WchternerMung
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M 55.
Mittwoch, den 12. Juli 1899.
50. Jahrgang.
N^ApHnnaptt nuf ^e „Schlüchterner Zeitung" werben noct) fortwährend von allen ------ - Postanstalten und Landbrie trägern sowie vvn der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
Berlin. Von der Nordlandsreise des Kaisers. Ein Telegramm aus Söholt meldet: - Der Kaiser ist von Bergen über Aalesund durch den Storfjord in den Nordfjord gegangen und hier vor Oerskog gelandet. Warmes Wetter. Der Kaiser arbeitete, wie aus Bergen gemeldet wird, Samstag Vormittag an Bord und machte in Begleitung von Herren der Umgebung Nachmittags einen Spaziergang in der Umgebung Bergens. Abends waren der Kommandant, die Offiziere und 40 Kadetten des französischen Schulschiffes „Jphigünie als Gäste an Bord der „Hohenzollern' geladen, gleichfalls die Oifiziete und Kadetten des deutschen Schul schiffes „Gneisenau".
— Wie man hört, geht dem Bundesrath in diesen Tagen eine im Reichsamt des Inneren ausgearbeitete Novelle zum Weingesetz von 1892 zn, in welcher die gewerbsmäßige Herstellung von Kunstwein verboten wird.
— Die vom Bundesrath beschlossene Aenderung des Mühlenregulativs und der Rückvergütung für exportirtes Mehl soll nach Informationen, die von kaufmännischer Seite im Reichschatzamt eingeholt sind, am 1. Januar in Kraft treten. Die Mehltypen sollen nach den Qna litäten der neuen Ernte festgestcllt werden, so daß der urprünglich ins Auge gefaßte Termin des 1. Oktober wohl aus diesem Grunde nicht hat innegehalten werden können.
— Fürst Herbert Bismarck hat, weil in der Kapelle des Friedrichsrnher Mausoleums kein Platz für die vielen und großen Kränze vorhanden ist. diese im Sterbezimmer unterbringen lassen. Es sind bis jetzt etwa 20 Kränze aus Edelmetall und dauerndem Material in ebenso sinniger wie künstlerischer Ausführung dem Andenken des großen Kanzlers gewidmet worden. Die Größe der meisten beträgt 1 — 1 ^ Meter int Geviert und die Gruft des verewigten Fürsten Bismarck bietet keinen Raum für die angemessene Anbringung dieser umfangreichen Widmungen. Aus diesem Grunde haben letztere unter Zustimmung der Geber einstweilen in dem Sterbezimmer Ausstellung gefunden.
Die Schwesterstädte Eiberfeld und Barmen tu der Rheinprovinz sollen zu einem großen Gemeindewesen vereinigt werden. Die Idee wird in den maßgebenden Kreisen beider Städte mit Freuden begrüßt und die Preußische Regierung hat den Plan bereits gebilligt. Barmen hat etwa 116- bis ) 20 000, Elber.cld zwischen 125« und 130000 Einwohner.
Regensburg Eine der ältesten Brücken in Europa wird in kurzer Zeit verschwunden ein, da sie für die heutige Schifffahrt ein Verkehrshindernis bildet. Es ist dies die schöne steinerne Brücke über die Donau bei Regensburg, die in 15 Bogen in einer Länge von 994 Fuß den Fluß überspannt. Sie wurde in den Jahren 1135 bis 1140 erbaut. Hans Sachs sang ihr Lob als eines der Wunder der Baukunst. In die heutigen Verkehrsverhältnisse paßt sie freilich nicht im geringsten mehr hinein, da sie so schmal ist, daß auf den Fußwegen nicht zwei Personen nebeneinander gehen können.
Bensheim, 6. Juli. Einen unheimlichen Fund machte ein hiesiger Schneidermeister beim Ausräumen eines Zimmers seines Hauses. Das Zimmer war seit einigen Jahren an eine hiesige. 45 Jahre alte Wittwe vermiethet. Als dieselbe vor etwa Jahres rist nach Worms übersiedelte, behielt sie ihre hiesige Wohnung bei. Letztere wurde von ihr auch zeitweise aufgemcht, jedoch stets verschlossen gehalten. Als nun dem Besitzer kein Micth- geld mehr entrichtet wurde, räumte er die Möbel der Frau heute aus und fand dabei im Bette versteckt die ganz vertrockneten Leichen von zwei neugeborenen Kindern. Offenbar handelt es sich hier um zwei schwere Ver- brechen. Die Wittwe, Regine Bock mit Namen, wurde in Worms verhaftet und nach Bensheim verbracht.
Ausland
Paris, 7. Juli. Kaiser Wilhelm hat an den Präsidenten Loubet folgendes Telegramm gerichtet:
Bergen, 6. Juli.
