Schlüchterner Mung
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Samstag, den 10. März 1900
51. Jahrgang.
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Krankenkassen und Sozialdemokratie.
Wie wir schon öfter hervorgehoben haben, hat die Sozialdemokratie in den Ortskrankenkassen insofern feste Stützpunkte für die Erweiterung ihrer Agitation und für die Erhöhung ihrer Propaganda, als sie in der Lage ist, die fetten Pfründen der Beamtenstellen dieser Kassen an Anhänger zu vergeben. In der Mehrzahl der Ortskrankenkassen sitzen heute Sozialdemokraten als Beamte und lassen es sich angelegen sein, die Umsturzpartei überall, wo sie es nur können, zu fördern. Es ist das ein arger Mißstand geworden, und man wird hoffentlich bei der bevorstehenden Revision der Krankenversicherung darauf ausgehen, ihn möglichst zu beseitigen. Wenn die Arbeitgeber durch die Verlängerung der Unterstützungsdauer von 13 auf 26 Wochen wieder zu neuen Opfern für die Arbeiter gezwungen werden sollen, so werden sie doch wohl verlangen können, daß ihnen auch ein größerer Einfluß als bisher auf die Kassen- organisation eingeräumt werde. Sind doch die Sozialdemokraten so kühn, die Mitbestimmung der Arbeiter bei der Unfallversicherung zu verlangen, ohne daß von diesen auch nur ein Pfennig zur Deckung der Kosten dieses Bersicherungszweiges beigesteuert wird. Man wird jedenfalls einen Versuch nach dieser Richtung machen müssen. Sodann bietet sich ein anderer Weg zur An Näherung an das erstrebte Ziel, er scheint auch schon beschritten zu sein. Wie nämlich gemeldet wird, werden bei den Vorarbeiten für die Krankenversicherungsrevision auch Erwägungen darüber angestellt, wie die Verwaltungs- kosten in ein besseres Verhältniß zu den Kassenleistungen gesetzt werden sollen. Es ist nämlich notorisch, daß die Berwallungskosten bei der Krankenversicherung außerordentlich hoch sind. Wenn das auch leicht erklärlich ist, da ja die Sozialdemokraten nur recht fette Pfründen lieben, so ist es doch höchst ungerecht. Man wird also darauf sehen müssen, ob nicht eine Einschränkung der Verwaltungskosten zu erzielen sein wird. Am besten läßt sich die Ersparniß dadurch erzielen, daß nicht so viele Kassen bestehen bleiben. Je weniger Kassen, um so geringer die Kosten. Dabei erreicht man denn auch den höchst erstrebenswerthen Zweck, die Zahl der sozialdemokratischen Agitatoren, welche auf Kassenkosten sich ein behagliches Dasein schaffen, zu vermindern. Je weniger Beamtenstellen in der Kassenerganisation übrig bleiben, um so weniger Sozialdemokraten können in sie hineingebracht werden. Dadurch wird der jetzige Mißstand, daß eine Partei, welche die ganze staatliche Krankenversicherung bekämp't hat, von ihr politischen Vortheil zieht, wenn auch nicht beseitigt, so doch bedeutend gemindert werden können. Jedenfalls wird man bei der Krankenversicherungsrevision gerade diesen Gesichtspunkt in den Vordergrund stellen müssen. Die Sozialdemokratie darf nicht mehr in der Lage gelassen werden, die staatliche Krankenversicherung für ihre auf die Beseitigung des heutigen Staates gerichteten Zwecke auszunutzen.
Deutsches Re ch.
Berlin. Den Besuch des Kaisers erhielten Donners tag Vormittag von 9'/, Uhr ab die Kasernen der Berliner Kavallerieregimenter, deren Offiziere sich im Reiten nach verschiedenen Richtungen hin (Dressur, Nehmen von Hindernissen u. s. w.) vor dem obersten Kriegsherrn zeigten. Zuerst fuhr der Kaiser bei dem zweiten Garde- Ulanenregiment vor. Nach Beendigung des Reitens be- gab der Kaiser sich nach der Kaserne des ersten Gardedragonerregiments an der Bellealliancestraße, woselbst er gegen 10'/« Uhr anlangte. Die Vorstellung dauerte dort bis kurz nach 11 Uhr, sodann folgte die Reitvor- stcllung bei den Gardekürassieren und schließlich die im zweiten Gardedragonerregiment. Nächsten Sonnabend fährt Se. Majestät nach Wilhelmshafen zur Vereidigung der Marincrekruten.
— Kaiser Wilhelm und Papst Leo. Kaiser Wilhelm richtete an Papst Leo zum 90. Geburtstag ein in Herz lichsten Worten abgesagtes Glückwunschtelegramm. Der Papst dankte für die zum Ausdruck gebrachten freundschaftlichen Gefühle und erbittet seinerseits Gottes Gnade für das Glück und Wohlergehen des Kaisers und seiner Familie.
