ZchWerner Zeitung
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Jß. 18. Samstag, den 4. März 1899. 50. Jahrgang.
Deutsches Reich.
Berlin. Aus Wilhelmshaven wird gemeldet, daß der Kaiser daselbst auf dem „Kurfürst Friedrich Wilhelm" f übernachtet und Vormittags um 10 Uhr die nach China bestimmte Ablösung besichtigt habe. Nach dem Ab-
schrciten, der Front hielt der Kaiser eine Amprache, worauf der Führer der Truppe, ein Hoch auf den obersten Kriegsherrn ausbrachte. Die Besichtigung endete, wie üblich, mit einem Parademarsch.
— Nordlandsreise des Kaisers. Der Kaiser besteigt am 16. Juni in Brunsbüttel die „Hohenzollern", die alsdann nach Helgoland abdampft. Der Kaiser gedenkt nach der Kieler Woche wiederum eine Nordlandsreise vorzunehmen.
— Vor einigen Tagen überreichte der Vorsitzende der Aachener und Münchener Feuerversichcrungs-Gc- sellschaft dem Kaiser eine Adresse des Verwaltungsrathes und der Direktion, mit welcher dem Kaiser auf Grund der Statuten der Gesellschaft den Betrag von 250,000 Mk. aus dem gemeinnützigen Fonds der Ge- : fellschaft zu einem vom Kaiser zu beyimmenden gemeinnützigen Zwecke zur Verfügung gestellt wurde. Der Kaiser hat diese Widmung angenommen und dabei geäußert, daß er sie voraussichtlich zu den Zwecken des projektirten Reichsmarine-Museums zu verwenden ge- ■ denke. Seit der Errichtung der Gesellschaft im Jahre 1825 bis Ende 1897 sind im Ganzen über 31 Mill. Mark von der Gesellschaft für gemeinnützige Zwecke dargebracht worden.
— Ueber die Wiederherstellung einer Produktenbörse in Berlin finden zwischen der Regierung und Vertretern des Vereins Berliner Getreide- und Produktenhändler 1" gegenwärtig Verhandlungen statt. Die Einzelheiten . entziehen sich vorläufig nach der Ocffentlichkeit, doch scheint eine Verständigung nicht ausgeschlossen zu sein < Die Wiederherstellung entspreche einem Wunsche de§ Kaisers.
— Mit der Nutzbarmachung der Hochmoore unter besondere Berücksichtigung der Kolonisation befaßte sich das in Berlin zusammengetretene preußische Landes- Oekonomiekollegium in seiner Diensttagsitzung, welcher der Kaiser bciwohnte. Regierungsrath Dr. Fleischer führte aus: Die Frage der Ausnutzung der Moore sei im Anschluß an den Bau immer neuer Kanäle wieder sehr in den Vordergrund getreten. Zur Zeit besteht die Bodenfläche des Staats zu 6,3 Prozent aus Moor, gleich 150 'Quadratmeilen. Diese würden nach ihrer Urbarmachung mindestens 100000 Bauernfamilien reichlich ernähren können. Bei der Kolonisation der Hochmoore sollten namentlich Strafgefangene verwendet werden. — Der Vorsitzende des Bundes der Landwirthe Freiherr von Wangenheim bedauerte das geringe Interesse der Kleinbauern an den Kolonisationsversuchen und erwartete größere Staatsunterstützungen als bisher. Die Bevölkerung der Hochmoore mit tüchtigen Bauern- familien werde eine erhöhte landwirthschaftliche Prodution herbeiführen und diene gleichzeitig dazu, den Umsturz, bestrebungen einen festen Damm entgegenzusetzen. Geh. Rath Dr. Thiel erklärte, die Absicht des Landwirthschaftsministeriums sei, das bisher noch nicht in Angriff ’>* genommene Land mit Gefangenenkolonnen zu überziehen und zunächst gehörig zu entwässern. Dann soll das j Land wieder todt liegen bleiben, damit es Zeit finde,
^ seine Art zu ändern. Dann erst solle es mit Kolonisten
bevölkert werden.
