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^ bie .Schlüchterner Zeitung" ^vHXUUHy&H »erben nod) fortwährend von allen -> -2-........"""-?? Postanllalten und Landbriefträgern, sowie von der Expedition entgegen genommen.

Amtliches.

J.-Nr. 3379. K.-A. Es wird hierdurch zur öffent­lichen Kenntniß gebracht, daß die Wählerlisten für die in diesem Monat stattfindenden Kreistagsergänzungswahlen: a) der Wahlbezirke III-, V, VIL, VIII. und X ;

b) des Wahlverbandes der größeren Grundbesitzer in meinem Büreau während der Dienststunden zu Jeder­manns Einsicht ausliegen.

Schlüchtern, den 10. November 1900.

Der Vorsitzende des Kreisausschusses: Roth.

Deutsches Reich.

Berlin. Ein Attentatsversuch gegen den Kaiser ist Frei­tag Mittag in Breslau verübt worden, als der Monarch, soeben von der Jagd aus Trachenberg auf dem Ober- schlesischen Bahnhöfe in Breslau eingetroffen, gegen l2"« Uhr durch die Stadt nach der Kürassierkaserne in Kleinburg fahren wollte. Eine Frau warf ein kurzes Handbeil, das sie in einem Tuche eingewickelt bei sich getragen hatte, nach dem Kaiser, aber ohne ihn zu treffen. Das Beil flog gegen das eine Hinterrad des Wagens und fiel zur Erde, ohne irgend welchen Schaden anzu- richten. Die Frau wurde sofort umringt und festge­halten, und nach dem Polizeipräsidium verbracht. Auf dem Wege dorthin hat sie wirre Reden geführt von Einem, der ihr das Attentat anbefohlen habe. Man hat es mit einer g e i st e s g e st ö r t en Person zu thun, die für das, was sie thut, nicht verantwortlich gemacht werden kann. Heutzutage führt man keine Attentate gegen Fürsten aus, indem man ein Beil nach ihnen schleudert! Die polizeilichen Ermittelungen haben er­geben, daß die Frau Selma Schnapka heißt. Sie ist eine unverehelichte Händlerin, die aus ihrer Wohnung exmittirt worden war. Es schwebt gegen sie ein Ver­fahren wegen Beamten Beleidigung und Wiederstand gegen die Staatsgewalt. Sie ist am 15. Juli 1859 in Tarnowitz in Oberschlesien (nicht in Italien, wie verschiedene Blätter melden), geboren und erst vor Kurzem nach Breslau verzogen. Die Polizei hatte Mühe, die Frau vor der Wuth der Menge zu schützen Das Beil wrr noch ungebraucht. Der Kaiser hat anscheinend von dem Vorgänge nichts gemerkt. Unmittelbar, nachdem der Vorfall bekannt geworden war, wurde die gesammte Breslauer Garnison alarmirt, die vom Kaiser Wilbelms- platz in Kleinburg bis zum Oberschlesischen Bahnhof Spalier bildete und so den ganzen Weg, den der Kaiser bei seiner Rückkehr von der Kaserne zu passiren hatte, absperrte. Um 3^, Uhr verließ der Kaiser mit dem Erbprinzen von Sachsen-Meiningen die Kürassierkaserne und fuhr, eskortirt von einer Schwadron Leibkürassiere, die zur Hälfte vor und zur Hälfte hinter dem Wagen ritt, nach dem Oberschlesischen Bahnhöfe zurück. Eine dicht gedrängte Menschenmenge brächte dem Kaiser auf dem ganzen Wege begeisterte Ovationen dar. Auf dem Bahnhöfe war die Frau Erbprinzessin von Meiningen erschienen, von welcher sich der Kaiser in herzlichster Weise verabschiedete. Die Abfahrt nach Groß-Strchlitz erfolgte um 3 Uhr 47 Minuten. Der Kaiser erhielt in Großstrehlitz aus allen Herren Länder Glückwunsch­telegramme, sogar der Schah von Persien und der Khe- dive von Egypten haben ihre Glückwünsche wegen des Bres­lauer Zwischenfalles nach Großstrehlitz gelangen lassen.

