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SchlüchternerMung

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 56. Sümstag, den 14. Juli 1900. 51. Jahrgang.

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auf bic »Schlüchterner Zeitung" werden noch fortwährend von allen ------ - Postanstalten und Landbriesträgern, sowie von der Expedition entgegen genommen.

Aus China.

Wie derTimes" aus Shanghai vom 5. b. M. gemeldet wird, sind die an diesem Tage fällig gewesenen Zinsen der Pekinger Anleihe voll gezahlt worden. Eine Depesche aus Shanghai meldet, einem chinesischen Blatte zufolge seien die Truppen des Prinzen Tsching in Peking eingetroffen, um die dortigen Europäer zu verproviantiern und gegen die Aufrührer zu vertheidigen.Daily- Expreß' meldet ans Tschifu: Die Chinesen griffen Tient- sin am 4. Juli mit 7 5 000 Mann und über 100 Ge­schützen an, welches von 14000 Mann der vereinigten Truppen vertheidigt wurde Die Russen und Japaner hatten die stärksten Verluste Von einer russischen In­fanterie-Kompagnie in Stärke von 120 Mann wurden mit Ausnahme von 5 Mann alle gelobtet oder verwundet. Große Verluste hatte auch das deutsche Kontingent. Die Verluste der Engländer betrugen 30 Mann. Die Deut­schen sandten 250 Kranke und Verwundete, meist von Admiral Seymours Kolonne, in großen Flußbooten nach Taku. Dieselben wurden auf dem ganzen Weg dorthin unaufhörlich belästigt. Die Chinesen erneuerten ihren Angriff auf Tientsin am 6 Juli mit zwei 4zölligen Batterien. Es gelang der Artillerie der vereinigten Truppen, dieselben nach achtstündigem Kampfe zum Schweigen zu,bringen. Die MünchenerAllg Ztg." entnimmt einem Privattelegramme aus Iokohama, daß Freiherr von Kettelcr nach verzweifelter Gegenwehr von den Aufrührern überwältigt und, aus mehreren Wunden blutend, auf einen freien Platz unweit von der britischen Gesandtschaft geschleppt wurde, wo man ihn bis zum Hals in die Erde eingrub, um ihn dann mit glühenden Eisen die Augen auszustoßen und die Zunge aus dem Halse zu reißen. Die entsetzlichen Qualen des Unglück lichen sollen stundenlang gedauert haben.^Die Lon. doner Blätter vom Montag veröffentlichten ein Telegramm aus Shanghai vom Sonnabend, wonach eine große Ab­theilung von Russen und Japanern, wie eine über Nanking eingegangene Depesche aus Paotingfu meldet, längs der Eisenbahn wieder auf Lang ang vorgerückt sei und von dort einen Vorstoß nach Huang tsun, achtzehn Meilen südöstlich von Peking, gemacht habe, wo sie den chinesischen Truppen eine schwere Niederlage beigebracht habe. Ueber tausend Chinesen seien gefallen Es verlautet, Tientsin werde in Folge der Schwierigkeiten, die Verbindungen aufrecht zu halten, angegeben. Die Chinesen hätten zwei neue Batterien errichtet und am 4. Juli das Bombardement mit schweren Geschützen wieder ausgenommen. Die Japaner hätten indessen an diesem Tage ebenfalls schwere Artillerie erhalten und das Feuer mit vorzüglicher Wirkung erwidert. An einen Entsatz von Peking ist aber, wie sich ein dänischer Kaufmann Kicrulff, der Jahre lang in Peking gelebt hat, gegenüber dem Vertreter desDancbrog" ausge sprachen hat, jetzt in der Regenzeit nicht zu denken. Die Regenzeit beginnt Anfangs Juli und dauert bis Ende August. Dann steht die ganze Gegend zwischen Tientsin und Peking unter Wasser. Selbst in den Straßen von Peking steht das Wasser so hoch, daß es nicht ein­mal, sondern häufig sich ereignet hat, daß Leute in den Straßen ertrunken sind. Es ist vollständig unmöglich von der Küste nach Peking durchzukommen, wenn die Eisenbahnlinie nicht wieder in Stand gesetzt wird. Weder die Boxer noch reguläre Truppen können vorwärts- noch zurückkommen. Von allen europäischen Truppen, die zu dem Marsch auf Peking sich anschicken, finden allein die Russen solche klimatischen Verhältnisse vor. an die sie von der Heimath her gewohnt sind. Trotzdem die Provinz Petlchili von den Wogen des Stillen Meeres bespült wird, hat sie nicht das gemäßigte ozeanische, sondern ein durchaus kontinentales Klima, das in der Temperatur des Sommers und des Winters gewaltige Unterschiede amweist. Schon im November sind dort zwanzig Grad Kälte erlebt worden, und im Juli giebt es meist über dreißig Grad Wärme. Aus diesem Grunde ist es verständlich, daß nur wetterfeste Leute für die Expeditionskorps ausgesucht werden, welche auch den Anforderungen für Tropendienst genügen müssen, da schon auf der Fahrt nach Ostasien die Gluthitze des Rochen Meeres zu ertragen ist, an Ort und Stelle, aber erst

