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WWernerMtung

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

32 58. Samstag, den 21. Juli 1900. 51. Jahrgang.

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S^ft^Ihmrt^tt auf bie -Schlüchterner Zeitung» »erben nod) fortwährend von allen ^^........- Postanftalten und Landbriefträgern, sowie von der Expedition entgegen genommen.

Aufruf.

Bei der ernsten Wendung der Ereignisse in China hat das Central-Comitee der unter Allerhöchstem Protek­torat stehenden Deutschen Vereine vom Rothen Kreuz nicht gesäumt, die Unterstützung der amtlichen Sanitäts­pflege durch die Vereinsorganisation dem Reichs-Marine- amt anbieten zu lassen.

Dieses Anerbieten ist angenommen worden. Die erste Sendung reichhaltiger Materialien >ür Verpflegungszwecke, die Gestellung von freiwilligem Personal für Lazareth- pflege, sowie die Errichtung zunächst eines überseeischen Vereins-Lazareths sind in Vorbereitung.

Das Central-Comitee erachtet es für seine Pflicht, allen Kreisen in Deutschland, welche an dem Loos unserer braven Truppen herzlichen Antheil nehmen, hiervon Kenntniß zu geben.

Beiträge zur Verwendung für die obengenannten Be­dürfnisse nimmt die Schatzmeisterkassedes Central-Koinirees. Königl. Hanpt-Seehandlungskasfe, Berlin W., Jäger­straße 21, entgegen.

Die Bildung weiterer Sammelstellen ist erwünscht. Das Central-Comitee

der Deutschen Vereine vom Rothen Kreuz:

B. von dem Knesebeck, Vorsitzender, von Spitz, Dr. Koch,

General der Infanterie z. D. Präsident des Reichsbank-

1. fteßoertret. Vorsitzender. Direktoriums, Wirklicher Geheimer Rath, 2. fteßoertret. Vorsitzender. Havenstein, Dr. Lieber,

Präsident der Seehandlung, Generalarzt a. D. Schatzmeister. Generalsekretär.

Vorstehenden an alle Deutschen Landes-Vereine vom Rothen Kreuz gerichteten Aufruf des Deutschen Central Comitees bringe ich mit der Bitte um Gewährung von Spenden aus allen Kreisen hiermit zur öffentlichen Kennt niß. Der stellvertretende Schatzmeister vom hiesigen Zweigverein vom Rothen Kreuz, Kreis Ausfchnßsckrctär Schaefer, ist bereit, die für diesen Zweck bestimmten Gaben, über welche in der Presse Rechnung gelegt werden wird, zu jeder Zeit entgegen zu nehmen.

Schlüchtern, den 16. Juli 1900.

Der Vorsitzende des Zweigvereins vom Rothen Kreuz: R oth, Geheimer Regierungsrath

Die Wirren in China.

Nachdem nun über jedem Zwei'cl erhaben ist, daß alle Gesandten in Peking ermordet wurden, hat Deutsch land nicht niehr allein die Aufgabe. Vergeltung zu üben neben der Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung in China haben jetzt vielmehr alle in Peking vertretenen Mächte die Pflicht, Vergeltung zu üben. Es wird da­her ein Strafgericht an China vollzogen werden, wie es die Welt noch nicht gesehen bat. Wie Deutschland durch die Ermordung Kettelers, so ist jetzt allen Großmächten der Erde Schimpf und Hohn gesprochen worden, ihnen allen gegenüber ist der geheiligste Punkt des Völkerrechts in schaudervollster Weise verletzt worden. Es gilt jetzt für sie Alle, Rache zu nehmen. Und geht es am Tage der Abrechnung blutig her, und werden die Leiter der Bewegung und die Amwiegler der Massen an die Mauer gestellt und erschossen, dann wollen wir uns die Gran samkeiten vergegenwärtigen, die in b r Nacht vom 6. zum 7. Juli in der Gesandtschaft verübt wurden, und wir können mit gutem Gewissen auch das blutigste Gericht als gerecht anerkennen.

Brüsseler Meldungen zufolge beträgt die Zahl der Op'er in Peking 800 Männer, Frauen und Kinder; nach anderen belauft sich diese Zahl auf mindestens 1000 Personen. Prinz Tuan, der persönlich das Massacre leitete, war als Leutnant in den Jahren 1876- 78 dem Brüsseler Carabinier Regiment zugetbeilt. Seine damaligen Kameraden schildern Tuan als einen Mann von umfassender Bildung und humaner Gesinnung, welcher stets energisch eine Rc.vriuirung Chinas forderte. Daß die Mächte die gemeinsame Schmach solidarisch aufnehmen und rächen werden, darf mit Bestimmtheit an­genommen werden. Jedenfalls werden die Vorberathungen über die zu ergreifenden Maßnahmen in kürzester Frist

