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größeren Geschäfts erforderliche Quantum zu beschaffen, zumal ein großer Theil der Besitzer den bequemeren Verkauf der Aepfel zu Kelterzweckcn vorzieht.

Gersfeld, 3. Aug. Eines selten hohen Alters erfreut sich die dahier wohnende Wittwe Maria.^Bleuel. Die­selbe feierte heute am 3. August d. I. ihren 105. Ge­burtstag. Im Jahre 1795 ist sie am „Wachtküppel" in der Gemeinde Ebersberg geboren, wurde 1864 Wittwe, ist seit 1866 vollständig erblindet und zählt zu den Wenigen, während deren Lebenszeit dreimal die Jahr­hundertzahl wechselte. Die Genannte erfreut sich noch großer Rüstigkeit, genießt regelmäßig ihre einfache bür­gerliche Kost und läßt sich täglich 2 '/r Liter Bier vor­züglich munden. Das Haar der Matrone ist % Meter lang und schneeweiß. Ein 64jähr. Sohn dieser alten Frau war früher auf der Hammermühle und ist jetzt in Wiesbaden beschäftigt.

Cassel, 2. August. Vor der hiesigen Strafkammer hatte sich ein kaum 18jähriger Bursche, Namens Emanuel Stephan, der sein bisheriges Leben in der Erziehungs­anstalt zu Hof Reith bei Schlüchtern zugebracht hat, wegen Betrugs zu verantworten. Im März dieses Jahres, nach­dem St. aus jener Anstalt entlassen war, begab er sich nach Hersfeld, wo er mit einer Liste in der Hand von Haus zu Haus wanderte, sich als Abgesandter der Erziehungsanstalt Reith vorstellte und Liebesgaben in baarem Gelde für diese sammelte. Er hatte bereits 10 Mk. im Ganzen einge­sammelt, als er an den Unrechten kam, dem die Sache verdächtig erschien und der den „Herrn Kollekteur" der Polizei übergab, die dann den Schwindel sofort aufdeckte. Dabei stellte sich noch heraus, daß St. bei einem seiner Bittgänge eine Uhr und einen Shlips hatte mitgehen heißen. Er wurde dieser Strafthaten halber zu einem Monat Gefängniß verurtheilt. (Man ersieht hieraus, daß bei manchem der Zöglinge der Rettungsanstalt nur die strengste Zucht am Platze ist, soll bei denselben die ihnen im Blute liegende Neigung zu bösen Streichen unterdrückt werden. Wenn sie trotzdem, sobald sie aus der Zucht sind, mit dem Strafgesetz in Conflict kommen, das wird kein Billigdenkender der Anstalt anrechnen.)

Obernkirchen, 8. Aug. Der Betrieb der hiesigen Glashütte wurde eingestellt, da die Arbeiter, 1100 an der Zahl, Forderungen stellten, die nicht bewilligt werden konnten.

Karlshafeu. Zu einem Deutschen Kolonialgenesungs- Heim soll das Jnvalidenhaus zu Karlshafen umgestaltet werden, in welchem gegenwärtig invalide Offiziere und Mannschaften des Hessenlandes respektive deren Hinter­bliebenen untergebracht sind. In dem neuen Genesungs­heim werden Angehörige der deutschen Kolonialtruppen (Afrika, China) ohne Unterschied des Dienstranges bis zu ihrer vollständigen Genesung Aufnahme finden. Das Jnvalidenhaus als solches soll verlegt werden.

Marburg, 7. August. Wegen Mißhandlung eines Schulkindes stand heute der Lehrer A. aus B. vor der Strafkammer des hiesigen Landgerichts. Er soll nämlich am 24. April d. I. in der Schule ein kleines Mädchen durch Zerren am linken Ohre blutig verletzt haben. Während der Angeklagte behauptet, daß er das Züch­tigungsrecht auf keinen Fall überschritten habe, die kleine Verletzung hätte schon länger bestanden, bekundeten die Sachverständigen Dr. Kratz aus Borken und Professor von Hensinger aus Marburg, daß die Wunde an der absonderlichen Stelle des Ohres durch einen scharfen Gegenstand, jedenfalls durch den Fingernagel, herbeige­führt sei. Die Wunde war 2 Ctm. lang und 3 Mm. breit. Der Angeklagte wurde schließlich wegen fahrlässiger Körperverletzung zu 20 Mk. Geldstrafe verurtheilt.

