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SchlilchternerMung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

»N 59. Samstag, den 23. Juli 1898. 49. Jahrgang.

RostplIlIHHOII "^ ^e .Schlüchterner Zeitung« jPvH-tUUliytll toerben nod) fortwährend von allen .......- Postanstalten und Landbrieiträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.

Deutsches Reich.

Berlin, 21. Juli. Auf seiner Nordlandsreise traf der Kaiser nach guter Fahrt bei herrlichstem Wetter am Dienstag Spätabend in Digermulen ein. Die Fahrt gestaltete sich zu einer der schönsten, die je auf der Nordlandsreise gemacht worden sind. Es zeigten sich viele Walfische und die großartige Landscha t erglänzte bis gegen Mitternacht im herrlichsten Sonnenlicht. Mittwoch früh bestieg der Kaiser mit dem Ge'vlge den Digermuler Kollen. Das klare, schöne Wetter gewährte den vollen Genuß der großartigen Rundsicht. Donnerstag wird die Reise durch den Raffsund fortgesetzt.

Eine militärische Uebung eigener Art fand nach einer Dauer von vier Wochen am Sonnabend ihren Abschluß. Es handelte sich um eine Probe von Oekonomie- Handwerkern auf dem Kriegsfall. Von den 18 Armee­korps, die das deutsche Heer außer den beiden baierischen zählt, waren 1200 Schuhmacher nach Berlin zusammen­gezogen. Je 18 Obersten, Oberstlieutenants und Haupt­leute und eine entsprechende Anzahl von Feldwebeln und Unteroffizieren waren zur Leitung und Kontrole der Uebung" hierher kommandirt. Die Mannschaften waren in der Kaerne des 1. Garde-Feldartillerie-Regiments an der Kruppstraße untergebracht und arbeiteten dort im neuen BekleidungSamte. Gegen 40 Schlosser waren den Schuhmachern beigegeben, um etwaige Schäden an den Maschinen sofort auszubessern. Gearbeitet wurde Tag und Nacht in zwei Schichten, von Nachmittags 2 bis Morgens 2 Uhr und von dieser Zeit Morgens wieder bis zur selben Stunde Nachmittags. Auf jede Schicht kamen zwei Pausen von einer halben Stunde. Das Mittagessen bekamen die Leute in der Kaserne, die eine Schicht unmittelbar vor, die andere unmittelbar nach der Arbeit. Die Löhnung betrug kriegsmäßig ein­schließlich des Brodgeldes 6 Mark für je zehn Tage. Die 1200 Mann brachten jeden Tag 2500 Paar Schuh­zeug zu Stande, und zwar Infanterie- und Kavallerie­stiefel und Schnürschuhe.

BreSlau. Ein neues Grubenunglück hat sich in Oberschlesien ereignet. In dem gräflich Schaffgotsch'schen Gotthardtschacht der Paulusgrube bei Morgenroth unweit Gleiwitz stürzte Montag früh bei der Einfahrt der Be­legschaft die Förderschale mit einem Steiger und 23 Bergleuten in die Tiefe; sämmtliche Abgestürzte sind todt. Das Unglück entstand dadurch, daß das Seil an der Förderschale aus dem Seilschloß heraussprang und die Schale in den 250 Meter tiefen Flöz stürzte. Die geborgenen Leichen sind bis zur Unkenntlichkeit ver­stümmelt.

Alton«. Wie weit das Recht der Presse geht, Mißstände zu rügen, wurde vom Landgerichte in Altona entschieden. Die Kieler Staatsanwaltschaft hatte gegen den Redakteur desHolstein'schen Kouriers" in Neu- münster eine Beleidigungsklage gerichtet. Der Redakteur hatte in seinem Blatte darauf aufmerksam gemacht, daß bei der Ortskrankenkasse in Neumünster Unregelmäßig­keiten vorgekommen seien. Es wurde Anzeige bei der Kieler Staatsanwaltschaft gemacht. Dieselbe ließ sich mehrere Tage Zeit, den ungetreuen Kassirer zu ver­haften: inzwischen war dieser mit seiner Familie nach Amerika entflohen. Die Zeitung rügte das verzögerte Eingreifen des Staatsanwalts, worin dieser eine Be­leidigung erblickte. Der Redakteur wurde zu 100 Mark Geldstrafe verurtheilt. Das Reichsgericht erkannte aber die Revision als berechtigt an und verwies die Sache an das Altonaer Landgericht zur nochmaligen Verhandlung. Der Redakteur wurde nun kostenlos freigesprochen. Das Gericht erkannte die Ausführung des Beklagten und Vertheidigers an, daß die der Staatsanwaltschaft in Kiel gemachten Vorwürfe völlig den Thatsachen ent­sprächen und daß eine Verschleppung wirklich vorge­kommen sei. Der Redakteur habe das Recht, vorgekommene Mißstände in angemessener Weise zu rügen, wie das auch in genanntem Blatte geschehen sei.

