stehenden Instruktionen ist nun das Geleis 15 Min. bevor bei nächste Zug die Strecke passirt, frei zu machen und in Rücksicht hierauf erlaubte sich der als Rottenarbeiter beschäftigte H. die Bemerkung, daß die Zeit zum Transport des Bahnmeisterwagens zu kurz sei, da der nächste Zug um 1110 von Vollmerz abgehe, erhielt jedoch die Antwort, sie sollten sich nur eilen, dann werde es schon reichen. Entgegen einer weiteren Instruktion, die vorschreibt, daß der Transport eines der in Frage stehenden Fahrzeuges oder einer Draisine stets in einer Entfernung von 500 Meter durch einen Mann mit rother Fahne zu decken ist, unterließ H diese Vorsichtsmaßregel, angeblich um drücken zu helfen und rechtzeitig an Ort und Stelle zu gelangen Letzteres war jedoch nicht mehr möglich; der von Vollmerz abgehende Zug holte den Transport ein, karambolirte mit dem Bahumeisterwagen und zertrümmerte denselben zum Theil. Beiden Beamten wird nun Pflichtverletzung, begangen durch Nichteinhaltung der ihnen bekannten Vorschriften, zur Last gelegt. Während H. sich damit vertheidigt, daß er als Untergebener dem Auftrag seines Vorgesetzten P. Hätte Folge leisten müssen, sucht dieser sich zu rechtfertigen durch die Behauptung er habe in gutem Glauben gehandelt, da seiner Meinung und Berechnung nach die noch zur Ver ügung stehende Zeit genügt haben würde, um den Wagen rechtzeitig an Ort und Stelle zu bringen. Das Gericht ist jedoch der Ansicht, daß P. seinen Instruktionen zuwiderhandelte, indem er sich sagen mußte, daß die zur Auftrags'ührung bemessene Zeit eine zu kurze sei; ein Bedenken, dessen Vergegenwärtigung um so näher lag, als die Bahnstrecke nach Elm eine starke Steigung aufweist und ein eventuell eintretender, der Wetterführung des Transportes entgegenstehender Unfall immerhin im Bereiche der Möglichkeit lag. Es erfolgte demzufolge seine Verurtheilung zu 5 Tagen Gefängniß, während H., der nur dem Auftrag seines Vorgesetzten nachgekommen sei, freisprechendes Erkenntniß erzielte.
Flieden, 8. April. Gestern Morgen hat Herr Revierförster Amelung von Flieden im Staatswalde einen Aucrhahn von seltener Größe geschossen.
Freieusteina». Dem Kaufmann Scheuermann wurde ein roher Schabernack zugefügt. Sein neu erbautes Bienenhaus mit 33 Bienenstöcken wurde von Buben Händen angezündet und brannte gänzlich nieder. Der Schaden wird auf 1400 Mark berechnet.
Lirstein. Fürst Karl von Jsenburg-Birstein f. Wie wir bereits meldeten, verschied zu Schloß schlacken- werth bei Karlsbad Se. Durchlaucht Fürst Karl von Jsenburg-Birstein im nahezu vollendeten 61. Lebensjahre. — Als Fürst Wolfgang Ernst III. am 29. Oktober 1866 kinderlos verschied, ging das Fürstenthum auf seinen Neffen, den eben verstorbenen Fürsten Karl von | Jsenburg-Birstein über. Dieser, ein Sohn des bereits 1843 verstorbenen Prinzen Viktor Alexander von Jsen- burg, war geboren am 29. Juli 1831. 1861 trat er
zur katholischen Kirche über, 1865 vermählte er sich mit der Fürstin Luise, Prinzessin von Toskana und Erzherzogin von Oesterreich Aus dieser Ehe gingen neun Kinder hervor. Die Regierungszeit des jetzt verstorbenen Fürsten führte noch einmal für das im Kreise Gelnhausen gelegene Birsteiner Schloß eine Zeit des Glanzes herauf. Eine zahlreiche Beamtenschaft erinnerte an die Zeiten Birsteins im 18. Jahrhundert. Die Verwandtschaft der fürstlichen Familie mit dem österreichischen Kaiserhause, die Beziehungen zu deutschen regierenden Fürsten führte oft hohen Besuch nach Bir- stein. Unter den Mitgliedern der österreichischen Kaiserfamilie war es besonders Erzherzog Johann (Johann Orth), der oft und gern im Birsteiner Schlosse verweilte. Für die Bevölkerung that der Fürst in sozialer Hinsicht mancherlei, was Anerkennung verdient. Vor Allem war es sein Bestreben, so lange die günstigen Finanzen es