SchlWemerZettung
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Samstag, den 1. September 1900.
51. Jahrgang.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser wird am 31. August in Bremer- Haven zur Einschiffung eines Theils der dritten China- | Brigade erwartet. Am 1. September findet Parade auf tiem Tempelhofer Felde statt. Am 4. September wird der Rest der Brigade von Bremerhaven ausreisen.
— Königin Victoria von England plant angeblich, die Kaiserin Friedrich, die wegen ihrer leidenden Gesundheit den Winter in Sizilien zuzubringen gedenkt, im Oktober auf Schloß Friedrichshof aufzusuchen. Bei dieser Gelegenheit würde die Königin auch Koburg besuchen.
— Auf Befehl des Kaisers fand am Donnerstag Vormittag 10 Uhr im Zeughause in Berlin die feierliche Nagelung und Weihe von 64 neuen Fahnen und Standarten statt; darunter befinden sich diejenigen für die ersten und zweiten Bataillone des 1. bis 6. Ostasiatischen Infanterie-Regiments und des Ostasiatischen Reiter-Regiments. Die Militär-Bevollmächtigten der fremden Staaten betheiligen sich an der Nagelung der Feldzeichen für das Ostastatische Expeditions-Korps. — Kaiser Wilhelms Preisaussetzung. Bekanntlich hat Kaiser Wilhelm am 6. Juli eine Belohnung von 1000 Taels für „jeden geretteten Europäer, welcher lebend einer kaiserlich deutschen oder sonstigen fremden i Behörde übergeben wird", ausgesetzt. Da nach einer . Zusammenstellung des „Oüasiatischen Lloyd" rund 1000 Europäer sich in Peking befunden haben, so dürften nach ; den bisherigen Verlustangaben die zur Zeit tn Peking befindlichen Fremden immer noch 800—900 Köpfe zählen. Danach würde sich, wie die „Bolksztg." ausrechnet, die Belohnungssumme auf 8 bis 900,000 Taels belaufen, das heißt den Tael rund zu 3,40 Mark gerechnet, auf 2,720,000 bis 3,060,000 Mark. Chinesen haben natürlich auf diese Summe nicht den geringsten Anspruch, vielmehr dürften sie zur Vertheilung unter die Mannschaften der internationaten Entsatzarmee kommen. Deren Stärke wird gewöhnlich auf 18,000 Mann angegeben. ; Dann würde jeder einzelne Mann 156 bis 179 Mark i erhalten, eine Belohnung, die den Soldaten angesichts 5 der ausgestandenen Mühsale und Strapazen sehr wohl zu (gönnen wäre, und für die sie dem deutschen Kaiser stets dankbar sein würden.
— Ueber die Ursachen der Sterbefälle im deutschen Reiche und über die Ausbreitung der gefährlichsten Volkskrankheiten ist den statistischen Angaben des kaiserlichen Gesundheitsamts zu entnehmen, daß bei einer Einwohnerzahl von 52 Millionen im Ganzen 1,120,000 Menschen im Jahre sterben. Davon wurden nicht weniger als 110 200 Menschen ein Opfer der Lungenschwindsucht. So emsig gegen diese furchtbare Krankheit, die namentlich in der Arbeiterschaft wüthet, auch an- gekämpft wird, so erfolglos erweisen sich alle Bemühungen, diese gefährliche Seuche wirksam zu bekämpfen, und in merklicher Weise einzuschränken. Nächst Lungenschwindsucht erwiesen sich Diphterie und Croup als die bösesten Krankheiten. Die Zahl der von diesen geforderten Opfer delief sich auf 110 200. Von da geht es stark zurück 26 500 Personen erlagen dem Keuchhusten, 21 600 den ’ Masern, 1000 dem Scharlach. An Tollwuth starken V 12 Personen, dagegen belief sich die Zahl der Selbst- 1 Mörder auf nicht weniger als 10700 Personen.
