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Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
<M 53. Mittwoch, den 4. Juli 1900. 51. Jahrgang.
^ die „Schlüchterner Zeitung" 5?vlil.UUIly^ll werden noch fortwährend von allen - " " Postanstalten und Landbriefträgern, t sowie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser und die Kaiserin sind am 1. Juli um 8 Uhr Abends auf der „Hohenzollern" über Kiel ‘ nach Wilhelmshafen in See gegangen. Der Panzer „Hela" und die Torpedobootsdivision begleiten die „Hohen- zollern."
— Die Ermordung des deutschen Gesandten in China. Es läßt sich leider nicht mehr bezweifeln, daß der deutsche Gesandte in Peking/ Freiherr v. Ketteler, dem chinesischen Fanatismus zum Op'er gefallen ist. Der kaiserliche Konsul in Tschifu telegraphirt: „Unser Gesandter in Peking am 18. Juni ermordet. Das „Reutersche Bureau" meldet vom gestrigen Tage aus Tschifu: Der deutsche Gesandte Freiherr d. Ketteler wurde am 18. Juni in dem Augenblicke, als er sich nach dem Tsungliyamen begab, ermordet; ein Dolmetscher wurde verwundet, konnte jedoch in eine Gesandtschaft flüchten. Am 23. Juni waren nur noch drei Gesand- schaften nicht zerstört. — Durch einen chinesischen Boten ist weiter tolgende schriftliche, mit „Robert Hart" unterzeichnete Nachricht aus Peking eingetroffen: „Herr v. Bergen, zweiter deutscher Legationssekretär, an den Kommandeur der europäischen Truppen. Die Fremdenkolonie wird in den Gesandtschaften belagert. Die Situation ist verzweifelt. Eilt Euch! Sonntag Nachmittags 4 Uhr." — Eine unglaublich klingende Nachricht kommt aus Nanking, wo die französischen Priester die Meldung erhalten haben, daß seit dem 20. Juni in Peking Massen- hinrichtungen von Fremden begonnen haben. Die Nachricht soll durch Läufer von den französischen Priestern aus Peking selbst eingegangen sein, die den dem Tode Geweihten das Sterbesakrament verabreichten.
— Der deutsche Geschwaderchef telegraphirt: Das Expeditionskorps ist von Tientsin zurückgekehrt Anstrengungen waren außerordentlich, die Leistungen unserer Leute vorzüglich. Gefallen sind Kapitän Buchholz, Matrosen Lausten, Zimmermann, Appermann von „Kaiserin Augusta", Baatz von „Hertha", Goedeke, Riek, Visier, Hebert, Bading, Feddermann von „Hansa". Schwerverwundet Kapitänleutnant Lchlicper, Oberleutnants Krohn, Lustig, Leutnant Pfeiffer, Obersanitätsmaat Burmann von der „Hansa". Matrose Grase von der „Hertha", Heizer Otto von der „Gefion". Leichtverwundet Kapitän Usedom, Oberleutnant Zersien. Gesundheitszustand gut. Bon den Gesandten liegt noch keine Nachricht vor. Die Expedition kehrte bei Langfang um, sie war nicht in Peking.
— In der Verwaltung von Deutsch-Samoa wird der Häuptling Mataafa eine ganz besondere Stellung einnehmen. Bekanntlich war er im vorigen Jahre thatsächlich von der Mehrheit des samoanischen Volkes zum König erwählt, allein in Folge der Wühlereien von Seiten der Amerikaner und Engländer wurde seine Einsetzung als König gehindert. Unstreitig ist er die nm gesehenste Persönlichkeit im ganzen Archipel, deshalb konnte man ihm nicht die Stelle als Gouverneur anbieten, außerdem ist auch sein Rath in den samoanischen Angelegenheiten unentbehrlich, infolge dessen ist er zum Beirath des Gouverneurs ernannt worden, der diesen in allen Verwaltungsfragen unterstützt.
— Im Offizierskorps der preußischen Armee haben wieder große Veränderungen stattgefunden. Nachdem erst am 9. v. Mts. vier und im vorigen Monat zwölf Generale verabschiedet worden sind, sind am 16. v. M. wiederum sieben Generale zur Disposition gestellt worden. Unter den jetzt ausgeschiedenen Generalen, die sämmtlich bürgerlich sind, befinden sich zwei Generalleutnants und zwei Generalmajors. — Bürgerliche Generäle giebt es im deutschen Heere nach einer Zusammenstellung aus der Rang- und Quartierliste im Ganzen 69, nämlich 14 unter 77 Generalleutnants und 55 unter 194 Generalmajors. Von den beiden bürgerlichen Generälen des Jahres 1899 ist der eine, Oberhosfer, geadelt, der andere, Wernherr, pensionirt worden. Im Vorjahre gab es in der gesammten Generalität 63 Bürgerliche. Unter den Obersten sind bei der Infanterie 85, bei der Kavallerie nur einer unter 55 bürgerlich. Bei der Feldartillerie aber 40 unter 49, bei der Fußartillerie 7 von 8, beim Ingenieur korps 7 von 8, beim Train
3 von 4. Der eine Oberst der Verkehrstruppen ist bürgerlich. Von sämmtlichen Oberstleutnants ist 52 pCt, bürgerlich, von den Majors 55,2 pCt. Unter allen 2145 Stabsoffizieren sind 1130 Bürgerliche. 31 Regimenter, im vorigen Jahre 32, haben ein durchweg adeli ges Offizierskorps. Keinen bürgerlichen Leutnant haben 46 Regimenter. 29 Regimenter und 33 selbstständige Bataillone haben nur bürgerliche Leutnants. Als Ku- riosum verdient hervorgehoben zu werden, daß drei Regimenter (das 31. Feld, und 3. Fußartillerie-Regiment, sowie das 3. Eisenbahnregiment) überhaupt keinen adeligen Offizier haben.