erlaubten, dem Theil der Gebirgsbevölkerung, den der Landbau allein nicht nähren konnte, ständige Arbeit und Verdienst zu verschaffen. Zu diesem Zwecke wurde nahe bei Birstein ein größeres Dampfsägewerk begründet, das vielen Arbeitern und Handwerkern reiche Arbeit und Beschäftigung bot. Nach einer kurzen Zeit des Stillstandes ist das Etablissement im Jahre 1897 wieder eröffnet worden und dürfte dasselbe mit der Zeit einen ziemlichen Aufschwung nehmen. — Von den dem Fürsten von Jsenburg-Birstein verbliebenen Rechten und Privilegien seien hier die wichtigsten mitgetheilt: Ebenbürtigkeit und hoher Adel, Freiheit von der Militärpflicht, Mitgliedschaft in der ersten Kammer der Landesvertretung — für Preußen tm Herrenhaus, für Hessen- Darmstadt in der ersten Kammer —, privilegirter Gerichtsstand, judicium parium, Befreiung von der Grundsteuer zur Hälfte, von anderen Steuern vollständig, Zollfreiheit, Einquartierungsfreiheit, das Recht der Errichtung eigner Verwaltungsbehörden und der Verleihung der herkömmlichen Prädikate an die fürstlichen Beamten - ferner auf kirchlichem Gebiet das Pattonatsrecht über die Pfarreien der Siandesherrschast, Einichluß der Standesherrschaft in das Kirchengebet, öffentliches Trauergeläute, sowie öffentliche Landestrauer bei allen Sterbefällen in der fürstlichen Familie. Die Beisetzung des verstorbenen Fürsten erfolgt wahrscheinlich in Birstein.
Buchenau, 8. April. In dem Jagdrevier der Gemarkung Betzerod erlegte heute (Samstag) früh Herr cand. med. F. Klemm einen Auerhahn von 9% Pfund.
Die Stadt Schlächtern und auch die Züchter haben hierdurch ganz bedeutenden Schaden, da eine große Anzahl fremder Käufer hier erwartet wurde. Der Bullen- körungs-Termin wird in Sterbfritz abgehalten und ist daselbst der Kauf und Verkauf von Bullen nicht ausgeschlossen.
* — Am Sonntag Abend gegen 6 Uhr gerieth das Lokal der großen Geflügel-Ausstellung zu Mannheim in Brand und sämmtliches Geflügel kam in den Flammen um. Unter den Geschädigten befindet sich auch der bekannte Rassegeflügel-Züchter Ludwig Hildebrand von hier, der die Ausstellung mit 36 Nummern beschickt hatte.
* — Schulpflichtige Kinder dürfen nach einer Entscheidung des Kultusministeriums im Bereiche des Königreichs Preußen hinfort in der Zeit von 7 Uhr Abends bis 7 Morgens nicht mehr zum Austragcn von Backwaaren, Zeitungen, Kegelaufsetzen- und sonstigen Verrichtungen in Schankwirthschaften, Blumenhandel usw. verwendet werden. Diese Anordnung ist eine Folge der unlängst im Reichstage gegebenen Anregung, die Kinderarbeit einzuschränken. Daß die ganz allgemein gehaltene Bestimmung nur Lichtseiten hätte, wird man aber gar nicht einmal sagen können. Wie manches arme Kind trägt durch angemessene gewerbliche Thätigkeit zur Besserung des Haushalts bei, man denke nur an die Kinder mittelloser Wittwen, und hat damit auch das eigene Loos günstiger gestaltet. Das soll nun aufhören !
* — Ein polizeilicher Zwang der Hausbesitzer zum Anschluß an die öffcmliche Wasserleitung ist vom Ober- Verwaltungsgericht als zulässig erklärt worden, weil der Anschluß dem Publikum größere Sicherheit vor Feuers gefahr und gegen Gcsundheitsgefährdung verschafft. Dieser Zweck könne aber nur vollständig und sicher bet allgemeiner Durchführung der Maßregeln erreicht werden.
* — Nach kaiserlicher Anordnung sollen preußische Krieger- und sonstige Militärvereine künftig in der Regel nur dann zu Paraden der Truppen und zu oifiziellcn militärischen bezw. militärärztlichen Unterstützungen bei Uebungen im freiwilligen Sanitätsdienst herangezogen werden, wenn sie dem preußischen Landes kriegerverband angehören. Auch den Krieger- und sonstigen militärischen Vereinen anderer Bundesstaaten sollen derartige Vergünstigungen nur dann gewährt werden, wenn sie dem betreffenden Landesverbände angehören.
