Zmiles ^AlM W "Nr. 82
Die Irre von Sankt Rochus.
Arlmtnalroman von Gustav Hocker.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
„Das waren Sie?" frug Konstanze überrascht. „The- rese Zeidler hat mir davon erzählt."
„Sie ist jetzt Frau Thorbeck, und es geht ihr gut," plauderte Allram, „sie hat einen thätigen Mann, der ein hübsches Geschäft betreibt. Gestern erst war ich wieder einmal bei ihr. Wir sprachen viel über Sie. Frau Thorbeck meint's gut mit Ihnen. Wie lebendig hat sie in der Gerichtsverhandlung Ihren Schmerz am Todten« bette Georgis geschildert! Wollte sie doch auf Ihre Un« -schuld zehn Eide schwören; ich halte sie für eine kreuzbrave Person."
„Ja, das ist sie ganz gewiß," stimmte Konstanze bei.
„Sie erzählte mir gestern auch von einer Frau, der sie kürzlich begegnet sei, einer noch jungen Frau, welche mitunter im Hause des Professors beschäftigt war, wenn's feine Wäsche zu bügeln gab. Hm! fällt mir denn der Name nicht ein?"
„Frau Kraszewski hieß die Feinbüglerin," bemerkte Konstanze.
„Kraszewski! ja, so war's. Wer kann auch diese polnischen Namen alle behalten! — Was halten Sie von dieser Frau?"
„Ich kam selten mit ihr in Berührung," antwortete Konstanze, „aber sie hat stets einen guten Eindruck auf mich gemacht."
„Frau Thorbeck lobte sie ebenfalls," sagte Allram befriedigt. Dann räusperte er sich und es entstand eine kleine Pause.
Doktor Gerth war ein aufmerksamer Zuhörer gewesen. Er wußte, daß der Detektiv stets auf ein bestimmtes Ziel losging, selbst wenn er scheinbar auf Nebendinge abschweifte. Welche neue Person zog er da plötzlich auf den Schauplatz? Und warum hatte er ihm von dieser noch nichts gesagt?
„Sie gingen zuweilen mit dem Herrn Professor in die Kirche, Fräulein Herbronn?" begann Allram wieder.
Konstanze bejahte unbefangen.
„Einmal hat jene Frau Kraszewski zufällig gerade auf einer Bank vor Ihnen gesessen. Ist Ihnen dies erinnerlich?"
In Gerth machte sich eine wachsende innere Unruhe geltend, er wußte nicht weshalb.
„Nein, ich erinnere mich nicht, sie bemerkt zu haben," fagte Konstanze mit der vorigen Unbefangenheit.
„Ganz natürlich; in ihrem Sontagsstaate sind solche Leute oft gar nicht wieder zu erkennen, am allerwenigsten von der Rückseite- Sie haben sich damals, als jene Frau vor Ihnen saß, mit dem Herrn Professor unterhalten — und es war vor Beginn des Gottesdienstes — und obwohl das Gespräch leise geführt wurde, so will sie doch deutlich gehört haben, daß Sie und der Herr Professor dabei einander mit Du angeredet haben."
Wie ein Schlag traf dieses Wort das junge Mädchen. Ihr eben noch so bleiches Gesicht schien plötzlich in
Purpur getaucht, während sie einen hastigen Blick auf den bestürzten jungen Arzt warf.
„Vielleicht hat die Frau falsch gehört," lenkte Allram ein.
Konstanze preßte krampfhaft die Hände aufs Herz und athmete tief und schmerzlich.
„Nein," kam es wie ein Geständnis, das sie sich selbst erst abgerungen, über ihre Lippen, „nein, die Frau hat nicht falsch gehört. — Oh Gott!"
Mit diesem Rufe brach sie ohnmächtig zujammen.
* *
*
„Sie waren nicht aufrichtig gegen mich, Herr Allram." sagte Doktor Gerth, als er den Detektiv nach der Pforte begleitete. „Hätten Sie mich vorher unterrichtet, so würde ich Sie gebeten haben, dieses peinliche Verhör mir zu überlassen."
„Ich wollte Ihren Zartsinn nicht auf eine so harte Probe stellen," entgegnete der Detektiv. „Hier ist eine Wunde; Sie hätten durch allerlei rücksichtsvolle Wendungen in derselben gewühlt und vielleicht zagend die Hand wieder davon zurückgezogen. Ich hoffte durch eine raschere Operation sicherer zum Ziele zu kommen; und dieses war: mir Gewißheit zu verschaffen, ob zwischen Fräulein Herbronn und Frau Bruscher eine Art Eiser- suchtsverhältnis bestanden habe. Wir sind jetzt wieder bei der Frage angelangt, vor welcher wir bereits standen, als Sie mir Ihren Besuch machten. Daß diese Frage nun in bejahendem Sinne gelöst ist und daß wir damit einen wichtigen Schlüssel in der Hand halten, kann kaum zweifelhaft sein. Ich bedaure, Fräulein Herbronn weh gethan zu haben, und lasse um ihre Verzeihung bitten. Ehe ich nun weitere Schritte unternehme, erwarte ich Nachricht von Ihnen. Nichts für ungut, Herr Doktor!"
Er schüttelte dem Irrenarzte herzlich die Hand und schritt dem nahen Bahnhöfe zu. Gerth kehrte in Konstanzens Zelle zurück.
Er hatte die Ohnmächtige mittelst Riechsalz wieder zu sich gebracht und sie dann dem Beistande einer herbeigerufenen Wärterin üb ergeben, um den Detektiv hinaus- zubegleiten.
Da Konstanze versicherte, sie fühle sich jetzt wieder ganz wohl, es sei nur eine vorübergehende Schwäche gewesen, so wurde die Wärterin wieder entlassen.
Gerth war sehr niedergedrückt. „Genügt Ihnen mein Wort," sagte er, „wenn ich versichere, daß Herr Allram im Gespräch mit Ihnen Punkte berührt hat, von denen ich nicht die geringste Kenntnis besaß?
„Auch wenn ich es nicht in Ihren Mienen gelesen hätte, Herr Doktor, daß Ihnen das, was Sie hörten, neu war und Sie ganz unvorbereitet fand, würde mir Ihr Wort mehr als genug sein."
„Ich danke Ihnen für Ihre gute Meinung, Fräulein Herbronn," antwortete der Arzt mit einer Neigung des Hauptes und wollte gehen.
„Aber ich habe die Ihrige eingebüßt," entgegnete Konstanze, den Blick zu Boden geheftet. „Bitte! verlassen Sie mich noch nicht." (Fortsetzung folgt.)