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M 87.
Samstag, den 29. Oktober 1898.
49. Jahrgang.
«AMSSVMtMMINM^MasMMMWMWWMWWMWWWSMS Np^^ÜltNa^ ^ ^ »Schlüchterner Zeitung" $*i|UUUIiyni werben nod) fortwährend von allen ............ :— ' Postanstalten und Landbriesträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
Berlin. Die neueste Meldung über den Tag der Eröffnung des Reichstages besagt, diese Eröffnung solle am 29. November stattfinden. Die Eröffnung solle durch den Kaiser im Weißen Saale des Königlichen Schlosses vorgenommen werden; der Rückkehr des Kaisers könne man am 20. November entgegensehen. Wie alle voraufgegangenen Meldungen derselben Art ist auch diese mit Borsicht aufzunehmen.
— Hai'a, 25. Okt. Kaiser Wilhelm und Kaiserin Auguste Viktoria sind heute Nachmittag l‘/a Uhr an Bord der „Hohenzollern" vor Haifa eingetroffen und um 4 Uhr Nachmittags gelandet.
— Kaiser Wilhelm und die Dreyfus-Affaire. Die „Neue Freie Presse" meldet aus Konstantinopel: Viel besprochen wird hier eine angebliche Aeußerung Kaiser Wilhelms über die Dreyfus-Affaire. Baurath von Kapp erzählte dem Kaiser, als dieser die deutsche Schule besuchte, es habe ihm ein hoher französischer Offizier in der vorigen Woche in Paris gesagt, Dreyfus sei unschuldig, neun Zehntel aller französischen Offiziere sei hiervon überzeugt. Nur die Generalstäbler versuchten nach Art der Jesuiten jede Lüge durch eine neue Lüge zu übertrumpfen. Der Kaiser habe zustimmend genickt iiitb gesagt: „Das Sonderbarste an der ganzen Affaire ist, daß diese Kunden glauben, ich hätte wirklich Briefe an Dreyms geschrieben- und daß Minister Hanotaux diese Briefe für 27,0u0 Frcs. gekauft hat."
Köln. Ein Schreiber, welcher dem Frankfurter Notar Dr. Fösser mit 9000 Mark durchgegangen war, wurde durch Zufall hier verhaftet. Er hatte sich einen Rausch angetrunken und machte in einer Wirthschaft solchen Skandal, daß die Polizei interveniren mußte. Für 400 Mark soll er einer fidelen Gesellschaft Cham pagner ipendirt haben. Man fand bei ihm nicht mehr ganz 2000 Mark vor, alles Uebriqe scheint der saubere, kaum 17jährige Patron in acht Tagen durchgebracht zu haben. Ein nettes Früchtchen!
Dortmund. Der Versandt von Kartoffeln aus den Provinzen Brandenburg, Sachsen und Hannover wie aus dem nördlichen Theile von Westfalen nach dem niederrheinisch-westfälischcn Industriegebiete hat begonnen. Nicht nur in einzelnen Wagenladungen, sondern in ganzen Sonderzügen werden die Kartoffeln versandt. Der Empfang der Eisenbahnstationen des Industrie- bezirks an Kartoffeln beträgt jährlich etwa 8000 bis 10,000 Wagenladungen. Ist erst der Mittellandkanal fertig, so wird unzwei elhaft die Landwirthschaft bei dem Versandt von Kartoffeln großen Nutzen aus der mehr als die Hälfte billigeren Schiffsfracht ziehen. Die Frachtersparniß wird 200,000 bis 300,000 Mark jährlich ausmachen. Schon jetzt werden von 50 Eisenbahnstationen, deren Verkehr späterhin vom Mittellandkanal beinflußt. werden wird, von denen je etwa die Hälfte auf die Direktionsbezirke Hannover und Magdeburg fällt, ungefähr 6000 bis 7000 Doppelwagen Kartoffeln im im Jahre versandt. Darunter sind einzelne Stationen, welche — wie z. B. Barleben, Groß Ammensleben, Dollbergen — nach der gmllichen Verkehrsstatistik mehr als 200 Doppelwagen Kartoffeln jährlich versenden; eine größere Anzahl versendet 100—150 Doppelwagen.
