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SchlüchtemerMtung

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

.M 52. Samstag, den 30. Juni 1900. 51. Jahrgang.

3£a>fMhtt!rtHt auf bie »Schlüchterner Zeitung" werden noch fortwährend von allen - - Postanstalten und Landbriesträgern, sowie von der Expedition entgegen genommen.

Zur Lage in China.

Die Lage der europäischen Truppen in China, unter denen sich etwa 2000 Deutsche auf die ver­schiedenen Abtheilungen vertheilt befinden, ist bitter ernst geworden. Zwar ist es nunmehr gewiß, daß ein europäisches Entsatzkorps in Tientsin eingezogen und die dortigen Fremden befreit hat, aber die zuerst zur Befreiung der Gesandtschaften in Peking ausgesandte Kolonne unter dem Admiral Seymour befindet sich in einer sehr kritischen Situation. Sie ist rings von Chinesen umzingelt und hat schwere Verluste gehabt und wir wissen noch nicht einmal, ob sich auch Deutsche unter den Gefallenen befinden. Denn Seymours Kolonne hatte auch eine Abtheilung von etwa 250 Deutschen in ihren Reihen. Zwar ist sofort eine weitere Ersatzkolonne von 2000 Mann am Montag Morgen ausgerückt, aber das Schicksal der bisherigen Ersatzkolonnen ermuthigt nicht zu der Hoffnung, daß die Befreiung gelingen werde, obgleich die eingeschossenen Seymourschen Truppen nur 14 Kilometer von Tientsin stehen. Der Verlust beträgt 62 Todte und 200 Verwundete. Er verlangt 2000 Mann vom Hilfskorps, die unter einem russischen Oberkommando am 25. d Mts. von Tientsin ausrückten. Die von Sey­mour befehligte Truppe soll mit Mundvorrath für eine Woche und 150 Patronen für den Mann abmarschirt sein. Nach privaten Mittheilungen sind in den Tagen vom Don­nerstag bis Sonnabend drei Versuche der Truppen der Mächte, Tientsin zu erreichen, mißlungen. Zu den am Freitag Gelödteten gehört der Kommandant des englischen KriegsschiffesBarfleur". Insgesammt betragen die Ver- lusteder Ausländer in dem Treffen 300. Wie nach dem Reuterschen Bureau" in Shanghai verlautet, sind am Freitag die Russen bei Tientsin mit einem Verlust von 120 Todten und 300 Verwundeten zurückgeschlagen worden. Man nimmt an, daß 60 000 gut bewaffnete chinesische Soldaten um Peking und Tientsin versammelt sind. Die chinesischen Offiziere verkünden prahlend, daß sie 400 000 Soldaten zur Verfügung hätten. Die Ausländer in China haben den dringenden Wunsch, daß 100 000 Mann europäischer Truppen, davon mindestens 50 000 für Peking, in China zummmengezogen werden. Auch sind sie für eine große Flottendemonstration in allen Vcrtragshä'en, um die in ihrer Haltung schwanken­den chinesischen Kaufleute zu beeinflussen. In Folge der Berichte von Erfolgen der Chinesen gegenüber den Mächten, zeigt sich die Volksmasse in wachsender Erregung. Eintresfendc Kaufleute berichten, daß in Niutschwang die Boxer in den Straßen exerziren. Wie sich herausgestellt hat, haben Soldaten des chinesischen Heeres Geschütze und Ausrüstungsgcgennände an die Boxer verkauft. Ein Telegramm des russischen Vize­admirals Alexejeff an den Kriegsminister vom 22. d. Mts. besagt: Ein Bericht des Oberst Anissimoss aus Tientsin vom 19. Juni bezeichnet die Lage der dortigen Besatzung als sehr gefährlich. Die chinesischen Horden hätten Tientsin umzingelt und beschossen es mit schweren Geschützen. Die Verluste seien bedeutend. 7 Offiziere und 150 Soldaten seien todt oder verwundet; die Muni­tion für Gewehre und Geschütze sei knapp. Es halte schwer, den Durchbruch nach Taku zu erzwingen, zumal man die Frauen, Kinder und verwundeten Soldaten mitnehmen müsse. Man hegt in Hongkong Besorgniß, daß man am Vorabend eines großen Blutvergießens und einer allgemeinen Anarchie sei, wie sie nur während des Taipingaufstandes in ähnlicher Weise vorgekommen sei. Die Anzeichen einer gefährlichen Bewegung der Boxers und Piraten, welche nichts zu verlieren und durch Mord und Plünderung nur Gewinn haben, werden so offenbar, daß die begüterten Chinesen von Qianton und Umgegend hinwegeilen und ihre Weiber und Werth­sachen nutnehmen.

London, 24. Juni. Bei dem Angriffe auf Tientsin durch die Chinesen hat hauptsächlich das französische Viertel schwer gelitten. Dasselbe dürfte aller Wahrschein lichkeit nach in Flammen aufgegangen sein. DieWest- minster Gazette" befürchtet, daß die Lage in China viel ernster sei, als allgemein angenommen werde. Es handle sich unstreitig um eine Empörung der Chinesen gegen

Deutsches Reich.