— Steuergeheimniß und Wählerliste. Zur Kontrolle der Richtigkeit der Wahllisten darf es nach einer Entscheidung des preußischen Oberverwaltungsgerichts den Wählern nicht verwehrt werden, nicht nur von dem eigenen, sondern auch von den anderen Namen mit den ausgeworfenen Steuerbeträgen Kenntniß zu .nehmen Das Gesetz verbürgt die Geheimhaltung der Steuerzahlung gleichzeitig aber auch die Feststellung der Beträge in den Wählerlisten.
— Unter der Rubrik „Vom Getreidehandel" schreibt die „Germania": In ganz Berlin befindet sich nach Mittheilung von durchaus authentischer Seite kein einziges größeres Geschäft tür effektive Getreidelieferungen mehr in christlichen Händen. Die wenigen christlichen Geschäfte kleineren Umfangs dieser Art sind von untergeordneter Bedeutung und vollständig von den Großhändlern abhängig. In Verbindung damit ist auch die Thatsache vorständlich, daß in den vorgedruck'en „Schluß- noten für Zeitgeschäfte in effektivem Getreide" der ständige Passus enthalten ist: „Die beiden jüdischen Neujahrstage und der Veriöhnungstag gelten, wie überall, in diesem Vertrage bezüglich der Ablieferung von Getreide, als Feiertage."
Würzburg, 29. Juni. Nach dem „Hammelburger Lokalblatt" ist unter dem z. Z. auf dem Truppenübungsplätze bei Hammelburg befindlichen 5. Infanterie-Regiment aus Bamberg die Genickstarre ausgebrochen. Ein Soldat ist bereits gestorben, ein beurlaubter Soldat liegt in Hammelburg schwer krank darnieder.
Friedrichshafen am Bodensee. Der mit so groß artigen Vorbereitungen in Scene gesetzte Aufstieg des lenkbaren Luftballons des Graten Zeppelin ist am Samstag Abend mit vollem Erfolg vor sich ge gangen. Der am Ponton festgemachte Ballon wurde aus der Halle gezogen und hierauf der Lenkbarkeit seiner Luftschrauben überlassen, die den Ballon vorwärts, seitwärts und rückwärts ganz nach Wunsch trieben. Nachdem der Ballon so etwa 200 Meter zurückgelegt hatte, fuhr er mit eigener Kraft wieder in die Halle zurück. Morgen finden weitere Versuche statt, wenn die Witterung günstig ist. —
Ausland
Rußland. Der UM, wodurch die Einführung des Russischen als Amtssprache in Finlund angeordnet wird, hat, wie leicht zu begreifen ist, in die Bevölkerung des Großfürstenthums eine tiefe Erregung getragen, die denn auch in der finischen Presse zu lebhaftem Ausdruck gekommen ist. Das aber hat für einige Zeitungen sehr üble Folgen gehabt. Es wird nämlich gemeldet: Hclüng- 'vrs, 28. Juni. Das Erscheinen der Zeitung „Nya Pressen" ist wegen zweier Artikel „Unglaubliche Gerüchte" und „Zu welchem Zweck" seitens der Behörde gänzlich verboten worden. Drei andere Zeitungen erhielten Verwarnungen. Der Herausgeber der Zeitung „Wilpuri" erhielt die Anweisung, sich vom Blatte zurückzuziehen. Mit solchen Maßnahmen ist es nicht schwer, eine tiefgehende Bewegung zum Schweigen zu bringen, und die Finländer werden sich bei der Rücksichtslosigkeit, mit der von Petersburg aus die Russifizirung anderer Rcichs- thcile betrieben worden ist, mit dem Gedanken abzufinden haben, daß nicht nur für die ihnen verfassungsmäßig verbürgten Rechte und ihre ganze Sonderstellung das letzte Stündlein gekommen, sondern auch die Axt an ihr Volksthum gelegt worden ist. Das ist eine schmerzliche Erkenntniß, die schmerzlichste wohl, die einem Volke von Selbstbewußtsein und Unabhängigkeitssinn aufgehen kann.