recht körperliche Widerstandsfähigkeit erforderlich wird Augenblicklich steht das centrale China am Ende einer Periode neunmonatiger furchtbarer Dürre, wie man sie in fataler Aehnlichkeit genau vor dreißig Jahren erlebt hat, wo das von der drohenden Hungersnoth erregte Volk auch die Fremden n-federmetzelte, weil die heiligen Drachcngötter erst dan ^^efriebigt sein könnten. In Tientsin wurden am 21. Juni 1870 zahlreiche Christen er­mordet. Gleich darauf fiel reichlicher Regen; daran erinnern sich alte Chinesen noch heute. Unglücklicher­weise ist es diesmal fast genau so gewesen. Monatelang hat der heiße Wind aus der Mongolei nur dörrende Staubmassen hergeweht, die den Himmel verfinsterten, statt dem durstigen Lande den ersehnten Regen zu bringen. Braungebrannt stand alles Gewächs aus ber bunfdbrauneu Erde, in klaffenden Sprüngen riß die glühende Sonne den Boden auf. Man versteht unter diesen Umstünden die Aeußerung unseres Pekinger Botschaftssekretärs von der Goltz, daß der Fremdenhaß des hungernden Volkes gerade in dieser Dürre so mächtig emporlodern mußte. Jetzt sind Hunderte von Op'ern gefallen und die Telegramme melden wilde Regengüsse! Leider zu spät. Die erregten Volksmassen kehren nicht mehr zum Pfluge zurück und die chinesische Soldateska steht mit ihnen zu fanimen im Verzweiflungskampf gegen Europa. Die jetzige Wolkenflut aber verdirbt nur den Europäern die Wege. Dazu haben noch die Chinesen die Dämme ihrer Kanäle durchstochen, um weite Strecken ihres Landes vollends unwegsam zu machen. Die Streitkräfte der Chinesen. Die chinesische Armee besteht gegenwärtig aus 1,752,000 Mann, die sich wie folgt zusammensetzen: 2u5,000 Fcldtruppm, 689,000 Reserven, 858,000 Trup­pen jeder Art, als Kanalwächter, Gendarmen, mand­schurische Miliz 108,000 und andere nicht chinesische Corps. Die eigentliche Feldarmee besteht aus 50,000 Mandschu-Regulären, 20,000 Irregulären gleicher Waffen und gleichen Feldwerthes, 125,000 Mann aktiven und 10,000disciplinirten" Truppen. Dazu kommen 13,000 Pekinger Feldtruppen", 75,000 Mann derAcht Flaggen- oder Bannerkorps von Peking", 95,000 der Bannerkorps der Provinzen und 596,000 Grünflaggen oderLuin." Natürlich können diese Ziffern keinen Anspruch auf ab­solute Zuverlässigkeit erheben, denn sie sind zum guten Tbeil chinesischen Quellen entnommen. Auf dem Papier besitzt China außerdem 60,000 Mann Kavallerie, von dem aber ein guter Theil gar keine P erbe hat. Aller­dings sind diese in Kriegszeiten leicht beschafft, denn man nimmt sie einfach dem ersten besten weg. Die Mehrzahl dieser 1,752,000 sind noch immer mit Lanze, Pfeil und Bogen ausgerüstet, nur der kleinere Theil nt Feuerwaffen. Immerhin kann die chinesische Re gierung wenigstens 100,000 Mann modern bewaffnete Truppen in's Feld stellen. Ihre beste Artillerie steht in der Provinz Tschili und in Turkestan. Die von ausländischen Jnstruktoren gedrillten Truppen sind die 15,000 Mann des Generals Ni schi-chen und das 17,000 Mann starke Korps Nuan schih kai's. Beide sollen bisher nicht im Felde sein.

