chlüchternerMtung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Mittwoch, den 19. Oktober 1898.
49. Jahrgang.
^fttlhttlAOtl al‘f bic -Schlüchterner Zeitung" ^v^vuUllyvIl iverben noct) fortwährend von allen ----------------------------- - Postanstalten und Landbriesträgern owie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser hat auf seiner Orientfahrt bei Zante wegen starken Siroccos einen mehrstündigen Aufenthalt gehabt. — Im Zusammenhang mit der Kaiser- fahrt steht anscheinend die Verhaftung von mehreren Anarchisten in Alexandrien. Dort sind italienische Anarchisten, die von der Polizei schon lange überwacht wurden, verhaftet worden. Anarchistische Schriften sowie zwei mit Eisendraht umsponnene, mit Kugeln geladene Bomben wurden bei ihnen vorgefunden. Die Bomben sollten in Kairo im Addinpalast zur Ermordung des deutschen Kaisers sowie des Khedivs verwendet werden. Als der Kaiser den Abstecher nach Egypten aufgab, änderten auch die Anarchisten ihren Plan.
— Die Einschränkung der Kaiserreise soll nach Angabe südeutscher Blätter auf den Rath einiger Bundesfürsten hin erfolgt sein. Der Besuch des Großherzogs von Baden unmittelbar vor dem Antritt der Reise in Potsdam habe nicht blos den Feierlichkeiten der Fahnenweihe gegolten, sondern auch den Zweck gehabt, den Kaiser zu einer wesentlichen Abkürzung der Reise zu bewegen. Dem Rathe des greisen Großherzogs vermag sich der Kaiser nicht zu entziehen und hat denselben schon oft befolgt; auch im vorliegenden Fall hat er ihm Gehör geschenkt und die Reise um drei Wochen abgekürzt.
— Es war von einigen Seiten den Versuch gemacht worden, die Aufgabe der Reise nach Egypten seitens des deutschen Kaiserpaares mit der Besorgniß vor anarchistischen Komplotten zu erklären. Dieser Auffassung tritt jetzt der Londoner „Standard" sehr energisch entgegen, indem er in einem Leitartikel ausführt, die Anarchisten seien im Irrthum, wenn sie annähmen, der deutsche Kaiser werde von der Durchführung seines Reisepro- gramms abgeschreckt werden. Der Kaiser besitze die Nerven und den Muth der Hohenzollern. Von einem Mann aus diesem Geschlecht, von solcher Bestimmtheit und solchem Muth sei es nicht wahrscheinlich, daß er seine Pläne aufgebe oder ändere, weil ein Anarchist im Hinterhalt liegen könnte. Der Versuch eines Verbrechens gleich den früheren könne keinen andeM- Erfolg haben, als die Mächte zu gemeinsamen^ Bemühungen zur Vertilgung dieser wie die Pest 'zu verabscheuenden Sekte anzuspornen. In der ThqF" scheinen sich anarchistische Emissäre gegenwärtig in^Egypten aufzuhalten. Nach einem Telegramm aus Wexandrien verhaftete die dortige Polizei in der letzten Nacht neun italienische Anarchisten, darunter den Inhaber eines Cafss, in dessen Wohnung zwei mit Kugeln gefüllte Bomben gefunden wurden.
— In dem deutsch-vatikanischen Streitfall über das Orientprotekto.rat treten auch England und Italien auf die Seite DeMschlands. Die „Times" schreibt: „Es ist vollkommen klär, daß in dem Augenblick, wo irgend ein souveräner Staat es für angemessen hält, seine eigenen Katholiken im Orient zu schützen, er dies als etwas Selbstverständliches thun wird. Dieses Recht kann unmöglich bestritten werden, und Frankreich hat keine Be- fugniß, dem deutschen Konsul in einer syrischen Stadt zu verbieten, daß er seinen Einfluß zu Gunsten eines katholischen deutschen Missionärs ausübt." Und in politischen Kreisen Roms verlautet, es finde ein lebhafter Depeschenwechsel zwischen Rom und Berlin statt, da Italien Deutschlands Haltung in der Protektorats frage im eigenen Interesse energisch unterstützt.
