WüchternerMtun
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Psg.
M 65. Mittwoch, den 15. August 1900. 51. Jahrgang.
iRtftdhttinMt ouf die „Schlüchterner Zeitung" yvIltUUliyCH werben nod; fortwährend von allen - ...... — Postanstalten und Landbriesträgern,
owie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
Berlin. Am Sonntag Mittag Punkt 1 Uhr traf das Kaiserpaar in vierspännigem Wagen von Homburg über । Oberursel kommend, zum Besuch der Kaiserin auf Schloß
Friedrichshof ein. Prinz Heinrich, der Kronprinz von Griechenland und Prinz und Prinzessin Friedrich Karl von Hessen waren bereits Samstag Mittag, die Kronprinzessin von Griechenland Donnerstag Abend eingetroffen.
— Der Chef des Kreuzergeschwaders Viceadmiral Bendemann meldet aus Taku vom 6. August: Die verbündeten Truppen nahmen am 5. August die chinesische Stellung bei Peitsang. Von den deutschen Truppen haben 2 Kompagnien unter Kapitänleutnant Philipp theilgenommen. Näheres ist noch nicht bekannt. Auch liegen keine Nachrichten über die Verluste der Verbündeten vor. Ein sofortiger Vorstoß nach Aangtsun ist beabsichtigt, um ein Zusammenziehen der chinesischen Truppen zu verhindern.
— Mit der Meldung zum freiwilligen Eintritt in das Chinaexpeditionskorps hat der Soldat die weitere Verfügung über seine Person gewissermaßen verwirkt. Verschiedentlich ist es vorgekommen, daß derartige Leute ihre Meldung zurückziehen wollten, weil der Vater oder sonst ein Verwandter ihnen wegen der Meldung Vorstellungen gemacht haben. Das Ergebniß war negativ, und selbst Eingaben an die Militärbehörden wurden abschlägig beschieden. Auch die Motivirung, daß der Sohn noch minderjährig sei, erhielt zur Entgegnung, daß jeder Soldat durch des Königs Rock in gewissem Sinne großjährig geworden sei und für sein Thun und Handeln selbst Hikrzutreten habe.
— Nach einem im Reichsamt des Inneren fertig - gestellten Gesetzentwürfe soll die Herstellung, Einfuhr und der Vertrieb von Weißphosphorzündwaaren verboten werden. Die Anregung dazu im Bundesrath hat, so schreibt man aus Meiningen, die meiningische Regierung gegeben. Sie wollte die zwar verbotene, aber heimlich noch immer betriebene Fabrikation von Phosphorzündhölzern in der Hausindustrie im Dorfe Neustadt am Rennsteig, das zur Hälfte meiningisch, zur Hälfte sondershüusisch ist, beseitigen. Beide Staaten haben schon seit mehreren Jahren scharfe Maßregeln gegen die Zündholzhausindustrie ergriffen. Jeder, der sich damit beschäftigen wollte,
mußte sich einen Erlaubnißschein von der Ortsbehörde lösen, wobei er genau anzugeben hatte, in welcher Fabrik er die Zündhölzer herstellen wollte. Verschiedene Revisionen ergaben nun, daß die Zündhölzer trotzdem zu Hause angefertigt wurden, und so entzog man die Erlaubnißscheine. Auch Wandergewerbescheine zum Vertrieb der Phosphorhölzer wurden nicht mehr ertheilt. Die "Zeitschrift für Zündwaarenfabrikation" hat schon vor einigen Jahren in einer Eingabe an den Reichskanzler darauf hingewiesen, daß die Hausindustrie in Neustadt a. R. sofort aufhören müsse, wenn der Bezug von Phosphor dort unter Kontrole gestellt und Erlaubniß- scheine zum Ankauf von Phosphor nur an Jene ertheilt würden, welche sich im Besitz einer den Reichsgesetzen entsprechenden Fabrik beenden. Die Reichsgesetze Dom 13. Mai 1884 und 13. Mai 1886 genügten vollkommen, um die Hau-industrie unmöglich zu machen. Im Uebrigen "immt der Verbrauch von Phosphorhölzern mehr und wehr ab, und mit der Zeit werden sie ganz verschwinden.
