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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 72. Samstag, den 8. September 1900. 51. Jahrgang.
Deutsches Reich.
Berlin. Für die Zeit des Aufenthalts des Kaisers in Stettin begeben sich 123 Schutzleute aus Berlin dorthin. Es soll das Kommando, bestehend aus acht Wachtmeistern, 100 umformirten und 15 Kriminal- Schutzleuten, unter Aufsicht einiger Leutnants, während der Kaisertage die Stettiner Polizei im Sicherheitsdienst unterstützen. — Zur Verschärfung des kaiserlichen Sicherheitsdienstes wird aus Berlin geschrieben: Fast jeder der Berliner Polizei als Anarchist bekannte Mensch wird im Stillen überwacht. Außerdem wird die Polizei von „Vigilanten" und „Spitzeln" bedient, deren es infolge des hohen, der politischen Polizei für solche Zwecke zur Verfügung stehenden Dispositionsfonds eine größere Zahl giebt. Natürlich hinterbringen diese der Polizei auch alle sonstigen möglichen Nachrichten. Die Polizei besitzt Photographien der verwegensten Anarchisten, die auch allen Beamten bekannt sind, welche bei Ausfahrten des Kaisers das Publikum zu beobachten haben. Würde bei solcher Gelegenheit ein Anhänger der Propaganda der That entdeckt, so würde er sofort aufs Korn genommen und falls er sich nur im Geringsten verdächtig machte, unauffällig verhaftet.
— Der Prinz und die Prinzessin Heinrich von Preußen sind am Montag in London eingetroffen und Abends nach Balmoral weitergereist. — Der Schleier, der über den seit Jahresfrist betriebenen Aufbesserungs- Arbeiten im Königlichen Schlosse zu Charlottenburg- ruhte, wird jetzt endlich gelüftet durch die Nachricht, daß' Prinz Heinrich, der Bruder des deutschen Kaisers, nebst seiner Familie im ersten Stockwerk des Schlosses auf längere Zeit Aufenthalt zu nehmen gedenkt. Der Prinz soll noch vor seiner Abreise ins Mannöver die Räumlichkeiten, für deren Einrichtung und Ausstattung die ersten Mobilien bereits eingetroffen sind, besichtigen und voraussichtlich unmittelbar nach dem Manöver das Schloß beziehen. Maßgebend für den Entschluß des Prinzen Heinrich, seinen Hofhalt nach Charlottenburg zu verlegen, dürfte der Wunsch des Kaisers gewesen sein, den Bruder mehr als bisher iu seiner Nähe zu haben.
— Die Kaiserin Friedrich ist schwer krank. Wie die ,,N. Bad. Ldsztg." meldet, ist die Krankheit leider unheilbar. Die „Hildb. Dorfztg." kann diese Meldung leider nur bestätigen. Bei der Beisetzung in Gotha wurde hierüber als von einer feststehenden Thatsache gesprochen.
— Wer ist zum Tropendienst tauglich? Auch für weitere Kreise dürfte es gegenwärtig von Interesse sein, zu erfahren, welche Anforderungen an die körperlichen Eigenschaften der zum Dienst in China tauglichen Militärpersonen gestellt werden. Nach den diesbezüglichen Dienstanweisungen zur Beurtheilung der Militärdienstfähigkeit in den Tropen müssen die betreffenden Personen einen kräftigen Körperbau und völlige Gesundheit, namentlich rin gesundes, kräftiges Herz und gesunde Athmungs- und Verdauungswerkzeuge besitzen. Dazu gehört auch daS Fehlen jeglicher durch Erblichkeit bedingter Krank- bettsanlagen dieser Organe. Personen, welche früher an Magen- und Darmkatarrh, an Gelbsucht, Ruhr oder vor Kurzem an konstitutioneller Syphilis gelitten haben, ferner Personen, bei welchen Neigung oder Anlage zu Geschwüren und Hautkrankheiten oder chronischen, sich sucht verschlimmernden Leiden (Rheumatismus usw.), zu Blutstockungen und Kongestionen nach dem Gehirn, den Lungen, dem Herzen oder anderen wichtigen Organen sich finden, sind nicht für brauchbar für den Tropen- bünft zu erachten.