■ Hannover. Ein biederer Hundwerksmeister aus H Hannover hatte dieser Tage mit seiner besseren Ehehälfte B aus unbedeutender Ursache einen heftigen Streit gehabt. j In seiner Wuth ging er schnurstracks zum Bezirks- commando und meldete sich dort zum Eintritt in das ) ^asiatische Expeditionskorps. Er wurde aus seine Tropen- ^enstsähigkeit untersucht und auch für tauglich befunden. Hinterher kam die Reue, und unserem Helden wurde der Entschluß leid. Aber es half Alles nichts; dieser Tage wußte er mit der 3. Kompagnie des 5. ostasiatischen Infanterie-Regiments nach Lockstedt abreifen, um daselbst ^n letzten Schliff für die Kämpfe am Peiho zu erhalten. Mehrere junge Leute unternahmen eine Bierreise. In heiterster Stimmung erklärte plötzlich einer, er werde sich bei dem Bezirkskommando als Freiwilliger für das chinesische Expeditionskorps melden. Die übrigen pflich- ieten dem Ulkmacher bei, und die Meldung ging sofort ub. Die Betheiligten hatten den „Scherz" bald ver- öcssen. Dieser Tage erhielt der Hauptbethciligte vom ^zirkskommando die Gestellungsordre für das Frei- Willigenkorps. Der Schreck über die im Rausch begangene That soll unbeschreiblich gewesen sein.
Darmstadt, 28. August. Von den gegenwärtig in Darmstadt garnisonirenden China-Mannschaften sind drei aus der Reserve des 5. Infanterie-Regiments (Bamberg) eingetretene Freiwillige desertirt und nach Bamberg zurückgekehrt. Dort wurden sie auf einem Heuboden versteckt autgesunden und zur Militärwache verbracht. Besonders tapfere Helden scheinen es nicht gewesen zu sein.
Gildehaus i. Wests., 26. August. Der Tod des Arbeiters Büld und des Buchhalters Herms durch den Strom der elektrischen Leitung hält die Bewohnerschaft in begreiflicher Aufregung. Man will von dem elektrischen Licht nichts mehr wissen und drängt aus Abschaffung desselben. Neuerdings wird folgende Darstellung der Katastrophe bekannt, die der Wahrheit am nächsten kommen dürfte: Herr Maurermeister Mersmann, in dessen Hause sich das Unglück zutrug, war während der Katastrophe gerade in Schüttorf. Als Frau Mersmann gegen Abend das elektrische Licht anzünden wollte, erhielt sie von dem Strome einen derartigen Schlag, daß sie wie betäubt niedersank. Nun rief man Büld herein, der gerade gegenüber auf dem Felde arbeitete. Als dieser jedoch den Leitungshahn anfaßte, fiel er todt zu Boden. Bald daraus erschien der Vetter des Herrn Mersmann im Unglückshause, um seine Hilfe anzubieten. Sein Hund, der ihm gefolgt war und sich schnüffelnd dem Todten näherte, wurde ebenfalls vom Strome todt hingestreckt, Während dieses Vorganges hatte sich der 20jährige Buchhalter Herms aus Chemnitz. der bei Gebrüder Heim beschäftigt war, draußen am Fenster gestanden und von hier aus die Bewohner eindringlich zur Vorsicht gemahnt. Bald darauf beging er in seiner eigenen Wohnung die folgenschwere Unvorsichtigkeit, selbst den Leitungshahn anzufassen, wobei ihn das gleiche Schicksal traf wie Büld. Auch er wurde sofort getödtet. Seine Hand, die noch im Tode den verhäugnißvollen Draht stundenlang festhielt, ist fast vollständig verkohlt, zwei Finger, die sich losgelöst hatten, mußten besonders vom Erdboden aufgehoben werden. Wie es heißt, war während des voraufgegangenen Gewitters ein Bitz in die Hauptleitung gefahren und hatte das Ueberspringen des 2000 Volt starken Stromes in die Gildehauser Nebenleitung herbeigeführt. Ob diese Erklärung richtig ist, mag die Untersuchung ergeben. Thatsache ist, daß der Strom an dem Unglücksabende im ganzen Leitungsnetze von Gildehaus ebenso stark war wie in den beiden Unglückshäusern. Wohl 30 Personen wurden bei dem Versuche die Lampen anzu mnden, betäubt oder erhielten wenigstens starke elektrische Schläge.