Marburg, 7. August. Der Handelsmann Emanuel Rosenbaum III von Rodheim, Kreis Biedenkopf, stand mit seinen Brüdern Hermann und Jsaak nicht auf gutem Fuße. Hermann ist Vorbeter der israelitischen Gemeinde. Im Dezember v. I. hatte nun Hermann während der Thoravorlesung in der Synagoge den Emanuel beim Aufruf zur Empfangnahme des Segensspruches absichtlich Übergängen. Hierüber ergrimmt, rief Emanuel ihm zu: „Du Schuft, du Spitzbub, du Vagabund, du bist nicht werth — —". Deswegen war Emanuel in heutiger Sitzung der Strafkammer wegen Störung des Gottes­dienstes angeklagt, wurde jedoch freigesprochen.

Biedenkopf. Hier wird vom 16. bis 18. August ein Volksfest, das alle sieben Jahre stattfindet, gefeiert. Es ist dies der berühmte dreitägige Grenzgang. Bei diesem Fest begeht thatsächlich die gesammte Einwohner­schaft Biedenkopfs die Stadtgrenze, die vorzugsweise durch die der Stadt erb- und eigenthümlich gehörenden präch­tigen Waldungen läuft. Hier giebt es noch lebende Zeugen aus altgermanischer Zeit, wie die „große Linde" bei Frohnhausen a. d. Lahn; sie hat in Manneshöhe denn vielleicht in Deutschland beispiellosen Umfang von 9,89 Meter, ist innen hohl und ganz durchwachsen. Der Baum, der über 1000 Jahre alt sein soll, zeigt noch keinen dürren Ast. Die sogenannte „Weibereiche" in dem Gemeindewald von Horbach, Kreis Unterwester- watd, die einem Umfang von 8,95 Meter hat, wird über 700 Jahre alt sein. Den Beinamen „Weibereiche" hat sie im Jahre 1848 erhalten, da eines Tages die Frauen von Horbach, mit Aexten ausg> rüstet, in den Wald zogen, um sie zu fällen, jedoch wegen des unge­heuren Umfanges davon liestn,

Montabaur. Eine uralte Stadt wollen die Ge­

ihren Verschanzungen vertrieben. Die Russen hatten 500 Todte, die Engländer 50. Die Deutschen und Ja­paner hatten ebenfalls schwere Verluste, dieselben sind aber noch nicht bekannt. Der Weg nach Peking wird nunmehr für offen gehalten.

Aus Prätoria trifft die Nachricht ein, daß dorten eine Verschwörung entdeckt worden sei, welche bezweckte, eine größere Brandlegung in Prätoria zu veranstalten, sämmtliche englische Offiziere zu erschießen und den englischen General Roberts gefangen abzuführcn, Die Verschwörung wurde im letzten Augenblick vor der Aus­führung der That entdeckt. Verhaftet wurden zehn Verschworene.

Nordamerika hat nach kaum acht kühlen Tagen wieder ' unter abnormer Hitze zu leiden. Donnerstag stieg das Thermometer in New-Iork bis auf 95° Fahrenheit, in Washington, Pittsburg, St. Louis und anderen Städten sogar auf 98°. In Chicago ereigneten sich 11 von der Hitze verursachte Todesfälle, auch sollen daselbst in den letzten Tagen auf den Straßen 2000 Pferde todt Hin- gefallen sein. Die Londoner Meteorologen sind der Ansicht, daß diese überseeische Hitzewelle innerhalb weniger Tage die europäischen Küsten erreichen wird.

Lokales und Provinzielles.

* Schlüchtcrn, 14. August.

* — Die italienischen Lanzenreiter, welche, wie be­kannt, neulich von Rom nach Cassel geritten sind, um dort Sr. Maj. dem Deutschen Kaiser ein Handschreiben des Königs von Italien zu überbringen, sind heute morgen auf dem Rückmärsche hier angekommen und nach zehn­stündiger Rast weiter geritten nach Jossa.

* — Schutz der Brieftauben. Mit Rücksicht auf den bevorstehenden Beginn der Geflügeljagd wird auf die nachstehenden Bestimmungen der §§ 1 und 3 des Ge­setzes vom 28. Mai 1894 betreffend den Schutz der Brieftauben und den Brieftaubenverkehr hingewiesen. § 1: Die Vorschriften der Landesgesetze, nach welchen das Recht, Tauben zu halten, beschränkt ist, und nach welchem im Freien betroffene Tauben der freien Zu­eignung oder der Tödtung unterliegen, finden aufMiliiär- brieftauben keine Anwendung. Dasselbe gilt von landes- gesetzlichen Vorschriften, nach welchen Tauben, die in ein fremdes Taubenhaus übergehen, dem Eigenthümer des letzteren gehören. § 3 besagt: Als Militärbrieftauben im Sinne dieses Gesetzes gelten Brieftauben, welche der Militär-(Marine-)Verwaltung gehören oder derselben ge­mäß den von ihr erlassenen Vorschriften zur Versügnng gestellt und welche mit dem vorgeschriebenen Stempel versehen sind. — Privatpersonen gehörige Militärbries­tauben genießen den Schutz dieses Gesetzes erst dann, wenn in ortsüblicher Weise bekannt gemacht ist, daß der Züchter seine Tauben der Militärverwaltung zur Ver- sügung gestellt hat.

