Wertes Matt ju Ar. 89.
Nach einem halben Jahrhundert.
Eine Erinnerung zur 50. Wiederkehr des Jahrestages der „Schlacht bei Bronzell" am 8. November 1850.
Die großen Ereignisse in Deutschland haben die „Kleinigkeiten" vor der Epoche der Reichsgründung verschüttet, wenngleich diese und jene „Affaire nichts anderes gewesen ist, als die Ursache zum „großen Ereigniß", ein Vorläufer zur Wiedergeburt der deutschen Einheit, Macht und Stärke. Nur zu gewissen sogen. „Jubiläums- Zeiten" versetzt man sich gern zurück in die Vergangenheit und zieht aus deren Dunkel einen Streifen an's Helle Tageslicht.
50 Jahre sind in's Meer der Zeit geflossen seit dem Feldzug der Preußen nach Kurhessen, seit dem Vorspiel zur Schlacht von Königgrätz. Da handelte es sich genau so, wie 15 Jahren zuvor in Kurhessen, um die Frage. ob Preußen oder Oesterreich das Prinzipal und die Führung im deutschen Vaterlande haben sollte.
Weil nun die großdeutsche Idee die Axe war, um die sich die Politik drehte, so dürfte es allgemein inte- ressircn. nach fünf Dezennien das Bild jener kriegerischen Bewegung in Süd und Nord wieder aufgerollt zu sehen, welche mit dem kurhessischen Verfassungskonflikt begann und durch diplomatischen Einfluß von Olmütz her mit der „Schlacht bei Bronzell" endete.
Zu jener Zeit geschah es, daß die Liberalen der kur- hessischen Ständeversammlung, ergrimmt darüber, wie sie von Haffenpflug vom Staatsruder verdrängt wurden, mit Hilfe eines Theiles der demokratischen Mitglieder der Ständeversammlung die Steuerverweigerung beschlossen. Was das bedeutete, begreift man nur, wenn man weiß, daß in Hessen kein Pfennig direkter oder indirekter Steuer ohne ausdrückliche landständische Genehmigung erhoben oder gezahlt, ja, daß ohne diese Bewilligung nicht einmal eine Stempelmarke verwendet werden durfte. Auf dieses Machtmirtel der Stände reagirte der kurhessische Ministerpräsident Haffenpflug, ehemals preußischer Gerichtspräsident und ein im Lande allgemein verhaßter Mann der reaktionärsten Gesinnung, mit dem Erlaß verfassungs widriger Ordonnanzen, mit seinen sogen. Septemberver- ordnnngen. (Er verweigerte die Budget-Vorlage, verlangte aber dennoch außerordentliche Kredite.) Das Land antwortete mit seinem weltberühmten passiven Widerstand, indem es die Ordonnanzen kaltblütig ignorirte, aber dabei im tiefsten Frieden verharrte. Haffenpflug unterlag vollständig, betam in dieser Noth aber Hilfe durch den reaktivirten Bundestag, der eine bayerische Armee mit einem Bataillon österreichischer Jäger an der Spitze als Bundesexekution ins Land schickte, um, obwohl die Ordnung im Lande nirgends gewaltsam gestört worden war, „die in Hessen mißachtete monarchische Autorität wieder herzustellen." Preußen, das den Bundestag nicht anerkannte — er tagte unter Oesterreichs Vorsitz in Frankfurt am Main, —, wollte die Bundesexekution nicht dulden und schickte gleichfalls eine Armee ins Land, um die Exekutionstruppcu zurückzuschlagen.
Daraus wurde es nun allerdings nichts. Verfolgen wir nun die Entwicklung der Dinge.
Vom Bundestag erhielt Bayern die Auflage, an der südlichen hessischen Grenze ein Exekutionskorps zu bilden. Dasselbe wurde unter das Kommando des Generals Fürsten von Thurn und Taxis gestellt und bestand aus zwei Divisionen, die bei Aschaffenburg und Bamberg in Kantonnements gelegt wurden; das 1. bayerische Jägerbataillon wurde von Kirchheimbolanden (Rheinpfalz) nach Frankfurt verlegt und das dort belegene österreichische Bataillon Kaiserjäger der ersten Division des bayerischen Armeekorps zugetheilt. Dem Höchstkommandirenden wurde von Seiten des deutschen Bundestages der österreichische Geh. Rath Graf von Rechberg als Civilkommissar beigegeben. Nun konnt's losgehen I
Die kurhessische Armee, deren Offiziere fast alle den Abschied genommen hatten, wurde durch Bundestagsbeschluß vom 21. Oktober aufgelöst uud beurlaubt. Der Kurfürst hatte sich, als die Streitigkeiten ausbrachen, von Cassel nach Frankfurt, von da nach Hanau begeben und seinen Aufenthalt in Wilhehnsbad genommen.
Die preußische Regierung hatte selbstverständlich dem in Aussicht gestellten Einrücken eines thatsächlich unter Oesterreichs Führung stehenden Truppenkorps in Hessen nicht gleichgiltig zusehen können, zumal es geschienen hat, als ob die ganze Aktion weniger darauf abzielte, den hessischen Verfassungsstreit zu schlichten und die landesherrliche Autorität wieder herzustellen, als vielmehr Preußen zu demüthigen. Deßhalb faßte das Staatsministerium am 26. September den energischen Beschluß: „ein Einschreiten der Frankfurter Versammlung wird ein sofortiges Einrücken preußischer Truppen in Kurhessen zur Folge haben." Darauf begannen auch die preußischen Truppenbewegungen; drei immobile Divisionen in einer Gesammtstärke von ca. 14000 Mann mit 20 Schwadronen und 44 Geschützen wurden an die kurhessische Grenze herangeschoben uud standen jeden Augenblick zum Überschreiten derselben bereit. Versammelt waren: 1. Die Division des Generalleutnants Fürsten Radzivill bei Erfurt, 2. die Division des Generalleutnants von Bonin im Kreise Wctzlar, 3. die Division des Generalleutnants von Tietzen bei Paderborn. Den Oberbefehl erhielt der kommandirende General des 7. (westfälischen) Armeekorps Graf v d. Groeben. So stand die Sache am Morgen des 11. Oktober.
Von da bis Ende Oktober ging es leidlich her; aber mit dem 1. November sollte es anders kommen. Der kommandirende General hatte an diesem Tage Nachmittags die Drahtmeldung in sein von Vacha nach Eisenach verlegtes Hauptquartier erhalten, daß zwischen 1 und 2 Uhr ein bayerisches Korps von 8000 Mann nebst 1000 österreichischen Jägern und 20 Geschützen iu Hanau eingerückt und 5000 Mann stark nach Geln- hausen weitermarschirt sei. Graf von der Groeben hatte wiederholt die Instruktion vom Berliner Kabinet empfangen „beim Einmärsche der Bayern in Kurhessen sofort die Grenze zu überschreiten und denselben in der Besetzung