Ausland.
Prag. Uebermuth der Tschechen. Wie weit Frechheit und Uebermuth der Tschechen sich bereits verstiegen haben, dafür liegen neuerdings wieder bemerkenswerthe Beispiele vor. Im Präger Stadtverordneten-Kollegium stellte nämlich der Tscheche Groß den Antrag, das Stadt- raths-Präsidium möge dahin wirken, daß den Kondukteuren der Präger Straßenbahn verboten werde mit den Passagieren deutsch zu sprechen. Der Antrag wurde dem Stadtrathe zugewiesen, desgleichen ein Antrag, die Präger- Gemeinde dürfe keiner deutschen Firma Aufträge geben.
Budapest, 29. August. Hier wurde am Dienstag der 40jährige nach Venedig zuständige Schuhmachermeister Giuseppe Tomazio verhaftet, der ein Mitschuldiger Luc- chenis's war. Es dies jene Person, welche kurz vor der Ermordung der Königin Elisabeth mit Lucchcni gesehen wurde, aber nicht ausfindig gemacht werden konnte. Seit der Ermordung der Königin wohnte er unter dem angenommenen Namen Joseph Gres in Budapest.
Das Schwurgericht tn Mailand veurthcilte den Mörder des Königs Humbert von Italien, Bresci, nach zweitägiger Verhandlung zu lebenslänglichen Kerker.
Rom, 27. August. Einer schweren Katastrophe ist, wie das „Berl. Tagcbl." meldet, der am letzten Montag in Genua eingetroffene deutsche Truppen-Transport glücklich entgangen. Der deutsche Militärzug hielt Montag Nachmittag auf der Station Pontedecimo, als plötzlich der von Rusalla her fällige Zug dem deutschen Militärzug entgcgcnbrauste. Zum Glück bemerkte ein Weichenwärter die drohende Gefahr und es gelang ihm, den herankommenden Zug auf ein todtes Geleise zu dirigireu. Der Arbeitsminister sandte dem Weichenwärter ein Danktelegramm und einen Betrag von 200 Franks.
London, 28. August. Dem „Reuterschen Büreau" wird aus Glasgow mit Bezug auf die dort vorgekommenen
Fälle von Beulenpest gemeldet, daß die Lage ernster sei, als man zuerst glaubte. Ein neuer Fall von Pest sei festgestellt worden; zwei Personen seien gestorben, 40 Familien seien isolirt und unter ärztliche Beobachtung gestellt worden.
