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MüchternerKttung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

Jt£ 81. Samstag, den 8. Oktober 1898. 49. Jahrgang.

Wie heißt Euer König?" Antwort:Wir haben keinen König!" Frage:Wie heißt Euer Kaiser?" Antwort: Wir haben keinen Kaiser!" Diese Antworten wurden in frechem Ton gegeben. Auf die Anzeige beim Kuratorium der Fortbildungsschule nahm die Polizeiverwaltung die drei beseitigten Schüler wegen ungebührlichen Benehmens in Ordnungsstrafen von fünf und drei Mark. Der eine der Schüler wagte es sogar, gerichtliche Entschei­dung zu beantragen, nahm aber seinen Einspruch vor dem Termin zurück. Eine recht nachdrückliche Demon­stration mit dem Haselstock wäre wahrscheinlich von besserer Wirkung gewesen, als die geringe Ordnungsstrafe.

Magdebnrg. Ein Eisenbahnzug durch wandernde Raupen gefährdet. Die diesjährige Raupenplage ist so arg, daß überall die Kohlblätter und die Steckrüben von Raupen zernagt sind. Auf der Bahn Oebisfelde- Magdeburg zeigte sich dieser Tage bei Flechtingen eine Schicnenstrccke derartig glatt, daß die Räder auf deu Schienen rutschten. Es stellte sich heraus, daß die Rüder unb unteren Maschinentheile voll zerquetschter Raupen saßen. Die Schienen waren so stark mit wandern­den Raupen besetzt, daß beinahe ^ Zug zum Stehen gebracht worden wäre.

Erfurt, 3. Oktober. Die hiesigen Militärposten sind auf Befehl des Divisionskommandeurs mit scharfen Patronen versehen worden, weil in der Nacht zum 29. v. Mts. der Posten am Divisionsgebäude mit Schmutz beworfen ist. Die Posten haben Befehl, in den Füllen eines Angriffes zu feuern.

Mainz. 3. Okt. Vor einigen Tagen fand hier eine große Hochzeitsfeier statt. Das war nicht nur für das Brautpaar, sondern auch für die Dienstboten ein Freu­denfest, denn für letztere floffen die Trinkgelder in Menge. Man sagt, daß ein Mädchen über 200 Mk. eingenommen habe. Aber was thut unsere moderne Fee? Nach dem Feste erklärte sie der Hausfrau, daß sie von jetzt ab Sonntags nur bis 2 Uhr Mittags dableiben könne, da sie sich für das Geld ein Fahrrad ge­kauft habe und mit ihrem Schatz jetzt jeden Sonntag Radausflüge mache. Die betreffende Familie will diesen modernen Diensttoten überhauptsortradeln" lassen. 6. Okt. Durch Zufall erhielt dieser Tage eine hiesige Dame davon Kenntniß, daß ihr Kinder­mädchen, dem sie täglich ihr jüngstes Kind anvertraute, nicht den ihr vorgeschriebenen Kindergarten zur be­stimmten Stunde besuchte. Die weitere Nachforschung ergab, daß eine ganze Anzahl Kindermädchen in der Wohnung eines Tanzlehrers in Gemeinschaft mit jungen Burschen Tanzunterricht nahm, während in einem Nebenzimmer sämmtliche Kinder in ihrem Wagen sich in ihrer Art amüsirten. Der Tanzmcister soll sogar mehrere Tanzkurse am Nachmittug für Kindermädchen eingerichtet haben.

Heede a. d. Eins. Zu den größten Sehenswürdig­keiten unseres Kreises gehört ohne Zweifel die berühmte Linde zu Heede. Auf einem Stamme, der etwa 15 m Umfang haben mag, erheben sich bei 1,5 m Entfernung vom Boden 15 (früher 16) neue Stämme, welche sich zu herrlich schöner Krone wölben. Viele Besucher kommen jährlich im Sommer, diesen Zeugen verschiedener Jahr­hunderte zu sehen und voll Staunen zu bewundern.