— In Hamburg ist eine amerikanische Abordnung eingetroffen, welche Deutschland bereisen soll, um festzustellen, wie die jetzt bestehende Fleischschau gehandhabt und in welchen Umfange amerikanische Fleischwaaren bisher beanstandet wurden.
BreSla«, 22. Febr. Seit Beginn dieses Jahres sind in verschiedenen Garnisonen des sechsten Armeekorps zahlreiche Erkrankungen an Grippe aufgetreten. Die ersten Fälle wurden in Gleiwitz beobachtet, bald aber erkrankte auch in Breslau, Namslau und Leobschütz eine größere Anzahl von Mannschaften, so daß das Auftreten der Grippe in den genannten Garnisonen im Laufe des Monats Januar als epidemisch erklärt wurde. Die Gesammtzahl der an der Grippe erkrankten Mannschaften betrug bis zum 20. dieies Monats in Glet> Witz 130, in Breslau 165, in Namslau 28. in Leob- Ichütz 63. In der letztgenannten Garnison trat leichzeitig eine Reihe von Erkrankungen an Unterleibs- pphus unter den Mannschaften des Husarenregiments
Graf Goetzen auf, die, acht an Zahl, bisher günstig verlaufen sind. Vereinzelte Fälle von Grippe sind auch in den Garnisonen Ratibor und Wohlau beobachtet worden. Auch in Schweidnitz ist diese Krankheit in den letzten Tagen ausgetreten, und es ist hier eine weitere Zunahme zu befürchten, während in den anderen Garnisonen ein baldiges Erlöschen der Epcdemie, die bisher zwei Todesfälle zur Folge gehabt hat, zu erwarten ist; außer dem Stabsarzt Dr. Uhl in Breslau ist ein Artillerist in Schweidnitz der Krankheit erlegen. Trotz dieser ver- hältnißmäßig geringen Zahl von Todesfällen muß die Epidemie als mjttelschwer bezeichnet werden. Eine große Anzahl der Mannschaften hat sich, der „Schlcs. Ztg." zufolge, zwar nach Ucberstehen der Krankheit bald erholt, doch sind andererseits im Anschluß an die Grippe verschiedentlich Komplikationen beobachtet worden, wie Lungenentzündungen, Rippenfellentzündungen, Mittelohr. katarrhe, Neuralgien und andere mehr, so daß ziemlich zahlreiche Entsendungen dieser Leute zur völligen Wiederherstellung ihrer Gesundheit in das Genesungsheim und in das Bad Landcck ' stattgefunden haben und noch stattfindcn.
Dortmund. Schwere Vergehen hat sich der Lehrer- Joseph Bürger aus Schöneberg bei Soest seinen Schülerinnen gegenüber schuldig gemacht. Die hiesige Strafkammer verurtheilte den 2-jährigen Mann wegen Verbrechens gegen die Sittlichkeit in mindestens 70 Fällen zu 7 Jahren Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverlust. Der Staatsanwalt hatte 12 Jahre Zuchthaus beantragt.
Ausland
Aus Rom kommt die Meldung von einer schweren Erkrankung des Papstes, der in diesen Tagen sein 89. Lebensjahr vollendet. Eine seit einigen Jahren sich ausgebildet habende Cystengeschwulst an der Hüfte Entzündete sich in Folge Erkältung und rmr durch eine schnelle Operation des Geschwulst wurde einer Blutvergiftung vorgebeugt. In Anbetracht des hohen Alters des Patienten verlief die Operation gut und hoffen die Aerzte, dem Verfall der Kräfte noch vorzubeugen. Wie ernst die Sache war, geht daraus hervor, daß bereits alle Maßregeln getroffen waren, um gleich nach dem Ableben Leo XIII. zur Wahl eines neuen Papstes zu schreiten.
