WchtemerMtung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
[ 5. Mittwoch, den 17. Januar 1900. 51. Jahrgang.
1 die .Schlüchterner Zeitung"
^eJllLUUuys/liroerben noct) fortwährend von allen —""^ -'" ^Postanstalten und Landbriefträgern owie von der Expedition entgegen genommen.
Amtliches.
J.-Nr. 27. K. A. Die Gemeinden werden an die vollständige Ablieferung der Kreissteuer pro 1899 bis spätestens 10. Februar d. J. erinnert.
Etwaige Abgangslisten sind jetzt schon behufs Prüfung und Feststellung hierher einzusenden.
Schlüchtern, den 10. Januar 1900.
Der Borsitzende des Kreisausschusses: Roth.
Deutsches Reich.
Berlin, 14. Januar. Der Kaiser hatte am Sonn, abend eine Besprechung mit dem Staatssekretär Grafen Bülow. — Die Kaiserin ist seit einigen Tagen unpäßlich und genöthigt, das Zimmer zu hüten. — Die Mutter der Kaiserin, Herzogin Friedrich von Schleswig-Holstein, ist an rechtseitiger Brustfellenentzündung erkrankt.
!. — Ueber eine Million Mark sollen die Werthsendungen betragen, die durch die Eisenbahnkatastrophe von der, wie mitgetheilt, kürzlich der von Weißenburg kommende v Zug Berlin-Frankfurt-Basel bei Station Bischwciler betroffen wurde, vernichtet worden sein. Der verbrannte Postwagen enthielt die gesummte Post aus Norddeutschland nach der Schweiz und Italien Bei 7 den Aufräumuugsarbeiten wurden mehrere Klümpchen geschmolzenes Silber, theilweise mit Gold vermischt, und sieben Taschenuhren gefunden, die von den Werthgegenständen in den Postbeuteln herrühren.
Stuttgart. Apothekerinnen dürfte es in nicht zu ferner Zeit in Württemberg geben. Das dortige Kultus- ■^iiu^^^ hat angeordnet, daß Mädchen, -die *711 Nachweis der für die Zulassung zu den Apothekerprüfungen erforderlichen wissenschaftlichen Vorbildung führen ■ wollen, auf Ansuchen einem Gymnasium oder Realgymnasium zur Prüfung zugewiesen werden.
Arnstadt. Der Besitzer des Kurhauses in Arnstadt hat für sein Etablissement bestimmt, daß jeder Gast, der in den Wochentagen mindestens in der Woche zweimal im Kuihaus verkehrt, jährlich viermal freies Diner von drei Gängen ganz umsonst erhält. Das ist gewiß noch nicht dagewesen.
Ausland.
Brüssel, 11. Januar In den Kreisen der Transvaal-- Gesandtschaft verlautet, daß die Buren nunmehr mit den /Afrikandern sowie mehreren Fremdenlegionen über hunderttausend Mann verfügen. Die Aktion d.s General Buller zur Befreiung von Ladysmiths wird theils durch den wachsenden Aufstand der Afrikaner, theils durch das überstarke Burenheer in der Nähe von Estcourt vereitelt London, 13. Januar. Die englische Regierung hat sich bereit erklärt, für die widerrechtliche Beschlagnahme der Schiffe „Bundesrath", „General" und „Herzog" Schadenersatz zu leisten. — In politischen Kreisen tritt mit Bestimmtheit die Meldung von dem nahen Sturze Chamberlains auf.
England ist in Hellen Nöthen, seine Vorbereitungen für den Burenkrieg sind viel zu kurzsichtig und mangelhaft getroffen worden ; es ist nicht einmal für ausreichende Geschütze Sorge getragen. Krupp ist es bekanntlich von der deutschen Reichsregierung untersagt, die englischen Aufträge auszuführen. Nach dem Londoner Korrespondenten des „Aorkshire Herald" verhandelte die englische Regierung soeben noch über die Lieferung von 40 Batterien gleich 240 Schnellfeuer-Feldgeschützen. Damit ist es nun natürlich ebenfalls — Essig! Nun wendet man sich an Pontius und Pilatus, das Ausland ' soll helfen. Die europäischen Staaten des Continents bedanken sich dafür, lehnt auch Italien die an eine dortige | Firma gelangten Bestellungen ab, dann ist die Fortsetzung des Krieges unmöglich. In England selbst sucht man auf ausrangirten Kriegsschiffen noch einigermaßen p brauchbare Kanonen zusammenzufinden und sie schleunigst - nach Südafrika zu entsenden. Große Freude werden TLt die neuen Generale Roberts und Kitchener über diese Geschütze nicht haben. Noch böser sieht es mit der w. Munition aus, große Lieferungsposten haben sich da #, als gänzlich unbrauchbar erwiesen und mußten wieder h- eingczogcn werden. Am schlimmsten aber ist es mit den
Mannschaften bestellt, die als Verstärkungen abgeschickt
werden sollen. Es sind einmal viel zu wenig und die vorhandenen verstehen nichts vom Kriegshandwerk und gehen muthlos nach Südafrika. Auch in Kapstadt hat man die Hoffnung auf eine den Buren ungünstige Wendung des Kriegsoerlauies aufgegeben. General Buller wurde bei seiner Ankunft noch mit lauten Ehren empfangen, von dem Eintreffen der ungleich berühmteren Generale Roberts nnb Kitchener hat kein Mensch Notiz genommen.
