M 98.
Mittwoch, den 7. December 1898.
49. Jahrgang.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser hat die Absicht, im Monat April sich zu kurzem Aufenthalt nach Koburg zu be- geben, um seine Großmutter, die Königin Victoria von England, zu begrüßen, die um die genannte Zeit am Hofe zu Koburg sich aushalten wird.
— Die „Statistische Korresp." schätzt die Bevölkerung Preußens zu Ende des Jahres 1897 auf 32,889,616 Personen, darunter 16,159,498männliche und 16,730,116 weibliche.
Leipzig. Bismarcks Erfolg als Schriftsteller ist ganz ohne Gleichen. Wie man aus unterrichteten Buch- Händlerkreisen erfährt, lag n bis Ende voriger Woche 318 000 Bestellung» vor. Die'e Exemplare stellen, brutto gerechnet, einen Werth von nahezu 6 ’/ü Mill. Mark dar. Bisher galten als größtes Verlagsunter- nehmen die Memoiren des amerikanischen Präsidenten General Graut, die, wie man sagt, in 100 000 Exem plaren verbreitet worden sind. Fürst Bismarcks „Erinnerungen und Gedanken" haben also das Werk des transatlantischen Staatsmannes schon weit überflügelt. Gegenwärtig sind gar keine Exemplare zu haben. Von den bestellten werden in der Regel nur zwei Drittel geliefert, da kein Vorrath vorhanden ist. Es kann nicht entfernt so viel gedruckt werden, wie man im Augenblick zu haben wünscht. Wie ferner die Münchener „Allgemeine Ztg." mi ttheilt, wurden zur Herstellung der Einbände, welche die große Leipziger Buchbinderei vormals G. Fritzsche, für das Werk des Altreichskanzlers geliefert hat, verarbeitet: 1024 Ctr. Pappen, welche fünf Eisenbahnwaggons füllen würden, 180n0 Meter Calico für die Leinenausgabe, 400 Häute Kalbleder für die Liebhaberbände, 65 000 Bogen Goldbrokatvorsatz, für 18 500 Mk echtes Gold und für 1400 Mk. Leim. Die Bearbeitung des Materials beschäftigte die über 732 Mann verfügende Fabrik 4 Wochen, das eigentliche Binden dauerte 15 Tage.
Erfurt, 1. Dez. Es ist geradezu unheimlich, wie viel Hamster es jetzt in den Fluren unterhalb Erfurts gibt. So sind in diesem Herbst in der Waschleder Flur nicht weniger als 12200 Stück dieser schädlicher Nage- thiere gefangen und dafür 872,25 Mark verausgabt worden. In der Flur Andisleben wurden ebenfalls 12 000 Stück unschädlich gemacht. Die Leute können sich der Thiere kaum noch erwehren und es ist beschlossen worden, die zwangsweise Vertilgung der Hamster eitlen ühren.
Dortmund. Ju der Nacht zum 25. November ist auf der Strecke Lüttgendortmund-Langendrecr auf einen Eisenbahnzug wieder ein DynamitAttentat verübt worden. Der Verbrecher scheint es auf den Nordcxpreßzug abgesehen zu haben; dieser hatte aber eine Stunde Ver- sätung. und so wurde ein Personenzug, der von dem Expreßzug in Station Langendrecr in der Regel überholt wird, vorher abgelassen. Der Lokomotivführer vernahm plötzlich auf einen Uebergange in der Nähe von der Station Langendrecr einen heftigen Knall und eine starke Erschütterung. Der Zug kam glücklich über die Stelle hinweg, ohne zu entgleisen. Es fand sich, daß an einen Wagen sämmtliche Fenster zersprungen waren. Bekanntlich sind in letzter Zeit mehrfach Dynamit-Attentate auf Eisenbahnzüge verübt worden; die Untersuchungen sind aber sämmtlich resultatlos verlaufen.
Ausland.
Wien. In aller Stille beging Kaiser Franz Josef von Oesterreich am Freitag sein bOjähriges Regierungs- Jubiläum, trauernd um die durch Mordhand gefallene Gattin. Mit der Kronprinzessin-Wittwe Stefanie und deren Tochter Elisabeth ist der greise Herrscher nach Wallsee gereist, um dort den Jubiläumstag im Kreise der Familie seiner Lieblingstochter zuzubringen. Der Kaiser erklärte in einem Handschreiben an die österreichischen Bischöfe ausdrücklich, daß er angesichts des unersetzlichen Verlustes, den er durch den Tod der Kaiserin erfahren habe, den Jubiläumstag nur in stiller Trauer zuzubringen vermöge. — Von seiner Abreise von Wien erließ der Kaiser eine um angreiche Amnestie.
China. Ueber eine furchtbare Feuersbrunst in Hankau um mittleren Aangtsekiang wird geschrieben: In der fuggebauten, von Menschen vollgepfropten Chinesenstadt lind nicht weniger als fünf Kilometer Straßen nicder- Ssbrannt, und beinahe elftausend Familien haben ihr Obdach verloren. Mehr als tausend Menschen fanden
wir vernehmen, sind schon seit voriger Woche viele dieser vorwitzigen Gesellen eingefangen worden.
