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Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

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^L 62. Samstag den 4. August 1900. 51. Jahrgang.

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1ilffh»ll 1t tt flOtt auf dieSchlüchterner Zeitung" SPl'H'l'UU.HyvIl werben nod) fortwährend von allen

- Postanstalten und Landbriesträgern, sowie von der Expedition entgegen genommen.

Deutsches Reich.

Berlin. Ueber das Eintreffen der kaiserlichen Fa­milie auf Wilhelmshöhe sind erst jetzt folgende zuverlässige Bestimmungen eingegangen: Am Freitag den 3. d. Mts., früh ein halb sechs Uhr, treffen die kaiserlichen Kinder, Nachmittags 4 Uhr Se. Maj. der Kaiser und Ihre Maj. die Kaiserin auf Bahnhof Wilhelmshöhe ein.

Der Kaiser und der Prinzregent von Bayern haben telegraphisch ihr Beileid anläßlich der Ermordung des Königs Humbert ausgedrückt. -- DerStaatsan- zeiger" meldet: Der Hof legt für König Humbert von Italien Trauer auf drei Wochen an.

DerReichsanzeiger" schreibt:Der König von Italien wurde das Opfer eines fluchwürdigen Verbrechens. Ueberall im deutschen Reiche erweckt der neue grauenvolle Ausdruck der anarchistischen Mordsucht, mit tiefstem Abscheu gegen den Thäte.', die innigste Theilnahme für die Herrscherfamilie und für die Bevölkerung des verbünde­ten Königreichs Italien. Das jähe Hinscheiden des edlen Monarchen trifft auch unser Vaterland als ein schmerzlicher Verlust. Der Kaiser und König besaß in dem hohen Entschlafenen einen treuen unvergeßlichen Freund, und mit der italienischen Nation trauert an der Bahre ihres geliebten ritterlichen Königs, voll herzlicher Sympathie für den erlauchten Sohn und Nachfolger, das ganze deutsche Volk." In Berliner Kreisen, die durchaus in der Lage sind, die Verhältnisse zu über­schauen, ist man der Ueberzeugung, daß hochstehende Personen, besonders gekrönte Häupter, anarchistischen Umtrieben so lange zum Opfer fallen werden, bis man dieselbe rücksichtslose Strenge anwendet, wie in Rußland gegen die Nihilisten, die durch sofort vollstreckte Todes- urtheile und durch die Verbannung nach Sibirien derart eingeschüchtert sind, daß ihre Organisation fast völlig aufgehört hat und ihre Thatkraft seit Jahren erlahmt ist. Gerade aber in Italien sei man mit unverzeihlicher Nachsicht gegen die Entwickelung und Ausdehnung der Anarchie verfahren. Auch der unglückliche König Hum- bert hatte für diese Gesellschaft viel zu hochherzige Re­gungen. Die dunkle That von Monza reiht sich würdig jenen Greuelthaten an, mit denen die Bahn des Anar­chismus gekennzeichnet ist, denen am 11. März 1880 Kaiser Axander II. von Rußland, am 24 Juni 1894 Carnot und am 10. September 1898 die Kaiserin Eli­sabeth von Oesterreich zum Opfer fiel, von allen jenen Attentatsversuchen abgesehen, die einen mehr oder minder schlimmen Ausgang nahmen.

Die Mannschaften für das deutsche Expeditions­korps sind so weit wie möglich aus im letzten Dienstjahr befindlichen Soldaten ausgewählt worden. Die Mann­schaften sowie die Unteroffiziere und Kapitulanten haben noch beim alten Truppentheilc eine Kapitulationsverhand- lung für ein weiteres Jahr abgeschlossen. Mit Mann­schaften, die gesetzlich noch ein weiteres Jahr zu dienen haben, ist eine Verhandlung ausgenommen worden, in der die Freiwilligkeit der Uebertritts zum Ausdruck kam. Die abzugehenden Mannschaften scheiden aus dem Heere aus und treten freiwillig bei dem neuen Truppentheil wieder ein. Den Theilnehmern der ostasiatsschen Ex- Pedition erwachsen aus diesen Unternehmungen durchweg recht erhebliche wirthschaftliche Vortheile. So sind den Truppentheilen auch Büchsenmacher und Waffenmeister zugetheilt worden, die als Freiwillige aus der Zahl der Anwärter entnommen sind, die in den Königlichen Mi­litärwerkstätten zu Spandau, Erfurt und Danzig beschäf­tigt werden. Die Leute, welche meistens jahrelang auf