Canton. Zur Unterstützung seiner zur Ruhe und zur Respekürung der Europäer ermahnenden Erlasse läßt Lihungischang seit Wochen täglich durchschnittlich fünf Ruhestörern öffentlich die Köp e abschlagen, was von aus­gezeichneter Wirkung ist.

Petersburg, 10. Juli. Nach einem hier aus China eingelaufenen Telegramm sollen auch die Mitglieder der russischen Gesandtschaft auf gräßlichste Weise gemartert worden sein, ehe sie getödtet wurden. So wurden einige zuerst mit heißem Wasser begossen, dann wurde ihnen der Kopf abgeschlagen.

London, 12. Juli. DemDaily Telegraph" wird aus Canton vom 10 d. Mts. gemeldet, am Morgen des 10. d. Mts. Habe ein Zusammenstoß zwischen deutschen Truppen und Boxern bei Kiautschau stattgefunden, bei welchem zahlreiche Boxer getödtet worden seien. Der Daily Expreß" meldet aus Tientsin vom Freitag. General Ma habe die alliirten Truppen, welche das chinesische Arsenal besetzt Hielten, geschlagen und die Po­sition wieder eingenommen Die Europäer hätten große Verluste. Sie litten unter dem Mangel schwerer Ge­schütze und Kavallerie. Der japanische Kommandant sandte die dringende Aufforderung an seine Regierung, sich mit den Verstärkungen zu beeilen, da die alliirten Ti nppen in Gefahr schwebten, überwältigt zu werden. In Shanghai sind weitere Flüchtlinge aus Tientsin an­

gekommen. Sie schildern die furchtbaren Leiden während der Belagerung.

Deutsches Reich.

Berlin, 10. Juli. Der Kaiser hat am Dienstag seine Nordlandsreise angetreten. Vorher besichtigte Se. Majestät den für die Ausreise nach China bereit liegen­den KreuzerBussard". Um halb 10 Uhr ging die Hohenzollern" bei schönem, ruhigen Wetter in See. Alle im Kieler Hafen liegenden Kriegsschiffe salutirten mit 33 Schüssen, während die Mannschaften Paradeauf­stellung nahmen und den obersten Krigsherrn mit Hurrah- rufen begrüßten. Das nächste Ziel der vom Aviso Greis" und von mehreren Torpedoboote begleiteten KaiscryachtHohenzollern" ist Bergen.