Marborn, 5. Dez. Donnerstag, den 8. d. Mts. wird die hiesige neue Kirche eingeweiht und dem Gebrauche übergeben werden. Nachmittags werden dann auch die drei neuen Glocken geweiht.
Geluhansen, 2. Dez. In letzter Zeit kam es mehrfach vor, daß auf der Spessutbahn zwischen Wirtheim und Höchst Steine auf die Schienen gelegt wurden, um die Züge zum Entgleisen zu bringen. Einige Male wurden sogar Schienennägel gelöst und mit dem Kopf nach oben in dem Zwischenraum der Schienen eingekeilt. Auch die Telephonleitungen wurden zerstört. Es ist nunmehr gelungen, einige der Thäter abzufasscn.
Kassel, 1. Dez. Der hiesigen Kriminalpolizei ist dieser Tage ein guter Fang geglückt, indem sie eine anscheinend internationale Hochstapler- und Diebesbande hierselbst ermittelte und festnahm. In verschiedenen größeren Städten Süddeutschlands, wie das „K. T." hört, in Würzburg, Regensburg, Karlsruhe, sind in der letzten Zeit mehrere größere Gold- und Juwelendiebstähle vorgekommen, wobei es sich um Entwendung von Pretiosen im Werthe von 30000 Mark und mehr handelte. Mehrere der nächtlichen Einbrüche verdächtige Personen wurden von der Polizei steckbrieflich verfolgt und ihr Signalement nach allen größeren Plätzen telegraphisch mitgcthcilt. Hierdurch wurde die Polizei auf eine Rciscgcscllscha t aufmerksam, die aus dem Süden hier eintraf und in einem Hotel in der Bahnhofstraße abstieg. Es waren drei Herren und eine Dame, sie bezeichneten sich als Artisten. Als die Polizei ihrer Sache sicher war. wurde dem Besitzer des Gasthofes Mittheilung gemacht, die „Künstlergcsellschaft" für verhaftet erklärt und eine Durchsuchung der Wohnräume vorge- nomme». Dabei hat sich so viel Verdächtiges ergeben, daß die bayerische und badische Polizeibehörde telegraphisch benachrichtigt wurde und am nächsten Tage denn auch bereits Vertreter derselben hier erschienen, um die lang gesuchte Spitzbubengesellschaft nach dort zu überführen.
Lichtenau, 1. Dez. Einen wohlhabenden Nacht- Wächter besitzt die Nachbargemeinde Reichenbach. Während er seinen Wachdienst ver ah, wurde ihm zu Hause der Erlös für einen eben verkauften Ochsen — 500 M. — gestohlen. Man hofft aber dem Spitzbuben auf die Spur zu kommen.
Braunhausen, 1. Dez. Gestern wurde der Landwirth Joh. Braudau basier von schwerem Mißgeschick betroffen. Der infolge eines Leidens unbeholfene Mann, dessen rechter Arm schon lange gelähmt war, gerieth mit demselben in das Getriebe der Futtcrschneidmaschme. Bis die Zugthiere zum Stehen gebracht wurden war die rechte Hand vollständig abgcschuitten und der Ober- arm mehrere M-le gebrochen, sodaß derselbe noch am Aveud amputirt werden mußte. Um so mehr ist cher Fall zu bedauern, als die Ehefrau des Verunglückten vor mehreren Jahren derart von einem Eisenbahnzüge überfahren wurde, daß ihr ein Bein abgenommen werden mußte.
Frankfurt a. M, 1. Dez. Steckbrieflich verfolgt wird von hier der sechsundzwanzigjährige Lehrer Gustav Maurer, der mit seinem Zögling, dem sechzehnjährigen Sohn Alfred des Gutsbesitzers Wolfskehl, das Weite gesucht hat. Maurer hat als Student sein 40,000 Mk. betragendes väterliches Erbtheil vergeudet. Um sich nun wieder in den Besitz von Geldmitteln zu bringen, überredete er seinen Schüler, Geld im väter- lichen Hause zu stehlen und dann mit ihm in die weite Welt zu wandern. Der Junge befolgte den Rath, er stahl seinem Vater etwa löOÜ Mk, seiner Mutter und Schwester Schmucksachen im Werth von 15,000 Mk. Man vermuthet, daß sich die Beiden nach Berlin gewendet haben.
Man schreibt der ..Kleinen Presse" aus IIfingen : Dieser Tage beschäftigten sich mehrere Blätter mit der Frage: „Welches ist der älteste Baum im Taunus?" Da wurde denn behauptet, daß dies der bekannte, über 400 Jahre alte Speierlingsbaum bei Hof Gimbach bei Kelkheim sei. Dem gegenüber wurde feffgefkllt, daß eine Linde in Weiskirchen, zur Wirthschaft „Weisenbach" gehörend, 500 Jahre alt und größer sei. Indessen reffen beide Behauptungen nicht zu. Der älteste Baum m Taunus und vielleicht einer der ältesten im deutschen Reiche dürfte die uralte Linde in Neinborn bei Niederem-
in den Flammen den Tod. In einer engen und langen Gasse kamen allen 217 Personen um; ein stark wehender Wind an mehreren Stellen der Gasse entzündete die leicht brennbaren Häuser zu gleicher Zeit durch Funken, so daß ein Entkommen unmöglich war. Auch mehrere Spritzen verbrannten in dieser Gasse. Neunzehn Banken, drei der größten Leihhäuser in der ganzen Provinz, und neun bedeutende Büchcrläden, die allein eine Million Mark Werth hatten, wurden ein Raub der Flammen. Seit der Zeit der Taiping-Empörung. wo ganze Städte in Asche gelegt wurden, hat China kein so großes Brandunglück gesehen.
