SchlüchternerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg. ,M 51, Mittwoch, den 28. Juni 1899. 50. Jahrgang. — ............•i"B3,"5B!l,iBM,^,!i,ni^^ ihm ii i iiitmimmmi^^
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in der Zustellung unserer Zeitung durch die Post beim bevorstehenden Quartalswechsel vermeiden will, der wolle dieselbe so bald wie möglich bei dem betreffenden Postamte bestellen. Nur diejenigen auswärtigen Post- abonnenten, welche bis spätestens 26. Juni unsere Zeitung wieder bestellt haben, können verlangen, daß
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Die Expedition der „Schlüchterner Zeitung."
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser ließ in Kiel auf allen Kriegsschiffen durch den elektrischen Signalapparat den Vollzug der Einverleibung der Karolineninseln in den deutschen Kolonialbesitz bekannt geben, worauf die Besatzungen ein dreimaliges Hoch auf den Kaiser ausbrachten.
— Beim Festmahl des Elbregatte-Vereins in Bruns- büttel am Sonnabend hielt unser Kaiser eine längere Ansprache, der wir folgende Sätze entnehmen: „Seitdem wir wissen daß wir durch unser festes Znsammenstehcn eine unüberwindliche Macht in der Welt darstellen, .mit der gerechnet werden muß, seitdem haben wir auch den Frieden bewahren können. Es ist mein Grundsatz, überall wo ich kann, neue Punkte zu finden, an denen wir einsetzen können, an denen in späteren Zeiten unsere Kinder und Enkel sich ausbauen und das zu Nutzen machen können, was wir ihnen erworben haben. Das deutsche Volk ist wie ein edles Vollblutpferd, es duldet nicht, daß ihm einer an die Gurten herankommt, sondern will seinen Platz vorne behaupten."
— Der Kaiser erhob den Staatssekretär von Bülow in den Grafenstand.
— Der frühere Generalkonsul in Shanghai, Dr. Stübel, der sich demnächst auf seinem neuen Posten in Chile bcgiebt, hat sich in Berlin in bemerkenswerther Weise über Kiantschou geäußert. „Kiantschou," so erklärte Dr. Stübel, „ist die beste Erwerbung, die wir jemals hätten machen können! Dr. Stübel hat lange genug im Brennpunkte des kommerziellen Lebens in China gestanden, um die handelspolitischen Verhältnisse des Ostens übersehen und beurtheilen zu können.
— Im Gegensatz zu manchen Versuchen, die Karolinen gewissermaßen als „Muster ohne Werth" hinzustellen, tritt in der „Neuen Stett. Ztg." ein pommerscher Schisiskapitän Namens Präger, welchen sein Beruf lange Jahre in jene Gegenden geführt hat, mit großem Enthusiasmus für die neuesten deutschen Kolonialcr- Werbungen ein. Er schreibt: „Die Frage, was sind uns in kultureller Hinsicht die Inseln werth, kann mit dem Worte „Alles" beanwortet werden, dem in Wahrheit sind die 3000 Fuß hohen, im Schmucke ewigen Grüns prangenden Inseln, als Kusai, Ponape, Ruck, Uap und andere ein Erdenparadies, auf denen der äußerst fruchtbare Lavaboden tausendfältigen Segen bringt und nur der fleißigen Hand wartet, die die verborgenen Schätze heben soll. Selbst die an Zahl den hohen Vulkaninseln weit überlegenen niedrigen Korallenatolle und Inseln sind ein werthvoller Besitz, ob chon sie heute noch nicht genügende Beachtung finden. Zum Theil öde, arm und wenig bewohnt, mit Busch, Gesträuch und und Palmen bedeckt, erwecken sie die Vorstellung, der steinige Korallenboden sei zu weiterer Ertragfähigkeit nicht geeignet. Allein wer je auf Koralleninseln angelegte Palmenplantagen gesehen, weiß, wie ungemein reichlich die poröse Koralle namentlich der Palme die nöthigen Existenzmittel giebt, und ohne Ausnahme kann jede der Koralleninseln der Tropenzone in einen Palmen- Wald verwandelt werden; nicht die Pflugschar, nicht die Egge ist von Nöthen ein Loch im porösen Gestein genügt, um die keimfähige Kokosnuß aukzunehmen, die dann ihre Wurzeln einsenkt, und das durch die Koralle filtrirte Seewasser giebt der jungen Pflanze die Kraft, sich zu einem hohen, fruchttragenden, werthvollen Baum zu entwickeln. Und weiter baut die winzige Koralle, weiter heben sich Landstrecken aus der Tiefe des Oceans empor und die Zeit wird kommen, in welcher rauschende Palmen- Wälder auch über die so werthlos scheinenden Koralleninseln sich erheben."