Gegen den Kohlenwucher ist jetzt auch in Potsdam ^Nk Kundgebung erfolgt, die von den Geh. Regierungs- ^th Oberbürgermeister a. D. Bote, dem Geh. Regierungs- fath Zimmler und Regierungsrath Spicht unterzeichnet
Die Erklärung schiebt die ungeheure Preissteigerung Kohlen einer das Gemeinwohl schädigenden Ring- bildung zu und fordert schließlich die Potsdamer Kohlen- hiindler auf: in einer öffentlichen Erklärung, gemeinsam ”ötr einzeln, den Preis der böhmischen Braunkohle auf Pfg. für den Centner herabzusetzen und sich zu ver- sslichten, falls nicht ganz besondere Verhältnisse eintreten, shn auch im kommenden Winter und auch für Lieferungen w kleinsten Quantitäten an Selbstabholer nicht über 1 Mark für den Centner zu erhöhen. Erfolgt eine olche Erklärung nicht bis zum 15. August, so wollen die Unterzeichneten sich mit Gleichgesinnten vereinigen, und «ohlen in größeren Quantitäten zur Verabfolgung an
die ärmere Bevölkerung im Winter 1900/1901 zu möglichst billigem Preise beschaffen, und durch Gründung eines Kohleneinkaufs- (Konsum-) Vereins dafür Sorge tragen, daß fernerhin Ausbeutung der großen Mehrheit und insbesondere der finanziell schlecht gestellten Bevölkerung durch eine kleine Anzahl von Kohlenhändlern ausgeschlossen bleibt.
Hamburg. 10 Aug. Wie der Hamburgische Korrespondent meldet, ist der im Eppendorfer Krankenhause
pfolirte Pestkranke, der Steward Rauhut, heute Mittag ' gestorben. Alle anderen unter ärztlicher Beobachtung stehenden Personen befinden sich wohl.
Bremen, 11. August. Auf die Meldung von dem glücklichen Stabellauf des Kreuzers „Ariadne" auf der hiesigen Werft sandte der Kaiser von Wilhelmshöhe, wie die „Weserztg." meldet, an die Fürstin von Jnn- und zu Knyphausen folgendes Telegramm: „Es freut mich, daß auch Ew. Durchlaucht durch die soeben vollzogene Taufe der „Ariadne" nunmehr sichtlichen Antheil genommen haben an dem Wachsthum meiner Flotte. Möge der neue Kreuzer ein kräftiges Glied sein in der den Erdball umspannenden Kette, welcher ich zum Schutze und Förderung unserer Interessen so dringend bedarf."
Heiligenstadt, 3. Aug. Ein schweres Unglück ereignete sich gestern Mittag in der hiesigen Nadelfabrik. Eine 16jährige Arbeiterin wurde von einer Maschine an den Haaren erfaßt und ihr die Kopfhaut mit dem Haar, sowie beide Ohren abgerissen. Außerdem wurde ein Daumen abgerissen und mehrere Finger zerquetscht.
Göttingen, 9. August. Ein schreckliches Unglück ereignete sich vergangene Woche in hiesiger Stadt. In einem Gasthause waren ungefähr 20 Studenten und einige Privatpersonen, sowie die Wirthsfamilie in gemüthlicher Stimmung versammelt. Der großen Hitze wegen suchte sich die Gesellschaft durch Limonade, welche der Wirth mit dem Wasser seines eigenen Brunnen zubereitet hatte, den Durst zu löschen. Um Mitternacht verließen die Gäste in fröhlichster Stimmung das Lokal. Am folgenden Morgen stellte sich bei allen an der Gesellschaft Betheiligten ein Unwohlsein ein. Die herbeigezogenen Aerzte konstatirten Typhus und suchten den Grund in dem bazillenhaltigen Wasser, mit welchem die Limonade zubereitet wurde. Nach zwei Tagen erlagen zwei Studenten unter heftigen Schmerzen der Krankheit. Ferner starb vergangenen Dienstag der hiesige Kaufmann L. im 38. Lebensjahre und hinterläßt Frau und drei Kinder. An dem Aufkommen der übrigen Erkrankten ist zu zweifeln.
