WWernerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 57.
Mittwoch, den 18. Juli 1900.
51. Jahrgang.
l^fttlhitirtOH ""k die .Schlüchterner Zeitung" werben nod) fortwährend von allen ' ------' Postanstalten und Landbriefträgern, sowie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsche Männer.
Es gibt keine Männer mehr! Wie oft ist dieses Thema von Nörglern und Schwarzsehern bei uns erörtert worden! Nicht gering war die Zahl derjenigen, welche glaubten, daß die Helden, deren Großthaten in der Geschichte unseres Volkes so manches Blatt füllen, ausgestorben seien und mit ihnen Muth, Tapferkeit und deutsche Treue. Die Begebenheiten der letzten Tage haben das Gegentheil bewiesen, sie haben an herrlichen Beispielen gezeigt, daß die Epigonen der Ahnen würdig sind.
Wie immer, wenn der Kriegsruf die deutschen Lande durchbrauste und die Söhne deutscher Mütter in den Kampf rief, so sind auch dies diesmal, wo es nicht gilt, den Feind an den Grenzen des Vaterlandes niederzu- werfen, sondern fern von der Heimath für unsere verletzte nationale Ehre einzutreten, in Nord und Süd, in Ost und West taufende von Freiwilligen zu den Fahnen geeilt — ein schlagender Beweis, daß die Kampfes- Freudigkeit und die Hingabe an das Vaterland heute noch ebenso lebendig sind, wie in den Zeiten unserer Altvordern. Dieser Gesinnulig entsprechen die Thaten. Wer könnte die Berichte über die Leistungen unser Soldaten in China anders als mit Bewunderung und Stolz lesen! Wo immer die Deutschen eingriffen, da haben sie trotz ihrer geringen Zahl die Entscheidung herbeigeführt und durch ihre Tapferkeit und Todesverachtung die Truppen der anderen Mächte in den Schatten gestellt. Selbst der englische und der russische Ober-Befehlshaber haben eS sich nicht versagen können, in ihren Meldungen den Heldenmuth und die Eriolge unserer Offiziere und Mannschaften als ganz hervorragend zu bezeichnen.
Auch Freiherr v. Kcttclcr war ein deutscher Mann im besten Sinne des Wortes. Sein Name wird stets genannt werden, wenn deutsche Treue gewürdigt werden soll. Während bie Vertreter der andern Mächte in Peking, besorgt um ihr Leben, es nicht wagten, die Straßen der chinesischen Hauptstadt zu betreten, ritt unser Ge- sandter, nicht achtend der ihm drohenden Gefahr, nur seinem Pflichtgefühl gehorchend, nach dem Auswärtigen Amt, um die leitenden Männer Chinas zur Besinnung zu führen. Auf diesem Wege wurde er ermordet. In rascher Entschlossenheit bemächtigten sich darauf — nach übereinstimmendem Berichte aller zu uns gedrungenen Zeugen — die deutschen Schutztruppen, nur 45 an der Zahl, aber entschlösse«, den Mord zu rächen, des Thores, das die Straße der europäischen Gesandtschaften in Peking beherrscht. Mit eroberten Kanonen fegten sie die Straße rein und hielten treue Wacht durch Tag und Nacht — wie lange, wissen wir nicht. Aber das Bild steigt unS vor der Seele auf, wie vor mehr als anderthalb tausend Jahren die Burgunden am Ho^e Etzels in bitterer Todes noth den letzten Kampf in Ehren ausfochten mit den sich immer erneuernden Schaaren der Hunnen. „Wie sie die Todten aus dem Saale warfen," „wie die Königin den Saal verbrennen ließ," wie sie erschlagen wurden Einer nach dem Andern, doch keiner ungefüllt bis es dann schließlich hieß: „Da war der Helden Herrlichkeit hingelegt im Tode " — Es wird in Peking kaum anders gewesen sein wie damals.
Ebenso erhebende Momente enthält bei allen Schreck hissen das entsetzliche Unglück, das vor wenigen Tagen den Norddeutschen Lloyd in Newyork betroffen hat. In dem Kapitän der „Saale", Mirow, vereinigten sich die schönsten deutschen Eigenschaften: Pflichterfüllung, Tapferkeit, Heldenmuth und Todesverachtung zu jener Selbst- aufopierung, die geradezu Grauen einflößt. Er wartet ruhig, bis das Feuer an seiner Uniform emporzüngelt. Empfindungslos gegen alle TodeSschrecken, die ihn umgeben, bleibt er felsenfest auf seinem Posten. Erst als das Feuer an seinem Gewände loht, stürzt er sich selbst in die Flammen — zum qualvollsten Tod. Wahrlich, eine heroische That!
Ein Volk, das solche Männer hervorbringt, braucht nicht zu verzagen. Ihm ist großes beschicken. (H. A.)