— Nachdem die Kaiserliche Verordnung wegen Inkraftsetzung der Bestimmungen des Handwerksorganisationsgesetzes über die Handwerkskammern zum 1. April 1900 die Zustimmung des Bundesraths gefunden hat, wird an
die Errichtung der Handwerkskammern herangetreten werden. Behördlicherseits ist überall insofern vorgearbeitet, als die Handwerkskammerbezirke in den einzelnen Bundes- staaten festgesetzt sind. Sobald die Wahlen zu den Kammern vollzogen sein werden, wird die innere @tn richtung der letzteren, Wahl des Vorstandes und gegebenenfalls der Ausschüsse, Wahl des Sekretärs, Bestimmungen über den Geschäftsgang, u. s. w. vorgenommen werden müssen. Von der Wahl der geeigneten Personen zu Handwerkskammer-Sekretären wird viel für die gedeihliche Entwickelung der neuen Korporationen abhäugen. In einigen Handwerkerkreisen wird damr agitirt, in diese Stellen Handwerker herein uiziehen. Gewiß wird es auch Handwerker geben, die sich dafür eignen, im Allgemeinen aber haben die ähnlichen Korporationen, wie Handels- und Landwirthschaftskammern, gerade dadurch gute Erfolge erzielt, daß sie volkswirthschaftlich gebildete Kräfte in ihren Dienst zogen. Die Handwerkskammern werden gut thun, aus diesen Erfahrungen die entsprechende Lehre zu ziehen. Im Uebrigeu werden auch demnächst noch die höheren Verwaltungsbehörden einen auf die Handwerkskammern bezüglichen Akt vornehmen müssen, nämlich die Bestellung von Kommissaren für die Kammern. Auch die Auswahl geeigneter Persönlichkeiten für dieses Amt wird die Entwickelung der Handwerkskammern recht stark beeinflussen können, da den Handwerkskammer-Kommissaren im Gesetze weitgehende Befugnisse ertheilt sind. Wenn der oben erwähnte Bundesrathsbeschluß auch die gesetzlichen Vorschriften über die Handwerkskammern zum 1. April d. J. in Kraft setzt, so werden die letzteren demnach sicherlich erst bedeutend später ihre eigentliche Thätigkeit aufnehmen können.
— Eine Erklärung zu Gunsten der Buren veröffentlicht Herr von Diest-Daber. Er bezeichnet den Krieg als schandbar und verdammenswerth, lobt die Tapferkeit und die Heldenmüthigkeit der Buren und hofft, daß Gott ein Strafgerichi über den ruchlosen Angreifer England — „dem Gold- und Diamanten-Jobberthum dienstbar" — herniederschickt. Herr von Diest erinnert dann an den Aiisspruch Moltkes in seiner „Geschichte des französischen Krieges", daß die Börse einen Einfluß gewonnen habe, der die bewaffnete Macht für ihre Interesse in das Feld zu rufen vermag. Und mit das tollste sei: Europa, nachdem es soeben die famose Friedenskonferenz abgehalten hat, — sieht ruhig zu.! Als die Türkei im Begriffe stand, Griechenland in Folge seiner Provokationen zu erdrücken, waren die sog. „Großmächte" mit dem Eingreifen schleunigst bei der Hand, die Buren dagegen, die in ihrem vollen Rechte sind, läßt man ruhig abschlachten!"
Aus Ostpreußen. Von wuthverdächtigen Kriegs- Hunden gebissen wurden ein Leutnant, ein Oberjäger und ein Jäger von der 1. Kompagnie des in Ortels- burg (Ostpreußen) garnisonirenden Jägerbataillons (Graf Aorck „von Wartenburg) Nr. 1. Die Patienten haben die Berliner Tollwuth-Schutzstation aufgesucht. Ein dem genannten Jägerbataillon angehörender Kriegshund, der sonst sehr ruhig war, hatte auf dem Kasernenhofe mehrere Hunde angefallen und sodann in einem benachbarten Dorfe einige andere todtgebissen und mehrere arg zerfleischt. Dieser Hund wurde sofort erschossen. Am Tage darauf biß ein anderer Kriegshund, welcher von dem oben erwähnten Hunde angefallen worden war, seinen Herrn, den Eingangs bezeichneten Leutnant, und unmittelbar darauf einen Oberjäger und einen Jäger; auch dieser Hund wurde sofort getödtet. Angesichts dieser Thatsache begaben sich der Leutnant, der Oberjäger und der Jäger nach Berlin, um sich dort einer Schutzimpfung gegen Tollwuth zu unterziehen
Mainz, 6. März. Der Thürmer der Stephanskirche kürzte sich während eines Fieberanfalles von dem Kirch- thurm herab. Er wurde gänzlich zerschmettert und todt au^gefunden.
