.M 77. Samstag, den 24. September 1898. 49. Jahrgang.
Wer eine UMW
in der Zustellung unserer Zeitung durch die Post beim bevorstehenden Quartalswechsel vermeiden will, der wolle dieselbe so bald wie möglich bei dem betreffenden Postamte bestellen. Nur diejenigen auswärtigen Postabonnenten, welche bis spätestens 27. September unsere Zeitung wieder bestellt haben, können verlangen, daß _ ihnen unsere Zeitung vom 1. Oktober ab pünktlich von der Post geliefert wird. Wer später bestellt, muß nach den amtlichen Bestimmungen für Nachlieferung der Ersten Nummern des neuen Quartals eine besondere Gebühr von 10 Pfg. bezahlen. — Jede Postanstalt und jeder Landbriefträger ist verpflichtet, Abonnemcnts-Bestellungen anzunehmen.
Zu recht zahlreichen Bestellungen auf das mit 1. Oktober beginnende neue Vierteljahr ladet freundlichst ein
_____________________ TieExpedition der „Schlüchterner Zeitung."
Deutsches Reich.
Berlin, 20. Sept. Hubertusstock. Der Kaiser hörte am Mittwoch die Vorträge des Chefs des Civilkabinets und des Chefs des Marinekabinets. — Mit seiner Jagd deute ist der Monarch sehr zufrieden.
Aus der Mark. Ein geschlossener Bahnhof. Am Montag ist die neue Bahnstrecke Grunow-Beeskow- Königs-Wusterhausen für den Personenverkehr eröffnet und gleichzeitig der an derselben Strecke liegende Bahnhof Storkow wieder geschloffen worden, und zwar, weil sich die Stadtverwaltung weigert, auf ihre Kosten die Zufahrtsstraße zum Bahnhöfe pflastern zu lassen. Als vor drei Jahren der Plan für diesen Eisenbahnbau auf- tauchte, hatte die Stadt Storkow diese Verpflichtung ausdrücklich übernommen. Inzwischen aber hat ein neuer Bürgermeister die Leitung der Geschicke der Stadt über nommen, welcher die Stadtverordneten veranlaßte, den damals gefaßten Beschluß wieder umzustoßen. Die Eisenbahndirektion Halle hat nun kurzen Prozeß gemacht, den Bahnhof schließen und die Station Storkow von allen bereits ausgegebenen Fahrplänen streichen lassen.
Memel. Ein schweres Unglück hat Dienstag Nacht einen Theil der Memeler Fischerflottille betroffen. Eine Boe brächte verschiedene Fischerfahrzeuge zum Kentern; von den 21 ausgefahrenen Fischern ist nur einer gerettet, alle übrigen sind ertrunken. 11 Leichen sind sofort au Ort und Stelle aufgefunden worden.
— In Breslau ist der Sadtverordnete Buchhändler Emil Morgenstern verha ket worden, unter dem Verdachte, 85 000 Mark bei der Zentralkasse der Erwerbsund WirthschaftSgenossenschaft Schlesiens unterschlagen zn haben.
Breslau, 21. Sept. Das Reichsgericht verhandelte heute in letzter Instanz die bekannte Klage der hiesigen Stadtgemeinde gegen den Reichspostfiskus wegen Ueber- schreitens von öffentlichen Straßen durch Telegraphen- und Ferusprechleitungen. Nachdem der von den Ministern des Inneren und der öffentlichen Arbeiten erhobene Kompetenzkonflikt für unbegründet erklärt worden war, hatte das hiesige Oberlandesgericht dahin erkannt, daß ohne Genehmigung der Stadtgemeinde die Telegraphen- verwaltung nicht das Recht habe, über öffentliche Straßen Drähte zu ziehen. Der fünfte Civilsenat des Reichsgerichts wies die Revision des Reichspostfiskus kostenpflichtig zurück.
In Bünde in Westfalen hat eine konservative Versammlung beschlossen, demnächst dem Reichstage folgende Petition zu unterbreiten: Angesichts der grauenhaften Morde in Genf, Osnabrück u. s. w. bitten wir den, Reichstag, auf Wiedereinführung schärfster Prügelstrafen namentlich wo es sich um bestialische Verbrechen gegen Frauen und Kinder handelt, hinzuwirken; sie ist die einzige Strafe, welche die entarteten Unmenschen fürchten. — Zugleich wird an sämmtliche Vereine jeglicher politischer Richtung das Ersuchen gerichtet, sich dieser Petition anzufchließcn.
Bochum. Laut Anschlag ist sämmtlichen nicht naturalisirten italienischen Arbeitern der Zeche Präsident gekündigt worden. Wie verlautet, wird Gleiches auf sämmtlichen Zechen des Oberbergamtes Dortmund geschehen. Wahrscheinlich ist diese Maßregel eine Folge des jüngsten Attentates auf die Kaiserin von Oesterreich.
