Werner >ihm
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Mittwoch, den 3. Oktober 1900
51. Jahrgang.
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Deutsches Reich.
Berlin. Zum Besuche des Kaiserpaares beim Geheim- I rath Krupp auf Villa Hügel bei Essen wird gemeldet, daß I dieser Besuch einen rein privaten Charakter, ohne alle I offiziellen Empfänge, tragen wird. Der Kaiser und die I Kaiserin beabsichtigen nach dem Besuche des Wupperthales I und des Kreises Mettmann am 13. Okt. d. I. von | Elberfeld aus direkt nach Essen weiterzufahren. Bei I Krupp wird das Kaiserpaar übernachten und am folgenden l Tage, 14. Oktober, die Krupp'sche Fabrik, sowie die I Arbeiterkolonie besichtigen.
— König Viktor Emanucl von Italien hegt I die Absicht, mit seiner Gemahlin im nächsten Frühjahr | dem Kaiserpaar in Berlin einen Antrittsbesuch zu machen. I In Aussicht genommen ist dazu, wie einem Berliner I Blatte aus Rom gemeldet wird, die zweite Hälfte des Mai. — Die „Deutsche Kol.Ztg." bringt mehrere interessante I Mittheilungen über Deutsch-Südwestafrika. Wie ihr aus | Grootfontein geschrieben wird, hat sich im Distrikt Groot- I sontein-Otavi (Nordbezirk von Deutsch-Südwestafrika) auf | Veranlassung der Herren Oberarzt Dr. Kühn, Leutnant | Eggcrs und Kaufmann Günther Fischer eine neue Ab- I theilung der Deutschen Kolonialgesellschaft gebildet. Der- I selben gehören u. A. sieben Farmer aus Transvaal und I ein Farmer aus Kapland an; alle dort ansässigen Buren I haben sich sofort auf eine Ausforderng hin mit lebhaftem I Interesse der neuen Abtheilung angeschlossen. Wie es I weiter in dem Schreiben heißt, hoffen die Betheiligten l bei einer eventuellen Bureneinwanderung der deutschen j Sache durch das erfolgte Zusammenschließen der deutschen I und der niederdeutschen Elemente nützen zu können. Sämmt- I liche Mitglieder der Ortsgruppe würden eine Burenein- I Wanderung mit Freude begrüßen; die der Ortsgruppe bereits angehörenden Buren würden ihren Einfluß auf I die Ankommenden geilend machen, um eine deirtsch^-Ge- I sinnung bei ihnen zu erwecken. Erwünscht wäre die Ein- I Wanderung eines Theiles des zertretenen Burenvolkes jedenfalls, denn Südwestafrika gehört, worauf Professor Rehbock aufmerksam macht, zu den schwächstbevölkertsten I Ländern der Erde. Abgesehen von den Polargegenden I steht es nur hinter Westauflralicn zurück, sogar die Sahara , I und Sibirien weisen eine doppelt so große Bevölkerungs- ; I dichte auf. Auf eine Landfläche von 835,000 Quadratkilo- ' I Meter kommen zur Zeit 422 erwachsene männliche Farmer.
