SchlüchternerMung
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M 19.
Mittwoch, den 8. März 1899.
50. Jahrgang.
Deutsches Reich.
Berlin. Besuch des Kaiserpaares in Homburg vor der Höhe. Der Kaiser und die Kaiserin werden, wenn keine Aenderung der Programms eintritt, am lö. d. M. zu einem längeren Aufenthalte in Homburg vor der Höhe eintreffen. Bei dieser Gelegenheit wird das Karer- paar dem Vernehmen nach auch das ^eiterest besuchen, welches am 16., 18. und 19. d. M in dem neuer« bauten Hippodrom zu Frankfurt a. M. zum Besten des Frankfurter Kricgcrhcimes stattfinden wird.
— In Deutsch Ostafrika ist eine neue Expedition des Gouverneurs Siebert erforderlich geworden. Sie wird sich zuerst gegen die im Hinterlande zwischen Kilwa und Lindi noch immer sehr raublustigen Wawudje wenden. Die Expedition wird mit ziemlich starken Kräften unternommen werden, da sie zu gleicher Zeit einige wichtige Verlegungen einzelner Kompagnien der Schutztruppe bezweckt.
Rostock. 2. März. Einiges Aufsehen hatte hier das Gerücht verursacht daß in dem nahen Gehlsdorf sich ein Leprakranker aufhalte. In der That hat sich dort ein Mann, der seit Längerem von diesem Leiden befallen ist, niedergelassen. Er ist geborener Rostocker und hat sich in Südamerika, wohin er vor 18 Jahren ausgewandert war, ein beträchtliches Vermögen erworben. Schon seit einer Reihe von Jahren fühlte er sich dort mit einem Leiden behaftet, für welches die Aerzte daselbst keine Erklärung wußten. Vor zwei Jahren nach Deutschland zurückgekehrt, erfuhr er in Berlin von einem Spezialarzt für Hautkrankheiten, daß er am Aussatz unheilbar erkrankt sei. Er fuhr nach Montevideo zurück, kam dann aber wieder in die alte Heimath, nach Rostock, wo der ihn behandelnde Arzt seine Krankheit pflichtmäßig zur Anzeige brächte. Es ist von der betreffenden medizinischen Behörde dem Kranken nun gestattet worden, sich in Gehlsdorf ein vereinzelt liegendes Haus zu kamen, und Vorsichtsmaßregeln sind getroffen, um eine Ansteckung zu verhindern. Der Patient bewohnt mit seinem Bruder die obere Etage des Hauses, während die Räume im Erdgeschoß der Mutter des Kraulen und einem Dienst Mädchen zur Wohnung dienen. Die Umgebung des Kranken vermeidet peinlich jede Berührung mit ihm.
Düsseldorf, 2. März Die dringende Nachfrage auf dem Kohlen- und Eisenmarkt hält an. Die Kohlenzechen, Kokereien, Hochöfen und Stahlwerke können den Bedarf nicht decken.
Barmen, 3. März. Die „Rh-W.-Ztg " schreibt: Wie der Sozialdemokratie von mancher Seite in die Hände gearbeitet wird, beweist folgendes Zeugniß, das uns im Original Vorgelegen hat. Es ist ausgestellt von der Barmer Volksbank und hat folgenden Wortlaut: „Zeugniß. Fridolin Stüdling, 30 Jahre alt, ist seit dem 15. Januar 1897 in unserer Bank als Hausdiener und Kassenbote thätig; wir bezeugen demselben gerne, daß er sich während dieser Z it stets fleißig, gutwillig, flink und ehrlich betragen und zu unserer Zufriedenheit gearbeitet hat, und wir demselben nur aus dem Grunde seine Stellung gekündigt haben, weil sich seine Familie wiederum vermehrt hat.
Bamberg Gegen die ungeheuerlichen Unterbichingen bei den Submissionen, die mit Recht als ein Krebsschaden bezeichnet werden, ist der Bamberger Magistrat vorgegangen. Da bei allzu Abgeboten, so führte er aus, eine gediegene und solide Arbeit nicht mehr erwartet werden dürfte, wurde beschlossen, Abgebote von mehr als 17 v. H. grundsätzlich abzuweisen. Ferner sollen nur solche Meister zur Submission zugelassen werden, die seit mindestens 3 Jahren ihr Geschäft in Bamberg selbständig ausüben.
Ausland.
In Toulon ist am Samstag Morgen um 2 Uhr das Marine-Pulvermagazin mit über 00,000 Kilo schwarz Pulver in die Luft geflogen. Der furchtbare Knall war viele Meilen im Umkreise zu hören und die Erd- erschütterUng glich einem Erdbeben. Umgekommen sind ta. 80 Personen, verwundet wurden über 100. Auf zwei Kilometer im Umkreise wurden alle Häuser demolirt lind die Felder verheert. Man vermuthet als Ursache der Explosion die Zersetzung und dadurch von selbst herbeigeführte Entzündung einer Kiste mit rauchlosem Pulver.