Bremen, 23. Juni. Vom englischen Generalkonsulat in Hamburg ist dem Vizekonsulat hierselbst ein Telegramm zugegangen, des Inhaltes, daß das Konsulat bei der Ankunft der „Karlsruhe" niedere Gold enthaltende Kisten, die das Schiff mitbringt, mit Beschlag belegen lassen jede. Dieselben sollen über eine Million an Werth
haben und in Australien gestohlen worden sein. Wie wir weiter erfahren, ist die Sendung, die aus sechs großen Koffern mit goldenen Uhren, goldenen Ketten und dergleichen besteht, heute Mittag unter persönlicher Aufsicht des hiesigen großbritannischen Vizekonsuls von Bord geholt und in dem Tresorgewölbe der hiesigen Bankfirma Wolfs u. Zomber, Bürgermeister Smidtstraße, einstweilen untergebracht worden.
Kiel. Ein eigenartiges militärisches SchauPiel entrollte sich in der Nacht zum Donnerstag bei dem Dorfe Nidders (Kreis Steinburg). Zur Vergrößerung des Lockstedter Lagers hat bekanntlich der Militärfiskus größere Strecken Landes, zum Theil noch mit Gebäuden besetzt, angekauft. Hierzu gehört auch das Dorf Nidders, das bereits von den Bewohnern verlassen ist. Um das Dorf dem Erdboden gleich zu machen, rückten die Feld- artiücrieregimenter Nr. 9 und 24 aus dem Lockstedter Lager aus. Es begann eine Kanonade auf das willkommene Zielobject; mit dem fünften Schuß standen mehrere Häuser in Flammen und als Schnellfeuer kommandirt wurde, brannte das Dorf in wenigen Minuten lichterloh.
Osnabrück. Drei Mal zum Tode verurtheilt. Das Schwurgericht in Osnabrück hat den Bäcker H. Möllen- kamp aus Bremen zum Tode verurtheilt. M. hatte in einer Herbstnacht des Jahres 1898 die Dienstmagd Bruns auf offener Landstraße gemißhandelt, dann erwürgt und schließlich sein Opwr, um der That den Anschein eines Selbstmordes zu geben, an einen Baum gehängt. M. war geständig und wurde wegen seiner That, die er in vollster Ruhe begangen hatte, vom Schwurgericht in Aurich zum Tode verurtheilt. Wegen eines Formfehlers hob das Reichsgericht dieses Urtheil auf und verwies die Sache in die Vorinstanz zurück. Zum zweiten Male fällte das Auricher Schwurgericht das Todesurthcil, und auch in diesem Falle hob der oberste Gerichtshof wegen eines prozessualen Fehlers das Urtheil auf und verwies den Fall an das Schwurgericht in Osnabrück, welches jetzt das oben ei wähnte Urtheil fällte. Dreimal also wurde Möllenkamp zum Tode verurtheilt, monatelang hat er, den sicheren Tod vor Augen, im Gefängniß sitzen müssen, eine Pein, die den einundzwanzigjährigen Mörder völlig gebrochen hat.
Halle. Ueber einen merfmürbigen Vorgang wird aus Halle a. S. berichtet: Bei Gelegenheit eines zu Ehren des Angedenken Bismarcks von der gesammten Studentenschaft verunstalteten Fackelzuges sollten auch auf Bismarck Reden gehalten werden, welche jedoch von der Polizei untersagt wurden. Als gegen Schluß des Zuges ein Student ein Hoch auf den Kaiser ausbringen wollte, wurde ihm dies trotz seiner Erklärung, daß es sich um ein Kaiserhoch handele, von dem die Aufsicht führenden Polizeiinspektor verboten. In der sofort an« beräumten Ausschußsitzung der Studentenschaft wurde das eigenthümliche Verhalten der Polizei auf das Nachdrücklichste getadelt und und der Beschluß gefaßt, dem Kaiser durch ein Telegramm über den Vorfall Bericht zu erstatten.
Erfurt. Ein interessanter Beitrag zu dem Kapitel Sozialdemokraten als Arbeitgeber wird aus der von Sozialdemokraten gegründeten „Deutschen Schuhfabrik" in Jlversgehofen bei Erfurt mitgetheilt. Dort hat das gesammte Personal gekündigt; es streikt also. Eine Arbeiterin beschwerte sich beim Werkführer über zu niedrige Löhne und wurde, als sie auf eine grobe Antwort eine Erwiderung gab, sofort entlassen, ebenso ein Schuhmacher, der als Mitglied des Fabrik-Ausschusses die Wieder-Einstellung der gemaßregelten Arbeiterin verlangt hatte. Die Sozialdemokraten wollen eben auch Herren im Hause sein, in der Partei sowohl wie in der Fabrik. Wer nicht pariert fliegt hinaus.