— Ueber die Erschießung von gefangenen Buren berichtet die „Köln. Volksztg " nach der „Birmingham- Post" : Am 6. Dezember schreibt ein Soldat des ersten Bataillons Royal Scotts aus Strekitrom, zwei holländische Kolonisten sollten am anderen Morgen als Rebellen erschossen werden. Schlimm ist auch der Fall mit den beiden Iren, welche bei Belmont von den Engländern als regelrechte Kämpfer auf Seiten der Buren gefangen genommen wurden; noch schlimmer der Fall mit sieben gefangenen Buren, welche auf die bekanntlich sehr lKM- fertige Anschuldigung hin, auf Ambulanzen geschossen zu haben, erschossen wurden. Andere gefangene Buren zwang man, bei der Exekution gegenwärtig zu sein und mit an den Gräbern zu graben.
Tiflis. In den zehn vom Erdbeben heimgesuchten Dörfern ist mehr als die Hälfte aller Wohnungen zerstört. Dem Vernehmen nach sind 600 Menschen umge- kommen. Die Ausgrabungen werden Tag und Nacht fortgesetzt. Der Gouverneur hat sich nach der Unglücks - stätte begeben wohin neue Sanitätskolonnen und fliegende Lazarethe abgesandt wurden.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 16. Januar.
* — Auf hiesigem Bahnhöfe soll im Etatsjahre 1900 ein Ueberholungsgleis hergestellt werden. Die Gesammt- kosten sind aus 79000 Mk. veranschlagt.
* — Die städtische Spar- und Vorschußkasse hier ist durch Verfügung des Herrn Regierungs-Präsidenten in Cassel, im Einvernehmen mit dem Herrn Landgerichts - Präsidenten in Hanau, zur Anlegung von Mündelgeld für geeignet erklärt worden. Es erfolgt diese Maßnahme auf Grund Artikel 95 § 1 des Ausführungs-Gesetzes zum Bürgerlichen Gesetzbuch.
* — Der Stand des Wildes ist in diesem Winter ein ganz vorzüglicher. Selbst die Plötzlich eingetretene Kälte, die nicht allzu lange andauerte, hat dem Wild, wie aus Jägerkreisen mitgetheilt, keinen nennenswerthen Schaden zugefügt, zumal ein Futtermangel sich nicht besonders fühlbar macht. Die Treibjagden haben durchweg ein zu'riedenstellendes Resultat erbracht. — Der Schluß der Jagd auf Hasen ist für den Umfang des hiesigen Regierungsbezirks auf den 17. Januar 1900 festgesetzt.
* — Aus der Strafkammersitzung vom 11. Januar. In der Zeit vom 27. bis 28. August verflossenen Jahres hatte der mehrfach vorbestrafte Arbeiter K. Pinung von Marjoß bcm Gastwirth Schüßler 1 Kistchen Cigarren gestohlen und dasselbe dem Gastwirth Tesch ebenda verkauft. P. bestritt, die Cigarren entwendet zu haben, wollte dieselben vielmehr nach und nach geschenkt bekommen und als Nikotinfeind zum Zweck späteren Verkaufs gesammelt und in* ein Kistchen, das er sich von der Schwester des Schüßler widmen ließ, verpackt haben. Die Aussage des Zeugen Tesch ergab, daß die Verpackung sachgemäß, wie sie von unkundiger Hand nicht ausgeführt werden könne, gepreßt gewesen sei und nur eine Sorte, nicht wie der Angeklagte behauptete, zwei, enthalten habe. P. wurde wegen Diebstahls in wiederholtem Rückfalle zu 4 Monaten Gefängniß verurteilt.
Kleinbahnen im Kreise Gelnhanscn. In seiner letzten Sitzung hat der Kreistag des Kreises Gclnhausen, wie bereits gemeldet, den Bau einer normalspurigen Kleinbahn von Wächtersbach nach Bad Orb und weiterhin den Bau einer ebensolchen von Gelnhausen über Lützelham'en, Bernach, Altenmittlau, Ncuses, Somborn, Nenenhaßlau nach Bahnhof Langcnsclbold einstimmig beschlossen. Damit ist den Bewohnern der Stadt Orb an der Neige des Jahrhunderts ein Wunsch in Erfüllung gegangen, der schon seit nahezu 40 Jahren gehegt, an dessen Verwirklichung unablässig gearbeitet wurde. Es kann wohl jeder die Freude verstehen, welche die Ein- wohnerschait von Orb erfüllt, wenn sie sich am Ziele dieses Wunsches sieht, endlich einmal mit der Welt durch eine Bahn verbunden zu werden, welche für die Zukunft von Stadt und Bad Alles bedeutet. Mit dem
Bahnbau durch das Freigericht wird sich auch dort ein Umschwung zum Besseren vollziehen. Bei Bernbach und Altenmittlau liegen im Boden Schätze brach, die sich nur verwerthen lassen, wenn für die Werke eine Bahnverbindung geschaffen wird, der Frachtverkehr von Neuses hat sich durch die Cigarrenfabriken zu einem großen gestaltet, Somborn versendet eine große Menge Milch, den dortigen Ziegeleien wird der Bahnbau manches neue Absatzfeld erschließen und aus allen Ortschaften herrscht ein reger Personenverkehr durch die zahlreichen Arbeiter, welche nach den Fabrikstädten reisen und Abends ober Samstags heimkehren.
