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SchlüchternerZeitung

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

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.U 31. Mittwoch, den 18. April 1900. 51. Jahrgang.

Ü^Mhltt^tl auf bie Schlüchterner Zeitung" uHU^MI werden noch fortwährend von allen

- - Postanstalten utd Landbrieträgern, sowie von der Expedition entgegen genommen.

Handwerks-Organisation

Mit dem verflossenen ersten April dieses Jahres hat der letzte Akt in der Handwerks Organisation, die Bil­dung der Handwerks-Kammern, begonnen Die Termine für die Errichtung dieser Kammern sind in den einzelnen Gegenden zumeist festgesetzt, und es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß sich im Laufe des Frühjahrs sämmtliche Kammern werden bilden können, die Kammer für den Reg.- Bez. Cassel tritt bereits am 17. d. Mts. zusammen. So erscheint das wichtige Handwerks-Gesetz in allen seinen Theilen unter Dach und Fach gebracht, und un­willkürlich ladet dieser Zeitpunkt zu einer kurzen zu­sammenfassenden Betrachtung ein.

Die nunmehr vollendete Handwerks-Organisation hat eine lange Vorgeschichte. Seit Anfang der 70er Jahre und schon früher machte sich im Handwerkerstand der lebhafte Wunsch geltend, gleich anderen Ständen eine gesetzlich geordnete Interessenvertretung M erlangen. Der Erfüllung dieses Wunsches stellten sich zunächst mannigfache Hemmnisse entgegen Allmählig aber gelang es, die entgegenstehenden Schwierigkeiten zu beseitigen, und im Jahre 1897 wurde thatkräftig Hand ans Werk gelegt. Das Gesetz dieses Jahres brächte dem Hand werke die ersehnte Organisation. Es wurden zunächst die Innungen neu gefestigt und weiter ausgebaut, indem man ihren Thätigkeits Kreis erweiterte unb ihre Macht­mittel verstärkte, und sodann als Ueberbau auf die Innungen die Handwerks-Kammern gesetzt, die, kurz gesagt, die Aufgaben der Innungen in erhöhtem Umfange für größere Bezirke wahrzunehmen haben, Revisions- Jnstanzcu der Innungen sind und als gutachtliche Be­hörden in unmittelbarem Verkehr mit der Regierung stehen.

Dem Handwerk ist damit eine geordnete Vertretung zutheil geworden, wie sie Handel und Landwirthschaft schon längere Zeit besitzen. Es hat in diesen älteren Schwester Organisationen zugleich die besten und wirk­samsten Vorbilder vor Augen. Kein unbefangener Be­obachter vermag es zu leugnen, daß die Handels-Kammern wie die Landwirthschafts-Kammern in vielfacher Hinsicht befruchtend und fördernd auf die Interessen der von ihnen vertretenen Stände eingewirkt haben. Namentlich hinsichtlich der Landwirthschafts-Kammern, die vor einigen Jahren für die einzelnen Provinzen ins Leben gerufen wurden, läßt sich diese Thatsache mit unbedingter Sicher­heit feststellen. Sie haben den Wünschen und An­schauungen der Landwirthschaft in der Oeffentlichkeit erhöhtes Gewicht zu verleihen gewußt und dabei doch fast stets die Grenzlinie innegchalten, die von der noth­wendigen Rücksicht auf die übrigen Erwerbsstände nun einmal unbedingt gefordert wird.