Schöneberg O.-L., 22. Juni. Wie bekannt, ist der hiesige Vorschußverein vor einiger Zeit in Konkurs ge
rathen. Da der Verein eine Genossenschaft mit unbeschränkter Haftpflicht ist, jedes Mitglied daher mit seinem ganzen Vermögen haftet, ist ein großer Theil der Mitglieder in schwere Bedrängniß gerathen, viele sind vollständig ruinirt. Zur Deckung der Passiva hat jedes Vereinsmitglied nach der vom Konkursverwalter ausgeschrieben, ersten Umlage 2300 Mark zu zahlen.
München. Ein geplanter Gattenmord und seine Folgen. Die Metzgcrmeistersehefrau Katharine Sauter in München hatte eine Frauensperson zu überreden versucht, gegen eine Belohnung von 500 Mk. ihren, der Sauter, Ehemann und ihre fünf Kinder durch Gift aus der Welt zu schaffen, um ungestört mit ihrem neuesten Liebhaber — den 37ten in der Reihe! — leben zu können. Sie befindet sich wegen Mordversuches in Untersuchungshaft. Dieser Tage erkannte das Münchener- Landgericht gemäß der Klage des Ehemannes auf Scheidung der Ehe. Die schuldige Frau erhält keinerlei Alimentation, die Kinder verbleiben beim Vater, und die Frau bekommt nur ihr eingebrachtes Vermögen im Betrage von 2000 Gulden zurück. Weiter hatte sich jetzt die Polizcikommisfarswittwe Sauer vor demselben Gerichte wegen Vergehens der Kuppelei zu verantworten. Sie hatte an die Sauter ein Zimmer vermiethet. Die aus der Haft vorgeführte Sauter suchte zwar die Angeklagte nach Kräften zu entlasten, jedoch vergeblich. Frau Sauer wurde zu 14 Tagen Gefängniß verurtheilt. Ihre 18jährige Tochter ertränkte sich sofort nach Bekanntgabe des Urtheils aus Gram über ihre Mutter. Der Prozeß gegen die ungetreue Ehe trau, die vor zwei Jahren mit ihrem Mann bereits die silberne Hochzeit gefeiert hatte, wird im Herbst zur Verhandlung kommen.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 27. Juni.
* — Die am vergangenen Sonntag auf dem hiesigen Felsenkeller ftattgefmibeue öffentliche Versammlung des landwirthschaftlichen Kreisvereins war sehr gut besucht. Die Verhandlungen erstreckten sich im Wesentlichen auf die verflossene landwirthschaftliche Ausstellung in Frankfurt a. M. und die daselbst gemachten Erfahrungen und Beobachtungen. Hierbei wurden dem Vorstand der Zucht- genossenschaft bezüglich Auswahl der aus hiesigem Kreise ausgestellten Thiere Vorwürfe gemacht und berichtet, daß namentlich durch zwei nach Frankfurt geschickte nicht ausstellungsfähige Kühe die Zuchtgenossenschaft ohne Preis zurückgekehrt wäre. Die weiteren recht lebhaften Diskussionen betrafen die Rindviehzucht im Kreise und war das Endresultat, daß man an der Simmenthaler Zucht festhalten müsse, die Reorganisation der Zuchtgenossenschast zu erstreben wäre und durch weitere Einführung von tadellosen erstklassigen Simmenthaler Original-Bullen, jungen Kühen und trächtiger Rinder zu fördern sei. Für einen Ankauf im Badischen Oberland oder Württemberg war keine Stimmung, weil dortselbst hauptsächlich Staufütterung ist und man hierin diesen Ländern nicht nachkommen könne, weßhalb die Thiere auch nicht so vorwärts gingen, als wie die aus der Schweiz eingeführten. Es wurde bekannt gegeben, daß im August d. I. eine Commission, bestehend aus den Herren Weichet, I. Gaertner-Elm und Gastwirth Kohlhepp-Schwarzenfels nach dem Simmenthal ginge und Bestellungen von obigen Thieren baldigst von dem Vereinsschriftführer Rentmeister Pfalzgraf entgegen genommen werden. Ferner wurde zur Kenntniß gebracht, daß der landwirth chaftliche Kreisverein in hiesiger Stadt eine Agentur für landwirthschaftliche Maschinen zu errichten beabsichtige und die Verhandlungen dieserhalb im Gange wären. Schluß der Versammlung gegen 7 Uhr Abends.
* — Im Laufe der vergangenen Woche fand am hiesigen Seminar die 2. praktische Lehrerprüfung statt, zu der sich 44 Lehrer Ungesunden hatten. In der schriftlichen Prüfung wurden folgende Themata bearbeitet;