die Berufung zu einem Truppentheil warten müssen, werden infolge ihrer Theilnahme an der Expedition nach China sogleich als Regimentsbüchsenmacher beziehungs­weise als Waffenmeister angestellt und haben auch nach der Rückkehr alsbald Anspruch auf solche Stellen im stehenden Heere. Auch in ihrer Besoldung stehen sie sich vorzüglich; sie erhalten mit der Tropenzulage monatlich etwa 500 Mark, dabei volle Verpflegung. Als Equi- Pirungsgeld bekamen sie (außer der vollen Tropenum- formirung) noch 500 Mark. In ähnlicher Weise haben auch andere an der Chinaexpedition bctheiligte Berufs­

arten, zum Beispiel die Feldapothcker, bedeutenden ma Krittle» Nutzen.

Voraussichtlich werden noch mehr deutsche Truppen nach China gehen. Denn wi^Me .N. A. Z." schreibt, hat sicherem Vernehmen nach der Kaiser grundsätzlich die Annahme von tropendienstfähigen, zu einer Verwendung in China freiwillig sich meldenden Unteroffizieren und Mannschaften des Beurlaubtenstandes für etwa noth­wendig werdende Ersatztransporte genehmigt. Durch die Bezirkskommandos werden in nächster Zeit entsprechende Ermittelungen angestellt werden. Die betreffenden Leute würden Handgeld und einen Löhnungszuschuß erhalten.

Infolge des zweimaligen Aufrufs zur Meldung Freiwilliger für die Chinaexpedition' haben sich, wie nach­träglich bekannt wird, im Ganzen weit über 120 000 Mann und nicht weniger als 3650 Offiziere gemeldet. Dieselben gehörten den verschiedenen Truppentdcilen aller Bundesstaaten an. Es ist das gewiß ein schöner Be­weis von Opfersreudigkeit, daß so viele Söhne unseres Vaterlandes sich ohne Besinnen bereit erklärten, für die deutschen Interessen im fernen Osten mit ihrem Blute einzustehen! Die Soldaten der ostasiatischen Infanterie- Regimenter haben sämmtliche die BezeichnungMusketier- erhalten, ohne Rücksicht darauf, ob sie früher Grenadiere, Füsiliere, Jäger oder Schützen waren.

Die deutschen Verluste. Bisher liegen über die deutschen Verluste an Todten und Verwundeten nur Theilangaben vor. Nach den vorliegen den amtlichen Berich­ten sind bis jetzt auf dem Felde der Ehre 3 Offiziere und 30 Mann gefallen und 180 Mann, darunter 9 Offiziere, verwundet worden. Dazu kommen noch die Vermißten des Pekinger Detachements: 1 Offizier und 50 Mann. Unser Gesammtverlust beträgt demnach ein­schließlich der Vermißten 264 Offiziere und Mannschaften.