Katholizismus urd Polenthum. DieBerl.Pol.N." schreiben: Die wiederholten Angriffe des Erzbischofs Stablewski gegen den deutsch katholychen Reichstagskan- didaten Krasginski beweisen, daß die Geistlichkeit jenes Bisthums den Katholizismus mit dem Polenthum in jenen Gegenden identifizirt. Diese Stellungnahme in nationalen Fragen könne nicht ohne Einfluß aus das Behalten der Staatsregierung bleiben, die geradezu ge­nöthigt ist, den Klerus jenes Bisthums als einen ent­schiedenen Gegner der Bestrebungen zur Förderung des Dentschthums in den Ostmarten zu behandeln. DreB. P. N." schließen mit der Mahnung an die deutschen Katholiken und die kalholische Priesterschaft Oberschlestens, hinblickend auf die großpolnische Propaganda in Ober- schlesien, einer ähnlichen Entwickelung in Oberschlesien porzubengen.

Der Prozeß Sternberg in Berlin nimmt eme»

Mittwoch, den 21. November 1900.

51. Jahrgang

Verlauf, daß es fast scheint, als ob der Prozeß nicht in Deutschland, sondern auf Sizilien verhandelt werde und ob man vielleicht auch wie dort unter dem Drucke einer Camorra stehe, von der man bisher nur auf Sizilien gehört hat. Jeder Tag bringt neue Ent­hüllungen über die schamlosesten Beeinflussungen von Zeugen, über Dreistigkeiten in dem Gebahren gewisser Dctektivbureans, die alle Grenzen übersteigen. Jetzt beginnt die Camorra bereits auch ihre Thätigkeit auf die Berliner Zeitungsredaktionen auszuüben. Von den Sternbergschen Gehülfen ist der Versuch gemacht worden, Angestellte der Zeitung »Die Post" betrunken zu machen und von ihnen den Verfasser eines den Prozeß Stern­berg beleuchtenden Artikels herauszupressen. Warum sitzen jene Leute, die fortgesetzt Zeugen zu beeinflussen versuchen, nicht längst schon hinter Schloß und Riegel?

Ein neues Eisenbahnunglück wird aus Westfalen gemeldet. Der von Hagen kommende Güterzug 3804 fuhr Freitag früh 6 Uhr auf der Strecke Hattingen- Blankenstein auf eine Rangierabtheilung. Mehrere Wagen entgleisten, der Packwagen gerieth in Brand und ver­brannte vollständig. Ein Zugführer und ein Heizer sind leicht verletzt.

Trier. Ein mit der Kriegsdenkmünze von 1848 geschmückter Mann, ein 76jähriger Werkmeister aus einem Oertchen der Umgegend, hatte ein langes Leben ohne Tadel hinter sich und war durch Fleiß und Mäßig­keit zu Vermögen und Ansehen gekommen. In seiner Gutmüthigkeit hatte er den Fehler begangen, seinen Be­sitz bis auf wenige Grundstücke schon zu seinen Lebzeiten unter seine sieben Kinder zu vertheilen. Die Herzlosen behandelten jedoch den auf ihre Güte angewiesenen Vater so schlecht, daß er oft Hunger leiden mußte und sich dem Trunke ergab. Als er nun in seiner Noth eines seiner ihm verbliebenen Grundstücke angeblich unter dem Werthe verkaufte, da leiteten die Kinder das Ent- mündigungsverfahren gegen ihn ein. Der Angeklagte gerieth darüber in Wuth; er nahm das ihm vom Gericht zugeschickte Schriftstück, zündete es an und warf es in die gefüllte Scheune seines Sohnes. Die entstandene Feuers­brunst zerstörte Scheune und Haus seines Sohnes und das Eigenthum des Nachbars. Richter, Staats­anwalt und Geschworene hatten tiefes Mitleid mit dem Unglücklichen, mußten ihn aber wegen vorsätzlicher Brand­stiftung verurtheilen. Das Urtheil lautete auf 18 Mo­nate Zuchthaus. Die Geschworenen baten jedoch das Gericht, den Bedauernswerthen der Gnade des Kaisers zu empfehlen. (Ein Vater kann leichter 10 Kinder er« nähren, als 10 Kinder einen Vater!)