Der ehemalige Oberfaktor der Reichsdruckerei, Grünenthal, der sich bekanntlich wegen seiner Verbrechen demnächst vor dem Schwurgericht verantworten sollte, stürzte sich freiwillig vom Treppenhaus des Untersuchungsgefängnisses in die Tiefe und war sofort todt. , Apolda, 14. Okt. Hier sind zwei Sozialdemokraten m den B esz i r k s,a u s s ch u ß gewählt worden; zu ihren Stellvertretern sind ebenfals Sozi ckdemokraten gewählt.
Münster, 12. Okt. In einem benachbarten Städtchen hlelt der Bürgermeister, den böse Stadtverordneten wegen der schlechten Wege kränkten, folgende Rechtfertigungsrede: „Was man mir als Fahrlässigkeit anrechnet, ist sreye Fürsorge für das Wohl unserer Mitbürger, und W) bin stolz auf das Resultat meiner klugen Berechnung. passirt ausschließlich die schlechte» Wege? Nun die
Ausland.
London, 17. Okt. In Alexandrien, Egypten, H^t man einige Italiener unter dem Verdacht, ein anarchistisches Attentat gegen den deutschen Kaiser geplant zu haben, arretirt. Dazu wird der „Daily Maily" aus Alexau- dria gemeldet: Die Wichtigkeit der Entdeckung der anarchistischen Verschwörung wächst stündlich, da jede Verhaftung eine neue Enthüllung zu Tage fördert, die zu weiteren Verhaftungen sührt. Jetzt sind fünfzehn Personen verhaftet worden, die man alle für Italiener hält. Der ursprüngliche Plan der Verschwörer war, in einer engen Straße in Kairo, welche der deutsche Kaiser passiven sollte, ein Zimmer zu miethen, um von dort eine mit Schießbaumwolle und Knallquecksilber ge ülltc Bombe in den Wagen zu werfen. Als der Kaiser seine Reise nach Egypten aufgab, wurde, wie bereits gemeldet,
Wagen fremder Handelsleute und reiselustiger H:rr- schaften. Dadurch nun, daß diese durch die Fallgruben un erer Straßen umgeworfen werden, oder Rad- und Achsenbrüche erleiden, verdienen unsere Wirthe, nnsere Radmacher, unsere Schmiede, unsere Chirurgen und Thierärzte einen Haufen Geld, und die Gemeinde liefert nichts dafür, als die schlechten Wege. Je schlechter diese aber werden, desto größere Geldbeträge entfließen den Taschen fremder Reisenden."
