Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 84. Samstag, den 20. Oktober 1900. 51. Jahrgang.
iMMIltfrirt<Hti auf ^e „Schlüchterner Zeitung" werden noch fortwährend von allen L —....................; Postanstalten und Landbriesträgern, sowie von der Expedition entgegen genommen.
' Deutsches Reich.
i Berlin, 18. Oktober. Eine Sonderausgabe des („Reichsanzeigers" veröffentlicht folgende Bekanntmachung: vier Kaiser und König haben Allergnädigst geruht, dem Reichskanzler, Präsidenten des Staatsministeriums, z Minister der Auswärtigen Angelegenheiten, Fürsten Hohenlohe-Schillingsfürst, Prinzen von Ratibor-Corvey, 5 bie nachgesuchte Entlassung von seinen Aemtern unter ' Verleihung des hohen Ordens des Schwarzen Adlers mit Brillanten zu erteilen, und den Staatsminister, Staats- i sekretär des Auswärtigen Amtes Grafen Bülow, zum Reichskanzler, Präsidenten des Staatsministeriums und - Minister der Auswärtigen Angelegenheiten zu ernennen.
— Der Reichstag wird amtlicher Meldung zufolge am Mittwoch den 14. November zusammentreten. Er wird mit einer besonderen Botschaft des Kaisers über I die Chinawirren eröffnet werden.
-- Dem Bundesrath ist eine Vorlage zugegangen, I baß vom 1. Januar ab die in Oesterreich bis zum I Schlüsse des Jahres 1867 geprägten Vereinsthaler und I Vereins-Doppeltbaler nicht mehr als gesetzliches Zahlungs- I Mittel gelten. Es ist von diesem Zeitpunke ab außer ' den mit der Einlösung beauftragten Kassen Niemand | verpflichtet, diese Münze in Zahlung zu nehmen.
— Keine Krönungsfeier in Königsberg. Die ver- f schiedentlichen Mittheilungen, nach denen der Kaiser zum i 200jährigen Jubiläum der Erhebung Preußens zum i Königreich am 18. Januar 1901 nach Königsberg fahren und dort das Krönuugs- und Ordens est, sowie da^ s Fest vom Schwarzen Adler abgehalten, werde, sind, wie s ein Berliner Hofberichterstatter schreibt, dahin zu berichten, daß nach Information an unterrichteter Stelle eine Feier des Krönungsjubiläums in Königsberg nicht in Aussicht genommen ist und alle diesbezüglichen Meldungen lediglich Vermuthungen sind.
— Kohlenausfuhrverbot in Sicht! Dem Drängen aus kleingewerblichen und Mittelstandskreisen nachgebend, soll sich, wie die „T. Ndsch." erfährt, die Regierung : entschlossen haben, bei weiterer Steigerung der Kohlen- Preise ein Kohlenausfuhrverbot bis auf weiteres zu erblassen.
— Im Verkehr zwischen Deutschland und Deutschguinea sowie der Verkehr zwischen Deutschland und den Karolinen, Marionen und den Palauinseln sowie den Akarschallinseln findet fortan neben dem Austausch von Postpacketen bis 5 Kilogramm auch ein Austausch von Postfrachtstücken ohne Werthangabe im Gewicht von mehr als 5—10 Kilogramm ausschließlich auf dem Wege über Bremen und Hamburg mit deutschen Schiffen durch Vermittelung der Postanstalten statt. Gleichzeitig sind die Taxen für die mit deutschen Schiffen direkt beförderten Postfrachtstücke von mehr als 5—10 Kilogramm nach und aus den übrigen deutschen Schutzgebieten sowie nach und von den deutschen Postanstalten in China und Marokko ermäßigt worden. Die Gebühren für Postfrachtslücke im Gewicht von 5—10 Kilogramm nach Deutsch ostafrika sind von 4 Mark 40 Pig. auf 3 Mk. 60 Ps herabgesetzt, diejenigen für gleich schwere Sendungen nach Deutsch-Südwestafrika, Kiantschau sowie den deutschen Postanstalten in China und Marokko, für welche je fünf Portosätze bis zu 11 Mark bestanden, 3 Mk. 60 Pfg. beziehungsweise 2 Mk. für Packete nach Marokko er mäßigt worden.
