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Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 67.

Mittwoch, den 23. August 1899.

50. Jahrgang.

Noi^ol>«naon uf dieSchlüchterner Zeitung" merben nod) fortwährend von allen - -- Postanstalten und Landbriesträgern

sowie von der Expedition entgegen genommen.

Deutsches Reich.

Berlin. Der Kaiser ist am Montag Morgen mittels Sonderzuges in Mainz eingetroffen und hat sich sofort nach dem Großen Sand begeben. Die Kaiserin Fried rich, die Kronprinzessin von Griechenland und Prinzessin Friedrich Karl von Hessen fuhren von Cronberg um 8'/« Uhr zu Wagen nach Höchst und von dort nach Mainz.

Die Worte, welche der Kaiser am Freitag auf dem Schlachtfelde von St. Privat gesprochen hat, klingen als erneute Friedenskundgebung anheimelnd und ver­söhnend hinaus in die Welt, namentlich aber zu unsern Nachbaren hinüber jenseits der Vogesen. In gleicher Weise hat der Kaiser den Freund und den früheren Feind geehrt:Wenn unsere Fahnen sich über den Gräbern neigen werden, dann werden sie auch die Gräber unserer Gegner grüßen". Dankbar erkennt man die wohlwollende Gesinnung des Kaisers in Paris an. Also weniger als 30 Jahre nach dem erbitterten Kampfe so ruft der Pariser Figaro aus grüßen und be­wundern sich Sieger und Besiegte. Welche Lehre können die Franzosen, die Söhne desselben Vaterlandes, die sich jetzt hartnäckig befehden, aus diesen Worten ziehen."

Die Sonnabendsitzung des Abgeordnetenhauses war eine überaus wichtige, wichtiger als Viele sich träu­men lassen. Nicht wegen der Ablehnung des Mittel­landkanals, denn der wird doch gebaut werden, dafür haben der Kaiser, der Reichskanzler und ein halbes Dutzend Minister ihr Wort verpfändet, das sie schneller als man glaubt, einlösen werden. Aber Dank der Sonnabendsitzung werden die Konservativen in dieselbe Lage kommen, in welche s. Z. die Fortschrittspartei in­folge ihres Widerstandes gegen die Armeeorganisation und später die nationalliberalePartei infolge ihres Widerstandes gegen die Bismarksche Wirthschaftspolitik gekommen sind, mit dem Unterschiede, daß die beiden letztgenannten Par­teien ihren Prinzipien gemäß, die Konservativen hin­gegen ihren Prinzipien zuwider die Regierungsvorlage ablehnten und daß die Konservativen viel mehr zu ver­lieren haben als jene jemals konnten. Nach einer langen Geschäftsordnungsdebatte wurde in namentlicher Abstimmung der Mittellandkanal mit 235 gegen 147 Stimmen abgelehnt. 32 Abgeordnete enthielten sich der Abstimmung. Hierauf wurde über den Bau des Dort­mund-Rheinkanals abgestimmt. Für denselben wurden 134 Stimmen, dagegen aber 275 bei 3 Stimmcncnt- haltung abgegeben. Somit war auch diese und damit die ganze Kanalvorlage gefallen. Man glaubt, daß nun theils weil der Kaiser noch nicht in Berlin ist, the ls weil die Ausführungsgesetze zum Bürgerlichen Gesetzbuch noch nicht erledigt sind, der Landtag noch jiidjt au ge­löst worden ist, aber vielleicht in wenigen Tagen an ge­löst werden wird.

In Betreff der Karolinen wird derKöln Ztg " aus Madrid gemeldet, daß am 22. d. M. der Kriegs- damp'erAlava" von Manila nach den Karolinen abgehe, um die spanischen Besetzungen zurückzuziehen und die Inseln dem dorthin gesandten deutschen Kriegsschiff Cormoran" zu übergeben. Der spanische Commandant ist ermächtigt, denjenigen Soldaten, die dies wünschen sollten, den Uebertritt in deutsche Dienste zu ge­statten.

Diensttauglichkeit, Stadt und Land. Betrachtet man die Ergebnisse des Heeresergänzungsgeschäfts im Ersatzjahr 1897 - 88, so waren im Gesammtgebiet des Reiches von 100 Abgefertigten rund 70 jetzt oder künf­tig tauglich oder untauglich. Diese Verhältnißzahl wird wesentlich überschritten in Ostpreußen mit 83'/2 Pommern mit 78'/2, Posen 76, Rheinland 75, Hessen- Nassau »74% Baden 76, Elsaß und Westpreußen mit 78. Hinter dem Reichsdurchschnitt bleiben aber wesent­lich zurück Schlesien mit 64, Hannover mit 65, das Königreich Sachsen mit 59 und die Provinz Branden­burg einschließlich Berlins mit 58. Wie ganz anders würden diese Zahlen noch aussehen, wenn nicht der augenblickliche Aushebungsort, sondern die Heimath des betr. Mannes berücksichtigt würden, wie es im Reichs­tage neuerdings wieder verlangt und bedingterweise zu- Ktsagt ist.