Aus Jdar-Oberstein. Seit Beginn des südafrikanischen Krieges sind bekanntlich die Preise der Rohdiamanten in fabelhafter Weise gestiegen und den Fabrikanten ist zur Zeit die Möglichkeit genommen, Schleifwaare zu annehmbarem Preise zu erstehen. Wie in Hanau, Amsterdam und Antwerpen, stehen auch die Schleifereien des Oberstein-Jdaer-Bezirks in Birkenfeld vor der Noth- wendigkeit der Betriebseinstellung.
Worms, 11. Aug. Wie an so vielen Orten, so lag auch hier in Worms das Submissionswesen sehr im Argen. Gelegentlich einer städtischen Submission hielt der damalige Stadtbaumcister Herr Hofmann, jetzt im Ministerium für Bauten in Darmstadt, dem Oberbürgermeister einen Bortrag, in welchem er es für ganz unmöglich erklärte, daß man die einzelnen Schundpreise annehme. Von einem Verdienst sei keine Rede mehr, die Auslagen seien kaum gedeckt. Der Oberbürgermeister I brächte die Sache in einer Magistrats-Sitznug zur : Sprache und erhielt den Auftrag, sich derselben anzu- .
nehmen. Alle Handwerker der Stadt wurden aufs Rathhaus beschieden und in längerer energischer Rede setzte der Oberbürgermeister ihnen klar auseinander, daß die jetzige Submissionswirthschaft nicht so forrgehen könnte! Daß es ganz unmöglich sei, es werde ein gesunder kräftiger Handwerkerstand, auf den Worms von jeher stolz war, nicht erhalten bleiben mit diesen Zuständen Mit Angeboten, welche die eigenen Kosten nicht decken, müsse der Handwerker zu Grunde gehen und die Stadt habe statt eines gesunden Handwerkerstands, der seine Ab gaben und Steuern bezahlt, arme Leute. Gehe das mit so unsinnigem Thun weiter, so falle später die Familie der Stadt zur Last. Der Stadtrath wolle sich der Sache gründlich annehmen I Jedes Handwerk solle in den nächsten drei Tagen sich die Preise überlegen und richtig einsetzen, einen Obmann wählen, und dieser solle die Preisliste dem Stadtbaumeister übergeben.
„Wegzuwerfen hat die Stadt nichts," sagte der Oberbürgermeister in der Versammlung, „es ist uns aber darum zu thun, unseren Handwerkerstand zu erhalten, uns zu erhalten einen zahlungsfähigen Mittelstand." Ein solches Vorgehen ist im Interesse der Erhaltung eines gesunden Handwerkerstandes zur Nachahmung sehr zu empfehlen.
Ausland.
Wien, 11. Aug. Nach der soeben erschienenen amtlichen Statistik traten in Oesterreich vom 1. Januar 1899 bis zum 1. April 1900 im Ganzen 7665 Personen von der katholischen Kirche zur evangelischen Kirche über.
Rom, 13. August. Ein schweres Eisenbahnunglück ereignete sich bei Cagteltiubileo in Italien, indem zwei Züge zusammenstießen. Zahlreiche Personen erlitten Verwundungen. Unter den Verwundeten ist auch der belgische Gesandte, welcher einen Beinbruch erlitt. Der König und die Königin reisten nach der Unglücksstätte.