— Bei der kaiserlichen Wer't in Wilhelmshaven besteht die Bestimmung, daß bei Kautionen in Staats - Spieren den Sicherheitsstellen mitgetheilt wird, daß diese Papiere (es handelt sich um 3 *|?probentige preuß. KonsolS) in Gemäßheit des § 234 des Bürgerlichen Gesetzbuches als Sicherheit bei Kautionstellungen nur einen Kurswerth von drei Viertheilen besitzen. Mit Wtdjt bemerkt die „Köln. Z'g.", „daß es niemals im Sinne des Gesetzgebers gelegen haben kann, unter dem ^gemeinen Begriff von Werthpapieren auch die vom Staate ausgegebenen Schuldverschreibungen einzubegreifen Und dadurch die Staatsbehörden zu veranlassen, Werth- Papiere des eigenen Staates nicht für vollwerthig an znerkennen! Es erscheint daher im allgemeinen Interesse Schoten, diese in das geschäftliche Leben ebenso so tief in das eigene Interesse des Staates einschneidende Frage durch eine höhere Instanz klarzustellen." Das
Ausland.
Frankreich. „Gaulouis" behauptet, das Marineinfanterieregiment, das in Dakhor garnisonirte in einer Effektivstärke von 1800 Mann, sei nach Frankreich zurückgekehrt. Seine gegenwärtige Stärke betrage nur 360 Mann und 8 Offiziere. Der Rest des Regiments soll dem gelben Fieber erlegen sein.
Madrid, 5. Sept. Ein Bericht des spanischen Generalkonsuls in Manila besagt, daß von den 50000 Mann, welche Nordamerika in den verschiedenen Städten der Philippinen als Garnison hält, zu Anfang August hochgerechnet nur 20 000 Mann kampffähig waren. Alle übrigen seien krank oder vom Klima erschöpft; vielfach seien die Mannschaften demoralisirt, so daß an eine thatsächliche Niederwerfung der Philivpiner gar nicht zu denken sei. Aguinaldo halte mit seinen Anhängern im Innern von Luzon und auch auf anderen kleineren Inseln noch immer eine eigene revolutionäre Verwaltung aufrecht; er verfüge über einen ansehnlichen Kriegsschatz, sowie über 25 000 Mausergewehre mit reichlichem Schieß- bedarf, sodaß der jetzige Zustand noch eine unabsehbare Zeit hindurch andauern könne.
London, 6. Sept. Nach einer Kapstädter Meldung sind die Pferde Lord Roberts bereits dortselbst einge- trosfen. Man erwartet seine persönliche Ankunft in den nächsten Tagen Er soll nach seiner Rückkehr nach Europa durch den General Buller im Oberkommando über die englischen Truppen ersetzt werden.
Newyork, 5. Septem. Der „Newyork Herold" berichtet aus Hongkong von vorgestern: Einflußreiche Eingeborene sprechen die Ansicht aus, daß die fremdenfeind- liche Bewegung in. den südlichen Provinzen Chinas einen Charakter annimmt, welcher über die Macht der Behörden hinauswächst, und sagen einen furchtbaren Ausbruch dieser Bewegung binnen Monatsfrist voraus.