Transvaal. Gegen die Vollstreckung des kriegsgerichtlichen Todesurtheils an dem Leutnant Cordua wegen angeblicher Verschwörung gegen das Leben des Lord Roberts hat sich in der ganzen gesitteten Welt ein Schrei der Entrüstung erhoben. Ueber die sog. Verschwörung in Pretoria haben die Engländer selbst Scherze getrieben. Dem Erschossenen ist kein anderer Mitschuldiger nachgewiesen, als eben jener Mann, der ihn verrathen hatte, der englische Detectiv Gano. Dieser war der Hauptzeuge gegen Cordua und zugleich Anstifter des ganzen Planes. Das Urtheil und seine Vollziehung bilden daher die Fortsetzung der Gewaltpolitik, von der auch die Lord Roberts'sche Proklamation durchweht war. Gegen letztere haben die Transvaalgesandten in Europa entschiedensten Einspruch bei Lord Salisbury erhoben. Das englische Kriegsministerium sollte dem Lord Roberts die Regeln des Kriegsrechts einschärfen, da dieser England mißkreditirt und die Wuth der Buren ins Maßlose steigert. — Zum Kapitel „Englische Brutalitäten" veröffentlicht ein Deutscher Namens Karl v. Davanns im „Heidelberger Tageblatt" seine Erlebnisse in Südafrika. Der Ausgewiesene schildert, wie er plötzlich aus dem Kreise einer befreundeten Familie hinweg verhaftet und unter unsäglichen Qualen und Entbehrungen an Bord eines Schiffes gebracht wurde. Wie ihm, so sei es zahlreichen deutschen Reichsangehörigen ergangen. Die Deutschen, so berichtet Davanus weiter, hätten mit Zähneknirschen gesehen, daß der französische Consul seine Leute und häufig solche zweifelhaftester Art, frei erhielt, während der deutsche Consul zu Gunsten seiner Landsleute nichts unternahm. Er habe ruhig zugesehen, wie die deutschen Landeskinder ihr Hab und Gut verlassen mußten. Die Gründe hierfür werde der Consul wohl der deutschen Regierung vorlegen müssen, die entscheiden werde, ob sie maßgebend und richtig waren.
Indien. Das grausige Elend, das in Indien herrscht, spricht aus nachstehendem Missionsbericht: „Wir können uns von unserer Station nicht weit entfernen, ohne auf Leichen und Sterbende zu stoßen. Da sieht man Mütter, die ihre Söhne, Männer, die ihre sterbenden Frauen auf dem Rücken tragen. Wir sahen einen jungen Burschen, der den Hals seiner Mutter nicht länger zu umfassen im Stande war und plötzlich von ihrem Rücken auf die Straße hinabfiel, um zu sterben. Ein paar Schritte weiter stießen wir auf eine Gruppe am Wege, die um eine sterbende Frau herumsaßen, um gleichfalls ihr Ende zu erwarten. Die Einwohner ganzer Dörfer ziehen in die Wälder, um.Wurzeln und Rinde von den Bäumen zu essen. Eine lange Spur von Sterbenden bezeichnet den Weg, den die Unglücklichen genommen haben." Und wer nicht Hungers stirbt, der erliegt der Pest oder der Cholera. An der Cholera sterben nach Londoner Meldungen in Indien wöchentlich 30 000 Menschen. Auch unter verschiedenen Regimentern sind zahlreiche Fälle von Cholera vorgekommen. Das sind furchtbare Anklagen gegen England.
China. Am Montag sind die beiden deutschen See- bataillone in Peking eingetroffen, wie man in Deutschland erst aus einer in Washington eingegangenen Depesche des amerikanischen Gesandten erfahren hat. — Thatsächlich haben die Generäle beschlossen, den Kaiserpalast zu schonen. Interessant ist eine Meldung des italienischen Admirals Candiani, wonach in Peking Gefangene gemacht und nach Tientsin gesandt worden. Auch in den Gefechten bei Tientsin wurden die Gefangenen bezw. verwundeten Boxer den Spitälern überwiesen. — Die Generale der Verbündeten haben beschlossen, den Kaiserpalast nicht zu betreten, sondern ihn unbesetzt zu lassen. — Einer unverbürgten Meldung zufolge hätten die Russen innerhalb Pekings eine Schlappe erlitten und wären genöthigt gewesen, sich unter dem Feuer der Chinesen mit großen Verlusten zurückzuziehen. — „Daily Mail" meldet aus Shanghai, der amerikanische Konsul habe den Missionaren verboten, in das Innere von China zurückzukehren und ihnen gerathen, sich nach Amerika oder den Philippinen zu begeben. — Die chinesische Bevölkerung längs des Suugari Flusses zwischen Charbin und Bajanter ist zu ihren Feldarbeiten zurückgekehrt. Bei der russischen Verwaltung wurde angefragt, ob man Dschunken mit