veröffentlichte die Feststellung über die Obstcrntcaussich- ten und weist darauf hin, daß in der Provinz Hessen- Nassau die Aep^elernte Mittel bis gering ausfallen wird. Da in den Nachbarprovinzen ähnliche Verhältnisse vor herrschen, empfiehlt es sich dringend, wenn irgend angängig, die Aepfel dies Jahr zu pflücken und nicht zu schütteln, da die Nachfrage nach Winterobst voraussichtlich eine sehr hohe werden wird und hierbei überall auf das sonst zum Keltern benutzte Wirthschaftsobstzurückgegriffen werden muß. Nach Mittheilung der Frankfurter Obstverwerthungsstelle kostet der Zentner Frühäpfel dort heute 16 Mk. und in Orb sind von Händlern bereits Kelterobstkäufe für 12 Mk. pro Malter abgeschlossen worden.
Neuhof, 11. Sept. Heute Nachmittag wurden die Bewohner von Opperz plötzlich durch den Ruf „Feuer!" in Schrecken gesetzt und dichte Rauchwolken, die neben der Kirche emporstiegen, zeigten an, wo das verheerende Element ausgebrochen war. Bei der großen Dürre fanden die Flammen in den gefüllten Scheunen reichliche Nahrung, und man fürchtete, daß eine ähnliche Katastrophe herernbreche, wie sie vorgestern Salzschlirf heimgesucht hat. Glücklicherweise aber gelang es den eifrigen Anstrengungen der Bewohner, die Gefahr bald zu beseitigen. Vier Wohnhäuser, drei Scheunen und ein Nebengebäude sind ein Raub der Flammen geworden. Die Kirche hatte schon Feuer gefangen, welches aber noch gelöscht wurde, ehe das altehrwürdige Gotteshaus weiteren Schaden genommen hatte.
Salzschlirf, 10. Sept. Gestern Nachmittag wurde unser Badestädtchen von einer schrecklichen Kastrophe heimgesucht: ein großer Theil des Ortes wurde durch eine Feuersbrunst in Asche gelegt. Das Feuer brach gegen *Ji2 Uhr in der Stallung des neben dem Ge- meindewirthshause belegcnen Hauses Nr. 100 aus, welches der Wittwe Kath. Brehler gehörte. Die Eigen- thümerin befand auf dem Felde und niemand war im Hause anwesend. In wenigen Augenblicken stand die mit dem Stalle zusammenhängende Scheune in Flammen. Da die meisten Bewohner des Ortes wegen der Ernte- arbeiten auf dem Felde waren, konnte das Feuer eine große Ausdehnung erlangen, ehe mit den Lösch- und Rettungsarbeiten begonnen wurde. Durch die große Hitze und die Dürre fand das Feuer in den gefüllten Scheunen und den bei jedem Hause aufgestapelten Holz- vorräthen reiche Nahrung, und der herrschende Südostwind trieb die verheerenden Flammen über das ganze Dorf hin, welches in kurzer Zeit einem Feuermeere glich. Gegen 6 Uhr war es den allseitigen Anstrengungen gelungen, des verheerenden Elementes soweit Herr zu werden, daß einer weiteren Ausdehnung Einhalt geboten schien und gegen 10 Uhr Abends war alle Gefahr beseitigt.^ 34 Wohnhäuser, 21 Scheuenen und 29 Stall- ungen, im Ganzen also 84 Gebäude, liegen in Schutt und A'che. Vom Schulhause bis zum nördlichen Ende des Dorfes ist nur ein einziger Trümmerhaufen geblieben. Das Postamt blieb vom Feuer verschont. Die meisten Abgebrannten hatten ihre Sachen versichert, wenn auch zum Theil sehr niedrig. Die Wittwe Brehler, in deren Stallung das Feuer ausgekommen ist, hatte nichts versichert; außerdem waren noch drei von den vom Unglück Betroffenen nicht versichert. Der Gesammtschaden wird auf etwa eine halbe Million Mark geschätzt. Wie das Fener entstanden ist, läßt sich nicht sagen. Es wird vermuthet, daß Kinder in dem Stalle mit Feuer gespielt und dadurch das Unglück verschuldet habe«.
Lauterbach. Ein sehr trauriger Unglücksfall, dem ein junges Menschenleben von kaum 17 Jahre zum Opfer fiel, ereignete sich am verflossenen Dienstag gegen 8 Uhr Abends. Ein Bediensteter des Spediteur Alp, welch letzterer Bullenhalter der Stadt Lauterbach ist, wollte einen Bullen füttern, wurde aber dabei von dem Ochsen erfaßt, zu Boden geworfen und dem bedauerns- werthen jungen Mann der Kehlkopf thatsächlich zer- stampft. Die auf das Hilferufen herbeigceiltcn Hausbewohner vermochten den rasenden Ochsen soweit zu bändigen, daß der Verunglückte sich selbst aus seiner schauerlichen Lage herausschaffen konnte, derselbe stürzte aber am Stallanstritt zusammen und konnten die rasch herbeigeeilten Aerzte nur den Tod konstatiren.