11 Wenn man nur die Hälfte des Landes als landwirth- schaftlich nutzbares Gebiet in Anrechnung bringt, entfällt i ein Farmer auf rund 100,000 Hektar Farmland. Für I die geringe Besiedelung Deutsch-Südwestafrikas führt I Professor Rehbock folgende Ursachen an: 1. den Rückgang I der deutschen Auswanderung überhaupt, die aber auch in i den Jahren unerhörter Blüthe der europäischen Industrie I immer noch über 20,000 Seelen im Jahre beträgt; 2. 5 den Mangel an Rath, Führung und geldlicher Unter- [ stützung für die Auswanderer, die hauptsächlich den i wenig bemittelten und wirthschastlich schwachen Bcvölke- ! rungsklaffen angehören; 3. das Unterlassen planmäßiger } Versuche zur Besiedelung. Alles, was für die letztere ! verzeichnet werden kann, ist die Entsendung und Ansiedelung ! einiger deutschen Familien zur Zeit des Witboikrieges durch die Siedelungsgesellschaft in Klein Windhock, die ! Unterstützung entlassener Reiter der Schutztruppe, die sich ' meist in den größeren Plätzen des Schutzgebietes als i Handwerker niedergelassen haben, durch die Regierung und die Entsendung von Dienstmädchen zum Zwecke der Verheirathung im Schutzgebiete durch die deutsche Kolonial- | gesellschaft. Die letzteren haben sich nebenbei bemerkt, mit wenigen Ausnahmen drüben bereits verheirathet oder verlobt. Für eine planmäßige Besiedelung der ausgedehnten Weideflächen des Schutzgebietes mit deutschen Bauernfamilien ist dagegen nichts geschehen. Keine Be- I Hürde und — mit Ausnahme der mit sehr bescheidenen Mitteln arbeitenden Siedelungsgesellschaft für Südwestafrika — keine Gesellschaft widmet sich dieser für die Nutzbarmachung des Schutzgebietes wichtigsten Aufgabe.
— Das Wörtchen „von". Auf dem deutschen Juristentage machte der bekannte Heraldiker Fürstlich I Schaumburg Lippescher Kammerherr Dr. Kekule von Stradonitz gelegentlich eines Vortrages des Geh. Justiz- rathes Dr. Gicrike auf Grund des Bürgerlichen Gesetzbuches über den Uebergang und die Führung adeliger Namen, die interessante Mittheilung, daß es in Nord- deutschland allein über 100000 Personen gäbe, die das I Wörtchen „von" vor ihren Namen führen ohne adelig I ju fein; das Wörtchen „von" ist bei diesen Personen also
nur ein Theil des Namens, aber nicht ein Adelsprädikat. In der preußischen Rangliste wird streng zwischen beiden Arten des Wörtchens „von" unterschieden. Bei Offizieren von Adel wird das Wort „v." gedruckt, während es bei nichtadeligen Namen ausgedruckt wird. In den Namens- verzeichniffeu der Ranglisten finden wir eine große Menge Namen mit ausgeschriebenem „von", so z. B. von Aspern, von Beckerath, von Bergen, von Born, von Broich, von Doemming, von Düffel, von Howen, von Königslöw, Riedel von Konsheim, von Lind, von der Meden, von Meer, von Oven, von Polheim, vom Rath, von Reck- linghausen, von Rohden, von Schaeven, von Schewen, von Seelen, von Soden, von Sothen, von Spankeren, von Velsen, von Wild u. a. Auf diese Weise erklärt es sich, daß vor einigen Jahren der bekannte nationalliberale Abgeordnete von Eynern noch in den Adelstand erhoben wurde, welche Mitteilung des „Reicksanzeigers" welche s. Z. viel Verwunderung erregte; aus dem Herrn „von Eynern" wurde damals eben der Herr „v." Eynern. Als Inkonsequenz erscheint es allerdings, daß bei den Regiments- namen in der Rangliste das Wort „von" als Adels Prädikat stets ausgedruckt ist, z. B. „Dragonerregiment von Wedel (Pommersches) Nr. 11." Auch beim Grafentitel wird in der Rangliste ein sehr feiner Unterschied gemacht. Bei den Grafen aus vormals reichsständischen, ebenbürtigen Häusern wird der Rufname vor das aus gedruckte Wort „Graf" gesetzt, während man bei den übrigen gräflichen Familien das Wort „Graf" in „Gr." abkürzt und den Rufnamen überhaupt ausläßt. Es heißt also: „Oberst Clemens Graf von Schönburg- Glauchau-Laubach" aber „Oberst Gr. v. Bismark-Schön- hausen". Bei den Fürstlichkeiten und dem hohen Adel wird von als Adelsprädikat stets ausgedruckt.
—..Die Stellung der Gerichtsvollzieher wird vom 1. Oktober ab insofern eine andere:sls sie in ihrenBe- zügen fixirt und ihnen bestimmte Wirkungsgebiete zugewiesen werden. Die Gerichtsvollzieher beziehen in Zukunft 2700 Mk. Maximalgehalt, soweit jedoch ihre seitherigen Bezüge sich auf 4500 und mehr beliefen, erhalten sie auf die Dauer von 5 Jahren noch 4500 Mk. Fixum.