— Die Lage des Arbeitsmarktes. Auf den Werken von Krupp in Essen ist der Lohn allgemein um 5 pCt, herabgesetzt und gleichzeitig die Ueberschichtarbeit abgeschafft worden. Andere hervorragende Werke, wie der Hörder Bergwerksveiein, die Dortmunder Union, das Blechwalzwerk Schulz-Knaudt sind dem Beispiel Krupp's gefolgt. In der Stadt Krefeld beträgt die Zahl der Arbeitslosen schon gegen 1300, eine weitere Steigerung Mird mit Sicherheit erwartet. In Greiz, Reichenbach, llietzschkau wie allgemein in diesem großen sächsisch thü- tingischen Jndustriebezirk steht über die Hälfte bei Web- stühle still — Im September zeigen die Arbeitsnach- Weise nach den Berichten des „Arbeitsmarkt" überwiegend tine weitere Zunahme des Andrangs. Es kommen auf 160,6 Arbeitsuchen e gegen 97,8 im Vorjahre; daß die Zunahme nicht noch stärker war, dürfte seinen Grund in
Ausland
Haag, 16. Oktober. Das „Amtsblatt" veröffentlicht eine Proklamation der Königin Wilhelmina, in welcher sie ihre Verlobung mit dem Herzog Heinrich von Mecklenburg-Schwerin anzeigt. Der im Jahre 1876 geborene Herzog, der beim preußischen Gardejägerbataillon in Potsdam als Oberleutnant steht, ist schon im Schloß Let Loo beim Haag eingetroffen. Er wurde von dem holländischen Premierminister und den Hofwürdenträgern begrüßt.
Calais, 17. Okt. Der Dampfer „Delphin", welcher den Waarenverkehr zwischen London und Calais besorgt, lief in den hiesigen Hafen mit einer gelben Flagge ein, wodurch er anzeigte, daß das Schiff verseucht sei. Es wurde ein Pestsall konstatirt und eine Desinfektion des Schiffes vorgenommen.
London, 16. Oktober Im Osten Londons erkrankte ein Mann an der Beulenpest. Er hatte mit aus Glasgow kommenden Packkörben zu thun gehabt und auf Stroh, das aus ihnen^entnommen war, geschlafen.
Spanieu. Aus Madrid liegt die merkwürdige Nachricht vor, daß englische Agenten Spanien nach allen Richtungen hin durchziehen und Namens einer angeblich Spanisch-amerikanischen Eisenbahnkompagnie allen Arbeitsfähigen freie Ueberfahrt und hohe Löhne anbieten. Die Auswanderer sollen angeblich nach Kuba geworben werden, allein es heißt, wie die „Vofs. Ztg." berichtet, daß sie auf hoher See umgeschifft und zur Kolonisiruug von Oranje und Transvaal nach Südafrika gebracht werden.
Lorevzo Marquez, 17. Okt. Ein neues englisches Räuberstückchen. Präsident Kr. ger richtete an die portugiesische Regierung eine Beschwerde, weil die portugiesche Behörde im Auftrag des englischen Consuls sein Gepäck beschlagnahmt und eine größere Geldsumme confiszirt habe, so daß seine Abreise verhindert wurde.
