Schlüchterner Zeitung
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
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A£ 42. Samstag, den 26 Mai 1900. 51. Jahrgang.
R^p!!nne»p1tr ^ die „Schlüchterner Zeitung« werben nod) fortwährend von allen — - Postanstalten undLandbriejträgern, sowie von der Expedition entgegen genommen.
das „Neue Wiener Journal". Der Zustand des Königs Otto sei äußerst besorgnißerregend. Der König sei in folge einer Gehirnblutung an beiden Beinen vollständig gelähmt, leide an Erstickungsanfällen und müsse künstlich ernährt werden. Die Auflösung sei nahe bevorstehend. — (Prinz Ludwig von Bayern und die Kanal- frage). Auf dem Begrüßungsabend der 10. Hauptversammlung des bayerischen Vereins zur Förderung der Kanal- und Flußschiffahrt hielt der Protektor des Vereins, Prinz Ludwig von Bayern, gestern in Straubing eine längere Rede. Die deutschen Landwirthe hätten früher einmal ebenso gegen den Bau von Eisenbahnen Stellung genommen, wie sie jetzt gegen die Anlage neuer Kanäle sich sträuben. Es werde die Zeit kommen, wo die Land Wirthe nach Wasserstraßen gerade so verlangen würden wie jetzt nach Eisenbahnen. Der Prinz besprach sodann die Schiffahrtsverhältnisse in Bayern und hob die Nothwendigkeit hervor, daß ebenso wie für die deutschen Post dampferlinien anch für die bayerische Donau Dampfschifffahrtsgesellschaft vom Reiche eine Subvention gewährt werden sollte. Es entspreche dies der gleichberechtigten Stellung Bayerns, das ja seinerzeit für die Wiederauf- richtung des Reiches genau die gleichen Op'er brächte wie die anderen deutschen Stämme.
Straßburg i. E., 22. Mai. Dem Bürgermeister ist ein Telegramm des Kapitänleutnants Funke zugegangen, in welchem dieser mittheilt, daß die Fahrt der Torpedo boote nach Straßburg sich als unausführbar herausgestellt habe. Die Boote gehen morgen nach Mainz.
In Jena bietet eine Schuhhandlung jedem Käufer, bar von jetzt bis Pfingsten dort ein Paar Schuhe oder Stiefeln im Preis von Mk. 5,50 an kauft, gleichzeitig einen Bon, gegen dessen Rückgabe die im Geschäft gekauften Schuhwaareu einmal ganz umsonst mit Sohlen und Absätzen versehen werden. Mehr kann man doch wirklich nicht verlangen!
Gera. Die Handelskammer des Fürstenthums Reuß ä. L hat vor einiger Zeit, bei der fürstlichen Landes regierung angeregt, für Prioatangestellte, Arbeiter und Dienstboten eine Auszeichnung für ununterbrochene längere Dienstzeit in ein und derselben Stelle zu stiften. Dem ist durch den regierenden Fürsten jetzt entsprochen worden, und zwar erhalten dergleichen Personen, vorausgesetzt, daß sie sonst unbescholten sind, nach ununterbrochener zwanzigjähriger Dienstzeit in ein und derselben Stelle ein von der Landesregierung auszustellendes Diplom, nach dreißigjähriger Dienstzeit aber eine Medaille, die der Fürst verleiht. Dieselbe ist aus Kupferbronze, zeigt auf der Vorderseite die Aufschrift „Für treue Dienstleistung', auf der Rückseite aber den fürstlichen Namenszug und ist von Männern am landesfarbenen (schwarz- roihgvldenen) Bande auf der linken Brust, von Frauen aber an schwarzsammetnem Bande um den Hals zu tragen.
