SchlüchternerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
«M 3. Mittwoch, den 1L Januar 1899. 50. Jahrgang.
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^»HfülhtMAA« auf die .Schlüchterner Zeitung« JitUUliyl/ll merben nod) fortwährend von allen , ^ ^--- ? Postanstalten und Landbriesträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser ist jetzt vollständig genesen und konnte mit seiner Gemahlin bereits einen längeren Spaziergang machen. Der Kronprinz jagte dieser Tage auf der Feldmark Buckow, unweit Berlin, und erlegte 36 Hasen.
— Ein Neujahrsgeschenk hat der Zar dem Kaiser Wilhelm gemacht. Die Gabe besteht aus zwei prächtigen Rothhirschen für den kgl. Wildpark bei Potsdam. Infolge von Schneeverwehungen in Rußland können die Thiere jedoch erst in den nächsten Tagen in den Besitz des Kaisers gelangen.
— Die Au Hebung des Jesuitengesetzes soll jetzt wahrscheinlich geworden sein. Die „Magd. Ztg.« erfährt wenigstens, man halte es in politischen Kreisen für keineswegs ausgeschlossen, daß der Bundesrath jetzt seine so lange Zeit versagte Zustimmung zur Auchebung deS Jcsuitcngesctzes ertheilen werde. Vom Centralvor- stande des evangelischen Bundes ist dagegen dem Bundes- rath ein feierlicher Protest gegen den Jesuitenantrag des Centrums überreicht worden, worin gebeten wird, auf dem Ausschluß der jesuitischen Ordensthätigkeit vom deutschen Reiche zu beharren und keine weitere Ab- bröckelung vom Jesuitengesetze zuzugestehen, allen etwaigen neuen Anträgen gegenüber eine Antwort zu ertheilen, durch die der Agitation ein für allemal ein Ende bereitet wird.
— Eine Verfügung des preußischen Justizministers Schönstedt ordnet hinsichtlich des Amtstitels der Ersten Gerichtsschreiber und Sekretäre für die Zukunft Folgendes an: „Die Ersten Gerichtsschreiber bei den Oberlandesgerichten, den Landgerichten und den mit mehr als vier Richtern besetzten Amtsgerichten sowie die Ersten Sekretäre führen fortan den AmtStitel Obersekretär".
— Denselben Aintstitel führt bei den Oberstaatsan- waltschaften, bei denen ein Erster Sekretär nicht bestellt ist, derjenige Sekretär, welchem die Leitung und Beaufsichtigung der Büreangeschäfte obliegt; ist nur ein Sekretär vorhanden, so führt dieser den bezeichneten Amtstitel. — Der Justizminister behält sich vor, in besonderen Fällen auch Ersten Gcrichtsschrcibcrn bei kleineren Amtsgerichten die Berechtigung zur Führung des Amtstitels als Obersekretär zu verleihen.«
— Die Beisetzung der Leiche des Fürsten Bismarck findet den neuesten Mittheilungen aus Hamburg zufolge definitiv am 1. April statt. Das Mausoleum in Friedrichsruh wird dann vollendet sein.
Cöl», 29. Dez. (Eine dunkle That.) Ein Schiffer erstattete bei der Polizeibehörde die Anzeige, daß vor gestern Abend zwei Herren eine Dame bis dicht an den Rhein unterhalb der Schiffbrücke begleiteten. Plötzlich hätten die Herren der Dame einen Stoß versetzt, so daß sie mit einem fürchterlichen Schrei in den Rhein siel und nicht mehr zum Vorschein kam. Die beiden Herren ergriffen darauf die Flucht. Die Criminal- polizei ist bemüht, Licht in diese dunkle Angelegenheit zu bringen.
Detmold. Einen vei lockenden Posten für Militär- Anwärter schreibt die „Fürstliche Regierung in Detmold« aus. Sie sucht einen „Bau Enichter" für ein Gehalt von 129 Mk. jährlich und ungefähre Hebungsgebührcu im Betrage von 81 Mk. Die Stelle ist nicht pensions- berechtigt.
Jserlohn, 5. Jan. Eine Mädchenhändlerin hat in jüngster Zeit in hiesiger Gegend ihr Wesen getrieben, und leider ist es ihr auch gelungen, mehrere junge Mädchen durch glänzende Anerbietungen zu ködern. So ließ sich die hübsche Tochter eines Bahnbeamten aus Schwerte, die sich in Köln im Dienst befand, bewegen, der Frau, welche sich ihr als eine Frau Steiizel aus Frankfurt am Main vorstellte, zu folgen. Die Frau fuhr mit der Angeworbenen zuerst nach Hagen i. W., dann nach Elberfeld, wo weitere zwei Mädchen engagirt. Nun ging die Reise nicht etwa nach Frankfurt, sondern nach Paris. Von hier beabsichtigte die Mädchenhändlerin, mit den Mädchen nach Amerika zu reisen, um sie dort in einem söffentlichen Hause nnterz,-bringen. Die Mädchen wollten aber von dem sauberen Plan nichts wissen,
Ausland.