In Apolda haben in den letzten Tagen vier Fleischer- meister das Schlachten eingestellt und ihre Läden geschlossen. Sie erklären, daß sich die Schlächterei bei den jetzigen hohen Fleischpreisen nicht mehr rentiere.
AuS dem Elsaß. Ueber ein Aufsehen erregendes Vorkommniß während der Manöver in Elsaß-Lothringen berichtet die „Hag. Ztg ": In den letzten Manövertagen ereignete sich ein überaus beklagenswerther Vorfall. Rittmeister Graf Stolberg-Wernigerode der 4. Eskadron des Ulanenregiments Nr. 15 versetzte dem Serganten Scheinhardt nach voraufgegangenem Wortwechsel einen Säbelhieb, der die Verbringung des Verletzten in das
Hagenatter Garnisonlazareth zur Folge hatte. Sch. ist bereits daselbst gestorben. Untersuchung ist sofort ein- geleitet worden. Der Frkf. Ztg. werden zu diesem Vorgänge noch folgende Einzelheiten gemeldet: Sergeant Schemhardt hatte Essen zuzubereiten, das sich als verdorben erwies, und wurde deshalb von dem Rittmeister Grafen Stolberg zur Rede gestellt. Der Sch. soll in schnoddrigem Tone geantwortet haben. Hierauf versetzte der Graf dem Sergeanten zwei Ohrfeigen. Als der Mißhandelte sich umwandte, um vorzugehen, erhielt er von dem Rittmeister einen Stich hinter das Ohr, an dessen Folgen er in Hagenau verstorben ist. Der Rittmeister wurde verhaftet.
Mainz, 16. Sept. Die fünf Franzosen, welche, wie gemeldet, vor kurzem das hiesige Kriegerdenkmal verunreinigt hatten, sind geflüchtet, was sich in der heutigen Gerichtsitzung herausstellte. Der Staatsanwalt erklärte, die freche That sei ein Schlag ins Gesicht jedes Deutschen; die Attentäter hätten auf der Stelle Prügel erhalten müssen, Sie wurden in contumaciam zu je 6 Wochen Haft verurtheilt.
Bom südlichen Odenwald, 19. Sept. Ein Landwirth hiesiger Gegend hatte letzte Woche einen vortheil- haften Verkauf von Schalen gemacht und sich aus Freude über den hohen Erlös einen „Tüchtigen" einge- wickelt. Im Chausseegraben suchte er Nachtherberge. Als er Morgens erwachte, bemerkte er eine größere Anzahl Schnitzel, die von Papiergeld herrührten. Beim Nachzählen des Geldes fehlten fünf Hundertmarkscheine. Im Traum noch mit den Schafen beschäftigt, hatte er statt an der Wolle an den Hundertmarkscheinen gezupft. Da der Wind die niedlichen Papiervögel schon fliegen gemacht hatte, dürften die Nummern der fehlenden Scheine kaum mehr festzustellen sein.
Artsland.
Madrid, 19. September. Der Damp'er San Jg- nacio ist mit 13 000 spanischen Soldaten aus Kuba in Coruna angekommen. 126 starben unterwegs, 130 kamen schwerkrank in der Heimath an. Sämmtliche Soldaten befinden sich in einem bejammernswerthen Zustande. Der Grund ist, daß die Amerikaner die Spanier zwingen, ihre Kranken aus den Spitälern auf die Schiffe zu bringen, damit die Amerikaner ihre Kranken in die Spitäler unterbringen können. Aecht amerikanisch rücksichtslos!
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchleru, 23. Sept.
* — Lehrer Sell zu Sarrod ist vom 1. Oktober ab an die katholische Schnlstelle zu Kohlhaus bei Fulda versetzt worden.
* — Halbamtlicher Mittheilung zufolge bleibt die Annahme von Bewerbern für die höhere und für die 'ubalterne Postlausbahn bis zum 1. April 1900 geschlossen. Es steht noch nicht fest, in welcher Art alsdann wieder die Annahme stattfinden wird.
— Der Bund der Handel- und Gewerbetreibenden beschloß in seiner gestrigen Versammlung in Berlin eine Denkschrift betr. die Rabattvereine und Waarenhäuser verfassen und den Behörden zugehen zu lassen; ferner wird eine gesetzliche Beaufsichtigung der Rabattspar- und ähnlicher Vereine gefordert.
— Ueber die Grund ätze beim Einkauf der Proviant ämter hat ein Proviantamt folgende Auskunft gegeben: Das Proviantamt kann nicht immer die zeitweilig geeten- den, ihm vorgeschriebenen Marktpreise zahlen, sondern es ist bei der Preisbestimmung angewiesen, sich auch nach den von anderen Proviantämtern gezahlten Preisen, natürlich unter Berücksichtigung der Differenzfracht, zu richten. Um dies zu kontroliren, werden den Proviantämtern die allwöchentlich von sämmtlichen Aemtern gc- zahlten Preise mitgetheilt und wird dasjenige Amt, das höhere bezw. billigere Preise als die übrigen bezahlt hat, hierauf aufmerksam gemacht und gleichzeitig aufge-
fordert, eine entsprechende Preisänderung eintreten zu lassen. Es ist also Bestimmung, daß die bezahlten Preise bei sämmtlichen Proviantämtern nach Verrechnung der Fracht die gleichen sind.