* — Ein zeitgemäßes Rundschreiben hat der Vor stand des Turngaucs Rheinhessen an die Vorstände der rheinhessischen Turnvereine gerichtet. Er schreibt unter anderem: „Schon jetzt rüsten sich eine ganze Reihe von Vereinen Stiftungsfeste, Fahnenweihen und dergleichen zu begehen, und werden sogar jetzt bereits Einladungen hierzu versendet. Da richtet der Gauvertreter die Bitte an die ländlichen Vereine, doch ernstlich prüfen zu wollen, ob im Festfeiern nicht zuviel geschieht, und ob es nicht im Interesse unserer Turnsache liegt, darin weises Maß zu halten. Gewiß läßt sich für manches die Nützlichkeit und Nothwendigkeit eines Festes beweisen, aber welch n Werth für die Turnsache haben meist die kleinen Feste, zu denen der Anlaß künstlich konstruirt werden muß? Wir wissen alle, und viele haben bet derartigen Festen als stille Zuschauer die Erfahrung gemacht, daß das Turnen in den meisten Fällen am schlechtesten wegkommt, der „Klimbim" ist die Hauptsache. Und Abends wird getanzt. Das ist ja auch eine turnerische Uebung, aber wir Turner sollen uns nicht vorwerfen lassen, die Vergnügungssucht in's Endlose zu vermehren. Und zu einem Tanzvergnügen ist doch nicht immer ein Turnfest nöthig. Deshalb, ihr Turnvorstände, prüft Weise das Für und Wider und thut mit dem Festfeiern des Guten nicht zu viel!" Dies Rundschreiben verdient allgemeine Beherzi- gung.
* — Aus der Sitzung der Strafkammer vom 6. April. Ein jugendlicher Verbrecher stand in der Person des Dicnstjungcn P. ans Dipperz vor den Gerichtsschranken. Ein bereits in seinem 10. Jahre begangener Diebstahl hatte die Ucberweisung des von seinen Eltern verwahrlosten Jungen in die Korrektionsanstalt in Sannerz zur Folge. Nach etwa fünfjährigem Aufenthalt in derselben kam er Ostern vorigen Jahres als Juug- knecht auf die Ockonomie des kath Pfarrers in Ulmbach Dort machte er sich die Gelegenheit zu Nutze und stahl einem Mitknecht in zwei selbstständigen Handlungen 1b Mk. baares Geld, Kravatten, Strümpfe. Messer usw. aus einem verschlossenen Koffer, zu dessen Oeffnen. er den in den Kleidern des Knechtes befindlichen Schlüssel entwendete Das Urtheil lautete auf 4 Monate Gefängniß — Wegen fahrlässiger Gesährdung eines Eisenbahntransportes hatten sich der 48jährige Eisen- bahnvorarbeilcr Ulrich P. von Elm und der 44jährige Hilfsbahnwärter Joh Nie. H. von Uttrichshausen zu verantworten. Die Gefährdung soll am 14. Nov. v I. auf der Elm Gcmündencr Eisenbahn und zwar zwischen Elm und Vollmerz erfolgt sein. Der Anklage liegt folgender Thatbestand zu Grunde: An genanntem Tage waren mehrere Arbeiter unter Führung P.'s kurz vor dem Ebersberger Tunnel damit beschäftigt Kies ankzuwerfen und Bohlen einzuziehen. Zehn Minuten vor 11 Uhr ertheilte P. vier Leuten den Auftrag, den bei den fragt Beschäftigungen verwendeten Bahnmeisterwagen nach Station Elm zu fahren. Nach den be
Großauheim, 5. April. Die üble Gewohnheit, Petroleum beim Feueranzünden zu verwenden, hat gestern hier wieder ein Opfer gefordert. Eine junge Frau, die durch Aufgießen von Petroleum das Feuer anfachen wollte, wurde von den auflodernden Flammen erfaßt und dermaßen verbrannt, daß sie unter furchtbaren Schmerzen mehrere Stunden später ihren Geist au'-gab.
Frankfurt 6. April. Der Verkehr auf der diesjährigen Frühjahrs-Ledermesse ist so gering geworden, daß es sich kaum mehr lohnt, noch darüber zu berichten. Sohlleder aus erster Hand war gar nicht in der Halle eingelegen und die Zufuhr in Oberleder zur Halle betrug etwa 700 Ctr., meist geringe oder Ausschußwaare und außerdem nur einige Pöstchen^chafleder. Die Zufuhren zu den Groß- und Kommissionslager haben diesmal nur etwa 7000 Bürden Sohlleder betragen, ca. 3000 Bürden weniger, als zur letzten Herbstmesse.