Ausland.

Frankreich. Ein englisches Blatt meldet, daß Frankreich mit fieberhafter Eile rüstet, daß in den Depots große Vorräthe an Munition au'gehüuft seien und daß die Staats- und Privatfabriken alle Hände voll zu thun hätten, um sich ihrer Aufträge, die als außerordentlich eilige bezeichnet worden seien, zn erledigen. Da größere koloniale Unternehmungen augenblicklich nicht im Anzüge sind, so meint man, daß die kriegerischen Vorbereitungen für den Fall von Verwickelungen mit Deutschland, die etwa infolge der Dreyfusverhandlungen entstehen könnten, getroffen werden. Da Dcutschlauo auch von der vollständigen Oeffentlichkeit der Verhand­lungen nichts zu be'ürchten hätte, so nimmt man bei uns die Kunde von den französischen Kriegsvorbereitungen sehr gelassen auf.

Madrid. Durch die amerikanische Forderung der Ueberlassung sämmtlicher Philippinen-Jnseln an die Ver­einigten Staaten ist man in Madrid aufs peinlichste überrascht worden und erklärt, gegen dieses Verlangen, das im FriedenSprotokoll nicht vorgesehen sei, aufs ent fd)iebcuftc protestieren zu wollen. Die bisherigen Dele-

RokkpIlltNNOII " ^ dieSchlüchterner Zeitung" UH^VH merben noch fortwährend von allen - -.............. - Postanstalten und Landbriestrügern

owie von der Expedition entgegen genommen.

Deutsches Reich.

Berlin. Zum Antritt der Orientreise wird das Kaiserpaar Berlin schon am Mittwoch, den 12. Oktober verlassen. Am folgenden Tage Nachmittags 5 Uhr | findet die Einschiffung von Venedig aus statt. Die Seereise nach dem Bosporus dauert nahezu vier Tage. Am Montag den 17. Okt. werden die kaiserlichen Herr­schaften Bormittags 11 Uhr in Konstantinopel ein­treffen. Hier ist ein fünftägiger Aufenthalt in Aussicht , genommen. Die Abreise wird am Nachmittag des 22. - Okt. stattfinden. Nach mehrtägiger Seereise erfolgt die Landung in Haifa am 25. Okt. Mittags. Weiter geht F es theils zu Wagen, theils zu Pferde bis Jerusalem. * AiN 29. Okt. Mittags 1 Uhr treffen die Herrschaften hier am Zelilager vor der Stadt ein. Nachmittags 3/a Uhr erfolgt zu P'crde der Aufbruch vom Lager und der festliche Einzug in Jerusalem. Vom Jaffathor ab geht das Kaiserpaar zu Fuß nach der Grabeskirche. Die Abfahrt von Jerusalem ist erst am Morgen des 5. Nov. beabsichtigt.

Schon wieder ein Mord in Berlin! Sonntag Nachmittag wurde im Hause Zionskirchstraße 16/17 die 58jährige Dienstmagd Therese Kaiser ermordet. Sie stand bereits 40 Jahre im Dienste des Predigers Roller von der apostolischen Gemeinde. Der Arzt konstatirte einen Hieb mit einem stumpfen Gegenstand über dem Auge und mehrere Schläge am Hinterkopf. Dte Mörder erbrachen die Kommode der Ermordeten, raubten ihre Baarschaft und durchwühlten den Schreibtisch des Predigers Roller. Bis Mitternacht hatte man noch keine Spur der Mörder entdeckt. Das Polizeipräsidium setzte auf die Ergreifung des Mörders der Dienstmagd Rosine Kaiser 1000 Mark Belohnnng aus.

