hielten. Als ier Bote abging, hieß es, die , Hilfsmittel der tapferen Schaar seien erschöpft. Man fürchtet, daß inzwischen ihr Widerstand gebrochen und kein Europäer in Peking mehr am Leben ist. Berichte aus chinesischen Quellen, die in starken Worten abgefaßt sind, melden, daß zwei weitere Gesandte, deren Nationalität nicht angegeben ist, am selben Tage ermordet wurden wie Baron Ketteler. Man hegt die größten Zweifel, ob überhaupt noch Ausländer am Leben sind. — Berichte aus gleichen Quellen melden ferner, daß das Missionshospital in Mukden durch Feuer zerstört und die chinesischen Christen dort erbarmungslos niedergemetzelt sind. Die ausländischen Missionare flohen nach Niuchwang.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchterv, 6. Juli.
* — Zu Ortsschulinspectoren wurden ernannt: Pfarr- curatus Kraus zu Züntersbach und Curatus Kiesler zu Sannerz für die betr. Ortsschulen.
* — Versetzt wurde Lehrer Glänzer zu Hütten an die Schule zu Bottendorf, Kreis Frankenberg.
* — Endgültig angestellt wurde der Lehrer Schneider zu Reinhards und die Lehrerin Maria Kleinberg zu Soden bei Salmünster.
* — Einstweilig angestellt wurde Schulamtsbewerber Greve zu Elm an die Schule daselbst.
* — Gestorben sind die Lehrer Euler zu Marjoß und Reichmann zu Neuengronau.
* — Die Gartenbesitzer seien daran erinnert, daß das Schneiden der lebenden Hecken vom 1. Juli an wieder gestattet ist. Gärten, welche an öffentlichen Wegen liegen, sind von dem Heckenabfall rein zu halten.
* — Wie wir nachträglich in Erfahrung gebracht, ist es nicht zutreffend, daß Herr Bürgermeister Salomon sein hiesiges Amt niedergelegt hat, derselbe hatte nur einen ihm von Herrn Regierungs-Präsidenten bewilligten sechswöchentlichen Urlaub gehabt und hat am 2. d. Mts. seine hiesige amtliche Thätigkeit wieder ausgenommen. Zutreffend ist allerdings, daß die am 18. Oktober 1899 erfolgte Wahl zum besoldeten Beigeordneten der Stadt Kreuznach auffallender Weise jetzt nach beinahe neun Monaten noch keine Bestätigung gefunden hat.
* — Bei dem großen Brandunglück der Schiffe des Nordd. Lloyd in Newyork ist auch der Heizer Peter Hollender aus Steinau verbrannt, derselbe war aus dem „Main" beschäftigt. Gerettet wurde u. a. der Aufwärter Wilhelm Krick aus Soden.
Steinau, 4. Juli. Das diesjährige Turnfest des Kinziggaues wird vom 14.—16. Juli hier abgehalten.
Gelnhausen, 1. Juli. In einem an der Straße nach Höchst gelegenen Kornacker wurde gestern früh eine schon stark in Verwesung übergegangene unkenntliche Leiche entdeckt. Aus den bei derselbeen gefundenen Briefschaften kann man annehmen, daß es ein Handwerksbursche war, der auf dem Acker jedenfalls eines traurigen Todes gestorben ist. Die Leiche hat anscheinend 4—6 Wochen an der Fundstelle gelegen.
Hanau, 30. Juni. Eine wohlverdiente Strafe verhängte die Strafkammer des Königl. Landgerichts in ihrer letzten Sitzung über zwei Einwohner von Langen- selbold, den Schuhmacher Xaver Franz Gerstl und den Maurer Konrad Winterstein, die am 6. Mai d. I. eine Bierreise unternahmen und dann auf der Straße Rück- ingen-Langenselbold ihr Müthchen an jungen Bäumen kühlten, denen sie (25 an der Zahl) die Kronen theils abschnitten, theils abrissen. Sie schützten Trunkenheit vor, wurden aber trotzdem verurtheilt, und zwar Winterstein zu 9 Monaten, Gerstl zu 6 Monaten Gefängnis. Da ähnliche Baumfrevel iu letzter Zeit wiederholt vorgekommen find, kann die empfindliche Ahndung dieser Vergehen nur sympathisch berühren.