— Nachdem der Communal-Landtag in seiner Sitzung vom 2. Dezember 1897 die Erhebung einer Bezirks- abgabe in Höhe von 319,000 Mark für das Etatsjahr 1898/99 beschlossen hat, ist nach Beschluß des Landes- Ausschusses vom 20. Juni c.^die Verthcilnng dieser Be- zirks^bgabe auf die einzelnen Stadt- und Landkreise nach dem aus dem Verhältniß des Gesammtsteuersolls des Bezirks zu der Bczirkssteuersumme sich ergebenden Procentsatze unter Abrundnug von sich ergebenden Bruchtheilen auf eine Decimalstelle noch oben erfolgt. Es entfallen demnach auf: 1. Stadtkreis Kassel 87,714.01 Mark, 2. Landkreis Kassel 19,821.29 Mark, 3. Landkreis Eschwege 13,364.76 Mark, 4. Landkreis Frankenberg 4555.43 Mark, 5. Landkreis Fritzlar 7349.30 Mark, 6. Landkreis Fulda 14,586.87 Mark, 7. Landkreis Gelnhausen 11,131.02 Mark, 8. Landkreis Gersfeld 3186.78 Mark, 9. Stadtkreis Hanau 21,849.12 Mark, 10. Landkreis Hanau 24,212.34 Mark, 11. Landkreis Hersfeld 8111.53 Mark, 12. Landkreis Hof- geismar 10,674 Mark, 13. Landkreis Homberg 5303.94 Mark, 14. Landkreis Hünfeld 4371.75 Mark, 15. Landkreis Kirchhain 510215 Mark, 16. Landkreis Marburg 16,384.37 Mark, 17. Landkreis Melsungen 7177.04 Mark, 18. Landkreis Rinteln 12,673.71 Mark, 19. Landkreis Rotenburg 6200.43 Mark, 20. Landkreis Schlüchtern 6193.50 Mark, 21. Landkreis Schmal- kalden 7006.98 Mark, 22. Landkreis Witzenhausen 8161.76 Mark, 23. Landkreis Wolfhagen 6808.81 Mark, 24. Landkreis Ziegenhain 8530.60 Mark. Summa 320,771.49 Mark. Der Fälligkeitstermin der vorstehenden Bezirksabgaben ist auf den 1. Oktober l. I. festgesetzt. Der Bedarf an Bezirksabgaben für Berkehrsanlagen, und zwar zur Unterhaltung der Landwege, beträgt 55,000 Mark, welche Summa in dem umgelegten Betrage enthalten ist.
In Altengronau wurden dieser Tage durch den Blitz zwei Kühe auf der Weide getödtet. In Platz schlug der Blitz in ein Anwesen, wodurch Haus und Scheune abbrannte.
Lom Speffart, 19. Sept. Die Zeit ist wieder gekommen, da an windstillen Abenden die Hirsche sich hören lassen. Ein eigenthümliches Gefühl überkommt dem Laucher, der an mondhellen Abenden oder früh Morgens einem Rudel Hirsche nahe gekommen ist, wenn er den mit voller Kraft hervorgestoßenen, tiefen, klaren und vollen Ton vernimmt, durch den das männliche Thier seinen Gegner warnt und zugleich reizt. Nicht nur aus einer Richtung ertönt dieser Kampfruf; nein, ringsum glaubt man sich von wüthenden Hirschen umgeben, da man das Brüllen auf 3—4 Km. Entfernung deutlich hört. Für den, der noch keinen Hirsch gehört hat, wird es jedenfalls sehr interessant sein, in den nächsten 4 Wochen zu angegebener Zeit den Spessart- wald einmal zu besuchen.
Wächtersbach, 19. Sept. Mit Genehmigung des Herrn Oberpräsidenten sind die auf den 4. Oktober, 20. Oktober, 22. November, und 6. Dezember d. Js. zu Wächtersbach anberaumten Viehmärkte auf den 20. September, 25. Ok-ober, 17. November und 20. Dezember d. Js. verlegt worden.
Hanau, 19. Sept. Darf man Sonntags Rechnungen einziehen? Das Kammergericht hat entschieden, daß dies gestattet fei. Ein Hündlcr, der in der Absicht, einen , Betrag von 2 Mk. einzuziehen, an einem Sonntag Vormittag zu einem Schuldner gegangen war, und da er diesen nicht antraf, die Ehefrau gemahnt hatte, war auf Grund einer Polizeiverordnung vom 31. Dezember • 1896 zu einer Geldstrafe verurtheilt worden, da angenommen wurde, daß sowohl der Gang zum Zwecke der Mahnung, als auch diese selbst als Arbeit aufzufassen