Elberfeld, 18. Aug. Elberfeld ist die erste Stadt der Welt, in der eine elektrische Schwebebahn gebaut wird. Die Bahn ist über dem Flußbette der Wupper, dem Laufe derselben folgend, angelegt und wird von Vohwinkel-Sonuborn-Elbcrfeld bis zum Ostende von Barmen reichen. Der Erfinder dieses Systems ist der verstorbene Geheime Kommerzienrath Langen-Köln. In kleinen Abständen ist die Wupper überspannt von mäch­tigen Eisenbogen, in deren Mitte die Geleisanlagen für die Schwebebahn liegen. Die Wagen der Bahn schweben frei in der Luft, sie werden durch entsprechende Vor­richtungen an der Decke gehalten und geführt. Die Anlage der Bahn ist tn Elberfeld-Barmen um so mehr zu begrüßen, als der Straßenbahnbetrieb wegen der Unebenheiten des Terrains, der zum Theil recht schmalen Straßen und des riesigen Fuhrwerkverkehrs mit erheb- ilchen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Die Schwebe­bahn kennt nun keine sonstigen Verkehrshindernisse auf dem Wege, den sie nimmt; ihre geräumigen Wagen sind auf etwa 50 Personen berechnet. Die Wagen der Schwebebahn können eine Geschwindigkeit von 40 Klm. per Stunde erreichen. Auf fast allen Theilen der Strecke ist man bereits mit der Anlage beschäftigt. Vor­aussichtlich wird der Betrieb dieser Bahnen in Elberfeld- Barmen im nächsten Jahre auf der Strecke Vohwinkcl- Elbcrfeld-Döppcrsbcrg erfolgen.

Robert Bunsen, der berühmte Chemiker, ist in Heidel. berg gestorben. Robert Bunsen, am 31. März 1811 in Göttingen geboren, studirte in Göttingen, Paris, Wien, Berlin und habilitirte sich bereits 1833 an der Universität seiner Vaterstadt. 1836 wurde er als Pro­fessor der Chemie an das polytechnische Institut zu Kassel berufen und ging 1838 als a. o. Professor nach Marburg, wo er 1841 o. Professor und Direktor des Chemischen Instituts wurde. Em Jahre 1851 folgte Bunsen einem Ruf an die Universität Heidelberg, der er 37 Jahre durch als eine der hervorragendsten Zierden angehörte. Bunsen, der auch eine reiche literarische Thätigkeit auf naturwissenschaftlichem Gebiete entfaltete, hat eine Reihe bahnbrechender Entdeckungen gemacht, von denen nur die von ihm und Kirchhofs 1860 entdeckte Spektralanalyse, die Auffindung eines galvanischen Elementes, sowie die des Magnesiumlichts, erwähnt seien.

Darmstadt, 19. Aug. Da trotz aller Mühe die Loose der hiesigen Silberlotterie so schlechten Absatz fanden (von den vorgesehenen 100 000 Loosen wurden nur 40 000 Loose verkauft) sind hiernach auch die Gewinne reduzirt worden. Der vorgesehene erste Gewinn im Werth von 15 000 Mark wurde auf 6000 Mark redu­ziert u. s. w Alle Betheiligten dürfen über das Er­gebniß dieser Lotterie sehr wenig erbaut sein.

Griesheim b. Darmstadt, 18. Aug. Die hiesige Gendarmerie hat vor kurzem dem Händler E. aus Gernsheim auf der unerlaubten That ertappt, wie der­selbe einem hiesigen Landwirth eine Geschoßhülse abzu- tmfen suchte. Die unter Zuziehung der Ortspolizei eingestellten Recherchen lieferten das Resultat, daß E. schon seit Wochen von der Bewohnerschaft die von den Schar schießübungen der Artillerie herrührende Fund- nücke wie Blei, Aluminium, Zünder, Gußstücke u. s. w in Menge erwarb und dürfen nach behördlicher Be kanntmachung solche Gegenstände nur im Barackenlager bei der Abnahmestelle für Sprengstücke gegen einen Finderlohn angeliefert werden. Außer gegen den Händler, welcher die bei den Findern aufgekauften Ge- schoßthcile in einem Handkoffer zu seiner Sammelstelle brächte, und einen Wirt, der der Begünstigung des Vergehens verdächtig ist, hat nun die Polizei gegen eine große Anzahl hiesiger Einwohner man spricht von etwa 40 Strafanzeige erstattet und wird die Darm- städter Strafkammer demnächst darüber Entscheidung zu treffen haben, inwieweit sich die Angezeigten der Ueber- tretung des § 291 des R.-St.-G.-B. und sonstiger von der Kommandantur des Uebungsplatzes getroffenen Be­stimmungen schuldig gemacht haben. Wie weiter ver­lautet, war es cfttf das nach der Verhaftung abgelegte Geständnis des Händlers hin möglich, noch einen Theil der heimlich aufgekauften und weggeführten Gegenstände bei einem Händler in WormS mit Beschlag belegen zu lassen.

