SchlWernerMtung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
32 95. Mittwoch, den 29. November 1899. 50. Jahrgang.
Deutsches Reich.
Berlin, 26. Nov. Das Kaiserpaar ist gestern Nach- mittag von Windsor nach herzlichem Abschied von der Königin Victoria nach Sandringham abgereist, während sich die kaiserlichen Prinzen zu kurzem Aufenthalt nach Cumberland Lodge begaben. Die Ankunft der kaiserlichen Familie in Potsdam erfolgt am Donnerstag Morgen. Ein zweistündiger Aufenthalt ist in Vlissingcn vorgesehen, wo der Kaiser die Dock-Einrichtungen besichtigen will.
— In allen Theilen Deutschlands finden in letzter Zeit Versammlungen und Zusammenkünfte statt, in denen die Flottenfrage discutiert wird. Begeisterte Zustimmungen gelangen häufig an die Regicrungsvcr- treter, so noch in den letzten Tagen aus Elberfeld, Bochum und Essen. Alle stimmen darin überein, daß die geplante Verstärkung der deutschen Flotte im Interesse der Weltmachtstellung unseres Vaterlandes und zur Wahrung unserer reichen überseeischen Interessen dringend nothwendig, ja unerläßlich ist.
— Eine neue Reichspostmarke zu 2 Pfg. ist vom Reichspostamt bei der Festsetzung der neuen Briefmarken vorgesehen worden. Die neue Marke entspricht den neuen Gemania-Marken im Werthe von 3 bis 20 Pfg. in Bild und Druck. Ihre Farbe ist hellgrau. Sie gelangt erst mit der Einführung der neuen Portosätze am 1. April zur Einführung und dient als Werthzeichen für die Zweipfennig Postkarten für den Orts- und Nachbarortsverkehr. Mit der Zweipfennigmarke wächst die Zahl der vom 1. April an eingeführten Reichsbriefmarken auf 14, während wir jetzt nur sieben Sorten haben.
— An dem gegenwärtigen Transvaal-Kriege, der übrigens in ganz Europa die Gemüther mehr gefesselt hält, als es alle übrigen Kriege des letzten Jahrzehnts des zur Neige gehenden Jahrhunderts gethan haben, ist schon manche nützliche Lehre gezogen worden. So ist die kriegerische Ueberlegenheit eines vorwiegend Land Wirthschaft treibenden Staates über den Industriestaat zü Tage getreten, so hat man über Taktik und Strategie, sowie über den Werth der modernsten militärischen Einrichtungen werthvolle Erfahrungen sammeln können. Es ist aber eine ganz besonders wichtige Lehre, die der Krieg Allen, die es angcht, zu Gemüthe geführt hat, und die besteht in der beunruhigenden Entdeckung, daß England im Stande ist, falls es ihm angemessen erscheint, mit den meisten überseeischen Orten den Telegraphen Verkehr gänzlich abzuschneiden. In dieser Beziehung wird der „Voss. Ztg." aus Amsterdam geschrieben: „Es ist bei dem gegenwärtigen Kriege in unliebsamer Weise zu Tage getreten, daß fast alle unterseeischen Kabel der Welt sich in englischen Händen befinden, daß England ein thatsächliches Monopol besitzt, das es im Falle kriegerischer Verwickelungen ebenso rücksichtslos wie vor- theilhaft ausbeuten kann. Von den 23 Kabelgesellschasten die auf der Erde überhaupt bestehen, haben 20 ihren Sitz in London, die 3 anderen vertheilen sich auf New- Aork, Paris und Kopenhagen, wozu dann neuerdings; noch das deutsch-amerikanische Kabel kommt. Es ergicbt sich daraus für alle europäischen Colonialmächte, also auch für Deutschland, die unabweisbare Pflicht, ihrerseits, zum Mindesten nach den