China. Aus Peking wird gemeldet, es herrsche dort große Besorgniß, daß die Mächte China mit ungerechtfertiger Milde behandeln würden, was nach den von den Chinesen verübten Greueln ein großer Fehler sein würde. Die Chinesen hätten sich schlimmer als die wilden Ureinwohner Australiens gezeigt. Die Ausländer, die lebendig gefangen wurden, sind, wie festgestellt, grauenhaft gefoltert und die Todten und Verwundeten auf die fürchterlichste Weise verstümmelt worden. Die kaiserlichen Truppen waren darin ebenso barbarisch wie die Boxer. Von Beamten sind sogar Belohnungen für das Ergreifen von Ausländern oder für deren Köpfe ausgeschrieben und bezahlt worden. Eine jetzt in Peking angeschlagene Proklamation fordert zur Ausrottung der Ausländer, alt. jung und ungeboren, auf. sie trägt das Siegel des Chefs der Gensdarmerie. — Die Eisenbahn in der Umgegend Pekings ist vollends zerstört und alles Material verbrannt. Maschinen sind nicht vorhanden, nur die Schienen sind geblieben. Die Station Madzjan nahe bei Peking, ist von unseren Truppen besetzt. Die Arbeiten zur Herstellung der Bahn werden von beiden Seiten unternommen. Der Peiho wird immer seichter und ist deshalb schwierig zu befahren. Die Eisenbahn von Tient sin nach Peking ist nur bis Iangtsun hergestellt, wo eine Brücke gebaut wird. Von hier bis zur Station Lofu ist der Weg vollständig zerstört, desgleichen viele Brücken. Von Iangtsung nach Peking muß die Linie in einer Länge von 100 Werst nun Neuem gebaut werden. Alles erforderliche Material wird aus Shanghai bestellt. Auf die Auffindung des gestohlenen Materials sind Belohnungen ausgesetzt worden. — Aus Shanghai wird gemeldet: Aus Peking kommende erklären, daß die Ermordung des Frhr. v. Ketteler die Rettung der übrigen Ausländer war, welche gerade die Annahme der chinesischen Eskorte nach Tientsin erwogen und unfehl bar unterwegs massakriert worden wären. Nach dem Morde gaben sie die Idee fo:ort auf und zogen sich in die Legitationen zurück, nachdem sie zuerst die Reisläden
Blatt fügt hinzu, daß dem Vernehmen nach sich demnächst der „Verein zur Wahrung der gemeinsamen wirth- schaftlichen Interessen in- Rheinland und Westfalen" (Düsseldorf) eingehend mit dieser Frage beschäftigen wird.
— Die reichste Stadt in Deutschland ist nach den Besitz Einschätzungen vorn Jahre 1898 nicht Berlin, die Hauptstadt des Reiches, sondern Frankfurt a. M. Dann folgen Efsen und Charlottenburg, und als vierte Stadt Berlin. Hieran schließen sich als die reichsten Städte Wiesbaden, Aachen und Bonn.
ausgeleert hatten. Sie hatten damals 450 Kämpfer. Sir Robert Hart und überhaupt Jedermann arbeitete mit in den Trancheen, und die Damen stellten Sandsäcke her. Glücklicherweise war massenhaft Champagner und Whisky vorhanden. Alle Akten des chinesischen Zollamts sind verloren. — Zwei französische Priester sind in Kiautschau aus dem tiefen Innern eingetroffen, auf dem ganzen Wege eskortirt von chinesischen Soldaten, welche von Juanschikai gestellt worden sind. Die Priester behaupten, Juanschikai habe jenseits Kiautschau 20 000 Mann stehen, welche augenscheinlich aufgestellt sind, um einem etwaigen Versuch Deutschlands, sein Gebiet zu erweitern, sich zu widersetzen. — Ueber Plünderungen in Tientsin, nach der Rückeroberung der verbündeten Truppen klagt der „Ostas. Lloyd". Franzosen, Engländer, Amerikaner und Russen hätten ihren Soldaten offiziell gestattet, einen