Friedterg, 27. Juni. „Ew. Exzellenz bittet der Unterzeichnete ganz gehorsamst, bei etwaiger Pensionirung um eine getragene Generals Uniform. Hier bei Umzügen, Hessen-Darmstädter Volksfest rc., reiten die Kerls viel in Offiziersuniform und ich ritt immer in Zivil. Ich möchte fernerhin in Generalsuniform denselben eins vorreiten. Unser alter braver Wachtmeister Speier, zurzeit Kreisamtsdiener in Friedberg, wird alles jür mich besorgen, den ich dann per Post entschädigen werde. Das Packet müßte jedoch so verpackt sein, daß es hier die Postbeamten leicht öffnen und wieder schließen können, sonst geht es wieder zurück. Im Voraus bitte ich um Entschuldigung für diese anmaßende Frechheit, wie ich diese selbst nenne. Mit ganz vorzüglicher Hochachtung, mit dem Anfügen, daß ich Ihre Sachen mit Spannung sehnsüchtig erwarte, zeichnet H. Schäfer rc. rc." So lautet eine Postkarte, die ein ehemaliger Kanonier, der nach 1871 auswanderte, von New-Aork aus an seinen ehemaligen Hauptmann, den jetzigen General und Festungskommandanten D. im Mai d. I. schrieb. Der General verstand Spaß, und als er dieser Tage pensionirt wurde, sandte er seine alte Uniform mit den goldenen Epauletten wirklich an Herrn Speier, der sie der Redaktion des „Oberhess. Anzeigers" mit der Bitte übergab, sie nach New gort zu befördern.
Baumbach bei Rotenburg a. F., 1. Juli. Durch Explosion einer Dynamitpatrone ist die Tochter einer hiesigen Arbeiterfamilie schwer verunglückt. Das Mädchen fand dieselbe im Kehricht des Hauses und glaubte, eine
Nadelbüchse daraus machen zu können. Beim Oeffnen der Kapsel explodirte der Inhalt und riß die Hand des Kindes fast in Stücke, so daß es sofort ins Krankenhaus gebracht werden mußte.
Alsbach, 4. Juli. In diesem Frühjahr sind im Alsbacher Wald viele Rehe gefunden worden, welchen die Kehle duechgebissen war. In der Nacht vom vorigen Sonntag auf Montag ist ein Thier in eine Schafhürde im Alsbacher Felde eingebrochen, hat fünf Schafen die Kehlen durchgebissen und das Gehirn gefressen. Die Spur führt aus dem Walde und ist wie bei einem Bären, weil hinten viel übergetreten ist. Offenbar hat der Schäfer nicht bei seinen Schafen gewacht, sonst hätte es nicht geschehen können. Nachdem die Schafe ausgebrochen waren, hat das Naubthier dieselben verfolgt, da die todtgebissenen Schafe au verschiedenen Stellen gefunden wurden. Ganz wahrscheinlich scheint das Raubthier ein Luchs zu sein, und es wäre wünschenswerth, wenn die Forstbehörde dem Räuber nachstellen würde.
Die Brandkatastrophe in New-Nork.
Noch immer werden schreckliche Einzelheiten über den Brand am Hobokener Pier des Norddeutschen Lloyd gemeldet. Ueber Kapitän Mirows Tod wird berichtet: Er stand auf der Kommandobrücke, bis die Flammen seine Uni orm erfaßten, und er, den sicheren Tod vor Augen, zur Abkürzung des schrecklichen Endes mit einem Satze in die Gluth hineinsprang! Er zuckte noch für einige Augenblicke und lag dann still, während Rauch und Flammen über ihm zusammenschlugen.
Die Schlepper, welche den „Kaiser Wilhelm" in Sicherheit brachten, verlangen 50,000, nach einer Angabe sogar 200,000 Dollars Bergegeld. Das Unmensch liche Verhalten der Schlepper- und Bootsführer, die in der Sucht, bei der Bergung von Waaren Geld einzu- heimsen, die im Wasser um ihr Leben ringenden Menschen ihrem Schicksal überließen , beschäftigt bereits die New- yorker Justizbehörden, die gegen eine Anzahl dieser Flußpiraten einschreiten wird.
Immer neue Berichte über unmenschliche Greuelthaten der Mannschaften der Schleppboote werden bekannt. Zwei gerettete Offiziere der „Saale" erklären, daß von dem Boote „Bougogne" nicht nur jede Hilfeleistung verweigert wurde, sondern die sich Anklammeruden mit Bootshaken in die Tiefe gestoßen wurden. Auf im Wasser treibende Kinder aufmerksam gemacht, schrie der Kapitän: „Wir haben keine Zeit, diese Dinger heraus- zufischen." Ein Offizier, der im Versinken um Hilfe rief, erhielt die Antwort: „Fahre zur Hölle." Wer erklärte, kein Geld zu haben, wurde unbarmherzig von dem Deck geworfen. Wenigstens 100 Menschen sind auf diese Weise ums Leben gekommen. Aehnliche Aussagen von vertrauenswürdiger Seile liegen vielfach vor.