* — Für das Ostasiatische Expeditionskorps be­stimmte freiwillige Gaben, die in den Frachtbriefen aus­drücklich als solche bezeichnet und an die Königl. Bahn- ho;skommandantur in Bremen oder an die bei dieser errichtete Hauptsammelstelle gerichtet werden, sollen auf den Preußisch-Hessischen Staatsbahnen bis auf Weiteres frachtfrei befördert werden.

— Die Bestimmungen der preußischen Gesindeordnung (Gesetz vom 8. November 1810) wonach sich ein Mädchen strafbar macht, wenn es den Dienst nicht antritt oder ihn ohne Kündigung verläßt, sind, wie das Kammer­gericht entschieden hat, vom Bürgerlichen Gesetzbuch nicht beseitigt worden.

X Mottgers. Eine gewiß seltene Einquartirung erhielt unser abgeschiedenes Dörfchen am 6. d. Mts. Bitt Einbruch der Nacht nämlich, etwa um 9 Uhr, kam plötzlich eine Abtheilung Husaren angeritten und machte Halt, um hier zu übernachten. Wie groß aber war das Erstaunen der Einwohner, als man gewahrte, die Soldaten seien zumeist „Italiener!" Wie zerbrach man sich da die Köpfe über das Woher und Wohin dieser seltsamen Gäste! Bald jedoch wurden die aufgeregten Gemüther beruhigt, indem man ihnen mittheilte, es sei eine Patrouille italienischer „Lanciers" aus Florenz, ge­führt von Lieutenant Boselli, welch' letzterer Sr. Majestät dem Kaiser ein eigenhändiges Schreiben des verstorbenen Königs Humbert zu Überbringer: habe, das derselbe wenige Tage vor seiner Ermordung noch abgefertigt hätte. — Die kühnen Reiter legten den ganzen weiten Weg über die Alpen, durch Tirol und Bayern, zu Pferde zurück und kamen auf diese Weise — via München,sWürzburg, Ge- münden, Fulda — auch hierher. Von der Landesgrenze (Josia) ab gab eine Patrouille der Casseler Husaren den fremden Gästen das Ehrengeleite bis Wilhelmshöhe, dem jetzigen Aufenthalte Sr. Majestät des Kaisers. (Wie in der letzten Nr. d. Bl. bereits mitgetheilt wurde empfing Kaiser Wilhelm die Stafettenreiter am 9. d. M.). Orb, 10 August. In der am Mittwoch den 8. August abgehaltenen Generalversammlung des Obstbau- und Obstverwerthungsvereins wurde dem Verkaufe des Obst- lagerhauses an Herrn Heinrich Freund zugestimmt. Gleichzeitig wurde die Liquidation des Vereins beschlossen. Der Verein hat 5 Jahre bestanden, konnte aber nicht recht gedeihen, weil nur in ganz guten Obstjahren eine einigermaßen genügende Waarenmcnge zur Verfügung stand; in mittleren Jahren, wie es auch das diesjährige sein wird, war es nicht möglich, das zur Erzielung eines

lehrten in der Nähe von Montabaur im Nassauischen entdeckt haben. Auf Grund der bei den Ausgrabungen gewonnenen Fundstücke wurden die Ueberreste der An­siedelung als altkeltische bestimmt, also als eine in dar fünfte Jahrhundert v. Ch. hinaufreichende Wohnstätte. Die Stadt soll etwa die Größe von Koblenz gehabt haben.

— Ein Unbekannter hat in Frankfurt a. M, Cassel Gießen, Marburg rc. dadurch Damen zu bewegen gewußt, daß er angab, er sammle Abonnenten für die „Frauen- zeitung". Er ließ sich 2,60 Mk. anzahlen und stellte dem- entsprechende Quittung aus. Der Thäter ist 26 bis 28 Jahre alt, hat dunkles Haar, trägt Zwicker, war fein gekleidet mit heller Hose, dunklerem Rock, weißem Strohhut mit schwarzem Bande. Vor dem Schwindler wird gewarnt.

