besetzt haben. In Paotingsu hat beim Räumen eines Pulvermagazins eine Explosion stattgefunden; tobt 1 Pionier, verwundet Leutnant Wolfgramm, 4 Pioniere.

Der Taku Außenhafen ist zu gefroren, 50 Schiffe sitzen im Eise fest. DieMorning Post" meldet aus Peking: Der amerikanische General Chaffee hat an den Grafen Waldersee einen Brief geschrieben, worin er sich über die Entfernung der Instrumente vom astronomischen Observatorium beklagt. Der Brief wurde wegen des unverschämten Tones an General Chaffee zuüückgeschickt. Auch hat General Chaffee die Gesandten benachrichtigt, daß die amerikanische Wache künftig nicht mehr den Zu­gang durch das Südthor des Palastes erlauben wird, da verschiedene Plünderungsfälle vorgekommen seien. Die Gesandten sind durch diese Anmaßung Chaffees beleidigt.

Ueber die Plünderungen in Peking wird derDeut- 'chen Zlg" aus Shanhai berichtet:Als nach der Einnahme der chinesischen Residenzstadt zwei deutsche Offiziere die Wohnräume des kaiserlichen Palastes durch- chritten, fiel ihnen auf, daß von chinesischen Kulis Trag- lahren mit Tüchern überdeckt und anscheinend schwer beladen hinausgetragen wurden. Die O fiziere ver­mutheten darunter Leichen und kümmerten sich nicht weiter darum. Wie erstaunten dieselben aber, als sie in einem Zimmer des Kaiserpalastes den englischen Botschafter Sir Claude Macdonald nebst Gattin emsig damit be­schäftigt fanden, die Kunstschätze des Palastes auf Trag­bahren zu legen und zur Aufbewahrung in ihre Wohnung tragen zu lassen.

Lokale- und Provinzielles.

* Schlüchteru, 11 Dezember.

* Die Einwohnerzahl der Stadt Schlüchtern be-

scheint auch England etwas abbckommen zu wollen. DieCentral News" meldet aus Madrid: Hier verlautet, daß zwischen England und Spanien Verhand-

lungen über die Abtretung der Balkarischen Inseln, des trägt jetzt 2765 Einwohner und zwar 1399 männliche