Ich habe die Freude gehabt, auf dem Schulschiff »Jphigenie" junge französische Seeleute zu sehen,
deren militärische und sympathische, ihres edlen Vaterlandes würdige Haltung auf Mich einen lebhaften Eindruck gemacht hat. Mein Herz als Seemann und Kamerad freut sich des liebenswürdigen Empfanges, welcher Mir vom Commandanten, den Offizieren und der Besatzung zu Theil wurde, und ich beglückwünsche Mich, Herr Präsident, zu dieser glücklichen Gelegenheit, welche Mir gestattet hat, der „Jphigenie" und Ihren liebenswürdigen Landsleuten zu begegnen.
Wilhelm.
Die Antwort des Präsidenten Loubet lautet:
Paris, 6. Juli.
Ich bin sehr gerührt von dem Telegramm, welches Euere Kaiserliche Majestät im Verfolg Ihres Besuches an Bord des Schulschiffes „Jphigenie" an mich gerichtet haben, und es drängt mich, Euerer Majestät für die Ehre, welche Sie unseren Seeleuten erwiesen haben, und für die Worte zu danken, in welchen Sie die Güte hatten, mir den Eindruck zu schildern, welchen dieser Besuch bei Ihnen hinterlassen hat. !
Loubet.
— Bonden den überaus sympathischen Würdigungen des Kaiierbefuches auf der „Jphigenie" verdient Hervorhebung. Per Leitartikel des „Marin", welcher in der Form "eines Briefes an einen der Marineaspiranten, welche gestern vor dem Kaiser manövrirten, die Vortheile aufzählt, welche Frankreich, dessen Großmachtstellung und volle Kriegsausrüftung alle Verhandlungen wesentlich zu erleichtern geeignet wären, aus einem dauernden herzlichen Einvernehmen mit Deutschland erwachsen könnten. Aehnlich äußern sich „Petit Bleu" und andere Morgenblätter.
Belgrad. Ein Attentat ist am Donnerstag Abend auf König Milan von Serbien verübt worden. Der König fuhr in offenem Wagen °durch die Michaelstraße, als der Attentäter — derselbe soll ein entlassener serbischer Hauptmann sein — mehrere Revolverschüsse auf denselben abgab. Der König ist leicht am Rücken, sein Adjutant Lukisch ziemlich schwer an der Hand verletzt. Der Attentäter sprang vom König verfolgt, in die nahe Save, schwamm ein Stück weit fort, wurde jedoch wieder herausgeholt und verhaltet. — Der Attentäter ist, späteren Meldungen zufolge, ein bosnischer Staatsangehöriger Namens Gjura Knezevic. Derselbe soll im Auftrag gehandelt haben. In Belgrad wurden zahlreiche Verhaftungen, darunter die der Führer der radicalen Partei, vorgenommen.
S.mliu, 7. Juli. Das Individuum, welches das Attentat aus König Milan verübte, ist ein Bosnier Namens Gjura Knezevic. Wie die Untersuchung ergab, hatte er Komplizen. Vierzehn der radikalen Partei ungehörige Personen wurden verhaftet, darunter der frühere Ministerpräsident Tanschanovic. Der frühere Ministerpräsident Paschic wurde unter Polizeiaufsicht gestellt.
Madrid Der spanische General Rio, der soeben von Manila nach Madrid zurückgekehrt ist, berichtet über die Zustände auf den Philippinen. Er erklärte sich kurz dahin, daß das Leben auf den Philippinen geradezu unmöglich geworben sei, da die Amerikaner bei ein- brechender Nacht auf die Passanten zu schießen pflegen, aus Sorge, sie könnten irgendwie überrumpelt werden. Die Truppen der Amerikaner seien völlig verwildert und der Haß der Eingeborenen infolge der amerikanischen Gewaltthätigkeiten und Grausamkeiten so groß, daß die Vereinigten Staaten sich des Besitzes der Philippinen in Frieden wohl niemals erfreuen würden.
New Iork, 6. Juli Wie verlautet, sollen zehn Freiwilligen Regimenter für den Dienst auf den Philippinen organisirt werden. Der Krieg ist also noch lange nicht zu Ende! Der -Gewährsmann des ,New Dort Herold/ nebenbei bemerkt ein eitriger Anhänger der Kriegspartei, stellt fest, daß mindestens 4000 Soldaten im Hospitale liegen, 4800 weitere dienstuntauglich sind, mindestens 16 OuO als Garnison zur Vertheidigung von Manila und Cavite gebraucht werden und mithin nur einige Tausend Mann für den Feldzug gegen die Tagalen übrig bleiben. General Mac Arthurs Truppen seien in schlechter Verfassung, fast den erlittenen Strapazen unterliegend und zu jeder Angriffsunternehmung ganz unbrauchbar. Die Otis unterstellten Generale seien einstimmig der Ansicht, daß Luzon nur dann gehalten werde könne, wenn zuerst der Wiederstand der Tagalen vollständig gebrochen werde, wozu 100 000 bis 150 000 Mann nöthig seien, und danach sämmtliche wichtigeren
/Plätze ständige Garnisonen erhielten. Zu diesen Garnisonen brauche man allein mindestens 60 000 Mann, zu denen noch eine entsprechende Anzahl Kavallerieregimenter kommen müßten, um die Verbindung zwischen den Garnisonorten zu unterhalten. Der,Herald' fügt hinzu, daß dieser Bericht in allen Punkten durch Angaben in San Franzisco eingetroffener aktiver Offiziere bestätigt werde, die in gebrochener Gesundheit in die Heimalh zurückgekehrt seien.