Kempten, 10. Okt. Eine „im Himmel geschlossene Ehe" war die Grundlage einer Gerichtsverhandlung, die sich vor dem Kemptener Landgerichte abspielte. In Kaufbeuren lebte der Schreiner Alwin Wohlmhrt mit seiner Frau Rosina und seiner Stieftochter Agnes Siedler. Letztere war hochgradig hysterisch und noch hochgradischer schwindlerisch; im Verein mit der Mutter heckte sie einen Plan aus, um die Eheleute Kotterisch, mit deren verstorbener Tochter sie in Freundschaft ge lebt hatte, gründlich hereinzulegen. Die Kranke log dem dummgläubigen Paare vor, sie stehe mit ihrer Freundin Crescenz — so hieß die verstorbene Tochter der Kotterisch — im himmlischen Verkehr, sie erhalte Briefe und Wünsche von ihr, habe auch Verbindungen mit der Mutter- Gottes und dergleichen mehr, und gaunerte den Leuten nach und nach 8000 Mark ab. Nicht weniger als 52 Briefe aus dem Himmel lagen dem Gerichtshof vor. Crescenz wollte im Himmel „heirathen", aber der Bräutigam schmachtete noch im Fegefeuer. Kotterisch gab Geld her, um ihn zu erlösen. Die Hochzeit sollte mit großem Pomp gefeiert werden; Kotterisch übermittelte für die Hochzeit und als Heirathsgut — durch die Agnes — 2500 Mark und that dies um so lieber, als die Himmelskönigin 5 Prozent Zinsen versprach. Als Präsent aus dem Himmel — man mußte sich die vermögenden' Leute doch „warm" halten — bekam Kotterisch einmal eine Uhr, ein andermal einen Ring mit eingravirter Widmung. Die irdische Laufbahn Neuvermählter spielte sich auch im Himmel ab; man brauchte Kleider, Wiege, Kinderwäsche u. dgl., natürlich Alles möglichst kostbar, wie es sich für die Himmelsbewohner geziemt. Alles wurde gegeben oder vielmehr das Geld für den Einkauf, den die alte Wohlfahrt besorgte. Mitunter kamen, wie bereits erwähnt, auch Gegengeschenke. So traf zu einem Geburtstag in der Kotterischchen Familie eine Sendung Fleisch und Wurst aus dem Himmel ein, ein anderes Mal wurden zum Dank 100,000 Millionen Gebete versprochen, und in einem anderen Briefe die Ermahnung beigefügt, man möge doch kein Papiergeld mehr senden, da man dies im Himmel nicht gebrauchen könne. Die Eltern Kotterisch erhielten natürlich eine Einladung zur Hochzeit, und es hieß in dem Schreiben: Alle Himmelsbewohner erwarten Euch mit Sehnsucht und halten Hochamt, daß Euch Niemanden schaden kann. In einem Briefe bedankt sich Crescrenz für eine Sendung von Kotterisch selbst gebauter Kartoffeln, die den Himmelsbewohnern sehr gut geschmeckt hätten, in einem anderen bestätigt der Schwiegersohn den Empfang des Heirathsgutes, bedankt sich für Käsnudeln und erwähnt, die Engel hätten aus Freude über die gute Speise die Posaune geblasen. Die Sachen und das Geld haben die Wohlfahrts, deren hysterische Tochter inzwischen gestorben ist, für sich gebraucht; vor Gericht leugnen sie alles ab, die (verstorbene) Tochter soll den Schwindel allein getrieben haben. Das Gericht macht nicht viel Federlesen mit den unberufenen Himmelspostiüonen. Rosina Wohlfahrt erhielt zweiJahre, derGatte Alwin zwei MonateGesängniß.
der Plan geändert und beschlossen, die Bomben nach Syrien zu transportiren. Auf einem Dampfer der Khedivial Linie, der am Samstag von Alexandria nach Jaffa abging, ließ sich einer der Verschworenen als Steward anstellen. In Jaffa sollte er die Bomben nach Bestechung eines Beamten an Land schmuggeln und dann sollte ein anderer sie nach Jerusalem mitnehmen, wo sie im Hotel Bristol verborgen gehalten werden sollten. Die Explosion sollte bei der Einweihung der deutschen Kirche stattfinden. Die im Caf^ gefundenen Bomben sind zehn Zoll lang und zwei Zoll dick; sie haben zum Tragen wie zum Werfen eine handliche Form. Die Bomben selbst sind von Eisen, allein die innere Einfassung ist von Porzellan, damit die chemischen Stoffe darin nicht das Eisen angreifen. Um die Wirkung zu verstärken waren die Bomben von Außen dicht mit Stahldraht umwickelt. Die Bomben waren in einer Bisquitschachtel sorgfältig mit Sägemehl verpackt und die Schachtel war dann mit zwei Flaschen Wein und Nahrungsmitteln in einer unschuldig aussehenden Tasche verpackt, die im Gaffe offen auf dem Tische lag. Im Ganzen sind 19 Personen in das Komplot verwickelt. Die Verschwörer sollen mit anderen Städten, namentlich London und Madrid, in Verbindung gestanden haben. Die Dokumente, welche die Polizei vor- fand, sollen auch zeigen, daß die Ermordung des Königs Humbert, sowie eines jeden einzelnen Mitgliedes der italienischen Königsfamilie beabsichtigt war.