Lokales und Provinzielles.
* Schlächtern, 3. März.
* — Der aus Hohenzell gebürtige Professor Dr. Johannes August Heilmann, seither Direktor der Klosterschule in Roßleben, ist unlängst zum Königlichen Gymnastaldirektor ernannt und demselben die Direktion des Gymnasiums und Realgymnasiums in Flensburg übertragen worden.
* — Seit einigen Wochen zirkulirt das Gerücht, daß die Königliche Schulbehörde die Gründung eines weiteren evangelischen Schullehrer-Seminars im Reg.-Bcz. Gaffel plane und Eschwege sich unter den dieserhalb ins Auge gefaßten Städten befinde.
A — Nach der jüngst dem Abgeordnetenhause zugestellten Nachweisung über die Verwendung des Fonds zur Förderung des Baues von Kleinbahnen sind bis zum Schlüsse des Jahres 1898 für Hessen-Nassau als Beihilfen bewilligt 1,2 Millionen und in Aussicht gestellt 1,4 Millionen.
* — Eine Schaar Schneegänse, die aus dem Süden zurückkehrten, sind dieser Tage hiee beobachtet worden. Hoffentlich stellt sich nun der Frühling auch bald ein.
* — Ein werthvoller Zuchteber, der aus dem Stall entkommen war, lief am Dienstag ins Feld und auf das Bahngeleisc, wo er von einem Zug todtgefahren wurde. Das Fleisch wurde an arme Lente zerschenkt.
— Eine leichtere Maschinenkleidung erhält das Lo- komotivpersonal bei den preußischen Staatsbahnen. Sie besteht aus dunkelblauer Joppe aus Sommerköper, grauwollenen Beinkleid und leichter Seidenmütze. Den Maschinenwärtern ist die Dienstkleidung der Lokomotiv- Heizer zugestanden worden; auch kann ihnen nach fünf bezw. zehnjähriger zufriedenstellender Dienstführung eine Auszeichnung, goldene Achselschnüre, verliehen werden. - Die Löhne der Gehilfen im mittleren Dienst, der Hilfskräfte im unteren Dienst, der Handwerker und Arbeiter der Staatsbahnverwaltung sind auch neuerdings wieder gestiegen. Der Durchschnitt der Tagesvergütung betrug im letzten Jahre 2,48 M-, was bei 300 Arbeits tagen 21 Mk. Steigerung im Jahre macht, Besonders
günstig gestalten sich die Verdienste des im Stücklöhne arbeitenden Werkstättenpersonals. Die Werkstätten-Hand« arbeiter verdienten im Durchschnitt 4,05 Mk. auf den Tag. Dabei ist das Steigen der Tagesvergütung nicht etwa durch eine Verlängerung der Dienstzeit erkauft, diese ist vielmehr im Durchschnitt verkürzt worden.
* — Bei den Einjahrig-Freiwilligen des deutschen Heeres hat man sich daran gewöhnt, eine Scheidnng zwischen denjenigen Einjährigen zu machen, die mit der Absicht beim Militär eintrelen, eS zum Reserveoffizier zu bringen, und denjenigen, die mit Rücksicht auf ihren Beruf und ihre finanzielle Lage von vornherein auf ein derartiges Avancement verzichten. Letzterer Kategorie will man nun noch dadurch entgegen» kommen, daß man ihren Angehörigen, aus denen sich die Reserve-Unteroffiziere rekrutiren, noch Kleidung, Unterbringung, Löhnung und Verpflegung gewährt. Dadurch wird der Gegensatz zu der ersten Kategorie natürlich noch verstärkt. Denen, die auf das Offizierspatent verzichten, sollen ferner auch die Uebungstermine zweckmäßiger gelegt werden, und zwar soll auch die Hauptübung gleich unmittelbar an das absolvirte Dienstjahr anschließen und etwa sechs Monate umfassen, so daß die Betreffenden nach anderthalbjähriger Dienstzeit beinahe allen militärischen Pflichten genügt haben. Die Offiziersaspiranten haben dagegen außer Station und Equipierung noch mancherlei Aufwendungen infolge ihres unmittelbaren Verkehrs mit den Offizieren der Garnison zu machen und außerdem nach absolvirtem Dienstjahr Uebungen mitzumachen, die Alles in Allem den Zeitraum eines vollen Jahres umfassen.