Bohwinkel, 19. Okt. Auf dem hiesigen Bahnho e ereignete sich gestern Abend ein gräßliches Unglück. In ein Koupee dritter Klasse wollte ein Herr cinstcigen, als er aber sah, daß es besetzt war, sprang er wieder vom Trittbrett ab, und warf dabei die Wagenthüre fest zu. Ein junger Mann, der an der Thüre saß, hatte nun unglücklicherweise die Hand im Thürrahmen liegen, sodaß ihm durch die Wucht, mit der die Thüre zugeworfen wurde, die fünf Finger an der rechten Hand vollständig abgequetscht wurden. Zwei Finger fielen in den Wagen und drei auf den Perron.
Naumburg a. S., 25. Oktober. Wie lohnend der Gurkenbau in diesem Jahre gewesen ist, beweißt die Thatsache, daß in einer Ortschaft des Kreises Naumburg nach ungefährer Schätzung 137000 Mark aus dieser Frucht gelöst wurden.
Aus Ortelsburg (Ostpreußen) wird den Blättern ge» bildet: In dem königlichen Forst Dzadken bemerkten
Ausland.
Jerusalem, 25. Okt. Die Theilnehmer an der offiziellen Festfahrt sind heute Abend kurz nach 6 Uhr hier eingetroffen.
Wien, 26. Okt. Lemberger Polenblättern wird tele- graphirt, daß in dem abgelegenen schwer zugänglichen Gebirgsort Kischlak bei Jskanderkut eine Epidemie ans gebrochen ist, die alle Symptome der Pest aufweist und starke Sterblichkeil zur Folge hat. Kischlak liegt ganz isolirt. Aerzte sind dorthin gesendet. Auch (ür Laa a. d. Thayabesteht Pest gefahr. Die Eltern des in Wien an der Pest verstorbenen Barisch, eines geborenen Laaers, wohnen im Armenhause zu Laa. Die Mutter des Verstorbenen begab sich anläßlich des Todes ihres Sohnes hierher und kam vor circa vier Tagen mit den Kleidern ihres an der Pest verstorbenen Sohnes in Laa an. Gestern erst berichtete der Wiener Magistrat an den Gemeindevorstand in Laa, daß die Mutter des Barisch, die in der Wohnung ihres verstorbenen Sohnes bei der Schwiegertochter längere Zeit zubrachte, wegen Pestgefahr zu überwachen sei, zumal dieselbe die Kleider des verstorbenen Barisch mitgenommen habe, und durch diese eine Verschleppung der Pest nicht ausgeschlossen sei. Die Mutter des Verstorbenen stand seit ihrer Rückkehr von der traurigen Wiener Reise nicht blos mit den Mitbewohnern des Armenhauses, sondern auch mit einem großen Theile der Laaer Bevölkerung im Kontakt, so daß eine Katastrophe für Laa entsetzlich wäre, wenn die Pest in Laa zum Ausbruch kommen sollte. Frau
zwei preußische Forstbeamte, daß mehrere russische Offiziere auf preußischem Gebiet jagten. Der Aufforderung der beiden Förster, die Gewehre abzngeben, wurde nicht stattgegeben. Die Offiziere verhöhnten vielmehr die beiden Beamten. Nachdem diese ihre Aufforderung noch mehrmals vergeblich wiederholt hatten, schössen sie und verletzten einen der Offiziere. Diese ergriffen nunmehr die Flucht und nahmen den verwundeten Kameraden mit. Hinter dem Grenzgraben angelangt, befahlen sie dann ben russischen Grenzsoldaten, auf die beiden Förster zu schießen. Die Soldaten thaten dies auch, trafen aber nicht.