kolonialen Besitzungen, eigene Kabel einzurichten. Ereignete es sich doch vor wenigen Tagen, daß ein aus dem Deutschen auswärtigen Amte nach Südafrika abgesandtes chifsrirtes Telegramm Seitens der englischen Censur von der Beförderung ausgeschlossen und nach Berlin zurückgeschickt wurde. Es ist dies das erste Mal, daß ein von einer Staatsbehörde aufgegebenes Telegramm beanstandet wurde. So lange England Alleinherrscher auf dem Gebiete des Kabelwesens ist, kann es sich aber solche Rücksichtslosigkeiten ohne Weiteres leisten. , ,
Bremen. Der für den Norddeutschen Lloyd in Bau befindliche neue Dampfer „Freiburg", bestimmt für die Frachtdamp erlinie nach Ostasien, ist glücklich von Stapel gelaufen. Drei Schwesterschiffe der Freiburg befinden sich noch im Bau, davon zwei auf der Werft des Bremer Vulcan in Vegejack. Die Dampfer erhalten eine Länge von etwa 125 m und eine Tragfähigkeit von rund 8 000 Tonnen. Die Ostasiatische Frachtlinie des Norddeutschen Lloyd erhält dadurch einen Zuwachs von 32 000 Tonnen oder bei vier Reisen jedes Dampfers im Jahre, einen Jahreszuwachs von 128 000 Tonnen.
In Bromberg wurde ein vierzehnjähriges Dienstmädchen als Mörderin in Haft genommen. Sie wird beschuldigt, den 6 Wochen und 1 Hz Jahre alten Kindern ihrer Herrscha t Scheidewasser eingegeben zn haben, um aus dem Dienst zu kommen. Das jüngere Kind ist gestorben, das zweite liegt hoffnungslos darnieder. Das Mädchen, Anna Klein mit Namen, soll schon früher die Kinder einer anderen Herrschaft in gleicher Weise ge- tödtet haben.
In Tanzig wurden gestern 119 Fleischermetzger von Danzig und Umgegend vom Schöffengericht wegen Vergehens gegen das Nahrungsmittelgesetz zu je 3 respektive 5 Mark Geldstrafe verurtheilt. Dieselben hatten dem Hack- und Schabefleisch behufs Erhaltung der frischen rothen Farbe eine seit langer Zeit gebräuchliche Essenz zugesetzt, in welcher schwefelige Säure enthalten ist.
Eisenach, 22. November. In dem Person enzug 6,23 von der Richtung Bebra-Frankfurt war einem jungen Mann sein Portemonaie mit 80 Mk, Inhalt vor der Station Hörschel entwendet worden. Den Umständen nach konnte nur ein noch jugendlicher krä tiger Mann, der sich in auffälliger Weise dem Besitzer des Porte, mouaies attachirt hatte und in Hörschel ausgestiegen war, der Dieb sein. Eine sofortige telegraphische Anfrage auf der Station Hörschel ergab, daß der Verdächtige sich dort einen Wagen genommen habe. Daraufhin begaben sich der Bestohlene, der dienstthnende Beancke und ein Schutzmann auf die Stedtfelder Höhe. Endlich kam das erwartete Gefährt. Als der Kunde merkte, um was es sich handelte, sprang er vom Wagen um die Flucht zu ergreifen; hierbei kam er jedoch zu Fall und wurde nach einigem Ringen festgenommen. Auf dem Polizeiamte stellte sich nun heraus, daß man einen äußerst glücklichen Fang bei dieser Gelegenheit gemacht hatte: man hatte einen sogen. „schweren Jungen" erwischt. Man fand nicht weniger als 4 Pässe bei ihm vor, eine goldene Damenuhr, goldenes Cigarrenetuis, eine Masse Schlüssel, Dietriche, ein Flaschen Betäubungsessenz, Francnwäsche, Photographien, einen vollständigen Anzug einer barmherzigen Schwester rc. Den richtigen Namen des Gauners konnte man aber bisher noch nicht heraus- bekommen.