* — In fast allen preußischen Provinzen macht sich ein ständig wachsender Mangel an Volksschullehrern geltend, namentlich in den östlichen Provinzen, und es ist in letzter Zeit mehrfach vorgekommen, daß sich auf Lehrerstellen, die öffentlich ausgeschrieben wurden, kein einziger Bewerber gemeldet hat. In einzelnen Orten müssen mehr als 120 Schüler von einem Lehrer unterrichtet werden, und es hat sich bereits häufig die Unmöglichkeit herausgestellt, für die zum Militärdienst erngezogenen Lehrer eine Vertretung zu beschaffen.
— Der neue Plan der 204. Preußischen Klassen- lotterie (Januar-Juni 1901) enthält infolge der Erhöhung der Reichsstempelabgabe auf Lotterieloose wesentliche Aenderungen. Der Preis eines ganzen Looses beträgt künftig für jede Klaffe 48 M. anstatt 44, dagegen wird der niedrigste Gewinn in der zweiten Klasse von 110 auf 120 M., in der dritten Klasse von 160 auf 176 M. und in der vierten Klasse von 220 auf 236 M. erhöht. Zu Gunsten der Spieler kommt ferner bei der dritten Klasse die für die Freiklasse zu zahlende Schreibgebühr und damit auch die zu entrichtende Reichsstempelabgabe in Fortfall, sodaß künftig ein wirkliches Freiloos für die betr. Klasse gewährt wird. Die von den Gewinnen bisher in Abzug gebrachten 15,8 Prozent werden auf 15,5 Prozent herabgesetzt. Die Zahl der Loose wird von 225 630 um 620 (Freiloo'e) vermindert, sodaß die Zahl der Gewinne von 112 810 in vier Klassen auf 112,190 herabgesetzt wird.
Bremen, 20. Sept. Der Passagierverkehr über Bremen hat in den letzten Wochen nie dagewesene Dimen- sionen angenommen. Die bedeutendsten Ziffern zeigt die laufende Woche, in welcher ausschließlich des am Sonnabend abgegangenen Dampfers „Großer Kurfürst" allein nach Nem-Dork nicht weniger als 2323 Cajüts- und 3285 Zwischendccks-Passagiere, im Ganzen 5563 Passagiere vom Norddeutschen Lloyd befördert wurden. Diese enorme Passagierzahl vertheilt sich auf die einzelnen Dampfer wie folgt: „Adler" 322 Cajüts- und 276 Zwischendeckspassagiere, zusammen 598; „Friedrich der Große" 546 bezw. 1043, zusammen 1589; „Kaiser Wilhelm der Große" 805 bezw. 641, zusammen 1446; „Großer Kurfürst" 655 bezw. 1275, zusammen 1930, Sämmtliche vier Dampfer sind bis auf den letzten verfügbaren Platz in allen drei Classen besetzt.
Gelegentlich einer jüngst in Köln erfolgten Festnahme von Falschmünzern wird bekannt, daß die Untersuchung ausgiebiges Beweismaterial dafür zu Tage gefördert hat, daß die Falschmünzerei im großen Maßstabe betrieben wurde. Es wurde noch für etwa 90 Mark falsches Geld gefunden; es handelt sich um falsche Zweimarkstücke mit dem Münzzeichen „A. 1893" und falsche Einmarkstücke mit dem Münzzeichen „A. 1883".
Darmstadt, 28. Sept. Der Einspruch, den der Fürst Menburg in Wächtersbach wie von uns früher mitgetheilt, gegen die Zwangsversteigerung der in der Provinz Starkenburg gelegenen Güter des fürstlich Isenburgischen Fideikommisses erhoben hat, ist in der Berufsinstanz vom hiesigen Langerichte als unbegründet abgewiesen worden. Jetzt hat nun der Graf eine Klage auf Ungiltigkeit der Hypothek angestrengt. Termin steht zum 16. Oktober an. Die auf den 1. Oktober angesetzte Zwangsversteigerung erleidet dadurch keinen Aufschub.