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser hielt Sonntag Gottesdienst an Bord der .Hohenzollern" ab. Nach dem Frühstück
für die ständige Beschaffung guten und gesunden Trink- wassers gesorgt. 2 Millionen Cigarren und 200 Centner Rauchtabak gelangten im Auftrage der Militärverwaltung für die deutschen Truppen in China zum Versandt. Weitere Sendungen folgen nach Bedarf. — 25,000 Kilogramm Preißelbeeren in Zucker muß die Firma Emil Schwabe in Berlin für unsere Truppen nach Ostasien liefern, und zwar innerhalb 10 Tagen. Die Waare wird extra für den Tropentransport eingedämpft und dann in hermetisch verschlossene Blechbüchsen und Kisten verpackt. — Die Firma Demhardt u. Co, Sektkellerei zu Koblenz, hat 1000 Flaschen Kabinet zu Gunsten der Kranken und verwundeten Soldaten in China geschenkt.
— Die Desertion der Chincsenkompagnie in Kiaut- schau. Die Shanghaier Meldung über die Desertion der unter dem Kommando des Oberleutnants Schüller stehenden Chinesenkompagnie überrascht selbst bei der bekannten Treulosigkeit der Chinesen und bedarf der Bestätigung, da bisher über diese Truppe Günstiges mitgetheilt wurde. In einem Bericht über bie Chinesen- Compagnie wurde vor einiger Zeit die erstaunliche Körper- gewandtheit und der Lerneifer der Leute hervorgehoben. Jeder Kompagniechef würde weich gestimmt werden, wenn er die Gewandtheit im Marschircn und Turnen und die erstaunliche Gelenkigkeit dieser Chinesen sehen würde. Sie haben kleidsame Uniformen, anliegende Röcke mit Husarenschnüren, blaue Pumphosen und Schnürschuhe und als Kopfbedeckung einen spitzen chinesischen Helm mit Roß- Haarschweif in Schwarz-weiß-roth, als Juterimsbedeckung eine schwarze Kappe mit rothem seidenen Knopf; da in der Provinz Shantung das Gerücht verbreitet wurde, den Soldaten der Kompagnie würden bie Zöpfe abge- schnitten, so legt der Kompagniechef besonderen Werth auf sch^r gebunbe Zöpfe. Mit der ReinUchleil, auf die sehr streng gesehen wird, können sich die Chinesen durchaus nicht befreunden. Das allwöchentliche Baden in der Badeanstalt und das tägliche Waschen, sowie die Sauberkeit in den Kasernements und in den Höfen er« scheint ihnen geradezu lächerlich. Alle Kommandos werden deutsch, die Instruktionen dagegen chinesijch gegeben. Das Lehrerpersonal kann chinesisch sprechen.
— Von der Ermächtigung, das Postcheckverfahren einzlllühren, beabsichtigt der Reichskanzler nach der Nat.-Ztg. keinen Gebrauch zu machen. Die Regierungsvorlage, durch die der Reichskanzler ermächtigt werden sollte, das Verfahren einzuführen, wurde bekanntlich vom Reichstag wesentlich umgestaltet. Die Gebühren wurden fast ganz beseitigt und die Verzinsung der Einlagen aufgehoben. Ob dem Reichstage eine neue Vorlage unterbreitet werden soll oder ob der ganze Plan als enbgiltig gescheitert zu betrachten ist, entzieht sich der Kenntniß.
— Die amtliche Publikation des hochwichtigen Fleisch- beschangesetzeS ist nunmehr eifolgt. Diejenigen Vorschriften deS Gesetzes, die sich auf die Herstellung der zur Durchführung der Schlachtvieh- und Fleischbeschau erforderlichen Einrichtungen beziehen, sind mit dem Tage der Wer« kündung des Gesetzes in Kraft getreten. Im Uebrigen wird der Zeitpunkt, mit dem das Gesetz ganz oder theil- weise in Kraft tritt, durch kaiserliche Verordnung mit Zustimmung deS Bundesraths bestimmt. Betreffs der AuSführungsbestimmungen darüber werden sich noch mancherlei Schwierigkeiten ergeben. Ursprünglich war daS erst später in das Gesetz hineingebrachte Einfuhrverbot für Büchsenfleisch und Wurst regierungsseitig nicht beabsichtigt. Nun verlautet, wie die „B. N. N." bemerken, daß zur Zeit die Militärverwaltung für die Expedition nach China große Quantitäten Wurst und Büchsenfleisch im Auslande kaufe. Ist die Thatsache richtig, so ist es ebenso bie von den Gegnern deS Gesetzes dazu gemachte Bemerkung, daß, wenn ausländische Wurst und ausländisches Büchsenfleisch nicht gut genug für den inländischen Verbrauch sind, man doch erst recht den nach China gehenden deutschen Matrosen und Soldaten nicht eine vielleicht gesundheitsgejährliche Nahrung mitgeben solle.
Aus der Mark. Ein blinder Nachtwächter. Unter dieser Spitzmarke wird dem „Lübener Stadtblatt' ge« schrieben : Die wohl einzig dastehende Thatsache, daß eine Gemeinde einen blinden Nachtwächter hat, darf aus einem Kirchdorfe des Kreises Lüden gemeldet werden. Nach altem Brauche ist es in dem betreffenden Dorfe noch Sitte, daß die Hausväter abwechselnd die Nachtwache
arbeitete der Monarch mit den Vertretern der Kabinette. Heute wird der Dom in Drontheim besichtigt und nachher ist eine Parthie nach Fjeldsedter in Aussicht genommen.