China. Der Hof soll nun doch in Singanfu an gekommen sein. Der Aangtsefluß wimmelt von Dschunken, beladen mit Truppen, Lebensrnitteln und Munition, die von Hankau flußaufwärts nach Hautschung fahren, von wo zwei Kanäle nach dem Hoompo, und zwar in die Nähe von Singanfu, führen. Dieser Wasserweg würde für Waldersces etwaige Operationen gegen Singanfu von größter strategischer Bedeutung sein. — Aus Shanghai wird gemeldet, hohe Beamte und Leiter bedeutender chinesischer Handelsfirmen erhielten Mittheilungen von einem Telegramm des Prinzen Tuan, in welchem dieser erklärt, der Hof sei in Sicherheit. Weiter erklärt Tuan, daß die Arsenale Tag uud Nacht arbeiten müßten, um Munition und Waffen anzufertigen und daß alle Chinesen muhelfen müßten, um die fremden Teufel aus China zu vertreiben. — Bedenklich sind die wachsenden Unruhen in Südchina, die 'auch in Berliner amtlichen Kreisen die Beachtung finden, die sie verdienen. Man ist sich in diesen, wie die „Voss. Ztg." mittheilt, völlig klar, daß eine Ausdehnung der Unruhen eine neue bedenkliche Verwicklung bedeuten würde, doch hält man es nicht für ausgeschlossen, daß dadurch die chinesischen Machthaber den Wünschen der Mächte gefügiger gemacht werden. Die Rebellion im Süden wendet sich augenscheinlich gegen die Dynastie des Landes. Die kaiserlichen Truppen sind außer stande, die Rebellen im Zaume zu halten. Da werden schließlich auch noch die Mächte eingrei^en müssen.
Lokales und Provinzielles.
* Schlächter», 19. Oktober.
— Für nächsten Sonnabend, den 27. Oktober, ist eine Sitzung des Kreistages anberaumt.
— Brandneuer für 1901. Nach Beschluß des Landes Ausschusses vom 18. September d. J. ist die Brandsteuer für das Jahr 1901 auf 18 Pfennig für je 100 Mk. des Umlagekapitals festgesetzt worden.
* — Die letzte Gelegenheit, Wechnnchtsgeschenke mit der Feldpost zu schicken, bietet der am 30. Oktober vom Bremerhafen abgehende RcichSposidampfcr des Norddeutschen Lloyd, der am 47. Dezember in Shanghai eintrifft. Sendungen müssen baldigst zur Post gegeben werden, damit sie noch rechtzeitig die Sammelstelle für Fcldqostpackete in Bremen erreichen.
* — Warnung vor Auswanderung in die Großstadt. Eine auffallend starke Wanderung stellenloser Mädchen ist jetzt nach dem Quartalsschluß von den verschiedenen Bahnhofsmissionen im Reiche beobachtet worden. Namentlich vom Lande aus erfolgten große AuSzüge der
den über alles Maaß zahlreichen Umzügen aus Anlaß der Miethsteigerung in den Großstädten haben, ohne Berlin und München würde der Prozentsatz der Arbeitsuchenden 108,2 betragen (gegen 97,7 im Vorjahr). Auch im Ausland vollzieht sich eine Verschlechterung des Arbeitsmarktes. In der amtlichen Statistik der französischen Syndikate wurde die Arbeitsgelegenheit am 15. August bereits für 36 pCt. der Mitglieder als knapp bezeichnet und in den englischen Gewerkschaften waren Ende August 3 Prozent der Arbeiter ganz ohne Beschäftigung.