Nachdem ein in Wartenfels in Arbeit stehender Dachdecker kürzlich schon eine gehörige Anzahl vom Kulmbacher „Schwarzbraunen" hinter die Binde gegossen hatte, ließ er sich ohne Wette und ohne alle Veranlassung einen Teller geben, schnitt drei Korks von Selterswasscrfläsch chen in dünnen Blättchen hinein, goß einen Schoppen Petroleum hinzu und aß dieses sonderbare Gericht mit einem Löffel in aller Gemüthsruhe auf. Dann sprach er: „Nun ist mirs wieder wohl."
Mainz, 25. Oktober. Nach § 1 der Polizeiverord- über das Schlachten von Vieh darf in Mainz und dessen Gemarkung nur im städtischen Schlachthaus ge schlachtet werden. Vom 1. November ab beginnt die kgl. Konservenfabrik mit ihrer Arbeit und werden den Winter hindurch taufende von Ochsen geschlachtet. Nach obigem Zwangsparagraph müßte nun auch die Konservenfabrik im städtischen Schlachthaus schlachten. Wie wir hören, glaubt die Militärbehörde jedoch der Polizeiverordnung nicht zu unterliegen. Es schweben hierüber Verhandlungen mit der Bürgermeisterei.
Gießen, 23. Oktober. Gestern Abend gegen 1 Uhr geriethen der Küfer Schachmeyer und der Brauer Hammer, beide seit' Jahren bei der Aktien-Brauerei zu Gießen in Arbeit, gelegentlich ihres Zusammenseins bei einem Feste, welches der Leiter des Etablissements dem Personal gab, in Streit, woraus sich schließlich eine Rauferei entwickelte. Die Collegen der beiden bereits angetrunkenen Gegner brachten diese auseinander und sorgten dafür, daß Hammer auf sein Zimmer ging und sich in's Bett legte. Man glaubte allseitig den Vorfall erledigt und gab sich dem fröhlichen Zusammensein hin. Schachmeyer zwar war anfänglich nicht anwesend, er hatte sich in die Werkstatt begeben und sich dort mit einem Küfermesser versehen. Plötzlich trat der Brauer Hammer, der seine Lagerstatt verlassen hatte, wieder in den Kreis der Fröhlichen, gefährliche Drohungen gegen Schachmeyer ausstoßend; dieser aber trat blitzartig von hinten an den Drohenden heran und stieß diesem das Haarschare dolchartige Messer mit voller Wucht in den Hals. Der Getroffene brach lautlos zusammen und war nach drei Minuten eine Leiche. Der Mörder wurde sofort verhaftet.
Barisch wurde unverzüglich mittelst Gendarmen von der Feldarbeit weg in das Laaer Bürgerspital gebracht und in einem Zimmer isoliert. Nach dem Befunde des Bezirksarztes befindet sich Frau Barisch vollkommen gesund, und es wurden auch auf Anordnung derselben die Kleider des an der Pest verstorbenen Barisch verbrannt.
In Salzburg starb Baron Karl Schwarz, der größte Eisenbahnbauer und Unternehmer Oesterreichs. Er hatte als gewöhnlicher Maurergeselle in Neu-Titschein seine Laufbahn begonnen.
Petersburg, 26. Okt. Wie der „Regierungsbote" meldet, ist nach einem Berichte des Generalgouvernenrs von Turkestan im Dorfe Anzob (Samarkand) eine epidemische Krankheit mit hoher Sterblichkettsziffer ausgebrochen. Die Krankheit zeigt alle Symtome der Pest, doch ist noch nicht endgiltig festgestellt, ob es sich wirklich um Pest handelt, weil bakteriologische Untersuchungen noch nicht stattgefunden haben. Von der Lokalverwaltung sind alle Vorsichtsmaßregeln getroffen worden. In den Nachbardörfern sind Erkrankungen bisher nicht vorgekommen. Von der zur Bekämpfung der Pest eingesetzten Kommission sind erfahrene Bakteriologen nach dem Gouvernement Samarkand entsandt worden. Auf kaiserlichen Befehl begiebt sich der Vorsitzende der genannten Kommission, Prinz Alexander von Oldenburg, an Ort und Stelle, um alle zur Bekämpfung der Epidemie erforderlichen Maßregeln zu treffen.