— Der Staatt ekretär des Auswärtigen Amtes, Graf v. Bülow, hat an die Bundesregierungen ein Rundschreiben gerichtet über die Ereignisse in China und die gegenüber denselben von der kaiserlichen Regierung eingenommenen Haltung. Wir entnehmen dem sehr ausführlichen Schreiben, daß die ersten amtlichen Nachrichten von einer aufrührerischen Bewegung von Mitte Januar stammen und daß die Gesandten bereits am 27. Januar bei der chinesischen Regierung Vorstellungen erhoben. Ende Mai zeigten sich in der Nähe von Peking aufrührerische Banden. Die Ausschreitungen derselben beschränkten sich nicht mehr auf die Chinesenchristen, sondern begannen einen allgemein frem- denfeindlichen Charakter anzunehmen. Die Aufrührer besetzten die beiden von Tientsin und Pautingfu nach Peking führenden Bahnen, so daß die Hauptstadt selbst bedroht erschien. Nunmehr beantragten die Gesandten bei ihren Regierungen die Entsendung von je 50 Mann zum Schutz. Die Gesandten verfügten dann ohne Hinzurechnung der in Peking ansässigen waffenfähigen Euro päer über eine Schutzwache von etwa 450 Mann, welche sie als für alle Eventualitäten ausreichend angesehen und bezeichnet haben. — Das Schreiben zählt dann die mehr oder minder bekannten Ereignisse und die von den verschiedenen Mächten und speziell von Deutschland getroffenen Maßnahmen auf und schließt: Die von uns getroffenen militärischen Maßnahmen sollen uns in den Stand setzen, an der von allen Mächten für nothwendig erachteten militärischen Aktion in China in einer der politischen Bedeutung Deutschlands entsprechenden Weise theilzunehmen. Durch die Vorgänge in China sind das so erfolgreiche deutsche Missionswerk im fernen Osten, der blühende Handel in Ostasien und endlich die in der Provinz Shantung im Entstehen begriffenen großen deutschen wirthschaitlichen Unternehmungen in gleichem Maße bedroht. Diese idealen und materiellen Interessen müssen wir mit allem Nachdruck schützen. Das Ziel, das wir verfolgen, ist die Wiederherstellung der Sicherheit von Person, Eigenthum und Thätigkeit der RcichSange- hörigen in China, Rettung der in Peking cingeschlossenen Fremden, Wiederherstellung und Sicherstellung geregelter Zustände unter einer geordneten chinesischen Regierung, Sühnung und Geuugthung für die verübten Unthaten. Wir wünschen keine Auftheilung Chinas; wir erstreben keine Sondervortheilc. Die kaiserliche Regierung ist von der Ueberzeugung durchdrungen, daß die Aufrechterhaltung des Einverständnisses unter den Mächten die Vorbedingung für die Wiederstellung von Frieden und Ordnung in China ist und wird ihrerseits in ihrer Politik diesem Gesichtspunkte auch ferner an erster Stelle Rechnung tragen.
— Das deutsch ostasiatische Expeditionskorps. Die Ausrüstung für den Sommer ist braungefärbter Drillich- anzug (Drillich ist viel dauerhafter als der sogen. Kaki). dazu Strohhut; für den Winter Litewka und Helm; dazu Trikotunterzeug und sonst übliche Ausrüstung. An Feuer wagen, Geschützen, werden nur solche neuesten Modells mitgegeben; sonst wie üblich. Die Verpflegung und das Sanitätswesen sind nach eingehendstem Studium und unter Einholung deS Rathes der erfahrensten Kenner ChinaS, wie Freiherr v. Richthofen, LegationSrath v. d. Goltz u. f w., vorbereitet. Die Vcrpflcgungsvorrälhe, die mannigfaltigster Art sind, und den klimatischen Verhältnissen Rechnung tragen — bei'pielSweise sind große Mengen von Marmeladen, Dörrobst beschafft —, sind auf mehrere Monate berechnet, so daß auch unter den ungünstigsten Verhältnissen der rechtzeitige Nachichub aus der Heimath sichergestcUt ist. Eingehendste Sorgfalt ist nach der „N. A. Z." den sanitären Vorbereitungen ge- widmet. Außer einer sachgemäßen Bekleidung ist durch Mitführung zahlreicher Zelte, wasserdichter Lagerdecken für jeden Mann, Moskitonetzen, für eine möglichst gute Unterbringung der Mannschaften gesorgt für den Fall, daß Dörfer rc. nicht belegt werden können. Oberes und unteres Sanitätspersonal ist in einer die europäischen Verhältnisse überfteigenben Zahl zugclheitt. Ebenso sind außer den im Gefecht erforderlichen Sanitätstruppen zahlreiche rückwärtige Lazarethformationen, die mit den modernsten Einrichtungen versehen sind, beigegeben. Da die Wasserverhältnisse in China theilweise wenig günstig sind, ist durch Beigabe zahlreicher abessinischer Brunnen