Berlin. Donnerstag Vormittag gegen 11 Uhr ver­ließ der Kaiser in Kiel dieHohenzollern", fuhr mit dem Verkehrsboote zur Barbarossa-Brücke und begab sich zum Schlosse. Dort stieg der Kaiser mit den Herren seiner Umgebung zu Pferde und ritt nach der Matrosen, kaserne, um auf dem Hofe derselben den Appell über 2400 ehemalige Gardisten abzuhalten. Der Kaiser ritt durch die Reihe und sprach viele der alten Gardisten an. Sodann hielt der Kaiser eine kurze Ansprache an die­selben, in welcher er sagte, er hoffe, daß sie die Treue und vaterländische Gesinnung bewahren und auf ihre Umgebung übertragen und in dieser Weise weiterarbeiten würden bis an das Ende ihrer Tage. Er freue sich außerordentlich, die Gardisten in so großer Zahl versammelt zu sehen, und dankte denselben. Sodann nahm der Kaiser den Parademarsch in Zügen ab.

In den allernächsten Tagen gehen rund 3000 Mann aus Deutschland nach China ab, einige größere Schlachtschiffe sollen eventuell nach kurzem Zcitabstande mit reichlichem Artilleriematerial folgen und der ersten Staffel der aus der Armee entnommenen Freiwilligen wird für alle Fülle eine zweite gleichstarke nachgeschoben werden, sobald die militärische Lage in China das wün- schenswerth erscheinen läßt. Wird doch in Berlin davon gesprochen, daß Kaiser Wilhelm sich mit der Absicht trägt, rund 20000 Mann in China zu konzentriren, was frei­lich schweres Geld kosten, aber schließlich doch von China bezahlt werden müßte. Jedenfalls deuten die Maß­nahmen der deutschen Heeres- und Marineverwaltung darauf hin, daß man für alle Eventualitäten sich vorbe- reitet und ernsthaft bestrebt ist, für den Fall von Ent- schädigungsverhandlnngcn in Peking eine gepfefferte Kosten­rechnung zu präsentiren. Der Norddeutsche Lloyd und die Hamburger Packetfahrt-Aktrengesellschaft sind von der Marineverwaltung befragt worden, in welcher Frist und wie viele große Transportdampfer gestellt werden können. Daß Deutschland in der Ordnung der Dinge in China diejenige Rolle spielen wird, auf welche es einen gerech­ten Anspruch hat, davon können wir fest überzeugt sein. Man hat bei uns im deutschen Reiche wohl kaum gedacht, daß sich sobald eine Gelegenheit für die Marine finden werde, zu zeigen, was sie kann. Es ist leider eine Thatsache, daß heute die internationalen Karambolagen in der Luft liegen, es rumort an allen Ecken und Enden, und der Tanz hebt an, bevor man sich dessen versieht. An die Möglichkeit der in den letzten Jahren stattge- Habten Kriege haben die allerwenigsten Leute vorher ge­dacht, auch das Ausflammen des chinesischen Fanatismus ist nirgendwo so ernst genommen worden. Und wer kann da wissen, wo es in einigen Monaten wieder spuken wird? Brennstoff ist an mehr als an einem Platze vor­handen.

die Europäer, zu deren Unterdrückung ein gewaltiges Heer erforderlich wäre. Es bleibe nichts anderes übrig als irgend eine europäische Macht, welche schnellstens eine große Truppenmacht aufbieten könne, freie Hand zu geben, ohne Rücksicht auf die Vortheile, welche diese Macht nach Beendigung der Wirren gewinnen dürfte.

London, 28. Juni. Das Reutersche Bureau meldet aus Tschifu von heute Admiral Seymour ist entsetzt worden. Es gelang ihm nicht, die Verbindung mit Peking herzustellen und er besinnet sich jetzt auf dem Rückmärsche nach Tientsin. Seine Truppen haben sehr gelitten. Von der 350 Mann starken Abtheilung deut­scher Seesoldaten soll der zehnte Theil gefallen sein. Es gelang ihm jedoch die fremden Gesandten zu befreien. Der russische Oberst Stössel dürfte jetzt mit einer zehn­tausend Mann starken internationalen Truppenmacht auf dem Marsche nach Peking sein.

London, 28. Juni' ,Daily Expreß' meldet au$ Sanghai, daß die meisten Fremden ebenso wie die Ge° sandten unversehrt und Gefangene des Prinzen Tuan sind. Die europäischen Gesandten haben nach einer Meldung Peking bereits verlassen, beschützt von einer chinesischen Truppenabtheilung. Sie haben von Peking den Weg nach Norden eingeschlagen und ziehen an der großen Mauer entlang in der Richtung nach Sanghai- wan. Im übrigen aber ist nach allen weiteren Mel. gen zu erwarten, daß die Bewegung gegen die Fremden erst im Werden begriffen ist und noch weit heftiger werden wird.