Manilla. Nach einer Meldung der „Agence Havas" sind Nachrichten von den Philippinen eingetroffen, denen zu folge die Aufständischen die amerikanische Herrschaft zu- rückweise» würden; sie würden die Amerikaner bis aufs Aeußerste bekämpfen und wollen 10,000 Mann spanische Truppen als (befangene zurückhalten, um sie zu zwingen, gegen die Amerikaner zu kämpfen.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 6. Dez.
* — Eine für die Landwirthschaft wichtige Entdeckung. Dr. med. Weißenberg in Tichau (O.-S.) hat den Bazillus der sogenannten Kälberpest (weißen Ruhr) entdeckt und ein Antitoxin gegen die Krankheit gefunden, welches er mit großem Erfolge bei dem Viehbestände des Ritterguts Besitzers von Schlichting angewcndct hat. Das Mittel ist dem Landwirthschafts-Miuiüerium und der landwirthschaftlichen Hochschule überwiesen worden.
* — Auf den preußischen und hessischen Staats, bahnen wird den am Sonntag, den 18. Dezember und den folgendenTagen gelösten Rückfahrkarten — nicht auch Arbeiter-Rückfahrkarten— von sonst kürzerer Dauer verlängerte Gültigkeit bis einschließlich 8. Januar 1899 beigelegt. Die Rückfahrt muß spätestens am letzten Tage um 12 Uhr Mitternacht angetreten und darf nach | Ablauf dieses Tages nicht unterbrochen werden. Die gleiche Vergünstigung tritt auch ein im Verkehr mit der Cronberger-Kerkerbach-Bröhlthaler-und Main Neckarbahn, der sächsischen und oldenburgischen Staatsbah», der Lübeck-Büchener-, der Eutin-Lübeckcr-, mecklenburgischen Friedrich-Franz Eisenbahn, sowie im Verkehr mit den holländischen, den niederländischen, den belgi'chen, den k. k. österreichischen Staatsbahnen.--Die direkten Rückfahrkarten nach und von badischen-schweizerischen. württcm- bergischen, pfälzischem und Stationen der Reichs-Eisen- bahnen erhalten diese verlängerte Gültigkeitsdauer (bis zum 8. Januar 1899) nur auf den preußischen und hessischen Strecken, während sich die Geltungsdauer au den Strecken der vorgenannten Bahnen selbst nicht über Mitternacht des zehnten Tages, vom Lösungstage abgerechnet, hinaus erstreckt.
* — Nachdem eine große Anzahl von Personenwagen vierter Klasse mit Bänken ausgerüstet ist, welche Platz für 20 bis 25 Personen gewähren, macht sich bei den Reisenden dieser Klasse naturgemäß das Bestreben geltend, einen Sitzplatz zu erlangen. „Um die hierdurch entstandenen Unzuträglichkeiten zu verhüten", ist verfügt worden, daß in den einzelnen 4. Klasse-Wagen nicht nur die Sitz- sondern auch die Stehplätze „voll ausgenutzt" werden sollen. Diejenigen Reisenden, welche sich weigern, in einem Wagen 4. Klasse Platz zu nehmen, in welchem nur noch Stehplätze frei sind, haben auf andcrwcite Platzzuweisung keinen Anspruch mehr. „Besetzt" ist aber ein Wagen 4. Klasse erst, wenn alle Sitz- und Stehplätze in demselben gefüllt sind. Die Zahl dieser Plätze ist in und an den Wagen vermerkt.
*— Ein interessantes Urtheil fällte das Schöffengericht in Erfurt. Vielfach wird angenommen, daß das Ansprechen um Cigarren nicht als eine Bettelei am zusehen ist. Anders aber denkt nun das Schöffengericht. Es verurtheilte den Müllfuhrmann Karl Richter aus Erfurt, welcher beim Abholen des Mülles (Asche und Kehricht) einen Kaufmann um Cigarren gebeten hatte, wegen Bettelns zu zwei Tagen Haft.
* — Die milde Witterung der letzten Wochen lockt manches vorwitzige Maikäferlein aus der Erde. Lustig wird ausgeschwärmt am Abend, — aber der Tisch ist ihm nicht gedeckt. Kein grünes Baumblättchen weit und breit und was sonst da ist an Grün, das ist hart und zäh. Der Hungertod ist das sichere Schicksal der zur unrechten Schwärmzeit ausgeflogenen. Verhungert ist auch der uns heute morgen eingelieferte Maikäfer, Wie