Falmouth, 15. Okt. Der Dampfer „Mohegan" von der Atlantic Transport-Linie, auf der Fahrt von London nach Newyork, mit 200 Passagieren unterwegs, scheiterte gestern Abend bei Cap Lizard. Nach den letzten Nachrichten sind mehrere Personen ertrunken, als ein mit Passagieren angefülltes Rettungsboot sich dem Lande näherte. 30 Personen wurden bei Posthousstock ge= umbet. Die „Mohegan" ist gesunken. — Nach weiteren Meldungen sind nur 31 der auf dem Dampfer „Mohegan" befindlichen Personen gerettet worden.
Australien. Ueber die von Eingeborenen der Neuen Hebriden verübte Niedermetzelung der weißen Besatzung eines unter deutscher Flagge segelnden Schiffes lautet die aus Adelaide vom 7. September batirte Meldung der „K. Z.", wie folgt: Der Dampfer „Moresby" traf auf seiner letzten Fahrt durch die Südsee unfern der Neuen Hebriden den französischen Schuner „Karoline", der drei Franzosen und 42 Farbige als Flüchtlinge an Bord hatte. (Die Neuen Hebriden, eine Inselgruppe im Stillen Ozean, nördlich von Neu-Kaledonien, hat Frankreich 1886 unter seinen Schutz gestellt. 1887 wurde auf Betreiben Englands eine gemischte Kommission zum Schutz des Lebens und Eigenthums britischer und französischer Unterthanen eingesetzt.) Auf den Inseln war ein Aufstand ausgebrochen; die Leute können von Glück sagen, daß ihnen von einem Eingeborenen rechtzeitig Warnung zuging und das Entkommen gelang. Schlimmer erging es der Mann chaft des Kultes Sea Ghost. Das unter Be chl des Kapitäns Coloborn stehen- de Fah rzeug segelte unter deuscher Flagge und war nach den Salomonsinseln ausgemndt worden. Während der Kapitän sich im Mastkorbe orientirte, wurde das Schiff von etwa hundert Eingeborenen überfallen; Mr. Colohorn und die auf dem Kutter befindlichen Weißen wurden g labtet und die Leichen den Haifischen hinabgeworfen; vier gefangene Kanaken aber wurden grausam abgeschlachtet und dann am Lande verzehrt. Der deutsche Kreuzer „Falke" ist abgesandt worden, um die Frevler zu strafen.
lokales und Provinzielles.
* Schlüchteru, 19. Okt.
* —. In der am vergangenen Sonntag Abend in der Bierhalle dahier abgehaltenen Wahlversammlung, die zahlreich besucht war, wurde einstimmig beschlossen, den Herrn Amtsrichter Zimmermann als Landtagsabge- ordneten für die nächste Legislaturperiode wieder zu wählen. Weiterhin hört man, daß auch an allen übrigen Orten unseres Kreises die Wahl desselben zugesichert sei. Es ist dies ganz besonders mit Freuden zu begrüßen, da sich Herr Amtsrichter Zimmermann als Vertreter der Kreise Gelnhausen und Schlüchtern, deren Verhältnisse, Eigenthümlichkeiten, Anschauungen und Wünsche er sehr eingehend kennt, in jeder Beziehung ganz vorzüglich eignet. Wegen seiner bisherigen Thätigkeit im preußischen Landtage besitzt er nicht nur daS unbedingte Vertrauen seiner Wähler, sondern verdient eS auch in vollem Maße,