Schw.iz. Der Mörder der Kaiserin von Oesterreich läßt wieder von sich hören. Wahrscheinlich ist es ihm in seiner Haft langweilig undcr sucht sich einige Abwechselung zu verschaffen, oder er will aus Eitclkcitsgründcn von sich reden machen. Er erklärte ein neues Geständniß ablcgcn zu wollen und sagte aus, er habe Mitschuldige gehabt, von denen einer am Bahnhöfe mit einem Revolver wartete, ein zweiter mit Dynamit in Lausanne der Ankunft der Kaiserin harrte; diese wäre also ihrem Schicksal doch nicht entgangen. — Ein Unwetter von außergewöhnlicher Hefrig- keit wüthete Montag und Dienstag in der Schweiz. In den Thalregioncu fiel der Regen in Strömen, während auf den Bergen starker Schneefall herrschte. Dabei wehte aber ein fürchterlicher Sturm, der Bäume entwurzelte, Dächer abdeckte und zahllose Schornsteine auf die Straße warf. In der Westschweiz und im Jura donnerte es wie im Hochsommer und mehrmals schlug der Blitz in die Telephonleitungen. Der Telegraphen- und Telephonverkehr ist vielfach unterbrochen. Im Hochgebirge sind alle Verkehrswege tief verschneit und die Postvcrbindungcn unterbrochen.
London, 9. Jan. Der „Times" wird aus Sewastopol vom 6. d. M. von einem ihrer Korrespondenten, welcher 2 Monate das europäische Rußland bereiste, gemeldet, daß in den dortigen Schiffswerften mit fieberhafter Eile gearbeitet werde, daß die Zahl der im Okt.
waren glücklicherweise auch im Besitz einiger Baarmittel DieMberfelderinnen fuhren am selben Tage in die Heimath zurück, während das junge Mädchen aus Schwerte sich noch mehrere Tage in Paris aufzuhalten gezwungen war, und in dieser Woche vollständig mittellos und er- schöp't bei ihren Eltern ankam. Die polizeilichen Recherchen nach der Mädchenverkäuferin, die natürlich einen falschen Namen trug, sind im Gange.
— Acht Zuckerfabriken in der Provinz Sachsen haben ihren Betrieb eingestellt, weil unter den jetzigen Verhältnissen keine Aussicht auf Gewinn vorhanden war.
Würzburg. Im Archiv des Historischen Vereins für Unterfranken veröffentlicht der Gymnasial-Professor Dr. I. C. Schmitt eine Studie über das Alter unserer Stadt. Auf Grund seiner Untersuchungen kommt er zu dem Ergebniß, daß Würzburg eine der ältesten deutschen Städte ist. Schon vor dem Jahre 100 v Chr. sei eine Niederlassung an seiner heutigen Stelle gewesen, so daß das Alter Würzburgs auf mindestens 2000 Jahre zu schätzen sei.
Aus Bayrenth wird geschrieben: Eine wahre Völkerwanderung von Engländern steht für die kommende Festspielzeit bevor. Durch die Londoner Agenturen sind bereits 4000 Plätze bezogen worden, was das Doppelte von dem bedeutet, was zu derselben Zeit im vorigen Jahr verkauft war. Ein Drittel aller Plätze ist bereits vergeben.
Aus Mannheim, 2. Januar, wird der „C. Z.« geschrieben: Viel belacht wird das tragikomische Schicksal der socialdemokratischen Stadträthe und Bürgcraus- schuß Mitglieder bei dem Festessen, das die Stadt am Tage der Einverleibung von Neckarau Veranstalter hatte. Die Socialdemokraten hatten aus der Tafelkarte ersehen, daß nach dem ersten Gange das Hoch auf den Groß- Herzog ausgebracht werden sollte. Um dieser Huldigung für den Laudesherrn auf eine möglichst geschickte Art auszuweichen, beschlossen sie, erst nach dem Trinkspruch auf den Großherzog den Festsaal zu betreten. So ge schah es auch. Kaum war das von der ganzen Fest- versammlung begeistert aufgenommene Hoch auf unsern verehrten Landesfürsten verklungen, als die Thüren des Saales ausgingen und die Herren Socialdemokraten hcrbeimarschirtcn. Sie eilten nach den von ihnen vorher belegten Plätzen, aber diese waren besetzt. Die Zahl der Festgäste war größer geworden, als man vorher angenommen hatte, und so waren bei Beginn des Mahles die von den Socialdemokraten belegten, aber unbesetzt gebliebenen Plätze verwendet worden. Eine Zeitlang irrten die schlauen Vertreter des Zukun ts- staates in den Gängen zwischen den Tischreihen umher; als sich aber Niemand um sie bekümmerte und Niemand Miene machte, die Plätze einzuräumen, zogen sie schließlich mit leerem Magen ab. Zu dem Schaden haben sie jetzt auch noch den Spott.
und Nov. in das Heer und in die Flotte eingereihten Mannschaften die der früheren Jahre weit übertreffe, daß ferner Verstärkuugstruppen so schnell wie möglich nach dem fernen Osten gesandt und die Besatzungen an der russisch-türkischen Kaukasusgrenze kürzlich vermehrt worden seien.