DieLüdensch. Ztg." enthält einen Bericht des Ingenieur Bläser über die Expedition im Bismarck- Archipel zur Bestrafung der Mörder des Kaufmanns Maetzke und seiner Angestellten, die im vergangenen September den Wilden zum Op'er fielen. Der Zug, welcher von Maaupi am 10. Januar d. J. abging, kostete zahlreichen Eingeborenen das Leben und dürfte auf längere Zeit einen heilsamen Schrecken unter der räuberischen und grausamen Bevölkerung verbreitet haben.

Eine Warnung vor dem Schuldenmachen hat der preußische Eisenbahnminister an die Beamten seines Ressorts gerichtet. In dem Erlaß wird darauf hinge­wiesen,daß die Staatsbeamten durch bestehende Ge­setze gegen die Verfolgung wegen Schulden außerordent­lich geschützt sind, und es deshalb für sie Ehrensache ist, ihre Ausgaben mit ihrem Einkommen völlig in Einklang zu bringen, damit sie sich zu ihrem Schutze nicht auf gesetzliche Privilegien zu berufen haben, die sie nicht ver­dienen. Da indeß hin und wieder dennoch Beamte ihres Standpunktes gänzlich vergessen und sich hinter ein Pri­vilegium verstecken, das sie nicht zu schätzen wissen, und dadurch das ganze Beamtenkorps in Mißkredit bringen, so werde Demjenigen,welcher leichtfertig Schulden und namentlich zu einem sein zweimonatliches Einkommen überragenden Betrage kontrahirt, als ungeeignet zum Eisenbahndieust" das Dienstverhältniß gekündigt werden. Diejenigen aber, die ihrer Dienststellung nach Aussicht haben, dereinst definitiv im Staatseisenbahndienst ange­stellt zu werden, können nur dann dazu gelangen, wenn neben den sonstigen Erfordernissen ihre ökonomischen Verhältnisse sich in bester Ordnung befinden."

Köthen, (Anhalt). 26. Juni. Nach dem Köthener Tageblatt ist das jüngste Gerücht über ein angebliches Attentat auf den Kaiser in Berneburg entstanden, wo ein übermüthiger Druckerei-Angestellter die Pfeudomeldung auf ein Telegrammformular aufschrieb mit dem unsinnigen Nachsatz:Prinz Heinrich hat die Regierung übernom­men" und seinen Bekannten zeigte.

Würzburg, 24. Juni. Der Besuch der Universität hat sich im letzten Jahrzent um 486 Studenten ver­ringert. Dieser Rückgang wird noch ausfälliger, wenn man den Besuch aller anderen dentschen Universitäten damit vergleicht, der im letzten Jahrzehnt um mehr als 5000 zugenommen hat.

Ausland

Wie«. Die Vermählung des österreichischen Thron­folgers. des Erzherzogs Franz Ferdinand, soll am 1. Juli ohne alle Hofzeremonie stattfinden. Die Eidesablegung des Erzherzogs wird den Verzicht auf die Thronfolge seiner Kinder aus der morganatischen Ehe und die Stellung seiner Gemahlin betreffen. Seine Gemahlin wird nicht die Rechte und den Titel einer Kaiserin, und seine eventuellen Söhne werden nicht den TitelErz­herzog" führen. Die auf die Ablegung des Eides be­züglichen Dokumente werden am 29. d. M. amtlich ver­öffentlicht werden.

Paris. Rentirt die Pariser Weltausstellung? Was wird man sagen, wenn behauptet wird, eine Stadt ver­dient pro Tag. wohlgemerkt, pro Tag von 24 Stunden, etwa zehn Millionen Mark? Wahrscheinlich: die Stadt kann ziemlich groß sein und die Summe bleibt doch hoch genug! Nun, also in dieser Lage ist heute Paris! Die Summe von zehn Millionen erscheint in der That nicht überschätzt, wenn man gerade auch nicht sagen kann, sie stimmte auf Heller und Pfennig. Aber mit einem täg­lichen Durchschnittsbesuch von einer halben Million wird man heute an der Seine doch wohl rechnen müssen. Hotel- und Hausbesuch zusammengerechnet, und eine Durch­schnitts. Gesammtausgabe von 55 Frks., also von 20 M. pro Kopf und Tag wird kaum Jemand zu gering ver­anschlagen, der Paris kennt. Nun stehen diesen Ein­nahmen der Pariser Geschäftsleute allerdings auch Ausgaben gegenüber, sogar nicht kleine, aber es kommen doch auch beträchtliche Einnahmen von Parisern, so daß man wohl mit dem Gesammtverdienst von 10 Millionen pro Tag rechnen kann. Das macht pro Woche 70 Milli­onen. pro Monat einigen Ausfall gerechnet, etwa 250 Millionen, für die sieben Monate Ausstellungszeit, Anfang und Set luß mäßig. ganz knapp gerechnet, immer über eine Milliarde Mark Verdienst. Die Ausstellung kostet über einige Millionen, immerhin bleibt bei dem ganzen Geschäft ein Verdienst von mehreren hundert Prozent! Freilich wird bie Vertheilung dieses Verdienstes