Mannheim, 21. Nov. Zu einer bemerkenswerthen Erörterung über die Frage der körperlichen Züchtigung in Gewerbeschulen kam es heute vor der hiesigen Strafkammer, wo der Gewerbelehrer Karl Friedrich Kühn von Weinheim wegen Körperverletzung im Amt erschienen war. Kühn hatte betm Unterricht einem unaufmerksamen Schlosserlehrling einige Stockhiebe auf das Gefäß versetzt. Er räumte ein, sich gegen eine die körperliche Züchtigung verbietende Verordnung des Kultusministeriums vergangen zu haben, ohne derartige Zuchtmittel sei aber ein Schulregiment gegenüber Gewerbeschülern völlig aussichtslos. Rector Herth von der Mannheimer Gewerbeschule, als Zeuge vernommen, pflichtete dem Angeklagten bei. Der Lehrer, der nicht prügle, werde geprügelt. Er erzählte, daß Lehrer von ihren Klassen wiederholt blutig geschlagen worden seien und ihm selbst habe einmal ein solcher Bengel die Faust unter die Nase gehalten mit der Drohung: „Dich treff ich noch!" Ucbrigens dulde die Vorgesetzte Behörde stillschweigend die Uebertretung jener Vorschrift. Das Urtheil lautete auf eine Geldstrafe von 10 Mark. Das Gericht erkannte an, daß es eine außerordentlich schwierige Aufgabe sei, Ordnung und Disziplin unter Gewerbe- schülern aufrecht zu erhalten, es sei aber nicht Sache des Gerichts, die Verordnung vom Jahre 1868 zu kritisiren. — Ein außergewöhnlich schwerer Fall von Blutschande lag heute der Strafkammer vor. Der 64 Jahre alte Wirth Adam Schmitt von Neckerau hatte seit dem Tode seiner Frau d. i. seit 17 Jahren mit seiner Tochter in verbotenen Beziehungen gestanden. Fünf Kinder sind diesem Verhältnisse entsprossen. Das Gericht verurtheilte Schmitt zu 3 Jahren Zuchthaus und 5 Jahren Ehrverlust, seine Tochter zu 1 Jahr 3 Monaten Gefängniß.
Ausland.
Amsterdam, 26. Novbr. Infolge der erheblichen Verschlechterungen der diplomatischen Beziehungen Englands und der Niederlande wurden die beiderseitigen Gesandten abberufen. Die Posten bleiben vorläufig unbesetzt. Unter der Bevölkerung hat die anti-englische Stimmung einen gefährlichen Grad errcicht-
London. Im Gegenmtz zu den offiziellen Meldungen wird der „Deutschen Warte" aus London telegraphirt: General Methuens Versuch, im Morgengrauen gestern Melmont zu stürmen, wurde von den Buren gänzlich abgeschlagen. Seine Meldung, daß er einen Sieg erfochten habe, ist eine offenbare absichtliche Entstellung der Thatsachen. Die Garde ging in das Lager am Oranje-Flusse zurück. 22 Gefangene und einige 300 Todte und Verwundete blieben auf dem Kampfplätze, darunter ein Brigade-General und sechs Stabsoffiziere. Außerdem sind 22 Garde-Offiziere todt oder schwer verwundet. Weiter wird gemeldet: Die Buren haben sich trotz der englischen Verstärkungen beinahe zu Herren ganz Natals gemacht. Sie sind gegenwärtig in einem Gewaltmarsch auf Pietermaritzburg begriffen. Ihre größte Streitmacht, 7000 Mann mit Artillerie befindet sich in einer nur wenige Meilen von Pietermaritzburg gelegenen Stadt, Namens Howick, die mit der Hauptstadt des Landes durch direkte Eisenbahn verbunden ist. Die Engländer haben dagegen noch gar nichts erreicht und auch noch gar nichts zu verhindern vermocht, sie haben zum Theil noch gar nicht einmal Durban verlassen können, es heißt, diese Verzögerung