Trier. Im Bett von einer Lokomotive über'nhren zu werden — dieser jedenfalls eigenartige Unglücksfall trug sich dieser Tage auf dem Bahnhöfe in Deutsch Oth, der äußersten Bahnstation in der französisch luxemburgischen Grenzecke, zu. Dort sind an den Maschinenschuppen drei Räume angebaut, die dem Maschinenputzer und seiner Familie zur Wohnung dienen. Infolge falscher Weichenstellung fuhr für nun eine nur mit einem Packwagen nach Esch, der nächsten luxemburgischen Station, abgehende Lokomotive in den Maschinenschuppen hinein, gerieth dort auf eine andere bereitstehende Lokomotive
und trieb deren Tender in das daran austoßende Zimmer- chen, wo zwei Töchter des Putzers im Alter von 12 und 13 Jahren, zusammen in einem Bett schliefen. Mit furchtbaren Krachen durchbrach der Tender die starke Trennungsmauer und stürzte mit den Trümmern derselben über das Bett, die beiden unglücklichen Mädchen unter sich und den Strinmassen begrabend. Das jüngere Kind war sofort todt, während sein älteres Schwesterchen so starke Quetichungen am Kopfe davontrug, daß ebenfalls wenig Hoffnung besteht, es am Leben zu erhalten. Wie so häfing, kam übrigens auch bei diesem Vorfall ein Unglück nicht allein, da der Stationsvorsteher, als er in großer Aufregung nach der Unfallstelle eilen wollte, über eine Bordschwelle zu Fall kam und sich vier Rippen brach. — Die Zustände auf dem Bahnhöfe Deutsch-Oth sollen schon lange den Gegenstand lebhafter Beschwerde gebildet haben, da es nicht das erste Mal war, daß Lokomotivführer mit ihren Maschinen in den Schuppen geriethen, und schon einmal soll die jetzt so verhängniß- voll gewordene Wand durch einen Anprall beinahe ein« gedrückt worden sein. Damals neckten die Maschmen- führer den Putzer, indem sie sagten, sie würden ihm noch einmal ins Schlafzimmer gefahren kommen; jetzt ist leider der Scherz blutiger Ernst geworden.
Ausland
Brüssel. Die Transvaal-Gesandtschast betont nochmals, daß die Garantie der Unabhängigkeit der beiden Burenstaaten die erste Vorbedingung jeder Friedensver- mittelung bilden müsse. Andernfalls seien die Buren entschlossen, alle Städte zu zerstören, das Land in eine Einöde zu verwandeln und schließlich auszuwandern.
London. Marschall Roberts hat abermals einen großen Sieg über die Buren davongetragen. Durch geschickte Operationen hat er die befestigte Stellung der Buren bei Osfontein umgangen und die Buren dadurch zum schleunigen Rückzüge gezwungen. Die Buren haben eben auch hier wieder ihren alten Fehler begangen, sich ausschließlich auf die Defensive einzurichten, wobei sie eben die alte strategische Wahrheit vergaßen, daß die Gefahr jeder befestigten Defensivstellung die Umgehung ist. Ein Feldherr wie der Marschall Roberts thut aber den Buren nicht den Gefallen, einen Frontalangriff auf befeftibte Stellungen zu unternehmen, wo er durch eine Umgehung sicherer und unblutiger zum Ziele kommt. Einmal umgangen blieb den Buren nur der schleunige Rückzug, wollten sie nicht das Schicksal Cronjes theilen. Der Erfolg des Marschalls Roberts ist um so größer, als die Buren 15,000 Mann stark gewesen sein sollen.
London, 6. März. Die öffentliche Meinung ist seit der Entsetzung von Ladysmith chauvinistischer als je zuvor und die große Masse des englischen Volkes fordert die völlige Vernichtung der beiden Buren-Armeen, bei dingungslose Unterwerfung der beiden Republicken und Zerstörung des Einflusses der holländischen Rasse in Südafrika. — Aus Lorenzo Marquez wird gemeldet: Dem Vernehmen nach fand die Unterredung zwischen dem Präsidenten Krüger und Stein auf Anregung des Letzteren statt und zwar war der Hauptgrund die Niederlage Cronjes. Es sind zahlreiche Anzeichen vorhanden, die darauf schließen lassen, daß die Bürger des Freistaates des Krieges überdrüssig sind und so ist es nicht unwahrscheinlich, daß die Unterredung einer bevorstehenden Friedens Aktion seitens des Freistaates galt.
Washington, 5. März. Da die Vereinigten Staaten ihrerseits stets betont haben, daß keine fremde Macht das Recht habe, Amerika bezüglich der in Berathung befindlichen Gesetze Vorschriften zu machen, so hat das amerikanische Staatsdepartement es auch nicht für opportun gehalten, gegen das deutsche Fleischbeschaugesetz, so sehr dasselbe auch in Amerika mißfällt, Vorstellungen zu erheben. Indessen sammelt das Staatsdepartement Informationen bezüglich der Verfälschung deutscher Waaren unb der unter dem deutschen Vieh herrschenden Krankheiten, und das Ackerbaudepartement läßt die deutschen Weine analysiren.
Montgomery (Westvirginiv), 7. März. Bei einer Explosion der Redatschgruben wurden 70 Personen verschüttet. Bisher wurden vor den in deu Redatschminen Verunglückten 40 als Leichen geborgen.
Lokales und Provinzielles.
* Schtüchtern, 9. März.
* — Versitzt wurde der Förster Reiche von Klein« lüder nach Forsthaus Thalhof bei Steinau.