Königsberg. Von den Kaisertagen in Rominten wird derKönigsb. Hartg. Ztg." unterm 28. Sept. geschrieben: Klarer, Nachts sternenheller Himmel und kühler Herbstwind über Wald und F'ur sind die Be­dingungen, die zu einer guten Brunst gehören, und beides ist mit dem 27. d. M. eingetroffen. Nach allen Richtungen der Haide hin vernimmt man den Brunst ruf der Hirsche in den verschiedensten Tonarten. Mit diesem prachtvollen echten Kaiserwetter scheint für den Monarchen das Jagdglück sich auch besonders günstig zu gestalten. Bei der gestrigen Abendpürsche in Belauf Reif, Oberförsterei Nassaven, hatte der Kaiser, wie bc. reits gemeldet, das seltene Glück, einen ganz kapitalen Hirsch, einen Vierundzwanzigender, zu erlegen, der noch am selben Abend vor dem Jagdhause zur Strecke ge­bracht wurde. Dieser Hirsch ist eine Seltenheit und übertrifft an Endenzahl alle in den letzten Jahrhunder­ten in Deutschland erlegten Hirsche. Als dieses Ercig- niß am gestrigen Abend in Rominten bekannt wurde, machte sich eine allgemeine Aufregung bemerkbar. Die Forstbeamten des Dorfes, sowie der nächsten Umgebung eilten bereits am gestrigen Abend herbei und im Laufe des heutigen Tages trafen beinahe sämmtliche Beamten s der Haide in Rominten ein, um die seltene Jagdbeute

i in Augenschein zu nehmen. Das Geweih ist im Ver­hältniß znr Endenzahl gerade nicht sehr lang, jedoch in derAuslage" recht breit und hat starke Stangen, die in der Krone schaufelförmig enden. In der rechten Stange befinden sich 22, in der linken 20 Enden. Die Krone (Schaufel) der rechten Stange ist dreitheilig, von denen jeder Theil eine Schaufel für sich bildet und mit fünf bis .sechs Enden versehen ist. Das ganze Ge­weih ist reich geperlt.

Aus Ostpreußen. Mit welcher Frechheit in den preußischen Ostprovinzen die polnische Jugend schon auj- tritt, zeigt ein kleines Stimmungsbild, welches dem »Grand. Ges." aus der Fortbildungsschule zu Adelnau, Provinz Posen, berichtet wird. Auf die Frage des Lehrers:Wie heißt unsere Nationalhymne?" liefen mehrere Schüler aus der Mitte der Klasse gleichzeitig in polnischer Sprache:Noch ist Polen nicht verloren" undGott schütze Polen!" Nach der Nationalität fragte der Lehrer weiter einen Schüler:Was bist Du! Antwort:Ich bin ein Pole." Frage: »In welchem Land wohnst du?" Antwort:In Preußen." Frage:

giertensitzuugen in Paris, über deren Ergebnisse den ge­troffenen Abmachungen zufolge strengstens Stillschweigen beobachtet wird, sind anscheinend ohne Zwischen alle ver­laufen. Die Ueberführung der Gebeine des Kolumbus von Havana nach Granada ist jetzt endgiltig beschlossen. In Granada wird eine großartige Beisetzungsfeier vor­bereitet.

Lokales und Provinzielles.

* Schlüchtern, 7. Okt.

* Herr Pfarrer Hattendorff zu Schlüchtern wurde zum Kreisschulinspckter für den Aufsichtsbezirk Schlüchtern ernannt.

* Herr Seminarlehrer Wagner von Schlüchtern ist an das Seminar zu Drossen in der Neumark versetzt worden.

* Versetzt wurde Lehrer Häuser zu Oberzell an die Stadtschule zu Windecken.

* Endgiltig angestellt wurden die Lehrer Schäfer zu Hinkelhof, Glänzer zu Hütten, Druschel zu Niedermittlau. Vorläufig angestellt wurde Lehrgehilfe Obermann zu Schlüchtern an die Schule zu Borstel, Kreis Rütteln.