Gießen, 28. Sept. Einen titelsüchtigen Hausknecht scheint eine hiesige Buchhandlung zu haben. Die hochfeinen Visitenkarten des jungen Mannes tragen den vielversprechenden Titel: „Großh. Universitäts-Buchhandlungs- Diener". — Gar nicht so übel!
Die am Pfingstsonntag, 3. Juni, in Ludwigshafen a. Rh. stattgehabte furchtbare Brandkatastrophe, bei welcher vier Personen getödtet und vier lebensgefährlich verletzt wurden, fand am Freitag ein gerichtliches Nachspiel, indem sich vor der Strafkammer des Landgerichts in Frankenthal der 30 Jahre alte Baumaterialienhändler und Mechaniker Johann Bergenmüller von Ludwigshafen a. Rhein wegen fahrlässiger Brandstiftung im Zusammenhänge mit fahrlässiger Tödtung zu verantworten hatte. Die Verhandlung ergiebt, daß der Angeklagte am Morg-m des 3. Juni im jvtütt des von ihm bewohnten, nTBer Heiningstraße in LudwiWffcn—gelegenen Puusrr^ unter Mithülfe seines Dienstmädchens aus einem 49 Kilo Benzin enthaltenden großen Ballon ohne Anwendung jedweder Vorsichtsmaßregeln beim Scheine eines offenen Stearinlichtes in eine kleine Kanne zum Betriebe eines Motorwagens Benzin abgefüllt und auf diese Weise das entsetzliche Unglück verursacht habe. Die von dem Benzin entwickelten Gase haben sich an dem offenen Lichte entzündet und eine Explosion verursacht, die so gewaltig war, daß das ganze Stiegenhaus des von vielen Leuten bewohnten Hauses in wenigen Augenblicken in Flammen stand, so daß sich die im dritten Stockwerk wohnende Ehefrau des Briefträgers Leiner mit ihren Kindern nicht mehr zu retten vermochte. Der Angeklagte will nicht gewußt haben, daß Benzin so rasch Gase entwickele. Er habe deshalb nicht geglaubt, daß ein offenes Licht, wenn es zweieinhalb Meter von dem Benzin entfernt gehalten werde, eine Explosion herbeiführen könne. Die Verhandlung war mit einer umfänglichen Beweis- aufnahme verbunden. Das Urtheil lautete auf fünf Monate Gefängnis.
Ausland
London, 28. Sept. Reuters Bureau meldet aus Pretoria vom 24. September, daß eine starke berittene Abtheilung unter dem Obersten De Lisle aufgebrochen sei, um De Wet zu verfolgen. Die Abtheilung sei glänzend ausgerüstet. Jedem Mann seien zwei Pferde zugetheilt worden, die Geschütze hätten doppelte Bespannung und als Transportfahrzeuge dienten Kapkarren. — General Settle mit 7000 Mann hat die von den Buren seit dem 17, September umzingelte Garnison von Schweizer Rennccke nach einem Gefechte entsetzt; die Buren haben schwere Verluste erlitten. Der Kommandant der Buren wurde gefangen genommen.
China. Die Ernennung des Prinzen Tuan zum einflußreichsten Beamten des Regierungskörpers kann nunmehr als Thatsache betrachtet werden. Hiermit stimmt es vollkommen überein, wenn aus französischer Quelle gemeldet wird, daß Tungfuhsiang und Liping- heng, die in der Verfolgung und Ermordung der Christen so Hervorragendes leisteten, durch hohe Ehren ausgezeichnet werden. Wir können nicht umhiu, festzustellen, daß dadurch eine Lage geschaffen ist, die auch denjenigen Mächten unduldbar erscheinen muß, die der Ansicht waren, daß man durch Mittel weitgehendster Nachgiebigkeit und Schonung am leichtesten und schnellsten zur Lösung der chinesischen Lage gelangen werde. Gleichzeitig wächst die Schaar der neuen Opfer, Diesmal