In Serbien ist die Vermählung des Königs mit Frau Draga schon vollzogen worden. Der König brächte bei dem Festmahl zuerst auf den Kaiser von Rußland und den Präsidenten Loubet Trinksprüche aus, dann auf die anderen Staatshäupter. Das sagt genug!
Paris, 12. August. Das Torpedoschiff „Framen" ist am 11. August in der Höhe von Kap Vincent infolge Zusammenstoß mit dem Panzerschlachtschiff „Brennus" gesunken. Nur ein Theil der Mannschaft wurde gerettet, 50 Mann und 4 Offiziere ertranken.
London, 11. August. Aus Lorenzo Marquez wird gemeldet: Die Buren veröffentlichen ein Kriegsbulletin, worin sie mittheilen, daß eine große Schlacht zwischen Middelburg und Lydenburg stattgefunden hat, in welcher die Engländer geschlagen wurden. Die Engländer verloren 500 Todte uyd Verwundete. Im Oranje-Frei- staat errangen die Buren ebenfalls mehrere Siege. Diesem Bulletin zufolge haben die Buren Heilbronn, Dewillersdorp und Frankfurt zurückerobert. Präsident Krüger soll erklärt haben, der Krieg werde noch sehr lange dauern.
London, 13. August. Nach Meldungen aus Tientsin sollen sich die Chinesen in vollem Rückzüge auf Peking befinden. Voraussichtlich werden die Verbündeten in spätestens zwei Tagen vor Peking ankommen.
China. Die vereinigten Streitkräfte der Mächte bei Tientsin belaufen sich heute auf 38,000 Mann mit 114 Geschützen. Bei genauerer Berechnung wird man insgesammt etwa 30,000 Mann als zur Zeit für den Marsch auf Peking verfügbar annehmen dürfen. Deutschland ist vor der Hand in Tientsin nur noch mit 300
Mann
Schiffsbesatzungen und mit 4 Feldgeschützen Der«
treten; bis Ende September werden die Mächte in
Tschili
über 78,000 Mann mit 280 Geschützen ver
fügen. Rußland hat außerdem für die Operationen in der Mandschurei bezw. gegen den Norden Chinas noch eine Armee in Bereitschaft gesetzt. Rußland hat bis jetzt bereits die Verwendung von 160,000 Mann vorgesehen, während die gesammten gegen China bestimmten Streitkräfte zusammen sich heute schon auf rund 230,000 Mann mit über 500 Geschützen beziffern werden. Wie Rußland zu Lande, so hat zur See England die größte Machtentfaltung aufzuweisen. Es verfügt in den chinesischen Gewässern über 36 Schiffe und 10 Torpedoboote, während Rußland 10 Kriegsschiffe und 11 Torpedoboote, Japan 20, Amerika 11, Deutschland 9, Italien, Oesterreich und Holland zusammen 8 Schiffe dort schwimmen haben, so daß im Ganzen 117 Kriegsschiffe und 21 Torpedoboote
die chinesischen Küsten überwachen. Davon befinden sich im Golf von Petschili 70 Schiffe und 12 Torpedoboote, in Tsingtau 2 deutsche Schiffe, im Aangtsegebiet 21 Schiffe und 1 Torpedoboot, bei Kanton 18 Schiffe und 8 Torpedoboote. — 30 Meilen südöstlich von Tientsin oll von Kundschaftern eine große chinesische Armee ermittelt worden sein, die Vorbereitungen traf, den Angriff auf die Stadt zu erneuern. Bestätigt sich diese Angabe, dann würden die 30 000 Verbünde:en genöthigt werden, von Aangtsun nach Tientsin zurückzukehren, da die Be- atzung Tientsins nur 6000 Mann beträgt uud demzu- olge zu schwach ist, den Feind zurückzuwerfen. Der Bormarsch auf Peking erführe alsdann einen unangenehmen Aufschub.
Tientsin, 5. August. Das Treffen bei Peitsang begann heute früh 3', Uhr. Die Chinesen wurden aus