München. Dem Lindau-Münchener Nachtpostzuge drohte am Sonntag in der Station Beckftetten ein Un­fall, über den die Augsb. Abendztg. berichtet: In Beck stetten hatten Abends gegen 10 Uhr die Postzüge von und nach Lindau zu kreuzen. Als der Postzug von Lindau in die Station emfuhr, war die Weiche nicht bedient und falsch gestellt; der Weichenwärter stürzte, da er sich verschlafen hatte, erst nachher aus seiner Unter­standshütte. Durch die falsche Stellung der Weiche gerieth der Zug in das zweite statt in das erste Gleis; im zweiten Gleis fuhr eben der Postzug von München ein. _ Glück­licherweise bemerkten die Lokomotivenführer sofort die Lage und so kamen beide Züge, ohne zusammenzustoßcn, zum Halten. Der Zug von Lindau mußte dann zurück­gedrückt und in das erste Gleis umgcsetzt werden. Weiter ist nock, wie erst jetzt bekannt wird, in der Nacht vom Sonnabeud auf Sonntag dem Schnellzug Köln- München ein bedenklicher Unfall zugestoßen. Der Zug ist in der Station Karlstadt auf einen mit Frachtgütern beladenen sogenannten Stationswagen angestoßen und hat dieien vollständig zertrümmert. Die eine Achse des Wagens wurde weggeschleudert, die zweite gerieth unter die Maschine und wurde von dieser eine kurze Strecke weit geschleift. Dann erst kam der Schnellzug, der in die Station Karlstadt mit unvermindeter Geschwindigkeit eingcfahrcn war das Signal war auf Durchfahit gestellt zum Halten.

Offenbach. Die Opfer der Eisenbahnkatastrophe von Offenbach sind auf dem Friedhof zu Offenbach beigesetzt worden. Da nur die Leiche des russischen Staatsrathes Dimitriewitich Feodorow mit Sicherheit erkannt wurde, wurde auch nur diese auswärts und zwar in der rupl- fdjen Heimat beerdigt; die übrigen neun Leichen wurden in Offenbach in einem gemeinsamen Grabe beigesetzt. Die Ucbcrrefte jeder Leiche wurden in einem kleinen Kästchen

geborgen, deren jedes wiederum in einem besonderen Sarge gebettet wurde. Die Geistlichen der verschiedenen Confessionen sprachen Leichenreden.

Ausland.

Paris, 15. Nov. Der aus Spanien über Bordeaux kommende Südexpreßzug ist heute Vormittag 8/<12 Uhr in den Pyrenäen zwischen Dax und Bayonne entgleist und den hohen Damm herabgestürzt, während er sich in voller Fahrt befand. Bis jetzt wurden 13 Todte und über 30 meist schwer Verwundete aus den zertrümmerten Waggons geschafft.

London, 17. Nov.Standard" meldet aus Shang- hai, vom 15. November: Das kaiserliche Edikt, welches befiehlt, daß Prinz Tuan und Prinz Tschwang auf Lebenszeit ins Gefängniß gelegt werden sollen, bestimmt, daß dieselben ins Gefängniß des Kaiserhauses nach Mug- den zu bringen find. Die Kaiserin-Witwe gedenkt jetzt nach Tajnenfu, der Hauptstadt der Provinz Scheinst, zurückzukehren, weil sie fürchtet, daß die mohammedanische Erhebung in Kanfu überhandnehmen werde.