Darmstadt, 17. Juli. Die Viehzählung am 1. Dezbr. 1897 hatte nach den Mittheilungen für Landesstatistik im Großherzogthum Hessen folgendes Ergebniß: Es waren vorhanden 56 002 Pferde (einschließlich der

Militärpferde), 324 628 Stück Rindvieh, 86 731 Schafe und 271 595 Schweine. Der stärkste Pferdebestand mit 22 426 Stück entfällt auf die Provinz Starkenburg, der stärkste Bestand an Rindvieh mit 148 929, an Schafen mit 64 995 und an Schweinen mit 114 584 Stück kommt auf Oberheffen.

Coburg, 20. Juli. (Ein irrender Ritter.) Unter den Folgen einer bedenklichen Sucht nach Abenteuern wird ein Reisender aus Berlin zu leiden haben. Derselbe hatte in einem hiesigen Gasthause in der Nacht beobachtet, daß zwei junge Mädchen, welche zu dem bekannten Koschat-Quintett gehörten, zusammen in einem Zimmer schliefen. Als sie zur Ruhe gegangen waren, drang er in dieses Zimmer ein. Eines der Mädchen erwachte bei seinem Eintritt' und rief laut um Hilfe. Der Reisende versuchte das Mädchen durch Würgen am Schreien zu hindern, indessen durch den Lärm war auch das andere Mädchen erwacht, welches nun gleichfalls um Hilfe rief. Darauf eilte der Leiter des Kotfchat- Quintettcs, Herr Direktor Damhofer, mit einem Revolver bewaffnet, den beiden Sängerinnen zu Hilfe und gab auf den Attentäter fünf Schüsse ab, ohne, jedoch in der Dunkelheit denselben zu treffen. Durch das Schießen wurde natürlich das ganze Haus in Aufruhr versetzt, und aus allen Zimmern strömten die Fremden in Nacht- toilette auf dem Corridor zusammen. Auch Schutzleute eilten von der Straße herbei, und der Reisende flüchtete in ein Nebenzimmer; als er von hier verscheucht wurde, rannte er die Treppen hinunter auf die Straße, wo er den Schutzleuten in die Arme lief. Man brächte ihn auf sein Zimmer, wo er in Krämpfe verfiel, so daß man einen Arzt holen mußte. Nachdem er sich erholt hatte und über das Geschehene befragt wurde, leugnete er auf das Bestimmteste, in dem Zimmer der Sängerinnen gewesen zu sein. Trotzdem wurde er in Untersuchungs­haft genommen.

Münden, 19. Juli. Der wegen Verdachts des Mordes, begangen an der Elise Bile^eld, verhaftete Musketier Fischer aus Hedemünden ist vor einigen Tagen aus der Untersuchungshaft entlassen worden.

Ausland.

Rußland. In der jetzigeu Zeit, da alle Zeitungen wimmeln von Berichten über den kühlen, nassen Sommer in Deutschland (die Wendung zum Besseren datirt ja erst seit einigen Tagen!), dürfte es überraschend sein, zu erfahren, daß im Innern Rußlands nach einer Privat- nachricht aus Swinuschky, Gouvernement Rjäsan, zwölf Stunden Bahn ahrt von Moskau, vom 10. Juli -n. Stils) große Hitze und Dürre herrscht. Bei 50 Gr. R. in der Sonne platzte das Thermometer, weil es nicht länger war und das Quecksilber nicht höher steigen konnte. Alles Korn und der Hafer sind verdorrt und versengt. Menschen und Thiere leiden entsetzlich unter der Hitze. Auch die Nacht bringt keine Abkühlung und im Fluß sind 22 Gr. R.

Santiago, 20. Juli. Die Besatzung Santiagos verließ unter General Toral die Verschanzungen und rückte in die amerikanische Linie ein. Hier wurden regimenterweise die Waffen niedergelegt. Gleichzeitig wurde die spanische Flagge niedergeholt und an ihrer Stelle das amerikanische Banner gehißt.DieBeziehungen der Amerikaner zu den Insurgenten werden täglich ge­spannter. Jeder Verkehr zwischen den beiden Armeen hat aufgehört. Shafter erklärte, keinen Aufständischen werde das Betreten der Stadt erlaubt. Der von den Insurgenten erwählte Gouverneur Castillo macht keinen Hehl aus seiner Unzufriedenheit. Die Amerikaner ver­bergen ihre wachsende Verachtung gegen die Insurgenten nicht, man befürchtet binnen Kurzem einen Zusammenstoß. Der Dampfer der Gesellschaft vom Rothen Kreuz State of Texas" traf gestern mit 28 000 Centnern Lebensmitteln zur Unterstützung der nothleidenden Be­völkerung vor Santiago ein. Als die Ausladung begann, drängten sich die ausgehungerten Bewohner in dichten Massen an den Landungsplatz heran, machten sich kämpfend und einander niedertretend den Platz streitig, brachen Kisten auf und raubten von den Vorräthen. Schließlich wurde der Hafenplatz abgesperrt und Jeder­mann der Zutritt verwehrt. Nachmittags 3 Uhr begann dann die Nahrungsmittelvertheilung aus den in der Stadt befindlichen Magazinen. Jeder hatte einen von besonderen Kommissaren ausgestellten Bon vorzuweisen, auf den ihm 1'/, Pfund von den Vorräthen ausgefolgt

wurden. Die Wasserversorgung wird heute Abend wieder im Gang sein.