Auf Sizilien ist es zu neuen Hunger-Revolten gekommen und zwar in Niscemi. 3000 Bauern versammelten sich auf dem Marktplatz mit dem Rufe: „Es lebe der König!", „Nieder mit deuLebensmittelsteuerst!" Sodann durchzog man die Stadt zum Rathhausplätz, wo die Demonstranten die Zollhäuser mit Petroleum begossen und anzündeten. Die wenigen Gendarmen waren gezwungen ruhig zuzuschauen. Truppen sind bereits nach Niscemi unterwegs.
Ncwyork. Im amerikanischen Staate Colorado, fünf Meilen südwestlich von Canon City, wurde in einem Kupferbergwerk zufällig eine Goldader entdeckt, die einem überraschend hohen Goldgehalt aufwies: etwa 15,000 Dollars per Tonne. Die Kunde von diesem Funde verbreitete sich blitzschnell und heute sind schon an 3000 Goldsucher daselbst versammelt und eine neue Stadt ist im Enrstchen begriffen.
China. Von einem furchtbaren Unglück ist Hankau, die große Handelsmetropole am obern Iangtse, die erst ganz vor Kurzem von einer verheerenden Feuersbrunst befallen wurde — etwa ein Drittel der Stadt ging in Flammen auf — wiederum betroffen worden. Gegen Mittag wurde durch einen Laudsturz die Häl.te der Gebäude einer Straße, die auf dem etwa vierzig Fuß hohem Ufer des Han erbaut sind, in den Fluß hinabgestürzt. Man nimmt an, daß über hundert Häuser, die theilweise auf die im Han liegenden Fahrzeuge fielen, in b" Wellen verschwanden: der Menschenverlust wird auf 500— 1000 Köpfe geschützt.
Lokales und Provinzielles. * Schlüchrcrn, 10. Jan.
F. Zur Zeit findet im Hotel Stern zu Schlüchtern ein Vertretertag der akademischen Maschinen-und Elektro- ingenieurvereine der technischen Hochschulen Deutschlands statt. Vertr.ter sind: Ä.-M.-J.-V. Braunschweig, Charlottenburg, Dresden, Karlsruhe, München und Stuttgart sowie E.-V.-A.-St. Charlottenburg und A.E.-V. München.
* — Die 10 Pfennig-Postanweisungen, die zur Beförderung von Beträgen in der Höhe bis zu 5 Mark seit dem 1. Januar eiugcführt sind, finden überraschenden Anklang. Sie bilden schon jetzt einen recht erheblichen Prozentsatz der im Ganzen beförderten Anweisungen und man kann erst jetzt sich eine Vorstellung bilden, wie viel Geld in kleineren Beträgen bisher in Briefmarken versendet worden ist. Zu jeder dieser Markensendung gehörte ein Anschreiben, das Zeit kostete. Gleichzeitig ergiebt sich, daß so manche Neuerung, gegen deren Einführung sich die Post jahrelang sträubt, doch viel für sich hat.
* — Die spanischen Schatzschwindler, vor denen schon gewarnt worden ist, rühren sich von Neuem; sie scheinen Mitteldeutschland zum Felde ihrer Thätigkeit ausersehen zu haben; in allen Fällen ersucht ein Bankier oder Kriegskasseurendaut, der sich angeblich in Untersuchungshaft befindet, um Vorschüsse, damit er in der Lage sei, einen in der Nähe des Wohnortes des Adressaten vergrabenen Schatz zu heben. Um Vertrauen zu erwecken, werden bisweilen auch Zeitungsabschnitte, die die Angaben des Bittstellers bestätigen sollen, aber nur zum Zwecke des Betruges hergestellt sind, beigefügt. Es ist eugestellt, daß diese Betrugsverinche von einer Bande nternationaler Schwindler ausgehen, die ihren Sitz in Madrid, Barcelona und Valencia hat, und die, wie sich herausgestellt hat, im Besitze einer ganzen Bibliothek von Adreßbüchern aller Länder ist, denen sie die Adressen der von ihr heimgesuchten Personen entnimmt.
Salmünster, 5. Jan. Herr Carl Weisbecker hier schlachtete heute ein selbst gezüchtetes Schwein Hannover- scher Rasse im Alter von 18 Monaten, welches das respektable Gewicht von 485 Pfund hatte, der Speck war 16 Zentimeter hoch.
Fulda, 8. Jan. Die Maul- und Klauenseuche, die im September vorigen Jahres in den Kreis Fulda ein» geschleppt war und sich auf 13 Gemeinden verbreitete, ist nunmehr wieder vollständig getilgt.