Soll die Organisation des Handwerks diesem zum Segen gereichen, so wird sie in ähnlicher Weise, wie die ältern Vorbilder wirken müssen. Die Rahmen, die Form mögen eine wesentliche Stütze, ein werthvolles Werkzeug sein, aber sie bleiben dennoch todt und starr, wenn ihnen nicht der rechte Inhalt gegeben wird. Auf der Grundlage des Handwerks-Gesetzes mit seinen weiten Befugnissen und verstärkten Rechten läßt sich für die organistrten Handwerker viel erreichen: sie können das Lehrlingswesen in zweckentspechender Weise regeln, können Fachschulen, Meisterkurse und Lehrwerkstätten ins Leben rufen und vor allem auch das ungemein bedeutungsvolle Genossenschaftswesen in ganz anderem Maßstabe als bisher ansbanen. Dazu aber gehört wackeres Zugleifen und Handanlegen, kein Schlendrian, kein Gehenlassen und müßiges Klagen. Gelingt es, die organisatorische Form, die dem Handwerke zutbeil geworden, mit dem rechten Geiste, dem Geiste frischer, thatkräftiger Selbst­bestimmung und Selbst hülle zu erfüllen, dann wird sich diese Organisation ohne allen Zweifel auch als ein wirk­sames Mittel erweisen, um dem Handwerke diejenige Stellung zu sichern, die ihm nach seiner glorreichen Vergangenheit gebührt und die zugleich von dem staat­lichen Gesammt'Jnteresse gefordert wird.

Deutsches Reich.

Berlin Der Berl. Local-Anzeiger meldet, es solle eine Zusammenkunft Kaiser Wilhelms mit dem Zaren auf russischem Gebiet staltsinden, entweder Ende Mai oder

Anfang Juni. Die Taufe eines russischen Kreuzers würde die äußere Veranlassung zu dem Zusammen­treffen geben.

* Auf Anordnung des Reichspostamtes brauchen die Quittungen der Empfänger bei Postanweisungen, Werthbriefen und eingeschriebenen Briefen das Datum des Empfanges nicht mehr zu enthalten. Mit Recht bemerkt dieDeutsche Jurislenzeitung , daß für den Rechtsverkehr hierdurch die Quittung in einem wesent­lichen Punkte ihren Werth verliert, denn der Zeitpunkt des Emvfanges ist oft von größter Wichtigkeit. Aus diesen Gründen wäre zu wünschen, daß die Verfügung des Reichspostamtes wieder rückgängig gemacht wird.

Behandlung deutscher Postpackete in Nordamerika. Der Postmeister in Newyork ist von dem amerikanischen Generalpostmeister angewiesen worden, alle aus Deutsch­land eintreffenden Poüpackete, jbie Siegelverschluß tragen, zurückzusenden. Nach dem deutsch-amerikanischen Ueber« einkommen dürfen die Packete nicht verstiegest unb nur derart verschlossen sein, daß sich ihr Inhalt auf seine Zollpflichtigkeit leicht untersuchen läßt.

Die Reichsstempelabgaben sollen für 1899 rund 53 Millionen Mark abgeworfen haben, das sind etwa 3 Millionen Mark mehr als veranschlagt worden war. Der Ueberschuß ent ällt der Hauptsache nach auf die Börsensteuer, während die Loosestener den gehegten Er­wartungen nicht ganz entsprochen hat.

Als Auischer für die deutsche Abtheilung der Pariser Weltausstellung haben sich jetzt von verschiedenen Regimentern zwölf dazu beurlaubte Sergeanten und Vizefeldwebel oder Bizewach!meister nach Paris begeben. Die werden dort abwechselnd den Dienst in den deutschen Ausstellungsräumen versehen und erhalten dafür von der Regierung je 10 Mk. Tagegelder, außerdem freie Wohnung und Erstattung der Reisekosten. Eine Uniform, ähnlich wie sie die Hofbediensteten des Kaisers tragen, wurde ihnen gleichfalls geliefert. An der Mütze be« findet sich der Reichsadler und die Jnschri t:Section dAllemagne. Nur Militärpersonen, die fertig fran­zösisch sprachen, wurden für diese Aufseherposten aus- gewählt und mußten zuvor eine Prüfung ablegen.