Manila, 19. Juli. Aguinaldo sandte dem General­gouverneur Augustin zwei Parlamentäre, um ihn zur Capitulation auszufordern, da 30 000 Rebellen den Platz umgäben und bereit seien, denselben im Sturm zu nehmen. Spanien habe keine Verstärkungen erhalten. Augustin erwiderte, er werde bis an's Ende kämpfen, obwohl es hoffnungslos sei. Aguinaldo äußerte, er fände es sehr schwierig, sich Manilas zu bemächtigen. Bis zur Anlegung von Befestigungen seitens der Ameri­kaner und der erneuten Vervollständigung der Ver­stärkungen werden keine Operationen stattsinden und wahrscheinlich erst im September beginnen nach der Regenzeit und der großen Hitze. In Manila fehlt es an Mehl, dagegen ist Reis und Fleisch für mehrere Monate vorhanden.

Lokales und Provinzielles.

* Schlächtern, 22. Juli.

* Dem Vernehmen nach beabsichtigt unser landwirth- schaftlicher Kreis-Verein, im September d. I. hier in Schlüchtern eine Zuchtvieh Ausstellung mit Prämiirung zu veranstalten und sollen hierbei, je nach dem Auftrieb, Prämien bis zum Gesammtbetrag von 600 Mark in Beträgen von 1030 Mk. für ein Stück oder eine Collection aus einem Stalle, vertheilt werden. Der Verein hofft durch diese Ausstellung eine Uebersicht über den dermaligen Stand unserer Rindviehzucht zu erlangen, ferner sollen bei dieser Ausstellung auch diejenigen Thiere ausgesucht werden, welche im Juni 1899 aus Kosten des Vereins in Frankfurt a. M. ausgestellt werden sollen. Die weiteren Bekanntmachungen in dieser Sache werden in den nächsten Nummern dieser Zeitung erfolgen.

* Mit Rücksicht auf die immer noch zahlreichen Fälle, in denen alljährlich Brände auf die Unvorsichtig­keit von Kindern zurückzuführen sind, und die unleug­bare Wichtigkeit, die einer warnenden Belehrung der Kinder auch nach dieser Richtung hin beiwohnen wird, sind die Lehrer an Landschulen von den Behörden an­gewiesen worden, in regelmäßiger Wiederkehr alljährlich an geeigneter Stelle des Unterrichts die Jugend auf die bestehende Brandgefahr und ihre traurigen Folgen auf­merksam zu machen und namentlich vor dem unbedacht- samen Spielen mit Streichhölzern ernstlich zu warnen.

* Der Schnitt des Getreides geschehe in der Gelb­reife. In manchen Gegenden lassen sich bezüglich Be­stimmung der Schnittreife die Landwirthe lediglich von der Farbe und dem Glänze des Strohes leiten. Das ist unrichtig. Die Farbe und der Glanz des Strohes mögen uns veranlassen, auf den Vorgang des Reifens unsere Aufmerksamkeit zu lenken, aber eigentlich be­stimmend für die Schnittreife ist für uns die Beschaffen­heit des Kornes. Der Moment, in welchem die Körner der kräftigeren Aehren tn die Gelbreife treten, bezeichnet den zweckmäßigsten Zeitpunkt zur Ernte, und zwar eben­sowohl für das zur Saat wie für das zu anderen Zwecken bestimmte Getreide. Die praktische Probe zur Ermittelung dieses Zeitpunktes ist die: Wir ergreifen, ohne viel zu suchen, eine kräftige Aehre, biegen sie in der Mitte zusammen und lösen das dickste Korn, das uns ins Auge fällt. Darauf schneiden wir das Probe­korn mit dem Federmesser quer durch und betrachten uns die Schnittfläche genau. Ist unter der Schale und auch im Innern in der Nähe der Längsfurche von dem grünen Blattfarbestoff keine Spur mehr zu sehen, so ist das Korn gelbreif. Dieselbe Probe wiederholen wir noch an zwei oder drei anderen Stellen des Feldes. Finden wir überall dasselbe Resultat, so ist der Zeitpunkt des Schneidens gekommen. Diese Probe ist anwendbar bei Weizen, Roggen und Gerste; sie paßt auch für den Hafer, jedoch mit der Abänderung, daß wir das Probe­korn von der Spitze der Rispe zu nehmen haben. Bei dem Roggen können wir statt der Schnittprobe auch die Nagelprobe benützen. Sobald das Korn leicht und bestimmt über den Nagel bricht, ist es ebenfalls schnitt­reif. Der Mehlkörper des gelbreifen Kornes ist weder wässerig noch hart, sondern knetbar wie Wachs. Die Verfärbung des Strohes aus dem Grünen ins Gelbe kann nur zur vorläufigen Orientierung dienen.

* Das Beeren- und Pilzsammeln _ ist nicht ver­boten, wie manche Personen zu glauben scheinen. Die Königliche Regierung zu Kassel hat bekannt gegeben.