Egypten. Trotz des entscheidenden Sieges der Eng- känder bei Omdurman ist die Macht der Mahtusten
noch nicht gänzlich gebrochen. Der Khnlif rückt mit 15 000 Alaun, deren Anwachsen auf 60 000 möglich ist, gegen den obern Nil. Er besiegte die England freundlichen Araberstämme und verbreitet Schrecken durch wilde Raubzüge. Oberst Kitchener hat den Khalifen mit ungefähr 6000 Mann in starker Stellung bei Scherkela, etwa 112 Meilen vom Nil, angetroffen. Oberst Kitchener zog sich jedoch zurück, weil er nicht über genügende Streitkräfte verfügte, um zum Angriff Überzugehen.
Newyork. Die längste Straße der Welt hat jetzt unzweifelhaft Newyork aufzuweisen, nachdem der Broadway. der seither verschiedene Namen trag^ nämlich von der Südspitze der Insel Manhattan bis zum Cen- tralpark: Broadway, von da aber Boulevard oder Grand Boulevard hieß, in seiner ganzen Länge den einheitlichen Namen „Broadway" erhalten hat. Die neue Straße ist bis zur Weichbildgrenze ziemlich genau 16 (engl.) Meilen, also etwa 26 Kilometer, da sie aber in ihrer Nummerirung bis North Aonkers am Hudson weiler- läu't, einundzwanzig Meilen lang. Dieser Ausdehnung entsprechend geht die Zahl der Hausnummern innerhalb der Weichbildgrenze bis 8000, im Ganzen aber bis etwa 10800. Die stolzeste „Hohe Hausnummer", die ein deutscher Knobler seinem Würfelbecher entsteigen sehen kann, wie weit bleibt sie hinter diesen wirklichen Hausnummern der amerikanischen Riesenstadt zurück! Es giebt wohl nur wenige Fußgänger — abgesehen von den Professionellen natürlich — die im Stande wären, an einem Tage diese ganze Straße auch nur einmal auf und niederzugehen. Vorläufig fehlt auch noch ein einheitliches Verkehrsmittel für die ganze Ausdehnung der Straße.
China. Die „Auftheilung Chinas" macht weitere Fortschritte. Die Sanmunbucht ist durch Italien „gepachtet" worden. Italien folgt bei dieser Pachtung ganz getreulich dem Beispiel Demschlands. Auch Belgien will bei der Theilung nicht leer ausgehen, und aus einer „Times"-Nachricht geht hervor, daß auch Deutschland weitere Erwerbungen in China in Aussicht nimmt. — Die Verhandlungen über die deutsch-englische Eisen bahn von Tientsin nach Tschingkiang sind zum Stillstand gekommen. Die Deutschen beständen daraust daß die in Shantung liegende Strecke dieser Bahn von den Verhandlungen ausgeschlossen und hierüber zwischen China und Deutschland besonders verhandelt werde Auch werde verlangt, daß dieser Theil von Deutschen gebaut und geleitet und daß auch der Sicherheitsdienst ganz wie bei einer deutschen Bahn von Deutschen ausgeübt werde. Weiter wird berichtet, in der ganzen Provinz Shantung herrschte Beunruhigung Die Ueber« schwemmung des gelben Flusses habe eine Menge Menschen dem Hungertode nahe gebracht. — Einem Privatbriefe aus Tsintau entnehmen wir folgendes: Kiautschou geht einer großen Zukunft entgegen. Immer mehr kommt man zu der Erkenntniß, daß die gepanzerte Faust einen wahren Edelstein erfaßt hat. Nach allen Richtungen durchqueren Berg-Ingenieure das Land und bringen freudige Kunde von den gewaltigen Kohlenlagern in der Provinz Shantung. Die Shantuug-Kohle kommt nach den neuesten Untersuchungen der besten westfälischen Kohle gleich. Mit deutschem Gelde werden nach und nach alle Plätze angekauft, wo sich Kohlen finden. Der Bau einer,Bahn ins Innere wird vorbereitet."
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 7. März.
* — Wichtig für Miether und Bermiether ist die Bestimmung des neuen bürgerlichen Gesetzes, wonach dem Bermiether das Recht gegeben ist, ohne Anru ung des Gerichts, wenn der Miether am Fälligkeitstage nicht zahlt, die eingebrachten Sachen des Miethers, soweit dies zur Deckung der Schuld und entsprechender Kosten nothwendig ist, öffentlich versteigern zu lassen; jedoch nicht so ort, sondern erst nach vorhergegongener eh« monatlicher Androhung. Da diese Bestimmung nicht zu dem allgemeinen Pfandrecht gehört, tritt sie aus diesem Grunde bereits am 1. Januar 1900 in Kraft; doch ist nach dem neuen bürgerlichen Gesetze eine große Anzahl Gegenstände, die jetzt noch gepfändet weiden dürfen in Zukunft unpfändbar. Während jetzt nur das Hand- verksgeräth oder dergleichen bei Künstlern. Handwerkern, Hand- und Fabrikarbeitern und Hebammen nicht gepfändet werden durfte, sind nach dem bürgerlichen Ge-
i&visgKsasKHmaHBaMH setze auch bei anderen Personen, die aus persönlichen Leistungen ihren Erwerb ziehen, die zur persönlichen Fortsetzung der Erwerbsthätigkeit unentbehrlichen Gegenstände der Pfändung nicht unterworfen; z. B. das Instrument eines Musikers, das Piano einer Musiklehrerin, die Schreibmaschine, wenn der Besitzer sich dadurch seinen Unterhalt erwirbt.