ausgenommen werden, sodaß mit der Ausführung der gefaßten Veschlüfse begonnen werden kann, sobald hin­reichende Truppen zum Vormarsch auf Peking gelandet sind. In welcher Weise die Vergeltung geübt werden wird, läßt sich heute noch nicht sagen. Ein Vorschlag derKöln. Ztg." ist jedenfalls bca-ktenswerth.Das Chinesenlhnm, wenn auch nicht die Regierung oder das Volk," so schreibt das Blatt,hat uns den Kampf auf­gezwungen und durch die Pekinger Blutthaten die Form bezeichnet, in der er ausgenommen werden muß. §ente muß die gesammte abendländische Civilisation sich für die Rache stark machen, die Chinesen wie Kanibalen be­handeln, Peking von Grund aus zerstören. Falls die Mächte es aus politischen Gründen für erforderlich halten, sollten sie die Chinesen zwingen, auf den Trümmern ihrer alten, die neue Hauptstadt aufzubauen als eine nach den Grundsätzen des Abendlandes gedachte freie Stadt."

Ueber die Folgen des Pekinger Blutbades hat sich unser langjähriger früherer Gesandte in China, Herr v. Brandt, dahin ausgesprochen, daß die Aufgabe dcr Mächte keine kleine sei. Der Umstand, daß es den etwa 20000 Mann europäischer Truppen nicht möglich war. Peking zu entsetzen, hat auf die Entwickelung der Dinge in China einen unheilvollen Einfluß geübt. Es wird den chinesischen Behörden in Zukunft auch bei dem besten Willen unmöglich sein, der Aufstandsbewegung und ihrer weiteren Ausbreitung Einhalt zu thun. Greift der Auf­stand aber, wie es leider bereits der Fall zu sein scheint, auf die Mitte und den Süden Chinas über, so stehen die an der Frage betheil'gten Mächte vor einer Aufgabe, die an Größe und Schwierigkeit alles übertreffen dürfte, was Europa bis jetzt im Kämpe mit Eingeborenen anderer Länder zugcmnthet worden ist. Um das Um­sichgreifen der Erhebung zu verhindern, ist vor allem ein schnelleres und schärferes Vorgehen im Norden ge­boten. Die Regenzeit, Ueberschwemmungen und die Hitze werden die Operationen erheblich erschweren, aber alle die Bedenken müssen vor der Thatsache zurück- treten, daß Peking so schnell als möglich genommen werden muß Der Herr Pekings ist der Herr ganz Chinas. Recht bedenklich ist der Beschluß der Gou­verneure von den Provinzen Hope, Hunan und Honan, den Weisungen des fremdenfeindlichen Prinzen Tuan zu gehorchen; es sind denn auch bereits zahlreiche Christen in dielen Provinzen niedergemetzelt worden. Weiter be­zeichnet es eine Shanghaier Meldung als eines der ernstesten Merkmale der Lage, daß den Boxern nahege- legt worden sein soll, sich nach Süden zu begehen; wie es heißt, wollen sie Tschinghangpo am Großen Kanal zum Sammelpunkt von fünf Regimentern machen Aus Tschifu wird gemeldet: Prinz Tuan mobilisirte bis zu 950.000 (?) Mann, die in mehrere Korps getheilt sind. Das nördliche Korps hat Befehl, die Fremden am Amur zu vertreiben. Seine Pekinger Armee ist in vier Korps getheilt; das erste hat gegen Mulden zn marschiren und ein Theil desselben die Straßen zwischen Peking und Schanhaikwan zu besetzen; das zweite Korps wird bei Tientsin, das dritte bei Peking, das vierte bei Nanking konzentrirt; ein Theil des dritten Korps wird in der Stärke von 40,000 Mann gegen Wcihaiwci und D'ingtau dirigirt. Eine Meldung aus Shanghai lautet: Die chinesische Flotte ist im chinesischen Meere konzentrirt, wo Feindseligkeiten erwartet werden. Eine Nachricht aus Nanking besagt, infolge der Befehle des Prinzen Tuan herrsche eine große militärische Bewegung wegen des Erscheinens der Japaner auf chinesischem Boden. Der Vizekönig von Nanking habe den fremden Konsuln angezeigt, daß er für die Ereignisse in Schao sin, Ningpo und Tschutschau die Verantwortung nicht über­nehmen könnte. Die Ausländer eilten nach Shanghai, wo wenig Truppen seien Die Lage sei beunruhigend. Aus Ningpo, wo die Häuser in Brand gesteckt und die Missionäre mißhandelt wurden, seien 16 Ausländer an­gekommen. Die aufständische Bewegung habe sich Süd­chinas bemächtigt, die Fremden in Tschnautschu und Jntschu wurden angegriffen, und es herrsche allgemeine Panik. Aus Tichifu, 11. Juli, meldet derStandard', daß die ganze männliche Bevölkerung der drei nördlichen Provinzen Chili, Schansi und Schantuna sich zusammen- häufe, um Peking zu vertheidigen. Die Chinesen der anderen Provinzen werden noch durch die Furcht vor den Folgen einer Antifremdeubewegung zurückgchaltcn, doch wird auch deren Erhebung befürchtet.