Erfurt, 22. Mai. Die hiesige Königl. Akademie gemeinnütziger Wissenschaften hat beschlossen, für das Jahr 1900] 1901 folgende Preisaufgabe zu stellen: „Wie ist unsere männliche Jugend von der Entlassung aus der Volksschule bis zum Eintritt in den Heeresdienst am zweckmäßigsten für die bürgerliche Gesellschaft zu erziehen?" Auf die beste der einlaufenden Arbeiten ist ein Preis von 600 Mk. als Honorar gesetzt. Die Abhandlung soll einen Ummng von nicht unter 15 und nicht über 40 Foliobogcn haben. Bewerber werden ersucht. ihr Manuscript vom 1. März bis zum 30. April des Jahres 1901 an den Kgl. Bibliothekar Oberlehrer Dr. Emil Stange in Erfurt einzureichen.
Köln, 21. Mai. Bei einer Vormittags stattgehabten Uebung des Deutzer Kürassierregiments wurden bei einer Schwadron 52 Pferde scheu, rasten zur Stadt hinein, alles was sich ihnen in die Quere stellte überrennend. Ein Milchiuhrwerk wurde zertrümmert. Als der Pferdetrupp eine scharfe Biegung durch die Clever Straße machte, stürzten acht Thiere, mehrere blieben infolge schwerer Verletzungen liegen. Während zum Schluß etwa 40 Pferde in die Kürassierkaserne flohen, setzten sechs P'crde die wilde Jagd nach dem Vorort Kalk fort.
Gießen, 21. Mai. Am vorigen Dienstag fand im Neben'schen Hofe eine Versteigerung von 40 Saaner- Ziegen statt, welche vom Landwirthschaftlichen Verein lür die Provinz Oberhessen aus der Schweiz eingesührt worden waren. Die Preise stellten sich für Ziegenböcke ziemlich hoch, es wurden für einzelne Thiere über 100 Mark bezahlt, Ziegen dagegen wurden für 30 bis 50 Mark abgegeben. An dem gleichen Tage wurden an die
Der Schutz der Arbeitswillige«.
Die Aufruhrszenen, welche sich im Gewlge der Arbeitsniederlegung des Personals der Großen Berliner Straßenbahngesellschaft am Sonnabend und Sonntag an verschiedenen Berliner Massenverkehrspunkten abgespielt haben, zeigen mit erschreckender Klarheit, wie weit man bei uns bereits auf der abschüssigen Bahn hernnter- geglitten ist, welche von den parlamentarischen Gegnern der Arbeitswilligenschutzvorlage — seitens der Sozial- demokratie ebenso gehässiger als geschmackloser Weise als „Zuchthausvorlage" denuuzirt — betreten wurde, als sie es rundweg ablehnten, den von den verbündeten Regierungen geforderten ausgiebigeren Gesetzesschutz gegen Bedrohung und Vergewaltigung ruhiger Arbeiter durch das sozialdemokratische Rowdythum zu bewilligen. Was von den im praktischen Leben stehenden und mit den Verhältnissen desselben vertrauten Männern für den Fall der Ablehnung jener Vorlage vorhergesehen und vorhergesagt wurde: daß der große Haufe aus dem ablehnenden Votum der Reichstagmehrheit nur die Anerkennung des Rechts auf Strikcs und auf deren Durchführung, gleichviel mit was für Mitteln, heraus hören und indem Wahne bestärkt werden würde, daß ein gutes Recht der „Genossen" sei, den Erfolg eines ausgebro- chenen Streikes dadurch noch mehr zu sichern, daß etwaige arbeitswillige Elemente — Strikebrecher im sozialdemokratischen Hetzjargon — durch Bedrohung bezw. Schädigung an Leib und Leben brutal gezwungen werden, auch ihrerseits müßig zu gehen, das ist jetzt in mehr als vollem Umfange zur Wirklichkeit geworden. Kein Wunder, wenn unter solchen Umständen die kleine Zahl ar= beilswilliger Straßenbahnangestellter, welche sich diensttreu am Sonnabend und Sonntag muthig in den Sturm und Drang der Strecke Hinaziswagten, den denkbar schwersten Stand hatten, da sie in den Augen des auf- gewiegelten Mob gleichsam als vogel rei galten. Die Ruhestörungen und Ausschreitungen hätten wohl kaum den berichteten Charakter getragen, wenn nicht gleich im Vorhinein bei den Massen ein Grad der Erbitterung gegen die dienstthuenden Straßenbahnangestellten hervorgetreten wäre, der sich nur erklären läßt aus der raf- finirt agitatorischen Verwerthung der verhängnißvollen Niederstimmung des Arbeitswilligcnschutzgesctzes im Reichs tage durch die sozialdemokratischen Bcrufshetzer. Diese hielten sich, wie immer in solchen Fällen, für ihre eigene werthe Person wohlweislich hinter der Front, und über ließen es der verhetzten Menge, die Suppe auszuessen, die sie ihr eingebrockt.