London, 30. Juni. „Daily Telegraph" meldet aus Cantou vom 98. Juni: Die Abreise Lihungtschiangs nach dem Norden auf dem amerikanischen Schiffe „Broo- klyn" unterblieb in Folge eines gestern Abend spät ganz
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unerwartet eingetroffenen Be'ehlcs des Kaisers und der Kaiserin-Wittwe. Auf Befehl Lihungtschangs wurden gestern 120 Piraten und Boxers geköpft, um den aufrührerischen Elementen, die mit eiserner Hand niedergedrückt werden müssen, Schrecken einzujagen. — Die ausführlichen Kabelberichte der Londoner Blätter über den Entsatz von Tientsin besagen, daß die Ehre, das Arsenal und die Forts eingenommen zu haben, den russischen und deutschen Truppen gebühre.
London, 30. Juni. Differenzen scheinen bereits jetzt unter den Mächten auszubrechen. In einer Depesche des „Reuterschen Büreaus" aus New-Iork heißt es, die Beziehungen zwischen den Vertretern der Mächte fangen an, gespannt zu werden, da die Russen sich weigern, irgend welches Vorherrschen einer anderen Macht zuzu- lassen, namentlich aber das Landen weiterer japanischer Truppen zu verhindern wünschen, und eine Depesche der „Daily Mail" aus Aokohama besagt, daß Japan ungeduldig eine Erklärung Englands hinsichtlich seiner Politik für den Fall von Vorschlägen zur Auftheilung Chinas erwartet.
— Londoner Blätter wollen wissen, die chinesische Regierung hätte den Gesandten den Befehl ertheilt, binnen 24 Stunden Peking zu verlassen. Den G:- jchwaderchefs habe sie die Ordre zugehen lassen, sich den chinesischen Häfen nicht zu nähern. Wir glauben, daß diese Meldungen übertrieben sind, da China in diesem Falle ja der ganzen Welt in aller Form den Krieg erklärt haben würde. Arbeit genug giebt es auch ohnedies noch zu leisten, zumal die fremdenfeindliche Bewegung immer noch im Wachsen begriffen ist.
Transvaal. In dem nordwestlichen Zipfel des Transvaalfreistaats erwarten die Buren nun den Entscheidungs- kampf. Nordwestlich von Middelburg haben sie sich zusammengezogen und stark verschanzte Stellungen eingenommen. Während sie sich aber dort bereit halten, mit den Roberts'schen Truppen auf Leben und Tod zu kämpfen, suchen kleinere und größere Burendetachements dem englischen Riesenheere durch flotte Reiterattaquen, nächtliche Ueberrumpelungen, kurz durch alle Künste des Kleinkriegs Abbruch zu thun. Wäre die britische Ueber- macht nicht gar zu groß, dann wären wohl noch ernste Zweifel darüber berechtigt, ob die Engländer in absehbarer Zeit dem Kriege überhaupt ein Ende machen können. Da aber auf einen Buren immer 40 bis 50 Engländer kommen, so darf man sich bezüglich des endlichen Aus- ganges des Krieges kaum noch Illusionen hingeben. Zwar melden sich auch von den Buren noch täglich junge Krä te zur Fahne, diese entwickeln aber fast ausnahmslos nicht mehr den Muth und die Zuversicht, die die alten Krieger bewiesen haben. Die alten haben zahlreiche Siege über die Engländer davongetragen und vielmals deren Rücken gesehen; die jungen, die erst nach der Wendung des Kriegsglücks die Waffen ergriffen haben, sind des moralischen Einflusses eines glänzenden Sieges untheilhaftig geblieben. Die Folgen zeigen sich auf Schritt und Tritt. Aber der alte Kern thut seine Schuldigkeit.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 3. Juli.
* — Die durch den Tod ihres bisherigen Inhabers erledigte Rentmeisterstelle bei der Königlichen Kreiskasse in Schlüchtern ist dem Rentmeister Wiedemann in Ziegenhain, dessen bisherige Stelle dem Rentmeister Bindheim in Bleckede verliehen worden.
* — Die Einstellung der Rekruten hat in diesem Jahre, gemäß einer Anordnung des preußischen Kriegsministeriums, in der Zeit vom 11. bis einschl. 13. Oktober zu erfolgen.
Elm. Die neuen Schnellzüge München-Hamburg und zurück sollen nach einem Beschlusse der augenblicklich in Paris tagenden internationalen Fahrplankonferenz auch im Winterfahrplan beibehalten werden.
Gefnhause», 28. Juni. Vorgestern Nachmittag trat ein Handwerksbursche in den Laden der Cigarrenhandlung von A. Pfeifer am Steinweg und sprach die bald hereinkommende Frau Pfeifer um ein Almosen an. Als diese nach der Kasse ging, entfernte sich der Fremde- eiligst und Frau Pfeiffer merkte, daß ihr die Ladenkasse ans- geplündert worden war; eilte sie schnell dem Flüchtling nach. Nun begann eine wilde Jagd nach dem Spitzbuben, der durch das Ziegelhaus nach Gcislitz zu entfloh. Unterwegs kamen u a, Herr Lehrer Kaufmann und Stationsvor-