Hüufeld, 5. Sept. Ein Landwirth zu Neukirchen bei Hünfeld fuhr einen hochbeladeuen Wagen Grummet nach Hause; seine Frau saß oben auf dem Wagen. Reim Ueberfahren eines Grabens gab es einen starken Ruck, die Frau stürzte herab und fiel so unglücklich, daß sie das Genick brach. Sie war augenblicklich todt.
Witzenhausen, 8. Sept. Die Ernte der Halmfrüchte und des Grummets geht mit raschen Schritten dem Ende entgegen. Ueber den Ertrag berichten hieße nur wiederholen, was in dieser Zeitung bereits au« anderen Orten unserer Provinz mitgetheilt ist. Recht fühlbar hat sich der Mangel an landwirthschclltlichcn Arbeitern gemacht. In der ganzen Umgegend wendet sich nämlich mit geringen Ausnahmen die junge Generation derjenigen Kreise, aus denen sonst die ländlichen Tagelöhner her- vorgingen, der Industrie, namentlich der am Orte stark entwickelten Tabaksindustrie zu. Zum Ersatze dafür verwenden die Oekonomen vielfach polnische Arbeiter und Arbeiterinnen. Welchen Umfang diese polnische Einwanderung angenommen hat, samt man am besten des Sonntags sehen, wo die Polen in Schaarcu nach hier kommen, um ihre Einkäufe zu besorgen,
Allendorf, 8. Sept. Die Kanarienvogelzucht wird im Werrathale sehr umfangreich betrieben. Vor kurzer Zeit hat ein Händler vom Harz ca. 100 Stück dieser gefiederten Sänger hier angekauft. Eine große Partie davon hat nach dem Ankäufe die überseeische Reise an- getreten. Bezahlt wurden für ein Hahn 2,40 Mk., für ein Weibchen 20 Pfg. Hiesige kleinere Hausbesitzer benutzen in ihren Häusern zur Kanarienvogelzucht mehrere Lokalitäten, die oftmals zum Vermiethcn als Wohnungen sich sehr gut eigneten. Ein Zeichen, daß diese Zucht als eine rentirende Nebenbeschäftigung sich erweist.
Die Erbin von MaUersbrun«.
Orlglnalroman von Marie Roman-. sFortsetzung.)
Der Präsident nickte stumm. Er ordnete die Papiere und befahl, daß man den Freiherr« von Erlenburg vor den Richtertisch führe. Ein Gemurmel, laut genug, daß daß es von allen Wänden zurückdröhnte, entstand, als der angeblich Irre nun vor den Assisen trat. Der Direktor des St. Salvatore stierte auf ihn, als ob ein Gespenst erschienen wäre, und Fräulein von Waldheim, ohnehin im tiefsten Innern niedergebeugt, wagte nicht mehr, den Blick zu erheben; sie schien vollends zu Boden gedrückt in dem Verhältniß, unter welchem sie dem Herrn von Erlenburg hier gegenüberstand.
„Es wird kaum nöthig sein, Sie durch weitläufige Fragen zu beschweren," meinte der Präsident zu Ludwig von Erlenburg gewendet. „Sie kennen den Herrn dort?"
„Es ist Dr. Rimoli."
„Und der dort hinten?"
„Es ist der Wärter, dessen Obhut ich in der Irrenanstalt anvertraut war."
„Glauben Sie, daß dem Wärter ein Theil der Schuld an Ihrer Gefangenschaft beizumessen wäre?"
„Nein," entgegnete Herr von Erlenburg bestimmt. „Giacomo bewachte mich, so weit ihn der Befehl des Direktors gebunden hielt, aber er erwies mir Dienste, wo nur seine persönliche Meinung zu befragen war. Ich glaube, daß der Mann keinen Antheil an dem Vergehen hat."