Schmalkalden, 6. April. Die Orts- und Straßensperre wegen der Maul- und Klauensenche zeitigt Vorkommnisse, die für Witzblätter recht geeignet wären. Der „Thr. Hausfreund" liefert dazu folgenden Beitrag: Eine Kuh aus dem Werrathale nach dem Schlachthofe Schmalkalden bestimmt, darf Mittelschmalkalden nicht zu Fuß passiren! Was geschieht? Man labet die Kuh auf einen Wagen und zwei andere Kühe fahren die Todeskandidatin durch den verseuchten Ort Mittelschmal- kalden nach dem Schlachthofe und kehren auf demselben Wege nach Breitun gen zurück!
Meckbach, 5. April. Vor einigen Tagen ließ sich auf einem Gehöfte in der Nähe des Schulhauses am Hellen Mittag eine Schnepfe nieder. Derselben war — vielleicht durch ein Schrotkorn — die Schnabelspitze zertrümmert. Der völlig erschöpfte Vogel hat auf jeden Fall längere Zeit keine Nahrung zu sich nehmen können und war infolgedessen ganz abgemagert und „federleicht."
Erzählung von Gustav Höcker. (Nachdruck »erboten.) (Fortsetzung.)
Wenige Tage nach jenem unheilvollen Funde, der fein Mißtrauen geweckt hatte und fortwährend seine nur allzu lebhafte Einbildungskraft beschäftigte, sah er sich selbst im Traume in jene selige Zeit zurückversetzt, wo er Dora's Porträt gemalt und wo beider Herzen sich gefunden hatten. Seit seiner Erblindung sah er sie zum ersten Male in greifbarer Lebendigkeit wieder vor sich, ob als Gattin oder als Braut, blieb in dem Traum unklar. Aber der schwere Alp, der im Wachen Reinholds Brust bedrückte, lag nicht auf ihm. Er sank ihr zu Füßen und wiederholte ihr die Bctheuerung feiner Liebe.
Da löste sich Dora's liebliches Bild plötzlich in Nacht und Finsterniß auf, aber deutlich hörte er sie die Worte sagen:
„Gehen Sie, bitte, gehen Sie! Das ist weder die Zeit noch der Ort, wo wir uns sprechen dürfen. Wie oft soll ich Sie meiner Liebe noch versichern?'
War das noch Traum ober wachte er ? Die Stimme klang gedämpft und ferne; als käme sie aus einem anderen Zimmer.
„Dora! Dora!" rief der Maler und richte'e sich im Bett in die Höhe — Wirklich öffnete sich die Thür des anstoßenden Gemachs. Er vernahm den wohlbekannten elastischen Schritt seiner Frau und fühlte ihre Hand auf seinem Haupte.
„Ist es denn schon Tag?" frug er, sich vor die Stirn fassend.
„Es ist noch sehr zeitig," antwortete Dora. „Du bist ungewöhnlich früh erwacht."
„Habe ich geträumt ober hörte ich Dich wirklich sprechen? Mit wem sprachst Du?"
War es nun seine Ungeduld, die ihr das Warten auf die Antwort so lang erscheinen ließ ober zögerte Dora mit derselben?
„Ich sprach mit niemand," hörte er sie endlich sagen, „Du mußt geträumt haben."
„Still!" unterbrach er sie fast hastig. „Was sind das für Schritte im Nebenzimmer? Hörst Du's nicht?"
„Es ist nicht nebenan, sondern darüber. Oben geht jemand auf und ab."
Es war so, wie sie sagte. Das lehrte ihn sein eigenes Ohr; dennoch lauschte er noch lange, ob sich nicht auch im Nebenzimmer ein Geräusch vernehmen ließ.
Den ganzen Tag über grübelte er, ob er jene Worte Doras im Traume ober Wachen vernommen habe. Kein einziges davon hatte er vergessen, sogar der Tonfall war seinem Ohre noch gegenwärtig. „Gehen Sie, gehen Sie!" — eine innere Angst, eine dringende Hast hatte in dieser Bitte gelegen. Und dann — welch samt einschmeichelnder Vorwurf, welche bestrickende Innigkeit war aus der Frage: „Wie oft soll ich Sie meiner Liebe noch versichern?" hervorgcklungen! Mehr und mehr befestigte sich in dem unglücklichen Gatten noch die Ueberzeugung, daß er es nicht mit dem verworrenen Ausgange eines Traumes zu thun, sondern daß er jene Worte mit wachem Ohr vernommen habe, und daß sie einem andern gegolten hatten. Es wäre ja nicht die erste bittere Herzeustäuschung in Reinhold's Leben gewesen. Noch ehe er Dora kennen lernte, hatte er bereits ein Mädchen geliebt, aber sie