* — Johannes Zelter, zuletzt wohnhaft und geboren am 17. Dezember 1875 zu Jossa, Gustav Leit- schuh, zuletzt wohnhaft und geboren am 19. Dezember 1875 zu Sannerz, Konrad Kreß, zuletzt wohnhaft und gebor-a^m 18. Februar 1877 zu Neuengronau, Wilhelm Lins, zuletzt wohnhaft und geboren am 21. Juli 1877 zu Oberzell, Johannes Steinmacher, zuletzt wohnhaft und geboren am 13. März 1877 daselbst, Carl Richter, zuletzt wohnhaft und geboren am 17. März 1878 daselbst, Ulrich Blum, zuletzt wohnhaft und geboren am 18. September 1878 zu Hütten, und Johannes Schrott, zuletzt wohnhaft und geboren am 11. Januar 1878 zu Marjoß, werden beschuldigt, als Wehrpflichtige sich dem Eintritte in den Dienst des stehenden Heeres oder Flotte entzogen zu haben. Dieselben werden auf den 27. April 1899, Vormittags 9 Uhr, vor die >11. Strafkammer des Königlichen Landgerichts zu Hanau zur Verhandlung geladen.
* — Das Schwurgericht in Hanau verhandelte am 28. Februar gegen die Handelsfrau Franziska Rüttger geb. Schulte von Steinau, wegen wissentlich falscher Anschuldigung und wissentlichen Meineids. Die Verhandlung fand unter Ausschluß der Ocffentlichkeit statt. Die Geschworenen bejahten die Schuldfragen und erfolgte demgemäß Verurtheilung zu 2 Jahren 3 Monaten Zuchthaus und 4 Jahren Ehrverlust. Außerdem wird auf dauernde Unfähigkeit, je wieder als Zeuge oder Sachverständiger vernommen werden zu können, erkannt. — Auch in dem vorletzt abgeurtheilten Falle handelte es sich um einen Meineid, den der Hüttner Ed. Jäger von Magdlos als Zeuge in einem im Jahre 1896 statt» gefundenen Beleidigungsprozeß geschworen hatte. Das Schwurgericht fand ihn im vollen Umfange schuldig; er wurde zu zwei Jahren Zuchthaus und drei Jahren Ehrverlust verurtheilt.
Schwarzenfels, 1. März. Gestern Abend gegen 8 Uhr brach hier ein Brand aus, der die Anwesen des Krämers Schmidt und des Bauern Freund völlig in Asche legte. Die Feuerwehren von hier und Umgegend thaten ihr Möglichstes, doch der starke Wind und der Mangel an genügendem Wasser erschwerten die Lösch« arbeiten ungemein.
Orb, 28. Febr. In den Monaten Januar und und Februar d. J. waren dahier 12 Sterbefälle zu verzeichnen, 24 Geburten, gerade die doppelte Anzahl. — Unsere Stadt zählt augenblicklich etwa 3'/, Tausend Seelen. Vergleicht man damit die amtliche Zählung vom 13. Febr. 1719, (bie nach der Urkunde: Im besonderen Auftrag wurden heute von Haus zu Haus durch den Kirchendiener Eckert und den Cvntor Brosch alle Seelen gezählt und die Zahl der Orber war 2295) stattfand, so steht man, daß Orb schon vor beinah, 200 Jahren ein ziemliches Städtchen war.