Der Präsident schien zufriedengestellt. Er richtete noch einige unwichtige Nebenumstände betreffenden Fragen an den Freiherrn, vernahm in Kürze die noch übrigen Zeugen, Diener des St. Salvatore, und schloß dann das Verhör, worauf der Staatsanwalt sich in beredten Worten über die Schwere des vorliegenden VerbreclMs erging und die härteste Strafe der Schuldigen begehrte. Dann zog sich der Gerichtshof zur Berathung in ein anliegendes Zimmer zurück. Eine halbe Stunde ging vorüber, während welcher Zeit ein jeder von allen, das Publikum nicht minder als die Betheiligtcn, mit wahrhaft größter Spannung dem Richterspruche entgegensah. Giacomo zitterte; Dr. Rimoli war vernichtet; Alice fiebernd an allen Gliedern, hatte nur tut Beistand des greisen Pristers die Stütze gefunden, ohne welche ihre Selbstbeherrschung verloren gewesen wäre; mit geistcr- bleichcr Miene, die Wimper glänzend in Thränen, starrte sie vor sich nieder; doch als sie — war es Zufall? — den Blick für einen Moment aufrichtete und zu Ludwig von Erlenburg hinübersah, bemerkte sie, wie das Auge des Freiherrn mit voller Glut seelischer Empfindung auf sie gerichtet war. In diesem Augenblick wollte es ihr dünken, als ob sie selbst für eine Sekunde erglühte, und beschämt senkte sie die Lider; sie athmete freier auf, als dann nach kurzen Minuten der Gerichtshof wieder an den Richtertisch trat.
Eine lautlose Stille herrschte im Saale, als der Urthcilsspruch nun verkündet ward. Der Präsident, nachdem er die üblichen Formeln hergesagt, verlas das Erkenntniß; es lautete auf „Schuldig" für Dr. Carlo Alfonso Rimoli, Direktor des St-. Salvatore, und vcr- urtheilte denselben zu fünfjährigem Gefängniß und Herausgabe der sechzigtauscnd Franken, die er einstmals widerrechtlich Herrn von Waldheim quittierte; für den Wärter Giacomo Sorcl sprach es auf Freiheit in aube- tracht des Umstandes, daß ihm, als er den Freiherrn von Erlenburg nach St. Salvatore überführte, die ausreichende Kenntnis der Verhältnisse fehlte. Für Herrn von Waldheim, wie selbstredend, blieb jeder Spruch ohne Wirkung, da er nicht mehr unter den Lebenden war.
Starr, mit eisiger Miene, ließ Dr. Rimoli die Ver- nrthcilnng über sich ergehen. Er gab sich nicht einmal die Mühe, zu sagen, daß er die Bernfung entlegen werde; ohne anfzublicken, ohne sich zu regen, ohne nur einen Laut von sich zu gebe«, verharrte er, bis ein Ge- richtsdiener, um ihn für die zuerkannte Kerkerhaft abzu führen, Beschlag auf seine Freiheit zu legen kam. Mit derselben eisigen Starrheit ergab er sich dem Beamten und verließ mit ihm den Saal. Währenddessen hatte den Präsident das Urtheil erlassen, daß der Betrag von sechzigtausend Franken, als widerrechtlich erhoben auS dem Vermögen des Dr. Rimoli herauSzuzicheu und dem Fräulein Alice von Waldheim, als Erbin des Herr» von Waldheim, ihres VaterS, zurückzuerstatten wäre.
Alicens Brust wogte stürmisch als ein solcher Spruch ihr zu Ohren kam.
• „Exzellenz!" rief sie, das Auge voll zu dem Präsident erhebend, „nicht Vater, da der Freiherr von Erlenburg lebt, hatte niemals Vermögen! Wenn mein Vater eine Summe an die Anstalt St, Salvatore bezahlte, so gc,'
hörte dieses Geld dem Erben von Wnllcrsbrunn, dem heute durch Ihre Hilfe die Freiheit zurückgegeben ward!"
Mit wohlgefälligem Staunen hatte der Präsident das junge Wesen angesehen. Er zögerte ein paar j Minuten, auf dieses edle Wort zu erwidern; hätte er es gethan, so wäre seine Mühe vergeblich gewesen, denn schon hatte Alice, unterstützt von dem greisen Priester, der Versammlung den Rücken gekehrt. Sie hörte nicht mehr, daß die sie umgebenden Herren zu ihr redete«; sie sah nicht, daß Giacomo sich, um als stumme Dankesbezeugung seine Hand zu küssen, dem Freiherrn zukehrte; sie fühlte nichts mehr, als die Schande, die sie während j der verflossenen Stunden aufgelesen hatte, sie empfand nichts mehr, als das Verlangen, fort von hier, den Blicken der großen Menge entzogen, mit sich selbst und dem einzigen Freunde, der ihr nun, da sie verarmt war, auf der Erde übrig bleiben konnte, allein zu sein. ; Hastigen Schrittes verließ sie mit ihrem Vormund den £ Saal. Sie wäre den Bemerkungen, die man zurecht- t gelegt hatte in weit größerem Maße preisgegeben ge- ' wesen, hätte sich nicht die Aufmerksamkeit des großen Haufens einem anderen und der Menge wichtiger dünckenden Ereignis zugckehrt.
(Fortsetzung folgt.)
Vermischtes.