Glasgow, 16. November. Roseberry, welcher Rektor der hiesigen Universität ist, hielt an die Studenten eine Ansprache, in der er sich überdas britische Reich" aussprach. Dieser Ausdruck, führte Rosebery aus, welcher beständig herabgezogen werde, verkörpere die britische Geschichte, die britischen Traditionen und die britische Rasse. Dieses Wort komme in Betracht für den Frieden, den Handel, die Civilisation, Treu und Glauben und auch für das geschäftliche Leben. Vor fünfzig Jahren habe die Welt noch ruhig zugesehen, wie die Briten un­kultivierte Länder entdeckten und annektirten. Damals pfleg- ten die fremden Länder über die englische Handelsthätigkeit noch zu spotten Jetzt werde über jede Meile Landes, das noch nicht auf den Landkarten verzeichnet sei, ge­stritten, und jede Nation wünsche jetzt, eine Nation von Handelsleuten zu sein. Die Engländer, welche einst eine Art Monopol besaßen, hätten jetzt um ihre Existenz zu kämpfen. Das zwanzigste Jahrhundert,'werde eine Periode scharfen, ja fast erbitterten Wettbewerbes unter den Nationen sein und zwar wahrscheinlich noch mehr auf dem Gebiete der Werke des Friedens als des Krieges. Die Nation müsse daher noch kaufmännischer werden, ganz gleich, ob es sich um Krieger, Kaufleute oder Staats­männer handle.

Transvaal. Ueber den von den Engländern in Transvaal verübten Vandalismus wird derVoff. Ztg." aus Amsterdam gemeldet, daß nicht nur die Bauernhöfe derRebellen" und der im Felde stehenden, sondern auch diejenigen der auf Ceylon und St. Helena gefangen ge­haltenen Buren mit ihrem Inhalt verbrannt wurden. Man müsse in die Zeiten des dreißigjährigen Krieges zurückgehen, um das Seitenstück zu einer solch scheuß­lichen und entehrenden Kriegsführung zu finden.

Peking. Dem Bureau Reuter wird aus Peking telegraphirt, daß die Stadt fast ganz wieder ihr altes Aussehen angenommen habe, nur die große Anzahl fremder Soldaten, denen man begegnet, zeige an, daß sich etwas verändert habe. Außerdem sei in der Nähe der Ge­sandtschaften ein Theil der Stadt. der ungefähr eine englische Ouadratmeile bedeckte, vollständig zerstört. Die Chinesen seien jetzt zu der Ueberzeugung gekommen, daß sie von den Verbündeten nichts zu befürchten haben, und nehmen deshalb ihre Geschäfte wieder auf. Das japa­nische Viertel sei ganz besonders dicht bevölkert. Die­jenigen die nicht in der Lage sind, Läden zu miethen, bauten sich Buden an der Straße und betrieben dort ihre Geschäfte. Nach dem japanischen Viertel soll das britische Viertel das best bevölkerte sein. Der Korrespondent meint, die Engländer scheinen sich in geschäftlicher Hinsicht am besten mit den Chinesen zu verstehen. Das deutsche Viertel sei am leersten. Als die Deutschen das russische Viertel übernommen hatten, seien die Chinesen alle fortgezogen, offen­bar, weil sie geglaubt hätten, daß die Deutschen den Tod deS Barons von Ketteler rächen wollten, der in diesem Theile der Stadt ermordet wurde. Jetzt sähen die Chinesen ein, daß die Deutschen sie auch nicht schlechter behandeln als die anderen, und sie begännen oeshalb zurückzukehren. Fast jedes Haus der Stadt trage die Fahne einer der verbündeten Nationen. Es werde alles gethan, um die Chinesen z» veranlassen, zurückzukommen, und es mache keine Schwierigkeiten, Lebensmittel für den Winter zu erhalten, obgleich die Preise ziemlich hoch