Mainz, 17. August. Beim Zurückmarsch vom Re­gimentsexerziren wurden mehrere Soldaten vom Hitz- schlage getroffen. Ein Soldat des 116. Regiments Namens Fiederer aus einem Dorfe bei Lauterbach

(Oberhessen) dürfte wohl schwerlich mit dem Leben davonkommen. Zwei Soldaten desselben Regiments liegen schwer erkrankt am Hitzschlage darnieder.

Naumburg, 16. August. Wie lohnend bei günstigen Witterungsverhältnissen in hiesiger Gegend der Gurken- bau ist, zeigt ein Beispiel aus einem Nachbardorfe. Dort hat ein kleiner Landwirt von einem Gru ndstück von 2*/2 Morgen, das er mit Gurken bestellt hat, am 29. Juli 7 Schock 4 3 Mk. = 21 Mk. am 2. August 28 Schock 4 2 Mk. = 56 Mk., am 5. August 86 Schock 4 1,40 Mk. = 120 Mk. und am 9. August 300 Schock 4 1 Mk. 300 Mk. geerntet, also zusammen 497 M. gelöst; dazu kommt noch die Nachernte, sowie Pfeffer- und Senfgurken.

Auf dem Schützenfeste in Werdau bei Leipzig wurde der 20jährige Artist Zeleneck aus Böhmen in Ausübung seines Berufes alskugelsicherer Mann" erschossen. Der Besitzer einerJllusionsbude" hatte ein altes Ge­wehr geloben, aber vergessen, den Ladestock zu entfernen. Ein junger Mann unter den Zuschauern schoß damit auf daskugelfeste" Zielobjekt, den mit verbundenen Augen dastehenden Zeleneck, und dieser verschied auf der Stelle. Der Ladestock war unterm Auge eingedrungen und durch die Schädeldecke am Hinterkopfc wieder aus­getreten.

Göttingen, 16. August. Von der hiesigen Straf­kammer wurde der Privatmann H. zu 3 Monaten Ge­fängniß verurtheilt, weil er eine Anzahl bereits ver­wendeter Beitragsmarken zur Jnvnliditäts- und Alters­versicherung nochmals in einer Quittungskarte wissentlich verwendet hatte.

7 Ausland.

Lissabon, 18. Aug. Seit vorgestern sind in Oporto wieder zwei Pestanfälle vorgekommen. Die offizielle Statistik weist seit Beginn der Seuche 39 Fälle auf, wovon 13 tödtlich verliefen. Infolge der Sperrung der Spanischen Grenze werden 2000 Spanier mittellos in Portugal zurückgehalten. Die portugiesische Regierung sorgt für ihren Unterhalt.

New-Iork, 18. Aug. Ueber die Noth auf den Philippinen findet sich in einem Briefe eines auf den Philippinen dienenden amerikanischen Admirals an seine Frau folgende Stelle: Ein Freiwilligen-Regiment habe so gelitten, daß nur noch 45 pCt. dienstfähig seien. Mindestens 100000 Mann seien nöthig zur Unter­werfung der Philippinos. An ihre Aushungerung sei nicht zu denken, da die Inseln viel zu fruchtbar seien. Der Schreiber warnt seine Frau, den Zeitungsberichten nicht zu glauben, da General Otis ein thelegraphiren des wahren Sachvcrhaltes nicht zulasse. Die amerika­nischen Truppen sehen sich gezwungen, in der Defensive zu handeln in Folge der großen Zahl der Insurgenten, die ihnen direkt gegenüberstehen. Die Philippinos seien große Meister in der Verschanzungskunst; zum Glück gehe ihnen Ausdauer ab und könnten sie Artillerieseuer nicht Stand halten.

Ueber Stürme tn Südamerika wird gemeldet: Val­paraiso (Chile), 16. Aug Ein furchtbarer Sturm hat Santiago heimgesucht. Ein Eisenbahnzug stürzte beim Passieren einer Brücke in den Fluß. Fünfzig Personen sind dabei ums Leben gekommen. In Valparaiso wurde ein Haus fortgeschwemmt, wobei 9 Personen umkamen. In Montevideo (Uruguay) richtete ein Cyklon erheb­lichen Schaden an.

Lokales und Provinzielles.

* Schlüchtern, 22. August.

* Falsche Einmarkstücke befinden sich zur Zeit wieder im Umlauf. Sie sind an der mangelhaften Prägung erkenntlich und entbehren vor allem des Hellen Klanges, da sie aus einer Zinkkomposition bestehen und nur leichte Versilberung tragen. Auch sind sie 1'/. Gramm leichter, als die echten Geldstücke.

* Haftpflicht für Thierbesitzer. In den Berliner Fachvereinen des Droschkensuhrgewerbes wird augen­blicklich das neue Bürgerliche Gesetzbuch, welches be­kanntlich am 1. Januar 1900 in Kraft tritt, aufs leb­hafteste besprochen, da es Bestimmungen enthält, welche für die Fuhrherren von einschneidender Bedeutung sind und sich für sie vielfach zu einer Existenzfrage gestalten können. Nach § 833 des neuen Gesetzbuches ist nämlich derjenige, welcher ein Thier hält, verpflichtet, wenn durch das Thier ein Mensch getödtet oder der Körper oder die Gesundheit eines Menschen verletzt ober eine Sache