fet durch Mangel an Kavallerie verschuldet worden. Die Engländer sind ja um Entschuldigungen noch nie verlegen gewesen. Vielleicht hat sich aber der Vormarsch auch deshalb verzögert, weil es den General Buller nicht gelüstet, das Schicksal des Generals White zu theilen. Vor der Hand reichen die englischen Verstärkungen jedenfalls nicht aus, Herrn Buller einen entscheidenden Schlag gegen die Buren unternehmen zu lassen. In England hat man sich daher zu weiteren Mobilmachungen entschließen müssen, und zwar soll eine neue ganze Division, die sechste seit dem Ausbruche des Krieges, in Kriegsbereitschaft gesetzt werden. Sie soll erst abgehen, so erklärt man beschwichtigend in London, wenn sie General Buller wünscht. Aber erst muß sie doch auf die Beine gebracht sein, was nicht so leicht ist, dann wird sie zweifellos ohne Verzug nach Südafrika in See gehen. Die Aussichten für die Buren bessern sich fortgesetzt. Man darf mit Sicherheit aus das baldige Eintreffen von Siegesnachrichten rechnen, die Lord Chamberlains Lage in England unhaltbar machen dürften. — Nach amtlichen Mittheilungen ist den britischen Unterthanen während des Krieges jeder Handel mit Transvaal und dem Oranjefreistaat verboten. Die betheiligten deutschen Handelskreise werden daher, wie der „Reichsanzeiger" schreibt, zu erwägen haben, ob es nicht ihren Interessen entspricht, während des Krieges die Benutzung britischer Schiffe nach Südafrika zu vermeiden. — Ein dem General Buller dieser Tage zugegangenes Schreiben aus London trug die Adresse: General Buller, Pretroria. So weit ist der General aber noch lange nicht, es verlautet, daß er sich bei den Truppen in De Aar befinde. — Laut einer in Laurenzo Marquez ' eingelaufenen Depesche der Buren haben die Engländer in der Nacht vom 20. zum 21. d M. abermals einen mißglückten Ausfall aus Ladysmith versucht, anscheinend zu dem Zweck, der hartbedrängten Besatzung von Estcourt zu Hilfe zu kommen. Einigermaßen bedenklich für die Engländer klingt die Nachricht, daß eine allgemeine Erhebung der holländischen Farmer in Natal unmittelbar bevorstünde. Laut einer amtlichen Bekanntmachung haben die Buren bis jetzt im ganzen 90 Todte und 200 Verwundete gehabt, was verhältnismäßig kein großer Verlust wäre. — Das englische Verpflegungswesen in Südafrika gibt zu herben Kritiken reichlich Veranlassung. Von allen Seiten kommen mit der Fluth der ersten Briefe aus Südafrika auch die Klagen über ganz fehlende oder ungenießbare Nahrung für die Truppen. Bereits wurden fünf Fälle konstatirt, wo das gesammte einer Truppenabtheilung gelieferte Fleisch als völlig verdorben weggeworfen werden mußte. Dazu kommen andere Fälle, wo die Truppen behaupten, daß ihnen anstatt der regle* mentsmäßigen 12 Pfund Fleisch auf je 16 Mann fast stets weniger als die Hälfte und meist kaum 55 pCt. des ihnen Zukommenden geliefert werde. — Die Temperatur hat in Natal wie am Oranjefluß von fast ununterbrochen schweren Regenschauern und Wolkenbrüchen, wie sie im Frühjahr dort gewöhnlich sind, inzwischen den Uebergang zur Sommergluth gefunden, und das Thermometer weist jetzt 120 bis 140 Grad Fahrenheit auf. (120 Grad Fahrenheit sind ungefähr 39 Grad Reaumur, 140 Grad Fahrenheit sind 48 Grad Reallmyr.)