* — Hinsichtlich der besseren Beleuchtung der Eisenbahnwagen verlautet, daß vorzugsweise Acetylengas- Beleuchtung in den Zügen eingeführt werden soll, da die Elektrizität sich nicht in der erwarteten Weise bewährt hat.
* — Aus der Strafkammersitzung vom 2. März. Der Hüttner Heil von Oberkalbach, dessen Sache wir schon zweimal in unserm Blatte brachten, wurde nachdem das Reichsgericht die Angelegenheit zu neuer Verhandlung an die Stra kammer zurückverwiesen hatte, in der heutigen Sitzung wegen Beleidigung des Bürgermeisters B. von Oberkalbach abermals zu sechs Wochen Gefängniß verurtheilt. Dazu treten die nicht geringen Kosten mehrerer Instanzen.
Vom Spessart, 2. März. Ein armes bäuerliches Ehepaar aus dem Spessart, das auf der Eisenbahn fuhr, stellte im Koupee einen Krautsack zwischen seine Füße. „Was habt Ihr denn in dem Sacke, Vetter?" fragte der Schaffner. „Kraut, bitte schön, einige Häuptl Kraut," antwortete der Bauer. „Nun, das Zeug genirt hier, legt es hinauf, rasch," befahl darauf der Schaffner. Nur widerwillig folgte der Bauer und schob den unheimlich schweren Krautsack auf das schmale Brett. Der Schaffner entfernte sich. Plötzlich ertönte aus dem vermeintlichen Krautsack eine klägliche Stimme: „Vater, ich fall' herunter!" Man kann sich das homerische Gelächter der übrigen Reisenden denken. Der Bauer flehte inständigst, man möge ihn nicht verrathen, er habe zu wenig Ge0, gehabt, um die Fahrt für seinen 8jährigen Knaben zu zahlen und steckte ihn deshalb in den Krautsack. Eine kleine Kollekte schaffte das Geld für ein Billet herbei, doch da die Endstation des ehrsamen Bauern- paares erreicht war, so empfahl sich der dankbare Bauer mit seinem redenden Krautsack.
Hanau, 1. März Vor dem hiesigen Schwurgericht stand heute der Fabrikarbeiter Theodor Kopp von Bürzel bei Offenbach unter der Anklage der schweren Körperverletzung, begangen an seiner Ehefrau Dina, geborene Schubert. Kopp, der in einer Offenbarer Stockmbrik beschäftigt war, lebte mit seiner Frau seit längerer Zeit in Zwiespalt, was schließlich dahin führte, daß die Frau im Oktober vorigen Jahres die eheliche Wohnung verließ und sich zu ihren Eltern nach Hanau begab. Am 24. Oktober reiste Kopp seiner Frau nach und suchte sie in der Wohnung seiner Schwiegereltern auf. Er fand sie zufällig allein zu Hause und mißhandelte sie nach kurzem Wortstreite mit einem Messer und einem Prügel in geradezu fürchterlicher Weise. Nachdem das Messer abgebrochen, setzte er seine Mißhandlungen mit dem Stocke fort, bis sein Opfer bewußtlos zusammensank. Das Gericht verurtheilte ihn wegen schwerer Körperverletzung auf Grund der §§ 223a, 224 und 228 des Strafgesetzbuches zu einer Gefängnißstrafe von vier Jahren.
Nidda 22. Febr. Dieser Tage erwarb die Königl. Preuß. Landgestütsdirektion zu Dillenburg von dem Landwirth Heinrich Reß zu Aulendiebach zu dem enormen Preise von Dreitausend Mark ein 2'/-jähriges Hengst- Fohlen belgischer Rasse zu Gestütszwecken. Das Fohlen wurde im hiesigen Kreise gezogen und legt deshalb dieses Zuchtresultat Zeugniß davon ab, daß die Zucht guter kaltblütiger Pferde nicht nur in Belgien, sondern auch bei uns ermöglicht werden kann.
Frankfurt. Deutsche Lehrerfahrt nach Italien Eine größere Anzahl deutscher Gymnasiallehrer, darunter ud) Mitglieder des VereinS akademisch gebildeter Lehrer in Frankfurt a. M, rüstet sich, während der bevor- stehenden Osterferien dem klassischen Boden Italiens einen etwa 14 Tage dauernden Besuch abzustatten. Die Abreise erfolgt von Luzern aus am Palmsonntag und geht gemeinschaftlich über ZMailand, Genua bis Pilsa, wo ein Theil direkt nach dem Süden fährt (Rom, Neapel mit Besuw, Capri, Sorrento, Castellamare, Pompeji und das alte Poseidonia», während der andere Theil östlich über Florenz, Bologna, Venedig, Verona u. s. w. abschwenkt. Die Reise kostet — alles inbe- grissen — 340 Mk. die zweite 278 Mk. Nichtlehrer