Von großer Wichtigkeit ist auch folgende Erklärung: Auch tue anderen Schiffe hätten zweifellos gerettet werden können, wenn man auf den Schleppdampfern korrekt und der Größe der Gefahr entsprechend vorgegangen wäre. Anstatt Hand anzulegen, feilschten die Leute um das Berggeld, und einer der Schlepper warf direkt das Tau, das ihm von der „Bremen" aufs Verdeck geworfen wurde, wieder herunter. Als man schließlich Hand an- legte, war es zu spät, und Hunderte von Menschen fielen dieser Habgier zum Opfer.
Der vierte Offizier der „Phönizia", Hans KuwePiel, fuhr auf dem Rettungsboot das Steuerbord der brennenden Saale entlang. Er sah einen Frauenkopf in einer der Lichtöffnungen. Kuwespiel wollte mit der Hand die Lichtöffnung erweitern. Die Frau rief ihm zu: „Schlagen Sie mir ans Erbarmen den Kopf ab, mein Körper brennt." Dann verschwand der Frauenkopf. Flammen schlugen aus der Lichtöffnung.
Ein Geretteter der „Bremen" erzählt: Bei Ausbruch des Feuers waren mindestens 100 Besucher, darunter viele Frauen und Kinder, anwesend. Da ertönte der Ruf Feuer. In der nächsten Minute erfolgte eine furchtbare Detonation. Hilferufe der Frauen und Kinder ertönten, die sich an die ins Wasser springenden Männer klammerten und viele gute Schwimmer in die Tiefe zogen oder von anderen mit Gewalt fortgestoßen wurden. Nach der Explosion neigte sich das Schiff, die meisten Personen wurden zu Boden geworfen, wo sie übereinander stürzten und blindlings ins Wasser rollten.
Einer Schilderung des Kapitäns des Feuerlöschbootes „Robert", das 30 Mann der „Saale" rettete, lautet: Wir fahren an das Schiff heran, das nur mehr eine einzige Feuermasse ist. Mittels Spritzen haben wir uns den Weg auf das Schiff gebahnt, wo eine große Zahl Passagiere im Schiffsraum eingekeilt ist. Hunderte von Menschenarmen, von denen Haut und Fletsch abgerissen ist, strecken sich aus runden, nur einen Fuß Durchmesser großen Seitenfenstern heraus und schrien in allen Sprachen um Hilfe. Nur dreißig sind erreichbar. Ganz von Kohle und Rauch geschwärzt, schlagen sie nach ihrer Rettung noch immer wüthend auf einander los. Eine Frau |iectte den Kops durchs Fenster, schöpfte eine Hand voll Wasser, um das Gesicht damit zu kühleu, ergreift einen gereichten Becher Wasser und trinkt. Im nächsten Augenblicke steigt eine Flammengarbe auf. Die Frau sinkt verloren zurück. Infolge fortgesetzter Explosionen mußte das Rettungsboot abziehen,
Die Irre von Sankt Rochus.
Kriminalroman von Gustav Höcker.
(Nachdruck verboten.) (Fortsc-ung.)
Fräulein Konstanze hatte zu diesen Erörterungen schweigend den Kopf geschüttelt. „Es kann nicht während der Nacht geschehen sein", ergriff sie das Wort. „Als ich vor einigen Stunden, etwa gegen 8 Uhr, über den Korridor ging, muß der Herr Professor gelebt haben, denn ich hörte sein Hüsteln."
„War es nicht etwa ein Röcheln, was Sie gehört haben?" meinte der Kommissar.
„Nein, es war sein Hüsteln," entgegnete das Fräulein, „genau so, wie er es an sich hat und wie es immer klingt."
„Um neun Uhr entdeckten Sie den Mord, also kann dieser nur zwischen acht und neun geschehen sein," bemerkte der Kommissar. „Wo hielten Sie sich während dieser Zeit auf?"