Büdingen. In dem benachbarten Orte W. kam ein origineller Kauf zu Stande. Ein dortiger Einwohner taufte nämlich eine gebrauchte Dreschmaschine-Einrichtung auf Gewicht und zwar das Pfund zu 32 Pfg. Der Gesammtkaufpreis soll sich auf 5000 Mk. belaufen.
Hanau, 10. Jan. Der südafrikanische Krieg übt seine nachtheilige Wirkung auch auf die hiesige Diamant- Industrie aus. In drei Diamantschleifereien mußten wegen Arbeitsstockung die Schleifer entlassen werden und ein viertes Geschäft hat seinem Arbeitspersonal die Kündigung zugestellt.
Aus Oberursel wird folgendes humoristisches Diebsstücklein gemeldet : Ende Oktober wurden in einem Zeit- raum von ungefähr vierzehn Tagen einem Oberurseler zwei Paar Stiefel gestohlen. Alles Nachsuchen war umsonst. Vor einigen Tagen bekam nun der Betreffende von Sachsenhausen ein Packet, in welchem sich die beiden Paar Stiefel in zerrissenem Zustande befanden. In dem beiliegenden Brief stand, der Eigenthümer möge diese Stiefel wieder fohlen lassen und auch vor- schuhen, da dieselben etwas eng gewesen wären. Im Monat Februar wolle der Dieb die Stiefel wieder holen, um auf den Maskenball zu gehen. Als Stunde der Abholung gab er die Zeit von 12 bis 2 Uhr nachts an.
Wiesbaden, 10. Jan. Die Wilhelmi'schen Weingüter in der Markobrunner Gemarkung sind nunmehr endgiltig an die Güterverwalung des Prinzen Albrecht von Preußen verkauft worden. Die Ruthe wurde mit M. 400 bezahlt. Auf den Hektar gerechnet, ergiebt das den außerordentlichen Preis von M. 160,000 für einen Hektar.
Wiesbaden, 11. Jan. Die Klasse eines hiesigen Lehrers wird auch von einem Töchterchen eines Regierungsbeamten besucht. Dieses hat nun, wie eine amtliche Untersuchung feststellte, auf Anweisung seines Vaters täglich genaue Notizen darüber gemacht, ob und wie sein Lehrer das Züchtigungsrecht ausgeübt hat. Jeder Handstreich, jeder Schlag, jedes Zausen und Zerren ist mit Namen, Tag und Datum in dem Notizbuche des Mädchens ausgezeichnet. Der Vater aber reichte auf Grund dieser Notizen ein Verzeichniß bei der Schulbehörde ein, zum Beweise bamr, wie der Züchtigungserlaß des Ministers von den Lehrern befolgt werde. Gegen den betreffenden Lehrer wurde darauf eine Untersuchung eingeleitet.
Kassel, 8. Januar. Während die Börsen und auswärtigen Banken über Geldknappheit fortwährend klagen, herrscht hier und auch in der Provinz ein solch starker Audrang an die öffentlichen Sparkassen wie seit langen Jahren nicht. Es ist dieses sicher eine sehr erfreuliche und erwünschte Erscheinung, die dafür den besten Beweis liefert, daß wir uns in einer Zeit wirthschaftlichen Aufschwunges befinden. Die Sparkasse des „Creditvercins" und die städtische Sparkasse haben seit Jahresanfang von früh bis in die Nacht alle Hände voll zu thun, um die Sparanlagen anzu- nehmen und unterzubringen. Bei der städtischen Sparkasse wurden an den drei ersten Werktagen auf 1951 Bücher z. B. nicht weniger als 124,568 Mk. neu ein« gezählt, während der Gesammtumsatz an den drei ersten Tagen des Jahres nahezu eine viertel Million Mark betrug. — (100 000 Einwohner!) Kassel ist noch vor Beginn des Jahres 1900 in die Reihe der Großstädte eingerückt, denn es hat nunmehr nachweislich die Einwohnerzahl 100 000 erheblich überschritten. Nach der vorgeschriebenen Zählung vom Ende des Monats Oktober hatte Kassel an Bevölkerung: A. Civil-Bevölkerung: männlich 43 969 und weiblich 52 908, zusammen also 96,877 ; B. Militärbevölkerung: männlich 4607 und weiblich 235; das giebt im Ganzen mithin einen Stand von 101 719. Bei der letzten Volkszählung am 1. Dezember 1895 war der Stand der Bevölkerung folgender;
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