Will man aus den Erfahrungen, welche Berlin am Sonnabend und Sonntag hat machen müssen, eine heilsame Lehre ziehen, so kann dieselbe nur darin bestehen, daß anstatt des einen verunglückten Versuches, den Arbeitswilligen wirksameren gesetzlichen Schutz augedeihen zu lassen, je eher desto besser ein zweiter gemacht werde. Vielleicht dürften auch manche Elemente der damaligen regierungsgegnerischen Reichstagsmehrheit jetzt, angesichts der scharfen Sprache der Thatsachen, eingesehen haben, daß sie nicht zum besten berathen waren, als sie, unter dem Druck des Hallohs der ganzen demagogischen Presse und der auf die gleiche Tonart gestimmten Agitation unter den Massen sich verleiten ließen, gegen ihre innere bessere Einsicht der Opposition gegen die Regierungsvorlage beizutreten Jedenfalls darf es in einem wohlgeordneten Gemeinwesen nicht vorkommen, daß die Betheiligung an Ausnänden durch Androhung und Ausübung brutaler Gewalt erzwungen werden kann, ohne daß der zum Rechtsschutz seiner Bürger verpflichtete Staat in der Lage ist, die Arbeitswilligen bei legitimer Ausübung ihres Berufes zu schützen.
Deutsches Reich.
Berlin. Die Kaiserin ist Mittwoch Nachmittags 5 Uhr in Wiesbaden eingetroffen und wurde vom Kaiser am Bahnhof empfangen. Die Kaiserin hat den aus Mitte Juni festgesetzten mehrwöchigen Aufenthalt in Sabinen plötzlich abgesagt. Der Kaiser hat seinen Besuch in Sabinen für den Herbst angekündigt.
München. Schlechte Nachrichten über das Befinden des baicrijchcn Königs erhält aus Münchener Hofkniscn^
5 Bezirkszuchtvereine für Simmenthaler Vieh in der Provinz 5 Stationsbullen, die ebenfalls in der Schweiz angetauft worden waren, abgegeben. Mit diesen Thieren werden 5 neue Stationen errichtet und zwar in Stockhausen. Kreis Lauterbach, Otterbach Nieder-Gemünden, Kreis Alsteld, Ober-Högern, Kreis Gießen, Melbach, Kreis Friedberg und Borsdorf, Kreis Büdingen. Es bestehen sonach zur Zeit 17 Bullenstationen in der Provinz.