halben Tag in der Chinesenstadt zu plündern. Deutsche Soldaten hätten sich nicht an der Plünderung betheiligt. Tagelang sei dann nicht nur in der Chinesenstadt geplündert worden, sondern auch jedes Haus in der Europäerstadt. An dem schamlosen Treiben habe auch eine ganze Reihe von Zivilisten theil- genommen, darunter auch Mitglieder der sogen, „besten Gesellschaft" von Tientsin. — Wie dringend noth es thut, daß die Mächte die Zügel straff anspannen und China ihren Willen deutlich und mit Nachdruck kundgeben, das zeigt das Beispiel des Gouverneurs von Shangsi, Iu. Dieser Edle hat der Kaiserin-Regentin ein Schreiben übersandt, in dem er folgendes mittheilt: „Ich habe die Ausländer meines Bezirks aufgefordert, sich zu mir zu begeben und sich unter meinen Schutz zu stellen. 52 Fremde leisteten dieser Aufforderung Folge. Alle 52 ließ ich unverzüglich hinrichten." Zum Schluß seines Schreibens spricht der Gouverneur die Erwartung aus, die Kaiserin-Wittwe werde ihn für sein „lobenwerthes Thun" ihre Anerkennung zu theil werden lassen Daran wird es die kaiserliche Jntriguantin sicherlich nicht fehlen lassen. Wenn die Geschichte auch von chinesischer Seite bestritten werden wird, so ist sie ganz sicherlich wahr. Der Vorgang ist sogar typhisch für den chinesischen Charakter, der Vertrauen mit Heimtücke und Ermordung lohnt und der nur durch die Anwendung von Gewalt zur Unterwürfigkeit zu bringen ist. Das Beispiel des Gouverneurs von Shangsi enthält eine eindringliche Mahnung, die Kräfte zusammen zu halten und nirgends und nie ein Zeichen von Schwäche zu geben. — Aus Shanghai eingetroffene Drahtberichte schildern entsetzliche <Greuelthaten, die an Missionaren in der allerneuesten Zeit begangen wurden. Zu Taiyuanfuy, der gegenwärtigen Residenz der Kaiserin, wurden 50 Personen abgeschlachtet und ihre Leichen den Hunden vorgeworfen. Viele Frauen wurden den Boxern ausgeliefert, vielfach vergewaltigt und in unbeschreiblich bestialischer Weise getödtet. In Chuchan wurden 14 englische Missionare und sechs Frauen und Kinder mit Heugabeln erstochen und Nachts gehängt.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchter», 7. September.
* — Am Montag Abend berührte abermals ein Sonderzug mit Chmatruppen unsere Station. Der Zug kam von Darmstadt über Louisa-Sachsenhauien und enthielt 25 Offiziere und 830 Mann für das zweite ostasiatische Infanterie-Regiment Nr. 6, und 5 Offiziere und 205 Mann für die 9. Kompagnie des ostasiatischen Infanterie-Regiments Nr. 4.
* — Zu in Besten der nach China entsandten Truppen sind in'olge des Aufrufs des Centralkomitees der deutschen Vereine zum Rothen Kreuz zur Sammlung von Geldbeiträgen von den Organen des Rothen Kreuzes in der Provinz Hessen-Nassau an die Hauptsammelstelle, die Königliche Hauptseehandlungskasse in Berlin, weiter abgeführt worden, nämlich aus Montabaur M. 619.40, Wetter M. 118.50, HerSfcld M. 600, Hanau Mark 3623.10, Hünfeld M. 1173.45, Fulda M. 150, Frankenberg M. 50, Homberg M. 1301, Bebra M. 48, Kirchhain M. 290.85, Rüdesheim M. 1000, Fritzlar M. 486, Wiesbaden (Landkreis) M. 540.61, Wester- burg 39.80, Dictz M. 21.75, Schlächtern M. WO, Weisungen M. 10, Weilburg M. 81,10, Kassel M. 479, Eschwege M 120, Marburg M. 75, 11 singen M. 700, Dillenburg M. 175, Wolshigen M. 121.15. Frankfurt a. M. M. 1953, Eins M. 500, Schmalkalden Mark 113.95, Gelnhausen M. 604.15, Höchst M. 1083.60,