In Berlin ist ein Telegramm aus Tientsin ein­gegangen, welches besagt, daß es einem Reitknechte des Freiherrn von Ketteler gelungen ist, am 9. ds. Mts aus Peking zu entkommen. Nach den Aussagen dieses

früheren Angestellten des deutschen Gesandten in Peking, der sich jetzt in Tientsin befindet, hätten die fremden Gesandten am 9. Juli noch gelebt und wären auch noch mit Nahrungsmittel für etwa 14 Tagen ver­sehen gewesen. Wenngleich damit noch nicht gesagt ist. daß die Vertreter der anderen Mächte noch am Leben sind, so ist es doch nicht ganz ausgeschlossen, daß China die Gesandten thatsächlich als Geiseln zurückbehält. Im günstigsten Falle, an den nach den bisherigen Erfahr­ungen zu glauben, leider nicht einmal unzweifelhafte Veranlassung vorliegt, könnte nur noch ein kleines Häuf­lein Fremder in Peking am Leben srin. Daß aber auch nur wenige noch standhalten konnten, dürfte auf dem mehrfach erwähnten Gegensatz zwischen einem Theile der chinesischen Regierungstruppen und den Boxern zurück- zuführen sein. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Machthaber in Peking schließlich den Rest der tapferen Vertheidiger der britischen Gesandtschaft schonen werden. Dann erleben wir eine neue Auflage der infamen chine­sischen Handlungsweise vom Jahre 1860, wo schließlich die Engländer und Franzosen statt der angeblich wohl­behaltenen Parlamentäre (die die Chinesen völkerrechts­widrig gefangen genommen hatten) ein Häuflein halb­todter, durch Martern entstellter Menschen und eine Anzahl Leichname ausgeliefert wurden.

Unangenehme Folgen wird für eine Anzahl Frei­williger von dem in Potsdam formirten ostasiatischen Reiterregiment ein Exzeß haben, den sie am Sonntag in dem TanzlokalKolosseum" verübten. Am Montag haben zahlreiche Vernehmungen wegen dieser Affäre statt, gefunden, wobei 26 Mann ermittelt wurden, die sich gegen die du jour-^abenben Unteroffiziere renitent be­tragen haben. Denselben wurde eröffnet, daß sie nicht mit nach China dürften und strenge Bestrafung zu er­warten hätten. Es wurden bereits Schritte gethan, um von den Kavallerie-Regimentern andere Freiwillige zu erhalten, die statt der 26 Zurückgebliebenen eintreten sollen.

Der in diesen Dingen meist gut unterrichtete klerikaleBayerische Kurier" schreibt: Seit ein paar Wocheu taucht bald in Berlin, bald in München die

Nachricht von Verhandlungen über eine päpstliche Nuntiatur für Deutschland wieder auf, gewöhnlich in der Form, daß die Verhandlungen am Wiederstand der deutschen Regierung gescheitert seien. ^Wir sind in der Lage, zu erklären, daß von einem Scheitern der Ver­handlungen noch keine Rede ist. München will bcgrcif- , licherweise Sitz der Nuntiatur bleiben, aber so wenig 'eine Reichsnuntiatur bergen, wie irgend einen anderen

Reichsgesandten. Dagegen ist sowohl im Reiche wie in Rom der Wunsch nach einer Nuntiatur erster Klasse die Münchener ist eine solche zweiter Klasse für das Reich vorhanden. Die Verhandlungen darüber hängen eng mit jener über die Straßburger theologische Fakultät zusammen. Gelingt es, diese und die eine und die andere Frage noch gütlich zu regeln, so ist die Versetzung des Nuntius Sambucetti in eine mitteldeutsche Stadt als Reichsnuntius und die Ernennung des Freiherrn von Hertlmg zum deutschen Gesandte beim Vatikan die nicht unwahrscheinliche Folge.

Der Minister des Innern hat, wie dieRh.- Westf. Ztg." mittheilt, mit Rücksicht auf die Zunahme schwerer Verbrechen gegen Eigenthum und Leben und die Schwierigkeiten, welchen die Feststellung der Thäter­schaft bei derartigen Verbrechen immer mehr begegnet, die Regierungspräsidenten ermächtig, künftig in solchen Fällen selbstständig für die Ermittelung von Verbrechen Be­lohnungen bis zum Betrage von 3000 Mark auszusetzen.