Madrid, 20. Okt. Der Marineminister hat vom interimistischen Oberbefehlshaber auf den Philippinen eine Depesche erhalten, in die Mittheilung gemacht wird, daß zwischen dem vor Manila vor Anker liegenden amerikanischen Geschwader und der Flottille der Tägalen ein blutiger Zusammenstoß stattgefunden hat. Diese Flottille bestand aus kleinen, den Spanrern abge- nommenen Fahrzeugen und einigen größeren, in Hongkong angekauften Dampfern. Letztere^ waren mit
schwerer Artillerie ausgerüstet. Diese ^Schiffe wurden
hauptsächlich dazu benutzt, aufständische Streitkräfte und Munition nach verschiedenen Punkten des Archipels zu transportireu, um die Insurrektion immer mehr aus- zubreiten. Nachdem aber das Fricdensprotokoll unterzeichnet woiden war, hatte die spanische Regierung wiederholt in Washington Vorstellungen gemacht gegen des Vorgehen dieser Flottille, die die philippinische, das heißt eine nicht anerkannte und folglich feeräuberische Flagge zur Schau trug. Wenn die Amerikaner zuließen, daß die philippinischen Schiffe weiter ihr Unwesen trieben, so würde das offenbar eine Verletzung des Status quo bedeuten. Die spanische Reklamation war Anfangs von keinem Erfolg begleitet, aber schließlich scheinen die Vereinigten Staaten doch eingesehen zu haben, daß sie auf Recht und Vernunft gegründet war, denn vor Kurzem wurden in dieser Sache dem Admiral Dewey^genaue Instruktionen gegeben. Der Admiral forderte die Tagalen nun auf, ihre Flagge zu streichen. Dem aber widersetzten sich die Insurgenten au,'s Entschiedenste, worauf das amerikanische Geschwader, nach den üblichen Aufforderungen, die Flottille angriff, dieselbe theils in den Grund schoß, theils kapeite. Die tagalischc Flottille hat demnach ausgehört zu bestehen. Hier kennt man noch keine Einzelheiten über den siattgehabten Seekampf, doch soll dieser ein äußerst erbitterter gewesen sein. Die Philippiner leisteten hartnäckigen Widerstand und schössen aus allen ihren Kanonen. Es verlautet, die Zahl der auf beiden Seiten Gefallenen sei beträchtlich. Diesem Ereigniß wird hier große Bedeutung beigelegt.
Sydney, 19. Sept. Mit dem in Auckland einge- troffenen kanadischen Postdamp'er „Aorangi" ist abermals eine ganze Anzahl austraulischer Goldsucher ent- täuscht aus Klondyke zurückgekehrt. Nach den Erzählungen der Leute wären die Berichte über den Reichthum der Felder arg übertrieben und ganze Schaaren von denen, die in Australien eine gesicherte Existenz au,gegeben haben, um in Klondyke ihr Glück zu versuchen, sollen sich jetzt von allen Mitteln entblößt in Dawson City und Vancouver vergebens um eine Anstellung, und sei es auch die geringfügigste, bemühen. — Auf den Fidschi-Inseln sind Behörden und Bevölkerung durch den Ausbruch der Masern-Krankheit in große Aufregung gerathen — keine Krankheit ist dort so gefürchtet, wie diese, da sie in den meisten Fällen todt- lich verläuft. Vor jetzt 23 Jahren raffte eine Masern- Epidemie innerhalb kurzer Zeit 40000 Menschen hin, mehr als ein Drittel der Bevölkerung. Als vor vier