— Zur Lage des Zeitungsgewerbes. Die von den sächsischen und thüringischen Zeitungsverlegern beschlossene Erhöhung der Abonnements- und Inseratenpreise ist in erster Linie eine Folge der bedeutenden Erhöhung der Papierpreise, diese ist wiederum zurückzuführen, einmal auf den erhöhten Papierbedarf besonders im Auslande, dann aber auch auf die Vertheuerung aber zur Papier- erzeugung nothwendigen Rohmaterialien. So stiegen u. a Kohlen um 25-30 Prozent, Holz um 30 Prozent, (Holzstoff und Cellulose um 20 Prozent, Chemikalien um 15 Prozent, Löhne um 10—15 Prozent rc., die Mehrforderungen der Papierfabrikanten, wie eine Umfrage ergeben hat, waren anfänglich 20— 25 Prozent und sind neuerdings sogar theilweise auf 40 Prozent und darüber gestiegen. Manchen der kleineren und mittleren einmal täglich in mehreren Bogen erscheinenden Blätter entsteht dadurch ein jährlicher Mehraufwand von Mark 30 000 bis 40 000, der bei großen Zeitungen auf Mk. 120 000 bis 160 000 steigt. Dazu kommt mit dem 1. Januar 1901 noch die Erhöhung des Postzeitungs- tarus, infolge deren namentlich die Blätter größeren Umfangs Mark 1,50 bis Mark 2,00 pro Jahr und Eremplar mehr an Postgebühr zu zahlen haben, als bisher. Dadurch steigt die Mehrausgabe der großen Blätter auf Mark 200,000 bis Mark 240,000, die der mittleren auf Mark 50,000 bis 60,000 im Jahr. Außerdem ist noch in Rechnung zu stellen, die eingetretene Vertheuerung der übrigen Betriebskosten, wie Kohlen, Löhne, Miethen rc., die auch mit mindestens 10 Prozent im Durchschnitt veranschlagt werden muß, sowie die starke Konkurrenz, welche sich in den letzten 10 bis 15 Jahren auf dem Zeitungsgebiete geltend gemacht hat und an sich schon einen theil der Blätter kaum über Wasser halten läßt.
Aus Dresden wird gemeldet: In dem Befinden König Alberts ist im Laufe des gestrigen Tages eine Verschlimmerung eingetreten, so daß der Hof vorläufig in Moritzburg verbleiben muß. Bei einem Ohnmachtsanfall blutete der König aus Nase und Mund und verlangte nach einem Priester.
Vom Bodensee. Graf Zeppelins zweiter Aufstieg. Wie aus Friedrichshafen gemeldet wird, ist der Zeppelin- sche lenkbare Ballon am Mittwoch um 4 Uhr 45 Minuten Nachmittags aufgestiegen. Der König und die Königin von Württemberg wohnten auf einem Dampfboot dem Schauspiel bei. Der Ballon schlug die Richtung nach Jmmenstaad ein. Nachdem das Luftschiff gegen % Stunden lang in einer Höhe von 600 Meter balancirt und in der Nähe von Seemoos verschiedene Drehung n und Wendungen ausgeführt, auch gegen den Wind gesteuert hatte, ist das Fahrzeug nach mehreren anderen gelungenen Manövern kurz vor 6 Uhr einen Kilometer von Manzell entfernt glücklich auf dem See nieder- gegangen.
Ein Kleinbahn-Idyll wird auS Thüringen (Berka Blankcnhainer Eisenbahn) berichtet. Als der aus etwa 14 Wagen bestehende Personenzug, der mit 2 Maschinen bespannt war, die Haltestelle Lengefeld passirt hatte, und eine ziemlich bedeutende Seigung überwinden wollte, versagte die Kraft der Maschinen. Die Passagiere, unter denen sich 300 von einem Ausflug zurückkehrende Turner aus Weimar befanden, stiegen aus und versuchten unter allgemeinen Halloh und Gelächter, den Zug zu schieben. Sie sahen jedoch bald die Erfolglosigkeit ihres Bemühens ein. Dem Zugpersonal blieb nun nichts anders übüig, als den Zug zu theilen und jede Hälfte einzeln an den Bestimmungsort zu bringen. Die Passagiere der zweiten Zughälfte machten es sich bis zur Rückkehr der Lokomotive an der Bahnböschung bequem. Bald war ein großartiger Skat arrangirt, wozu Rad- fahr-Laternen, da inzwischen die Dunkelheit eingetreten war, die nöthige Beleuchtung lieferten. Nach einstünd- igem Harren konnten auch die Nachzügler der Heimath zueilen,