* Der Kommunallandtag für den Regierungs­bezirk Cassel wird vermuthlich im Laufe des Monats November zu der alljährlichen Tagung einberuen werden. Mit Fertigstellung der ihm zur Beschlußfassung zu unterbreitenden Vorlagen ist man eifrig beschäftigt.

* Für das Rechnungsjahr 1. April 1898|99 kommt bekanntlich zum ersten Male die durch den Be­schluß des letzten Kommunallandtags festgesetzte Bezirks­steuer zur Erhebung. Dieselbe beträgt fünf Prozent von der Staats-, Einkommen, Grund-, Gebäude-, Ge­werbe- und Betriebssteuer, die Erhebung erfolgt durch die städtische Steuerkasse. Ueber die zu zahlenden Beträge werden den Steu rpflichtigen in der nächsten Zeit be­sondere Bezirkssterrerzettel für das Rechnungsjahr 1898/99 zugestellt werden. Die Zahlung dieser Bezirkssteuer hat in ihrem Gesammtbetrage innerhalb acht Tagen nach Zustellung des Steuerzettels, bezw. zu den für die Staats- und Gemeindeabgaben für das dritte Vierteljahr festgesetzten Erhebeterminen zu erfolgen. Etwaige Ein­sprüche gegen die Veranlagung zur Bezirkssteuer sind binnen einer Frist von vier Wochen vom Tage der Be- Händigung des Bezirkssteuerzettels an bei dem Gemeinde- vorstand anzubringen, die vorläufige Zahlung der ver­anlagten Steuer wird jedoch, vorbehaltlich einer dem- nächstigen Erstattung, hierdurch nicht ausgehalten.

* Auch der Eisenbahn-Minister hat jetzt anläßlich einzelner Fälle seinen Beamten die Veranstaltung von Sammlungen zu Ehrengeschenken an Vorgesetzte oder Mitbeamte untersagt. Ausnahmen sind nur unter be­sonderen Umständen mit Genehmigung der Vorgesetzten Eisenbahn-Direktion zulässig.

* Es ist eine viel verbreitete Ansicht, daß mit Erlaubniß der Mitreisenden auch in einem Nichtraucher- Koupe geraucht werden dürfe. Dem ist aber nicht so, wie neuerdings ein Fall lehrt, wonach ein auswärtiger Kaufmann ,vom Schöffengerichte zu 5 Mark Geldstrafe verurtheilt worden ist.

* Mit dem 1. Oktober ist das Verbot der Ver­wendung künstlicher Süßstoffe, insbesondere des Sach- carins, in Kraft getreten, welches namentlich für die kleineren Destillateure, die neben dem Kleinverkauf auch die Herstellung von Schnäpsen auf kaltem Wege be­treiben, von tiefeinschneidender Bedeutung ist. Das neue Gesetz verbietet nicht, nur künstliche Süßstoffe bei der gewerbsmäßigen Herstellung von Bier, Wein oder wein- ähnlichen Getränken von Fruchtsäften, Conserven, Likören, sowie von Zucker- und Stärkesyrup zu verwenden, sondern unterlagt auch, Nahrungs- und Genußmittel obengedachter Art, welchen künstliche Süßstoffe zugesetzt sind, zu verkaufen. Sachcarin greift ähnlich wie andere Medikamente den Magen an.

* Bei Revision der QuittungSkarten der In- validitäts- und Altersversicherung durch den Kontroll- beamten hat es sich herausgestellt, daß für vorüber- gehende Dienstleistungen, welche von Personen verrichtet werden, die berufsmäßig Lohnarbeiten überhaupt nicht verrichten, Beitragsmarken nicht zur Verwendung ge- bracht worden sind. Von behördlicher Seite wird da- rauf au merksam gemacht, daß Arbeiten der fraglichen Art, ohne Rücksicht auf die Dauer derselben, ve» sicherungspflichtig sind und zwar dann, wenn da^ür ein