Ausland
Lourenzo Marques, 19. Mai. Die Transvaalregierung hat gestern beschlossen, Roberts eine amtliche Mittheilung zusenden, worin die Beendigung der Feindseligkeiten und Sicherheit dafür verlangt wird, daß die Existenz der auf Seiten der Buren kämpfenden Leute aus der Kapkolonie und Natal geschont werde. Sollten die Forderungen nicht bewilligt werden, da sollen die Minen durch Sprengstoffe zerstört nnd Johannesburg vernichtet werden. — Auch in Transvaal scheint die Ueberzeugung immer mehr durchzudringen, daß jeder Widerstand vergeblich sei. Präsident Steijn wünscht aber, daß der Krieg nicht unwürdig auslaufe, und verlangt, daß die Truppen noch einmal Stand halten. Viele Boeren wollen aber jedes weitere unnütze Blutvergießen vermeiden. Ob Pretoria vertheidigt werden soll, wissen selbst die Burgher nicht. Da nichts gethan ist, um die Gegend von Lydenburg zu befestigen, wird vielfach angenommen, daß die Meldung, die Regierung würde nach Lydenburg gehen, eine Finte ist, um Lord Roberts nach Pretoria zm locken. Sollte Pretoria vertheidigt werden, so dürften sich die Boeren der Belagerung entziehen, in die Berge gehen und die Vertheidigung den fremden Kommandos überlassen. Ein Berichterstatter meldet, daß er aus zuverlässiger Quelle erfahren habe, Krüger habe während der letzten sechs Wochen die Hauptmasse, wenn nicht die Gesammtmasse seines Vermögens in Transvaal auf den Namen verschiedener Freunde eintragen lassen, es sei dies eine Vorsichtsmaßregel gegen die etwaige Einbeziehung desselben durch die Engländer. Nach einer Meldung der „Times" aus Kroonstadt vom 18. d. hat der schnelle Vormarsch Lord Roberts von Bloemfontein dorthin die Boeren bei ihren Vorbereitungen zum Wiederstande vollkommen demorali- siN. Dafür sprechen auch die massenhaften Waffenaus- lieierungen und die Kapitulationen größerer oder kleinerer Boerenkorps.
Amerika. Die Bewegung zu Gunsten der Buren nimmt in Nordamerika ganz gewaltig an Umfang zu, obgleich die die dortige Regierung nichts davon wissen will. So gestaltete sich der Empfang der Burendelegrrten im Opernhaus zu Washington zu einer großen Kundgebung für die Buren, in der manches unfreundliche und scharfe Wort gegen die Engländer fiel. Senator Sulzer bewillkommnete die Delcgirten und sagte, neun Zehntel der Amerikaner seien gegen England. Im Namen der Menschlichkeit müsse man für die Herbeiführung des Friedens eintreten. Die Buren seien nur zu besiegen, wenn sie gleichzeitig ganz vernichtet würden. Dem Zerstörungsmarsche Englands müsse Einhalt ge. than werden. Der Burendelegirte Fi her sprach sich in seiner Erwiderung ähnlich aus, wie er dies in Newyork gethan. Hierauf sprach Bourke-Cockran. Er wies auf die Nachbarscha t Kanadas hin und bemerkte, Kanada als britischer Besitz bedrohe die Aufrechterhaltung der Mouroe-Doktrin. Sodann griff Redner heftig die englische Regierung an. Ob nun die amerikanische Regierung interoenire oder nicht, fügte er hinzu, die nöthigen Mittel müßten gefunden werden, dem gegenwärtigen Unrecht gegen die Zivilisation ein Ende zu machen. — Leider fiel der offizielle Empfang durch die Beamten der Regierung ganz anders aus. Auch hier erhielten die Buren-Delegirten, ebenso'wie bei allen europäischen Regierungen, eine spinnte Absage.
New-Nork, 21. Mai. Einer Depesche aus Kingston zu Folge sind nach dort eingetroffenen Berichten aus Kolumbien die Aufständischen im Norden von Panama vertrieben worden. Am 16. Mai war Cartagena noch im Besitz der Regierung. In der Nacht vom 13. Mai fand vor Cartagena ein verzweifelter Kampf statt, worin die Aufständischen geschlagen wurden. Es sollen 500 Aufständische gefallen sein. Das Land befindet sich in einem schrecklichen Zustande. Der Papierdollar ist nur fünf Cents werth.