Der Arbeitsmarkt und die chinesischen Wirren. Die Unsicherheit der Lage in China hat schon zu einer erheblichen Beeinträchtigung des europäischen und speziell des deutschen Arbeitsmarktes geführt. Besonders lebhafte Klagen kommen aus Lancashire, wo mehrere Baumwollwebereien ersten Ranges ihren Betrieb sehr empfindlich haben einschränken müssen, und es keineswegs ausgeschlossen erscheint, daß diesen Betriebseinschränkungen völlige Einstellungen folgen werden, wenn die ostasiatische Krise nicht schleunigst behoben wird. Auch andere Ge- werbszweige in England werden von der Geschäftsstockung betroffen. Viel weniger wird der französische Arbeits­markt durch die Wirren berührt, da Frankreich in un- gteich höherem Grade der Abnehmer als der Lieferant Chinas ist. Auch in Deutschland ist, wie derArbeits- tr«&- mittheilt, in erster Linie der Arbeitsmarkt im Textilgewerbe betroffen. In Bocholt wirken die kriege­rischen Verwickelungen in Ostasien und Südafrika so nachtheilig auf den Geschäftsgang, daß mehrere hundert Arbeiter in der Woche feiern müssen. Die Leipziger Wollkämmerei hat 200 Arbeiter entlassen. Eine große Teppichfabrik in Oelsnitz i. S., die hauptsächlich für die Ausfuhr arbeitete, hat ihre Erzeugung bedeutend ein- geschränkt. Nächst dem Textilgewerbe leidet ganz be-

sonders die Eisenindustrie. Zunächst verlautet, daß auf den Kruppschen Werken starke Betriebseinschränkungen vorgenommen worden seien. Jedenfalls steht so viel fest, daß im rheinisch-westfälischen Industriegebiete die chine­sischen Wirren am stärksten ihre rückwirkende Kraft auf den Arbeitsmarkt üben. Auf den großen Werken bei Dortmund, Bochum, Essen und Mülheim sind verschiedene Betriebe nur schwach beschäftigt. Die Kleineisenindustrie, die an der Ausfuhr nach China ziemlich stark betheiligt ist, kann ihre fertigen Aufträge nicht absenden und muß die Vollendung der übrigen Aufträge hinausschieben. Infolge dessen entstehen er­hebliche Betriebseinschränkungen. Namentlich gilt dies von den Werken der Kleineisenindustrie bei Jserlohn, Lethmathe, Altena, Hagen, Remscheid und Solingen. Die Jserlohner Nadelindustrie ist derart in Mitleiden­schaft gezogen, daß die meisten Fabriken den Be­trieb einstellen. Auch die Seidenindustrie wird von den Ereignissen in China in empfindlichster Weise berührt. Die chinesische Scidenernte weist einen ganz erheblichen Minderertrag auf, sodann ist aber auch zu befürchten, daß die Zufuhr chinesischer Seide vollständig abgeschnitten werden kann. Unter dem Drucke der Ver­hältnisse haben bereits mehrere deutsche Seidenfabriken am Niederrhein erhebliche Betriebseinschränkungen ein­treten lassen müssen. Bezeichnend für die gegenwärtige Situation ist es auch, daß eine bedeutende Crefelder Maschinenfabrik, welche speziell Maschinen und Utensilien für die Seidenfabrikation liefert, Arbeiterentlassungen vor­genommen hat. Aus Frankreich, Italien und der Schweiz kommen ähnliche ungünstige Meldungen.

Mülheim (Ruhr), 28. Juli. Ein recht bemerkens- wertheS Zeichen der Zeit ist eine Warnung vor Kreuz­zügen durch den Evangelischen Bund. Eine Vertreter- Versammlung vom Rheinischen Hauptverein des Evan­gelischen Bundes beschäftigte sich hier nnter Anderem mit der China-Frage. Es wurde folgende Erklärung an­genommen : Die Provinzial-Versammlung protestirl vom evangelischen Standpunkte gegen den Grundsatz, daß das Blut der christlichen Missionare durch staatliche Macht­mittel zu rächen sei, und macht alle nationalen Kreise