— Was es in Klondyke kostet. Aus Dawson (Alaska) schreibt man: Gegenwärtig hat Dawfon City eine Bevölkerung von 30 000 Personen, die in Blockhäusern und Zelten ant rechten Ufer des Aukon wohnen. Einige wenige Blockhäuser und Zelte befinden sich am linken Unser und werden von Mitgliedern der Heilsarmee okkupiert. Die Hauptverkehrsstraße ist Front Street, die ; sich 1’/'* Meile längs des Flußufers hinzieht. Alle £ Regierungsbüreaus und größeren Geschäfte sind hier belegen, die Miethen sind sehr hohe. Der Verkehr ist deS Abends sehr lebhaft, die Straßen sind voll gedrängt von Leuten, die in allen möglichen Kostümen Herumflaniren. Es ist dort jetzt beständige Tageshelle während der vollen 24 Stunden. Mit Rücksicht auf die große Hitze schlafen die meisten Leute am Tage und arbeiten des Nachts. Es ist hier ein großer Handel mit Getränken. Das geringste Getränk in Gläsern kostet 2 Schilling, selbst Limonade, 1 Flasche Ale 1 Lstrl. und Champagner 8 Lstrl. (160 Mark) per Flasche. Tag und Nacht wird an großen Tischen in den zahlreichen „Salons" gespielt. Einige dieser größeren Salons nennen sich „Theater". Der Pavillon und das Opera House sind die beiden größten. Dort ist Tingel-Tangel (performance and , singing) bei Beginn des Abends und dann Tan- bis 5 oder 6 Uhr früh Morgens. An diesen Plätzen lassen die Miners enormes Geld darauf gehen. Jeder Tanz kostet 1 Dollar (4 Mark), wovon die Tänzerin (Animir- fräulein) 1 Schilling vom Wirth erhält. Da diese Tänze sich ununterbrochen, etwa alle fünf Minuten, folgen, so macht der Wirth ein „Bombengeschü't". Fast jeder besser situirte Miner läßt 200 bis 300 Pfund Sterling Abends hier sitzen. Die Leute tragen das Gold in kleinen Ledersäckchen, und wenn gezahl wird, behändige« sie das Söckchen dem Kassierer, der sich so viel davon abwiegt, wie die Zeche betrügt. Es sind auch Banknoten (Greenbacks) und Silber in Cirkulation, aber Goldstaub ist das Hauptzahlungsmittel. Die Unze Goldstaub gilt zur Zeit in Dawson City 16 Dollars, die Banken zahlen aber blos 14 Dollars. Von Banken daselbst sind zu nennen: Bank of British North America und die Bank of Commerce. Es existiren unzählige Lüden aller Art, in denen Schweinefleisch (pork), Bohnen, Mehl und Schinken rc. rc. zu „landesüblichen" Preisen feilgeboten wird. Frisches Fleisch — Hammel- oder Rindfleisch — kostet 4 bis 6 Schilling pro Pfund, eine - Gurke 10 Schilling, eine Apfelsine oder Banane 4 x Schilling. In den „Coiffeur"-Läden kostet Rastren 10 Schilling, Haarschneiden 10 Schilling, ein warmes Bad 10 Schilling. Eine Cigarre gewöhnlichster Art kostet 2 Schilling. In den Restaurants sind wahre I „Ausverkalllspreisc". Eine mittlere Mahlzeit stellt sich ohne Getränke auf 15 bis 20 Schilling, eine kleine Tasse Kaffee mit Gebäck kostet 3 Schilling, mit Brod und Butter 4 Schilling. Eine Portion Schinken mit Eiern kostet überall 12 Schilling, Speck mit Eiern 10 Schilling, ein Beefsteak 12 Schilling, ein LUngenhachü 10 Schilling, „Compote“, das heißt drei bis vier frische Kartoffeln, 4 Schilling, Spiegeleier 10 Schilling, ein Filet (virloin steak) 1 Pfund Sterling. Diese greift sind der Menükarte eines der Hauptrestanrants, des Reginaklubs, entnommen. In der letzten Zeit haben die Schiffe enorme Onantitäten von Lebensmittel Hera»' geschafft, so daß ein rapider Fall der Preise in Aussicht steht. Der Micthziens für ein Blockhaus beträgt 8 bis 20 Pfund Sterling per Monat. Der Gcsilndheitszw stand in Dawson City ist zur Zeit ein guter. Die 8k völterung besteht zu etwa 75 Prozent aus Amerikanern, den Rest au« Kanadiern, Engländern und Australiern. Deutsche sind nicht ansässig. Der Staatökonimissar $ Major James Walsh, ein sehr fähiger und höflicher Wann. Die diesjährige Goldausbeute wird auf 8 000 000 Pfund Sterling geschätzt. (?) In Front Street, der Hauptstraße, zahlte man neuerdings per Fuß 10 Pfund Sterling Miethe, für eine neue Stadt gewiß ein schöner Rekord.