Die Arbeiten für die Bereitstellung der gemischten Brigade werden mit großem Eifer fortgesetzt. Die er­forderlichen Meldungen von Unteroffizieren und Mann­schaften der Infanterie, Feldartillerie und Pioniere liegen noch von dem ersten Aufruf, der der Verstärkung der beiden Seebataillone galt, die auf den DampfernWitte­kind" undFrankfurt' den Atlandischen Ocean bereits verlassen und durch die Straße von Gibraltar in das Mittelländische Meer eingefahren sein dürften, in einer den Bedarf doppelt deckenden Zahl vor. Auch sämmt­liche Kavallerie-Regimenter sind vom Kriegsministerium sufgefordert worden, umgehend mitzutheilen, wie viele tropendienstfähige Unteroffiziere und Mannschaften sich als Freiwillige für China melden. Es ist demnach an- zunehmen, daß diesem neuen Expeditionskorps eine für einen ausgiebigen Aufklärungsdienst ausreichende Kaval­lerie-Abtheilung zugetheilt werden soll. Auch sämtliche Trainbataillone sollen umgehend berichten, ob und wie viele Unteroffiziere und Mannschaften dieser Truppe sich für China melden. Endlich sind sämtliche Truppentheile aufgeforbert worden, freiwillige Meldungen von Sani­tätsoffizieren, Sanitätsmannjchaftcn, Lazarettgehilfen, Feldbäckern rc. dem Kriegsministerium unverzüglich mit= zntheilen. An Vorsorge fehlt es also nicht.

Bremen. Auf den LloyddampfernSaale",Main" undBremen", sowie auf den Lloydpiers in New-Aork sind insgesammt verbrannt: 4494 Ballen Baumwolle, 1375 Barrels Petroleum, 250 Barrels Salatöl, 100 Tons Kup er, 3630 Sack = 66,000 Bu hels Getreide, 462 Kolli Tabak, 1000 Kisten Mineralöl, 1000 Tons Schlacke und etwa 2000 Kolli diverse Güter.

Hamburg Der Hamburger Hafen giebt nicht nur zahlreichen Menschen Arbeit und Nahrung, er liefert auch Tausenden Wohnstätten: die L>chiffe im Hafen bilden eine Stadt für sich. Bei der letzten Volkszählung (am 2. Dezember 1895) zählte Hamburg 1705 bewohnte Schiffe mit 6335 Bewohner; davon wohnten 3011 am rechten und 3324 am linken Ufer; 4419 im Freihafen, 1916 im Zollgebiet.

Miiuguen. Eine Gesellschaft von 3 Personen, eine Dame und zwei Herren, kehrten per Motorrad von einem Ausflug nach Düsseldorf zurück. Auf der Wupper- brücke bei Müngstcn explodierte plötzlich der Benzittbe- hälter, wobei ein Herr buchstäblich in Stücke gerissen wurde. Die Dame erlitt eine Zertrümmerung der Schadeldecke, wogegen der andere Herr mit einer leichten Verletzung des rechten Armes davonkam.

Heiligenstadt, 7. Juli. Die Brandstifter von Breitenworbis, der 15 Jahre alte Hermann Kachel und der 12 Jahre alte Jakob Mönneckes, hatten sich heute vor der hiesigen Strafkammer zu verantworten. Beide, verschlagene und verdorbene Jungen, haben in einer Scheune, als die Einwohner auf dem Felde waren, Stroh angezündet. Das Feuer am 1. Mai verbreitete sich in Folge starken Windes ungemein schnell und legte 9 Wohnhäuser und 17 Hintergebäude in Asche. Viel Vieh, Inventar und Mobilar verbrannte. Damit noch nicht zufrieden, legten die Buben am 3. Mai nochmals in einer Scheune Feuer an, dem abermals 9 Gebäude zum Opfer fielen. Der Gesammtschaden beträgt mehr als 300,000 Mark. Am 4. Mai versuchte Mönneckes dann noch ein Feuer in dem Hause, in welchem seine Eltern wohnten, anzulegen. Der Versuch mißlang jedoch. Kachel hatte geäußert, er werde das Dorf noch an den vier Ecken anzünden. Durch diese Aeußerung gelang es, die Thäter zu ermitteln und festzunehmen. Kachel, der gemeingefährlich'"^ der beiden Burschen, wurde zu drei Jahren und 6 Monaten, Mönneckes zu einem Jahr Ge­fängniß verurtheilt.