Ein großes öffentliches Preiskegeln, wie es in dem Umfange bisher in Deutschland noch nicht veran- staltet worden ist, es dauert nämlich volle hnndert Tage, findet auf sechs neuerbauten Kegelbahnen in Berlin in der Unionsbrauerei, Hasenhaide 22 31, vom 15. April bis 24. Juli, täglich von 11 Uhr Vormittags bis 12 Uhr Abends statt. Die polizeiliche Genehmigung dazu liegt bereits vor. Es sind ICO Preise wie folgt fest, gesetzt worden: 1. Preis Villa Zillerthal (schuldenfrei) mit P'erd und Wagen in Eichwalde an der Görlitzer- und Stadtbahn. Der amtlich beglaubigte Werth betrügt 21 000 Mark, 2. Preis 2500 Mark, 3. Preis 1200 M., 4. Preis 600 Mark, 5. Preis 300 Mark. 6. Preis 200 Mark, 7. Preis 100 Mark, 8-12 Preis ä 60 Mark, 13.-17. Preis ä 50 Mark, 18 -22. Preis ä 40 Mark, 23.-32. Preis ä 30 Mark, 33.-42. Preis & 20 Mark. 43. 100. Preis ä 10 Mark. Von den ersten 7 Preisen kann ein Kegler nur je einen Preis gewinnen. Jede Schubkarte kostet 2 Mark und berech­tigt zum Werfen von zehn Kugeln auf einer der sechs Bahnen. Gekegelt wird mit 16'2 Zentimeter Durch messer Kugeln, welche der vom deutschen Keglerbunde festgesetzten Normalgröße entsprechen. Als vor zwei Wochen die erste Mittheilung durch die Zeilungcm ging, daß der erste Preis dieses Kegels eine schuldenfreie Villa nebst Pferd und Wagen sein solle, hielt man die Sache allgemein für einen Aprilscherz. Nun steht aber fest, daß eine solche Villa thatsächlich dem Sieger des Turiers übereignet werden soll. Wie viele Bewerber um diesen werthvollen Preis in die Schranken treten werden, erscheint zur Stunde noch ungewiß, jedenfalls aber ist der Preis sehr schwer zu erringen, und hundert Tage kegeln ist sicherlich ein etwas zweifelhaftes Ver- gnügen.

Schon wieder kommt die Kunde von einem Raubmord in Berlin. Die 72 Jahre alte unverehelichte Emilie Medenwald wurde Dienstag Nachmittag in ihrer Wohnung Birken st r. 42 ermordet und beraubt aufgefunden. Unter dem Verdachte, die Schifferfrau Graßnick in Eichwalde ermordet zu haben, wurde der Töpfer Ed­mund Jänicke und seine Frau verhaftet. Das Ehepaar lebte früher in Berlin, wo es einen Grünkamhandel betrieb.

In der unter Ausschluß der Oeffentlichkeit ge­

führten Verhandlung der Strafkammer in Berlin gegen den Bankier Sternberg, einen vielfachen Millionär, wegen Vergehens gegen die Sittlichkeit wurde' der Angeklagte zu 2 Jahren Gefängnis und 3 Jahren Ehrverlust ver- urtheilt.

Vom Rhein. Niedriger hängen! In mangelhaftem Englisch sendet die Firma Siegfried Nathan Wolff u. Co., Wevelinghoven bei Düsseldorf, laut der ..Düsf. Ztg." an ihre in England wohnenden Kunden folgendes durch Vervielfältigungsmaschine hergestelltes Rundschreiben: Werthe Herren! Unser Herr Wolff sen, welcher mit England und dem englischen Leben so sehr vertraut ist, und der so viele Freunde unter den Engländern zählt, drückt hierdurch seine tiefste Sympathie betreffend das Wohlergehen der Engländer im südafrikanischen Kriege aus." P'ui Temel!