Mainfliegen, 7. August. Die diesjährigen vor­trefflichen Jagdaussichten haben zum Bedauern der Jäger- kreise neuerdings eine Trübung erfahren, deren Trag­weite sich vorerst noch der Beurtheilung entzieht. In den umliegenden Gemarkungen des Maingaues wurden nämlich in den letzten Tagen auf den Fluren zahlreiche verendete Hasen aufgefunden. Die Nimrode führen diese Thatsache auf eine unter den Hasen herrschende Seuche zurück, die vermuthlich durch die jüngste Tropenhitze ver­ursacht wurde. Merkwürdig ist der Umstand, daß bis jetzt nur alte Hasen von der Seuche befallen wurden. Es wäre interessant zu erfahren, ob auch anderwärts die Dezimirung der reichen Hasenbestände durch eint Krankheit zu konstatiren ist.

Die Irre von Sankt Rochus. Kriminalroman von Gustav Höcker.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

„Wie sieht er denn eigentlich aus?" frug Allram obenhin. „Ich habe ihn damals gar nicht zu sehen be­kommen, da sein Onkel sich begreiflicherweije nicht an­geregt fühlte, ihn mir vorzustellen."

Frau Thorbeck entwarf nun das Porträt eines jungen Mannes, der mit seinen sechs- oder siebenundzwanzig Jahren, seinem hellbraunen Haar, seinen graublauen Augen und seiner „mittleren Figur" genau so aussay wie tausend andere. Dabei wußte sie sich nicht einmal zu erinnern, ob er einen Kinn- oder Backenbart oder einen Vollbart trug.

„Daß sich Gott erbarm'! Sein Glück, seine ganze Zukunft durch leichtsinnige Streiche so zu verscherzen!" beklagte sie das Schicksal des Gesunkenen. „Welche Lammsgeduld hat sein gutherziger Onkel mit ihm gehabt, welche Unsummen von Schulden hat er für ihn bezahlt, ehe er ihn enterbte. Aber daß der Undankbare _gar zuletzt zum Diebe wurde, das schlug dem Fasse den Boden aus. Uebrigens wäre er ganz der Mann dazu gewesen, das schöne Vermögen seines Onkels in ein paar Jahren durchzubringen."

„Da ist es in der Hand der Frau Bruscher jeden­falls besser aufgehoben," warf Allram hin.

„Ei, das will ich meinen! Die hält's zusammen!' versicherte Therese. „Das Geld hatte sie immer ein bischen lieb. Sie mochte sich schon als Wirthschaften» einiges erspart haben und hatte Geld auf Grundstücken stehen; denn wenn's Vierteljahr um war, kamen Leute zu ihr und brachten Zinsen."

„Was war sie sonst für eine Frau?"

„Eine ganz gute Frau; es kamen ihr immer gleich die Thränen, wenn es etwas gab. Sie las sehr gern, besonders in den Zeitungen; die studierte sie von Anfang bis zu Ende durch."

„Wie stand sie sich mit dem unglücklichen Fräulein?"

„Mit Fräulein Konstanze?' frug die junge Frau, und nun kamen ihr plötzlich selbst die Thränen und rannen ihr wie angeschwollene Bäche über die rothen runden Wangen. „Oh, sehr gut stand sie sich mit dem armen Fräulein. Sie hat sie eigentlich auch gerettet, wenigstens vor dem Schlimmsten."

„Von wegen der Epilepsie, nicht wahr?"

„Das war's ja!" nickte Therese, noch immer be­schäftigt mit einem gelben, roth getüpfelten Taschentuch ihre Thränen zu trocknen. „Niemand hat um die schreckliche Krankheit gewußt als Frau Bruscher und der Herr Professor."

„Trug sich der Professor nicht mit Heirathsgedanken, hm?" frug Allram, indem er plötzlich sehr leise sprach und einen vertraulichen Ton anschlug.

Frau Thorbeck blickte sinnend nach der Decke und dann auf ihre Schürze, die sie sich glatt strich.

„Nun, ein Gewohnheitsmensch war er ja," sagte sie; „er sah nicht gern fremde Gesichter und fürchtete sich vor jeder Störung seiner Ordnung. Sie hat ihn gut verpflegt — man kann mit einem Kinde nicht sorgsamer umgehen — und sie ist ja auch gar keine üble Frau. Aber um sie zu heirathen, war er ihr an Bildung zu sehr über. Es muß freilich einmal so etwas in der Luft gelegen haben. Vor zwei oder drei Jahren gab es nämlich zwischen ihnen eine arge Verstimmung; fi£ sprachen nur das nöthigste mit einander; sie ging mit verweinten Augen herum und ließ gegen mich Worte fallen, als ob sie nächstens ihre Stelle aufgeben würde. Dann war aber plötzlich alles wieder gut zwischen beiden- So ganz klug bin ich aus der Geschichte ja nicht g"