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Die Irre von Sankt Rochus.

Kriminalroman von Gustav Höcker.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Der Detektiv antwortete auf diese Frage nicht. Er nahm die Broschüre aus Gerths Hand, überschlug sie rasch von Anfang bis zu Ende, indem er die Blätter an seinem Daumen abgleiten ließ, lehnte sich in seinen alten Sessel zurück und begann von der ersten Seite an zu lesen, als wäre sein Besucher gar nicht vorhanden. Seine Wasserblauen Augen flogen sehr schnell, aber mit gespann­ter Aufmerksamkeit über die Zeilen. Zuweilen ließ er die Schrill sinken und schien ein paar Augenblicke nach- zudenken. Aber ob er nun las oder nachdachte, seine Miene blieb immer unbeweglich wie ein Stein, und ver­gebens strengte sich der junge Arzt an, aus derselben einen Eindruck herauszulesen.

So verging eine geraume Zeit, denn die Broschüre war ziemlich nmfangreich. Endlich legte der Detektiv sie vor sich auf den Tisch. Er war zu Ende damit.

Gerths Augen hingen an dem Munde dieses Mannes. Der Fall liegt verzweifelt," sagte der Detektiv.

Dann trat ein längeres Schweigen ein.

Der Vertheidiger hat zwar einige Punkte aufge­griffen, aber damit sein Arsenal vollständig erschöpft," unterbrach Allram endlich die Pause, indem er wieder nach der Broschüre griff und darin blätterte.Punkt eins: Wie das Blut an die Hand der Angeklagten ge­kommen sei, das ließe sich einfach damit erklären, daß diese durch eine unwillkürliche Bewegung des Schreckens, welcher sie sich selbst nicht bewußt gewesen, mit den Wunden des Erschlagenen in Berührung gekommen sein könne. Viel unerklärlicher erschien es dagegen und das ist Punkt zwei daß an dem Mordinstrumente selbst keine Blutspuren entdeckt werden konnten Hätten diese sich von dem eisernen Hammerkopf auch leicht ab­waschen lassen, so sei doch anzunehmen, daß, als der ganz neue, offenbar frisch aus dem Laden gekommene Hammer zu dem mörderischen Zwecke gebraucht wurde, der Stiel einige Blutspritzer davongetragen habe, die aus dem weißen Holze nicht spurlos entfernt werden konnten. Der Stiel sei aber glatt, rein und unversehrt gewesen. Man könne daher die Frage als eine offene betrachten, ob die That mit diesem oder mit einem anderen Hammer von gleicher Größe ausgeführt worden sei. Daß derartige Beweisstücke, wie hier der Hammer, schon vor Anführung eines Verbrechens unter das Eigenthum Unschuldiger praktiziert worden seien, um auf diese den Verdacht zu lenken, sei schon häufig dagewesen. Das ist richtig!"

Der Detektiv blätterte weiter und fuhr fort:Punkt drei betrifft die Thür, welche aus dem Empfangssalon des Professors auf den Korridor führt, stets sorgfältig von innen verriegelt war und dennoch vom Kriminal­kommissär unverschlossen gefunden wurde. Das Dienst­mädchen Therese Zeidler giebt zu, daß sie die Thüre in der ersten Bestürzung selbst aufgeriegelt haben könne. Sie könne sich hierin aber auch geirrt und die Thüre

bereits offen gefunden haben, meint der Vertheidiger. Beruhte es auf einer Vergeßlichkeit, daß der Riegel nicht vorgeschoben war, so traf es sich doch seltsam, daß gerade mit dieser ganz ausnahmsweisen Vergeßlichkeit der Mord zusammenfiel. War der Thäter eine andere Person als die Angeklagte, so mußte es für ihn von Wichligkekt sein, die Thüre offen zu finden, denn sein Eindringen durch dieses, dem Entree zunächst gelegene Zimmer in das Schlaikabinet war viel weniger der Gefahr ausgesetzt, bemerkt zu werden, als wenn er den Weg zu seinem Opfer durch den Sammlungssaal hätte nehmen müssen dem gegenüber sich das Zimmer der Vorleserin befand. Mit Recht hat der Vertheidiger diese Punkte hervor- gehoben, aber sie erschienen neben dem Belastungsmaterial unwesentlich."

Doktor Gerth seufzte schwer auf.

Könnte man nicht auf den Gedanken kommen, daß irgend eine Person ein Interesse gehabt habe, das Leben des Professors abzukürzen? frug er, sich seines ersten Gesprächs mit Konstanze erinnernd.

Hm , machte Allram,daß jemand seinen Tod herbeigewünscht hätte? Meinen Sie das mit Ihrer Frage?"

Es kommt ganz auf dasselbe heraus," erwiderte der Irrenarzt.

Gewöhnlich pflegen es ungeduldige Erben zu sein, die so etwas herbeiwünschen," bemerkte Allram trocken.

Professor Georgi hatte keine Leibeserben," fuhr Gerth fort.Seine Sammlungen hat er der Universität vermacht. Alles übrige aber, (der Sprecher dämpfte hier plötzlich die Stimme), sein bedeutendes Baarvermögen und sein Haus ist testamentarisch seiner Wirthschafterin Frau Bruscher zugefallen."

Ich verstehe," nickte der Detektiv.Aber hier ist beiläufig erwähnt." fügte er hinzu, auf die Broschüre deutend,daß Georgi an einem unheilbaren Brustübel litt, welches ihm nur noch eine kurze Lebensdauer ver­gönnt hätte. Ein paar Jahre früher oder später, 'as hätte sich schwerlich verlohnt, sich einen Mord aufs Gewissen zu laden und das Risiko, dafür um einen Kopf kürzer gemacht zu werden, zu tragen."

Das ist freilich auch meine Ansicht," gab Gerth zu. Vergebens suche ich nach einem anderen Grunde, und doch muß es einen solchen geben."

O ja," versetzte Allram,z. B. die Furcht vor einer Abänderung des Testaments zu Gunsten eines Anderen."

Ja, ja," rief der Arzt lebhaft,zu Gunsten eines Anderen! Das wäre ein Gedanke

Den wir noch weiter ausspinnen können, da wir nun einmal dabei sind, den Prozeß zu revidiren." sagte der Detektiv lächelnd.Es ist ja keine Seltenheit, daß Junggesellen im Alter des Pro'essors sich plötzlich heftig verlieben und die Welt durch einen Heirat in Erstaunen setzen. In den Zeitungen stand es, und in der Broschüre steht es auch, und Sie, Herr Doktor, können es vielleicht aus eigener Anschauung bestätigen, daß die Konstanze Herbronn eine ungewöhnliche Schönheit ist. Zu diesen