London, 16. Juli.Daily Expreß" meldet aus Shanghai vom 15. Juli: Alle Fremden aus der Provinz Chekiang sind hierher geflohen. 20,000 chinesische Christen in den Provinzen Hupe und Honau sind in den letzten Tagen unter den furchtbarsten Martern hingemordet worden. Tausende von Boxern rücken auf Weiheiwai vor. Die Bewegung macht im ganzen Lande reißende Fort­schritte. Prinz Tuan habe 950,000 Mann mobil gemacht. Sehr beunruhigende Meldungen kommen plötzlich aus Shanghai. An 100,000 Chinesen mit Mausergewehren und moderner Artillerie sind auf Shanghai im Anmarsch gegenwärtig in drei Kolonnen 40 Meilen von dort wo sie biwakiren. Die Chinesen drohen, den großen Oel- behälter in Brand zu stecken. Die Haltung des Volkes werde täglich unverschämter.

Petersburg. Die Chinesen sind mit 7 Batterien in Ostsibrien eingefallen und haben die Stadt Bajewiescht- schensk bombardirt. Sie nahmen alsdann eine Stellung an den Ufern des Amurflusses ein. Durch diese Be­wegung stören sie jeden Verkehr auf der transsibirischen Bahn. Es ist eine überraschende Nachricht, daß die chinesischen Truppen einen solchen Sieg über die Russen davongetragcu hätten. Man weist darauf hin, daß sich eine so bedeutende Artillerie-Streitkraft an der sibirischen Grenze befand und fügt hinzu, daß Rußland die erste Macht sei, welche die Abtheilung Chinas zu beginnen habe.

Deutsches Reich.

Berlin. Der Kaiser wird nach seiner Rückkehr aus dem Norden in Bremerhaven von den nach China ab« gehenden Truppen persönlich Abschied nehmen.

Die Telegramm-Censur gegen die Berliner chine­sische Gesandtschaft ist aus Anlaß des fort und fort von den chinesischen Vertretern getriebenen Doppelspiels von der deutschen Regierung verhängt worden. Wie die Nordd. Allg. Ztg." hochoffiziös an der Spitze des Blattes mittheilt, hat sich der Staatssekretär des Aus­wärtigen Amtes, Graf v. Bülow, veranlaßt gesehen, der Berliner chinesischen Gesandtscha t bekannt zu geben, daß es ihr bis auf Weiteres nicht mehr gestattet werden könne, chiffrirte oder in verabredeter Sprache abgefaßte Telegramme abzusenden, und daß offene Telegramme vor der Absenkung dem Staatssekretär zur Genehmigung der Beförderung vorzulegen seien.

Die ermordeten Deutschen in Peking. Unter den 1000 Opfern der Pekinger Katastrophe befanden sich folgende Deutsche: Zur deutschen Gesandtschaft gehörten der erste Sekretär v. Bergen, Leutnant v. Loesch und Stabsarzt Dr. Beide; ferner gehörten dazu der Dolmetscher C Cordes, der als Hüllsschreiber kommandirte 'Seesoldat Koch vom Gouvernement Kiautschou, Kanzleischreiber Pi rement, Hummelke und Dolmetscher Eleve Dr. Mcrk- linghaus. Das zum Schutze der Gesandtschaft in Peking seit Anfang Juni stalionirte Detachement bestand aus einem Offizier (Oberleutnant Graf v. Soden) und 50 Mann von dem Seebataillon in Kiautschou. Außerdem befanden sich von Deutschen in Peking: Die Professoren der kaiserlichen Universität, Stuhlmann, Coltmann, Bis- maref und v. Bronn, die Missionarin Frau Marie Leithauser, vier deutsche Beamte der Zollverwaltung und die zu gewerblichen und Handelszwecken in Peking an­wesenden Deutschen mit ihren Familien. Eigene deutsche Handelshäuser, Banken und industrielle Unternehmungen bestanden in Peking nach den Angaben der im Reichs­marineamt bearbeiteten Denkschrift über die deutschen Seeutteressen und überseeischen Kapitalanlagen nicht.

Was kostet uns der chinesische Feldzug? Zur Beantwortung dieser Frage stellt dieBresl. Morgen- zeitung" die nachstehende Berechnung an: Die Aus­rüstung und der Transport eines Soldaten nach China kostet etwa 1600 Mk. Senden wir 10.0QC Mann nach China, so belauft sich das auf 16,000,000 Mk. Rechnet man auf den Kombattanten täglich 20 Mk., so würde ein Feldzug von 6 bis 7 Monaten, ausschließlich der Reisedauer, weitere 40 Millionen Mk erfordern, wozu dann noch die Rückreise mit etwa 8 Millionen käme. Im Ganzen würde also der Krieg, falls er glücklich ab- läuft, mindestens 64 Millionen Mk. kosten. Die Er­fahrung der Engländer in Afrika lassen aber die Ver­muthung aufkommcn, daß mit 10,000 Mann nicht viel gethan sein wird. England hat in Afrika 200,000 Mann stehen und kommt dennoch gegen die Hand voll Buren nur nothdürftig weiter. Sollte China sich stärker er*