Mainz, 14. April. Drei Kompagnien des 80. Re­giments in Homburg sind, weil dort die Genickstarre herrscht, hierher verlegt. Zur kaiserlichen Schntztruppe hat sich ein älterer hiesiger Offizier gemeldet. Er ist schon Hauptmann und Compagniechef, verheiratet und Vater mehrerer Kinder. Geborener Engländer, trat er im Anfang der 80er Jahre mit Bewilligung des Kaisers als Leutnant in die deutsche Armee ein. Vorher hatte er in einem schottischen Hochländer-Regiment eine Offi- zierstelle bekleidet und auch schon mehrere Jahre in In­dien und Südafrika zugebracht.

Konitz, 15. April. Der Kopf des jüngst ermordeten Gymnasiasten Winter ist heute in einem Wiesengraben ge­funden worden. Verletzungen waren an dem Kopf nicht zu erkennen. Das Dunkel, welches über der Mordthat schwebt, ist noch immer nicht aufgeklärt.

Ausland

Brüssel. König Leopold von Belgien hat seinem Lande soeben ein wahrhaft königliches Geschenk gemacht. In der Brüsseler Repräsentantenkammer verlas der Ministerpräsident de Smet de Naeyer eine Mittheilung, zufolge, welcher der König alle seine unbeweglichen Güter dem Lande zum Geschenk macht. König Leopold H., der soeben sein 65. Lebensjahr vollendet hat und seit beinahe 35 Jahren den belgischen Königsthron inne hat, ist bekanntlich ohne männliche Leibeserben. Dieser Um­stand und die Zwistigkeiten mit seinen beiden ältesten Töchtern, der bekannten, jetzt in einer Nervenheilanstalt befindlichen Prinzessin Luise vou Koburg und der Kron­prinzessin Stefanie, jetzigen Gräfin Lonyay, dürften wohl hauptsächlich zu dem Entschlüsse des Königs bei­getragen haben.

Paris, 14. April. Anläßlich der heute stattfinden- den Eröffnung der Pariser Weltausstellung hat Präsident Landet sämmtliche Strafen in der Land- und See-Armee sowie bei den Militärschulen aufgehoben. Außerdem hat Landet die Minister des Krieges und der Marine angewiesen, jedem Soldaten und Matrosen eine doppelte Ration Wein zu gewähren. Der Präsident machte gestern in Begleitung der General-Kommissare einen Rundgang durch die Ausstellung. Der Ausstellungsplatz, besonders das Marsfeld bot einen überaus traurigen Anblick dar. Das Innere der Gebäude ist größtentheils ohne jede Ausschmückung. Die Kommissare befinden sich in größter Aufregung. Der Aitsstellungsplatz bietet das Bild einer in Belagerung befindlichen Stadt angesichts der An­wesenheit der zahlreichen Soldaten, welche mit den Auf- rüumungsarbeiten beschäftigt sind.

Südafrika. Die Buren haben wieder einen glänzen­den Sieg über die Engländer banongetrogen und damit den endgültigen Beweis erbracht, daß sie durchaus nicht so ohnmächtig sind,, wie sie in Londoner Blättern fort­gesetzt geschildert werden Derselbe General Dcwet, welcher bei den Wasserwerken von Bloemfontein einen so schönen Erfolg über die Engländer erzielte, hat diesen jetzt noch einen viel ausdrücklicheren Beweis seines Könnens geliefert. Nach aus verschiedenen Quellen stammenden Londoner Telegrammen schlug nämlich General Dewet die Engländer am 7. d. M. bei Merkatsfontein unweit von Brandfort in einer blutigen Schlacht, in welcher die Engländer nicht weniger als 600 Mann an Todten und Verwundeten und außerdem noch 900 Mann ver­loren, die gefangen genommen wurden. Außerdem fielen 12 Wagen den Buren in die Hände. Das ist ein großer Erfolg, wenn es natürlich auch keine That von ent­scheidender Bedeutung ist. Aus dem Umstände, daß die Buren nennenswerthe Verluste überhaupt nicht erlitten