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Eine Erzählung aus den Bergen von L. «. Portali. (Schluß.)
die
scheuen Blicken; der ganze schöne Traum, den er mit Noemi hier geträumt, stand klar vor seiner Seele, aber auch das bittere Weh', das er ihr angethan, das schwere Unrecht, womit er sie zu Boden geschmettert, dessen wurde er sich hier mit peinlicher Schärfe bewußt. Nichts, das fühlte er wohl, keine demütigenden Bitten, selbst keine Verzeihung ihrerseits konnte den Abgrund Überdrücken, der sie trennte; vielleicht konnten sie sich geistig wieder näher treten; aber die Seine konnte sie jetzt nicht mehr werden, er kannte sie genug, um zu wissen, daß das unmöglich sei. Seine ganze Hoffnung richtete sich ja auch nur auf ein verzeihendes Wort von den lieben Lippen, auf einen milden Blick aus den schönen, ernsten Augen, dann wollte er nur den Saum ihres Kleides küssen und dann einsam in die weite Welt pilgern.
Da trat er noch näher an das offene Bogenfenster, von wo er damals so oft mit Noemi in die herrliche Landschaft hinausgeschaut, und sein Blick fiel auf die Stelle, wo ihre liebe Hand geruht, als sie jenes Bild malte. Da sah er in dem Holze mit großen deutlichen Buchstaben die Worte eingeschnitten: „Noemi verzeiht."
Ein Freudenstrahl verklärte sein Gesicht; hatte sie geahnt, daß er früher oder später hierher kommen würde, wollte sie ihm ein Zeichen geben, daß sie jetzt milder über ihn denke, daß er sich ihr nähern dürfe? Noch heute wollte er ihr eine Botschaft senden, doch nicht in ihrem Hause, wo er nie war — hier, wo sie so selig beisammen gewesen und wo er sie so tief gekränkt hatte, hier wollte er ihre Verzeihung erflehen. Er wußte, ihr milder Sinn würde jetzt diese Bitte gewähren.
Er beugte sich nieder mit erleichtertem Herzen, und seine Lippen berühren die Worte: „Noemi verzeiht."
Als er sich aufrichtete und zum Fortgehen wandte, da fielen die letzten Strahlen der untergehenden Sonne auf die goldenen Buchstaben eines nahestehenden Kreuzes; der blendende Glanz zog sein Auge dorthin, unwillkürlich trat er näher; dann blieb er wie erstarrt stehen, ein schmerzliches Entsetzen malte sich auf seinem todtbleichen Antlitz, er hatte die von der Abendsonne verklärten Worte gelesen:
„Noemi Falkland, gestorben am 20. Juni 1871.“
„Todt, — zu spät!" — dies war alles, was er denken konnte, und immer wieder murmelten die bebenden Lippen: todt — zu spät — sie soll meine Reue nicht mehr sehen, ich soll ihre Verzeihung nicht mehr hören I Mit einem dumpfen Laut, halb Stöhnen, halb Schluchzen, sank er am Grabe nieder und barg das Gesicht in den kühlen Epheu.
So blieb er liegen; der Abendthau legte sich feucht auf seine Kleidung, der Nachtwind strich eisig darüber hin, er fühlte nichts von allem.
Früh am anderen Morgen fand ihn ein Wärter, der an den Gräbern einiges ordnen wollte; er lebte noch, aber sein Körper war gelähmt, sein Geist verworren. Schon das Steigen nach dem Kirchhof hinauf war ihm. wohl nachtheilig gewesen, dann die geistige und körper-
^ Auch seine Pflichten gegen seine Gattin hatte er
1,1 d)t verstanden; hatte er es auch nur versucht, die
tle, gehaltlose Lebensgefährtin, die er erwählt, anderen Interessen zugänglich zu machen, ihren weltlichen Sinn ---- ernstere Bahnen zu lenken, einen veredelnden Einfluß rf sie auszuüben? Wie einen wilden Renner, ohne Staunt und Zügel, hatte er sie dahin stürmen lassen, ' is sie in den Abgrund stürzte, aus dem es keine Rettung mehr gab. — Er vergrub das Antlitz in den Händen; wie viel hatte er zu verantworten, wie viel zu bereuen und zu sühnen!
All' diese Betrachtungen, innere Kämpfe und Selbst- f anklagen, wenn sie auch zu einer veredelnden Selbster- .kenntnis führten und seinen Charakter länterten und be- S/reftigten, waren der körperlichen Genesung nicht zuträg- J lich. Er verzehrte sich in nervöser Unruhe und Schlaf- ' losigkeit, es trieb ihn fort in das thätige Leben, um S gut zu machen und zu retten, was noch zu retten war. T Aber das führte immer wieder Rückfälle herbei, auch « eine Wunde brach wieder auf, da hieß es, geduldig sein I und stille halten. Im Anfang hatte er den Wunsch
8 gegen bet alten Doktor geäußert, einige Worte des M Dankes ah Schwester Noemi zu schreiben, doch dieser 8 -hatte erklärt, davon dürfe noch lange nicht die Rede | sein; er hätte- ihr aber versprochen, über das Befinden | ihres ehemaligen Patienten Nachricht zu geben; das । würde er nun thun und einen vorläufigen Dank von » ihm bestellen.
I„Und wissen Sie, Herr v. Tharn," fügte er hinzu, „Sie müssen doch, sobald sie reisefähig sind, nach dem | Süden, um dort den Herbst und den Winter zuzubringen;
Sie müssen unausgesetzt in milder, gesunder Luft leben, Kopf und Brust förmlich darin baden; da können Sie auf der Reise dorthin, ohne großen Umweg, Thun be= . rühren und Ihrer edlen Pflegerin selbst danken, sie hat ■ das um Sie verdient."
Der gute Doktor wußte längst nach eingezogenen Erkundigungen, daß Herr v. Tharn von süner Gemahlin geschieden war. Dieser ergriff jenen Vorschlag mit Befriedigung ; was sollte er ihr auch in einigen kurzen i Zeilen sagen, die nichts von den mannigfachen Gefühlen !s ausdrücken konnten, die sein Inneres bewegten, die ihn 1 flhr näher bringen sollten. So war von Schreiben nicht mehr die Rede. Der alte Doktor wurde dann in ein anderes Lazarett versetzt, vor einiger Zeit war er selbst nach einem anderen, vom ehemaligen Kriegsschauplatze weit entfernten Ort gebracht, wo die Bedingungen für die Genesenden günstiger waren. Ueber dies alles waren Monate hingegangen, nun endlich war er soweit hergestellt, daß er der bisherigen Pflege entlassen werden und die verordnete Reise nach dem Süden antreten konnte.
Es war an einem Spätsommertage, als er in Thun anlangte; sein erster Weg war hinauf nach dem Kirchhof. Er trat in den kleinen Pavillon und sah umher mit