New-Aork. Die Wetterkatastrophe in Texas. Eine Depesche aus Austin besagt, etwa 1000 Personen, welche sich vor der Ueberschwemmung auf eine kleine Anhöhe drei Meilen von Sealy geflüchtet hätten, wo sie mit Hunderten Stück Vieh zusammengedrängt seien, gingen langsam dem Hungertode entgegen. Auch unter Schlangenbissen hätten sie viel zu leiden, viele hätten bereits tödt- liche Verletzungen davongetragen. Was vor einer Woche noch die schönste Landschaft von Texas war, ist fast zur Wüstenei geworden. Die Flutheu des Brazos- Flusses haben sechs Tage lang das Brazos-Thal bis dreißig Fuß tief bedeckt. Hunderte von Häusern standen bis über die First unter Wasser, und ihrer zahlreiche wurden weggeschwemmt und zertrümmert. Das Terrain der Verheerung mißt nicht weniger als 500 Meilen an Länge und etwa 50 Meilen an Breite. Die Thalsohte wird zumeist von Negern bewohnt, die Pachtgüter bebauen. Von diesen Unglücklichen finb allerwenigstens 100, wahrscheinlich aber 300 umgekommen, und die Verluste der Farmer an Vieh und Saaten werden auf zwischen 5 und 15 Millionen Dollars geschätzt. Der Schaden, den Bahnen und Straßen erlitten, wird zwischen 2 und 4 Millionen Dollars für Reparaturen erfordern.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchteru, 11. Juli.
* — Warnung. Kinder können nicht oft genug vor dem Genießen von unreifem Obst und Beeren ge- warnt werden. So mußte in einem hessischen Dorfe ein 11 jähriges Mädchen in wenigen Stunden und unter den heftigsten Schmerzen seinen Geist aufgeben, weil es unreife Stachelbeeren gegessen und Wasser darauf getrunken hatte.
* — Verjährung von Forderungen. Mit Einführung des neuen bürgerlichen Gesetzbuches am 1. Januar 190u sind alle Forderungen des Jahres 1897 verjährt, wenn dieselben nicht gerichtlich festgestcllt sind.
* — Kontrolleure der Jnvaliditäts- und Altersversicherungsanstalt Hessen-Nassau werden demnächst wieder Umschau halten, ob die Arbettgeber für die bei ihnen beschäftigten versicherten Personen die fälligen Beitragsmarken in richtiger Anzahl und Höhe verwandt haben.
Gersfeld (Röhn), 8. Juli. Dieser Tage ist Se. Excellenz der Ehe Präsident der Oberrechnungskammer in Potsdam, frühere Oberpräsident von Hessen-Nassau, Magdeburg, nebst Familie zum längeren Aufenhalt zur Sommerfrische hier ein getroffen.
Hersseld, 7. Juli. Ein eigenthümliches Verfahren wird jetzt seitens der Post ausgeübt. Es ist nämlich in den letzten Tagen wiederholt vorgekommen, daß kleine silberne 20 P g.-Stücke, die zu Einzahlungen rc. benutzt wurden und etwas beschädigt waren, am Schalter einfach zerschnitten und dem Eigenthümer in diesem werthlosen Zustande zurückgcgeben wurden. Ob die betr. Beamten zu einem derartigen Vorgehen berechtigt sind erscheint sehr zweifelhast und es ist, wie die,Herss. Ztg/ hört, von einem Geschädigten auch bereits der Beschwerdeweg beschritten worden. Wenn die Reichspost derartige ■ Gelduücke nicht annehmen darf, dann möge man einfach ihre Annahme verweig rn, oder das Publikum in einer öffentlichen Bekanntmachung darauf aufmerksam machen.
Kassel, 7. Juli. Bei einem hiesigen Uhrmacher wurden m vorgestriger Nacht 6 schwere goldene Uhren J neuester Konstruktion im Werthe von etwa 900 Mk. i gestohlen. Der Bestohlene meldete seinen Verlust sofort bei den hiesigen Rückkausshändlern an. Bei einem derselben erschien der Dieb gestern Nachmittag, um die j Uhren an den Mann zu bringen. Es ist der 20jährige Sohn eines hiesigen angesehenen Beamten. Auf die j Frage des Händlers, woher er die Uhren habe, ; erwiderte er, daß er sie von seinem Großvater erhalten habe. Für das Stück verlangte er 6 Mark. Als er weiter ausgeforscht wurde, ergriff er die Flucht, würd?