„In meiner Wohnung," gab Konstanze zur Antwort. Der Kommissar nahm eine genaue Besichtigung der Wohnung vor. Auf der rechten Seite befanden sich die Speisezimmer, Küche, Vorrathskammer und die Wohn- räume der zum Haushalte gehörigen drei Frauen. Die ganze Zimmerflucht auf der anderen Seite hatte der Gelehrte allein in Gebrauch. Die Thüre nahe dem Korridorfenster ging in den Bibliotheks- und Sammlungssaal; von hier aus trat man tn das Schlafkabinet des Professors und aus diesem in dessen Arbeitszimmer, welche beide keine Thür nach dem Korridor hatten.
„Um in das Schlafkabinet zu gelangen, muß man also den ganzen Korridor entlang gehen und den Weg durch den Sammlungssaal nehmen?" wandte sich der Kommissar an Konstanze. „Nun liegt aber Ihr Zimmer gerade diesem Saale gegenüber und dennoch haben Sie nichts gehört?"
„Nicht das leiseste Geräusch!" versicherte Konstanze.
Man stand im Arbeitszimmer des Gelehrten.
„Was ist das für ein Gemach?" frug der Kommissar auf die nächste Thür deutend, welche in gleicher Richtung mit den übrigen lag.
„Das ist der Empfangssalon," sagte Rest, indem sie öffnete und den Kommissar in den hocheleganten, vielfach mit tropischen Blattpflanzen geschmückten Raum eintreten ließ.
„Sie gaben vorhin zu," wandte sich der Beamte 'wieder an Konstanze, „daß die Wohnräume des Herrn Professors vom Korridor aus nur durch den Sammlungssaal zugänglich seien. Hier sehe ich aber doch eine Thür, welche ebenfalls auf den Korridor führen muß. Und da wir uns im letzten Zimmer befinden, so muß dieses, wenn mein Ortssinn mich nicht trügt, in unmittelbarer Nähe der Entreethür liegen."
„Das ist richtig," bestätigte Konstanze, „man gelangt von hier unmittelbar auf den Korridor, aber von diesem nicht herein, denn die Thür ist stets Don innen verriegelt und wird nur geöffnet, wenn Besuch kommt, was ein sehr seltener Fall ist, da sich der Herr Professor vom gesellschaftlichen Leben ganz zurückgezogen hatte".
Um sich zu überzeugen, schritt der Kommissar auf die Thüre zu und drückte auf die Klinke.
„Sie ist ja offen!“ rief er, indem er die Thüre weit zurückstieß.
Beide Mädchen waren über diese Entdeckung nicht wenig erstaunt und blickten einander betroffen an.
„Vielleicht hat der Herr Professor gestern oder an einem der vorhergehenden Tage einen Besuch empfangen," vermuthete der Kommissar, «und man hat vergessen, die Thüre von innen wieder zu verriegeln."
Schon seit Wochen war Niemand dagewesen. Darüber stimmte Rest mit dem Fräulein überein. Und daß die Thüre stets verschlossen war, darüber wachte Frau Bruscher, die Wirthschafterin, mit peinlicher Sorgfalt.
Plötzlich schlug sich Rest vor die Stirn. „Vielleicht habe ich den Riegel selbst zurückgeschoben," erklärte sie. „Im ersten Schrecken bin ich vorhin durch alle Zimmer gerannt. Ich dachte, der Mörder hielt sich vielleicht irgendwo noch verborgen oder er habe die Wohnung ausgeraubt. Da ist es möglich, daß ich in der Eile und Verwirrung die Thüre selbst aufgeriegelt habe, ohne es zu wissen, um schneller auf den Korridor zu gelangen. Wer soll bei so einer schrecklichen Mord« geschichte seine fünf Sinne behalten?"
„Nun, gleichviel, — die Thür war offen," sagte der Kommissar, „und somit ist die Möglichkeit gegeben, daß der Thäter, welcher jedenfalls Mittel gehabt hat, die äußere Entreethüre zu öffnen, durch diesen Salon in das Schlafzimmer seines Opfers gedrungen ist, und .eS läßt sich begreifen, daß das Fräulein nichts gehört hat. — Doch was haben Sie an den Fingern, Fräulein? Bitte, zeigen Sie mir Ihre Hand." . . .
Vor dem Hause unten sammelte sich eine gaffende, er- ■ wartungsvolle Menge an. Die Provinzialhanptstadtgehörte zu den Großstädten, aber an Neugierigen fehlte es auch hier nicht, und in der stillen Vorstadtstraße kümmerte sich einer um den anderen wie in dem kleinsten Krähwinkelneste. Professors dicke Rest in gestrecktem Laufe daher keuchen zu sehen, war schon an und für sich ein ungewöhnlicher Anblick gewesen; daß sie unter heftigen Gestikulationen mit dem Schutzmann sprach, mußte eine